18.04.2015

ChinaFrauen als Verdächtige

Die Frauenrechtlerin Zhao Sile, 24, spricht nach der Freilassung von fünf Aktivistinnen über den schwierigen Kampf für Gleichberechtigung in ihrem Land und übt Kritik an der Regierung.
SPIEGEL: Was läuft schief zwischen Männern und Frauen in China?
Zhao: Mao Zedongs Ausspruch, dass Frauen die Hälfte des Himmels tragen, scheint bei Ihnen im westlichen Ausland noch immer Verklärung auszulösen. Viele glauben, die Frauen im sozialistischen China hätten es vergleichsweise gut.
SPIEGEL: Und wie sieht es wirklich aus?
Zhao: Die 37 Tage andauernde Festnahme meiner Mitstreiterinnen, der Feministinnen Wu Rongrong, Zheng Churan, Li Tingting, Wang Man und Wei Tingting, die lediglich planten, Aufkleber und Flyer gegen U-Bahn-Grapscher zu verteilen, zeigt einmal mehr, wie es ist: Die Regierung betrachtet unsere Aktionen als Verbrechen. Feministinnen sind Feinde.
SPIEGEL: Welche Auswirkungen hat das auf die feministische Bewegung?
Zhao: Viele Frauen fürchten nun Repressalien und geben auf. Das ist auch verständlich. Die Gefangenen sind ja nur auf starken politischen Druck von innen, vor allem aber vom Ausland, freigekommen. Sie gelten weiterhin als Verdächtige und können jederzeit wieder verhört und eingesperrt werden, falls sie weitermachen. Aber trotz der Schikanen ist der Feminismus eine neue, sichtbare und immer stärker werdende Entwicklung im Land. Sie belebt die Zivilgesellschaft und die Demokratiebewegung.
SPIEGEL: Was werfen Sie der Regierung vor?
Zhao: Die Geschichte Chinas zeigt, dass es bei Frauenbelangen immer nur darum ging, die Macht der Einparteienherrschaft zu sichern. Die Frauen selbst haben dabei wenig gewonnen. Seit Beginn der Industrialisierung in den Fünfzigerjahren ermutigt die Regierung Frauen zwar zur Arbeit, aber sie hat nie die Männer aufgefordert, sich auch um Hausarbeit zu kümmern. Frauen in Staatsbetrieben verloren nach der Einführung der Marktwirtschaft als Erste ihre "Eiserne Reisschüssel", die Grundversorgung. In der Landwirtschaft verdienen Frauen ein Drittel weniger als die Männer. Die Einkindpolitik zwingt Frauen zu brutalen Abtreibungen; Sexarbeiterinnen werden bis zu zwei Jahre ohne Urteil eingesperrt. Unter Präsident Xi Jinping wird China immer konservativer. Seitdem seine Frau, Peng Liyuan, erstmals öffentlich als First Lady auftrat, im März 2013, wird in China das Bild vom starken Mann und seiner ergebenen Frau propagiert.
SPIEGEL: Was wollen Sie erreichen?
Zhao: Wir fordern das Recht, für unsere Gleichberechtigung kämpfen zu dürfen. Wir wollen, dass die chinesische Demokratiebewegung weiblicher wird. Dazu müssen aber auch die männlichen Aktivisten ihre Vorurteile gegen Frauen und ihr patriarchalisches Denken ablegen.
Von Red,

DER SPIEGEL 17/2015
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