18.04.2015

Pflegeheime„Noch mal etwas Schönes“

Das Bedürfnis alter Menschen nach Sex ist ein Tabuthema. Pfleger und Angehörige von Demenzkranken lernen erst langsam, damit umzugehen.
Der alte Herr stand nackt auf der Terrasse und onanierte, als die Pflegedienstleiterin das Zimmer betrat. "Was machen Sie denn da, das ist doch viel zu kalt", rief die blonde Frau. "Kommen Sie, ich ziehe Ihnen mal was an." Die Antwort des 74-Jährigen kam prompt: "Zieh du dich erst mal aus, Blondie."
Die Szene stammt nicht aus dem Kinohit "Honig im Kopf", in dem Dieter Hallervorden einen Alzheimerpatienten mimt. Sie ist ein Ausschnitt aus dem Alltag des Hamburger Pflegeheims "Fallen Anker".
Die Einrichtung im Stadtteil Othmarschen ist auf die Betreuung von Menschen mit Demenz spezialisiert, etwa 100 der 134 Bewohner leiden unter der fortschreitenden Hirnerkrankung. Sie vergessen, wer sie sind, was sie gerade noch gesagt, getan und gefühlt haben. Und einige haben einen ausgeprägten Sexualtrieb und sind häufig ziemlich hemmungslos.
Vor allem die Pflegekräfte bekommen das zu spüren. "An die Brust fassen oder auf den Hintern hauen, das kennen wir alle, egal ob vom Waschen, Anziehen oder Essenanreichen", sagt Claudia Pilß, die Pflegedienstleiterin, die seit 13 Jahren in der Einrichtung arbeitet. "Einige Bewohner laufen unbekleidet umher, denen müssen wir dann helfen, sich wieder anzuziehen."
Alte Menschen und Sex - über beide Themen sprechen die Deutschen am Arbeitsplatz, in der Freizeit, in der Familie; aber so gut wie nie im Zusammenhang miteinander. Es scheint, als gebe es ein kollektives Übereinkommen: Sexuelle Begierde ist etwas, das im Alter abflacht und irgendwann nicht mehr existiert. Großeltern haben asexuelle Wesen zu sein, von Pflegebedürftigen ganz zu schweigen.
Dass die Realität anders aussieht, davon bekommt die Gesellschaft nur wenig mit. Die Last mit der Lust dementer Menschen haben jene zu tragen, die sie betreuen.
Die Gerontologin Katharina Sieren hat für eine wissenschaftliche Arbeit über "Sexuelle Bedürfnisse von Altenheimbewohnern" 20 Pfleger und Betreuer beiderlei Geschlechts interviewt. Die meisten Befragten hatten anzügliches Verhalten der Betreuten erlebt, häufig mehrmals. Sie berichteten von ungewollten Berührungen und von Bewohnern, die sich selbst befriedigten oder Pornofilme anschauten. Junge Altenpflegerinnen mussten sich Anspielungen auf ihre Oberweite gefallen lassen. Eine Pflegerin erzählte von einer dementen Bewohnerin, die Männer zum Austausch von Zärtlichkeiten aufforderte; eine andere von einem Paar, das sich anderen beim Sex zeigen wollte.
Die Reaktionen der Pflegekräfte waren sehr unterschiedlich. Sieren fand heraus, dass ältere Mitarbeiter dem sexuellen Verhalten aufgeschlossener gegenüberstehen als jüngere. Berührungen im Altersheim werden noch immer als widernatürlich angesehen. So habe eine Pflegerin unbeabsichtigt das Liebesspiel eines Paares gestört, weil sie glaubte, die lautstarke Seniorin fühle sich bedroht.
Das Thema Sexualität findet bis heute wenig Raum in der Ausbildung zur Altenpflege, geschweige denn in Pflegerichtlinien. Wenn überhaupt darüber gesprochen wird, dann im Rahmen von Fortbildungen wie im Fallen Anker.
