18.04.2015

Islamischer StaatDer Stratege des Terrors

Ein irakischer Oberst plante die Machtübernahme des IS in Syrien. Der SPIEGEL hat seine Papiere exklusiv ausgewertet. Sie zeigen das Bild einer nach außen fanatischen, aber im Innern kühl kalkulierenden Organisation. Von Christoph Reuter
Spröde sei er gewesen. Höflich. Schmeichelnd. Extrem aufmerksam. Beherrscht. Verlogen. Undurchschaubar. Bösartig. Die Rebellen aus Nordsyrien, die sich Monate später an Begegnungen mit ihm erinnern, schildern ganz unterschiedliche Facetten des Mannes. Nur in einem sind sie sich einig: "Wir wussten nie, wem wir da eigentlich gegenübersaßen."
Wer der hochgewachsene Endfünfziger wirklich war, das ahnten nicht einmal jene, die ihn an einem Januarmorgen 2014 nach kurzem Feuergefecht in dem Ort Tal Rifaat erschossen. Dass sie den strategischen Kopf des "Islamischen Staates" (IS) umgebracht hatten, war ihnen nicht bewusst - und dass dies überhaupt geschehen konnte, war eine rare, aber fatale Fehlkalkulation des brillanten Planers. Die örtlichen Rebellen legten den Leichnam in eine Kühltruhe, in der sie ihn begraben wollten. Erst später merkten sie, wie wichtig der Mann gewesen war, und hoben ihn heraus.
Samir Abed al-Mohammed al-Khleifawi war der echte Name des Irakers, dessen knochige Züge von einem weißen Vollbart gemildert wurden. Doch unter diesem Namen kannte ihn niemand. Auch mit Haji Bakr, seinem bekanntesten Pseudonym, wussten die wenigsten etwas anzufangen. Und genau das war Teil des Plans. Der einstige Geheimdienstoberst der Luftabwehr in Saddam Husseins Armee zog seit Jahren aus dem Hintergrund die Fäden beim "Islamischen Staat". Ausgestiegene Kader des IS hatten ihn immer wieder erwähnt als einen der führenden Köpfe. Was er aber genau tat, blieb im Dunkeln.
Doch als der Architekt des "Islamischen Staates" starb, hinterließ er etwas, was eigentlich streng geheim bleiben sollte: den Bauplan dieses Staates. Eine prall gefüllte Mappe handschriftlicher Organigramme, Listen und Ablaufpläne, die beschrieben, wie sich ein Land schrittweise unterwerfen lässt. Diese 31 manchmal aus mehreren Seiten zusammengeklebten Blätter liegen dem SPIEGEL exklusiv vor. Sie enthüllen eine vielschichtige Komposition und Handlungsanleitung, in manchen Teilen erprobt, in anderen neu entworfen für die anarchische Lage in Syriens Rebellengebieten. Es ist gewissermaßen der Quellcode der erfolgreichsten dschihadistischen Terrorarmee der Neuzeit.
Bekannt waren bisher Aussagen geflohener Kämpfer sowie in Bagdad beschlagnahmte Datensätze aus der IS-Innenverwaltung. Aber weder das eine noch das andere lieferte eine Erklärung dafür, dass die Gruppe so kometenhaft aufsteigen konnte, bevor die Luftangriffe ab Spätsommer 2014 ihren Siegeszug aufhielten.
Die Dokumente von Haji Bakr lassen nun erstmals Rückschlüsse darauf zu, wie die Führung des IS organisiert ist und welche Rolle die Exkader von Diktator Saddam Hussein darin spielen. Vor allem aber zeigen sie, wie die Machtergreifung in Nordsyrien geplant wurde, die den späteren Durchmarsch im Irak erst möglich machte. Dass Haji Bakrs Anweisungen akribisch umgesetzt wurden, belegen darüber hinaus monatelange Recherchen des SPIEGEL in Syrien sowie weitere Aktenfunde.