Weil sich Claudia Pilß der Unterstützung der Einrichtungsleitung sicher ist, pflegt sie einen offenen Umgang mit dem Thema. Sie sucht das Gespräch mit ihren Kollegen, insistiert, dass sexuelle Bedürfnisse mitunter zwar peinlich, jedoch immer menschlich sind. "Ich akzeptiere aber, wenn jemand sagt, in dieses oder jenes Zimmer möchte ich nicht mehr reingehen."
Pilß berichtet von einem Mann, der sich mit Ausscheidungen befriedigte. "Das ist eklig. Das überfordert mich." Derartige Sätze hat Claudia Pilß daraufhin von ihren Mitarbeitern gehört.
Weil sich bald niemand mehr fand, der zu dem Bewohner ins Zimmer gehen wollte, hat sie ihm in Absprache mit seiner Betreuerin Pornohefte und Gleitcreme gekauft, ihm in Ruhe erklärt, was das ist, und danach die Tür hinter sich zugezogen. "Das hat gut geklappt, der Mann war danach weniger anzüglich und übergriffig - vielleicht weil er sich ernst genommen fühlte - , und wir hatten weniger Arbeit."
Derartige Hilfe zur Selbsthilfe gibt es jedoch nur in fortschrittlichen Häusern. Auch weil zuvor immer ein Gespräch mit den Betreuern oder Angehörigen erforderlich ist. Sie müssen solche Maßnahmen nicht nur mittragen, sondern meist auch bezahlen, sie werden nicht von der Pflegeversicherung übernommen.
Die Gespräche sind schwierig, die Reaktionen oft voller Scham. "Vor allem für die Kinder dementer Senioren ist es sehr belastend, wenn ihnen ihr Vater oder ihre Mutter wesensfremd wird - besonders wenn sexuelle Bereiche betroffen sind", sagt Björn Cranen, Sozialtherapeutischer Leiter der Einrichtung Pro8 im Rheinland, die sich ebenfalls auf die Betreuung Demenzkranker spezialisiert hat.
Cranen setzt auf die Aufklärung der Angehörigen. "Sie müssen verstehen, dass bei der Demenz die Steuerungsmechanismen stetig verloren gehen", sagt er, "dadurch setzt sich das Triebhafte immer mehr durch." Ein 86-Jähriger werde seine Gedanken an Sex dann nicht mehr los.
Gab es einen Zwischenfall, ruft Cranen Mediziner, Psychiater, Pflegekräfte und die Angehörigen zusammen. Gemeinsam beschließen sie schon mal, dass ein Mann in Pumps rumlaufen dürfe, wenn er in hohem Alter seine Vorliebe für Frauensachen entdeckt hat. Für Cranen gibt es eigentlich nur eine Regel: "Die Bewohner sollen sich wohlfühlen und dürfen niemanden verletzen."
In Ausnahmefällen holen sich einige Heime auch sogenannte Sexassistenten ins Haus. Das sind Menschen wie Catharina König. Die Frau mit den grauen Locken und der orangefarbenen Brille nennt sich Sexualbegleiterin, dazu hat sie eine Ausbildung absolviert, die ein privates Institut anbietet. König wohnt in einem Altbau im Norden Bochums und bietet seit zehn Jahren ihre Dienstleistungen für Menschen mit Behinderungen an, darunter Alte und Demenzkranke.
Immer mehr Pflegeheime akzeptierten, dass auch demente Insassen sexuelle Bedürfnisse hätten, sagt König, sogar katholische Häuser würden sie inzwischen bestellen.
Meist wird sie gerufen, "wenn in einer Einrichtung mal wieder Not herrscht". Oder wenn die verbalen oder tätlichen Übergriffe eines Bewohners unerträglich für ein Heim werden. Jüngst hatte sie einen Kunden, der das gesamte Haus mit seinem Ruf nervte: "Ich will ficken."
Lange Zeit hätten besonders junge Pflegerinnen das "Problem eines erigierten Penis weggekichert", sagt König, "aus Scham einfach Schwamm drüber, im wahrsten Sinne des Wortes". Wenn sich ein Senior eindeutig mit der Hand in die Hose fasse oder untenrum gestreichelt werden möchte, sagen sie heute, dafür seien sie nicht zuständig, aber sie würden da jemanden kennen: Frau König.
Die ehemalige Steuerfachangestellte sagt, oft würden alte Menschen gar nicht mehr als körperliche Nähe wollen: "Ich nehme sie in den Arm, streichle, schaffe einen Raum von Intimität." Es sind Zeichen menschlicher Vertrautheit, für die im Alltagsbetrieb eines Heimes selten Zeit bleibt.
Catharina König sagt, sie könne "gut Menschen spüren" - so sei sie vor einigen Jahren auf die Idee gekommen, als Sexualbegleiterin zu arbeiten. Anfangs hatte sie ausschließlich Menschen mit Behinderung als Kunden. Später seien die Senioren hinzugekommen. Im Grunde gehe es immer um das Gleiche: eine "Form des Menschseins" zu vermitteln. Behinderten und Alten das Gefühl zu geben, dass "das Leben mehr ist als essen, trinken und schlafen".
Einige Bewohner der Senioreneinrichtungen würden nur mal wieder gern eine nackte Frau sehen oder anfassen, um sich als Mann zu fühlen. Es gebe aber auch Senioren, die einen Orgasmus wünschen. Auch dieses Bedürfnis kann sie befriedigen, Geschlechts- und Oralverkehr bietet sie aber nicht an. "Andere haben kein Gespür für Intimität, sie wollen zum Beispiel einfach nur grapschen. Das kann anstrengend sein", sagt sie. Aber sie zeige, was ihre Grenzen seien, und habe noch nie einen Termin wegen eines übergriffigen Kunden abbrechen müssen.
Catharina König will wissen, wie ihre Dienstleistung gewirkt hat. Vor dem nächsten Treffen fragt sie beim Pflegepersonal nach, wie die Reaktion auf ihren Besuch gewesen sei. Sie hört dann oft, dass viele nach ihrem Einsatz entspannter seien, andere würden "einfach nur strahlen". Das Wohlbefinden nach Massagen oder intensiver Körpernähe halte oft länger an als die Befriedigung nach einem Orgasmus, sagt König.
100 Euro berechnet sie für eine Stunde. Einmal habe ein Enkel sie für seinen Großvater gebucht, damit "der noch mal etwas Schönes erlebt". Eine Frau bestellt König einmal im Monat für den Ehemann. Das Sexuelle in der Beziehung sei seit Jahren zum Erliegen gekommen, aber bei dem Mann regten sich noch starke sexuelle Bedürfnisse.
Dass Liebe, Sex und Zärtlichkeit ein lebenslanges Thema sind, hat kürzlich eine Studie der Universität Rostock mit 194 Menschen gezeigt. Die Befragten waren 74 Jahre alt. Das Ergebnis: 91 Prozent der Männer und 81 Prozent der Frauen fanden Zärtlichkeiten wichtig. Knapp zwei Drittel der Männer fanden Sex wichtig oder sogar sehr wichtig. Unter den Frauen war dieser Trieb nicht mehr so ausgeprägt. Ein gutes Viertel hatte noch viel für Sex übrig.
"In den Arm genommen zu werden, das mögen hier 98 Prozent", sagt Claudia Pilß in Hamburg. Dann erzählt sie von dem Paar im ersten Stock: Der Mann und die Frau seien erst neulich eingezogen, hätten sich auf einem Ausflug kennengelernt. Beide sind über 80. Es ist ihre erste gemeinsame Wohnung.
Von Udo Ludwig und Antje Windmann

DER SPIEGEL 17/2015
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