Die Dokumente lagen lange Zeit versteckt in einem winzigen Anbau eines Hauses im umkämpften Nordsyrien. Von ihrer Existenz berichtete schon im März 2014 ein Augenzeuge, der sie kurz nach Haji Bakrs Tod in dessen Haus gesehen hatte. Im April 2014 wurde dann eine einzelne Seite des Konvoluts in die Türkei geschmuggelt, wo der SPIEGEL sie erstmals in Augenschein nehmen konnte. Erst Ende November 2014 war es möglich, nach Tal Rifaat zu gelangen, um den gesamten Handschriftenschatz auszuwerten.
"Unsere größte Sorge war, dass diese Pläne in die falschen Hände geraten könnten und nie bekannt würden", sagte damals ihr Verwahrer, der Haji Bakrs Aufzeichnungen unter hochgetürmten Kisten und Decken hervorholte. Der Mann möchte anonym bleiben, aus Furcht vor den Mordkommandos des IS.
Der Masterplan
Die Geschichte dieser Dokumentensammlung beginnt zu einer Zeit, in der kaum jemand vom "Islamischen Staat" gehört hatte. Der Iraker Haji Bakr reiste Ende 2012 als Teil einer winzigen Vorhut und mit einem aberwitzigen Vorhaben nach Syrien: Der IS würde in Syrien so viel Land wie möglich erobern - und dann von dort aus in den Irak einfallen.
Bakr ließ sich in einem unauffälligen Haus in der Kleinstadt Tal Rifaat nördlich von Aleppo nieder. Die Stadt war gut ausgewählt, von hier waren in den Achtzigerjahren viele Einwohner zum Arbeiten in die Golfstaaten gegangen, vor allem nach Saudi-Arabien. Als sie zurückkamen, brachten einige von ihnen radikale Überzeugungen und Kontakte mit. 2013 würde Tal Rifaat zur Hochburg des IS in der Provinz Aleppo werden, mit Hunderten Kämpfern.
Hier skizzierte der "Herr der Schatten", wie manche ihn nannten, die Struktur des "Islamischen Staates" bis auf Ortsebene, erstellte Listen zur schleichenden Infiltration von Dörfern und legte fest, wer wen überwachen sollte. Mit Kugelschreiber zeichnete er die Befehlsketten des Sicherheitsapparates auf Briefpapier. Das stammte, vermutlich ein Zufall, vom syrischen Verteidigungsministerium, mit Briefkopf der Abteilung Unterkünfte und Immobilien.
Was Bakr zu Papier brachte, Blatt für Blatt, mit sorgsam umrandeten Kästchen für die einzelnen Zuständigkeiten, war nichts Geringeres als eine Blaupause für die Machtübernahme. Kein Glaubensmanifest, sondern der technisch präzise Bauplan für einen "Islamischen Geheimdienst-Staat". Ein Stasi-Kalifat.
In den folgenden Monaten wurde diese Blaupause erstaunlich akkurat umgesetzt. Der Plan begann immer mit demselben Detail: Unter dem Vorwand, ein Daawa-Büro, ein islamisches Missionszentrum, zu eröffnen, sollten Gefolgsleute angeworben werden. Aus jenen, die zu Vorträgen und Kursen zum islamischen Leben kämen, sollten dann ein oder zwei Männer ausgewählt und beauftragt werden, ihr Dorf bis in den letzten Winkel auszuspionieren. Dafür erstellte Haji Bakr Listen wie diese:
Zähle die machtvollen Familien auf.
Benenne die mächtigen Personen in diesen Familien.
Finde ihre Einkunftsquellen heraus.
Nenne Namen und Mannstärke der (Rebellen-)Brigaden im Dorf.
Eruiere die Namen ihrer Anführer, wer die Brigaden kontrolliert sowie deren politische Orientierung.
Finde ihre (gemäß Scharia) illegalen Aktivitäten heraus, mit denen wir sie im Bedarfsfall erpressen können.
Sollte jemand kriminell oder homosexuell sein oder eine geheime Affäre haben, seien all diese Details zu notieren. "Die Klügsten machen wir zu Scharia-Scheichs", hatte Haji Bakr angemerkt: "Wir werden sie eine Weile trainieren und dann losschicken." Als PS war der Hinweis angefügt, dass jeweils mehrere "Brüder" ausgewählt würden, die Töchter der einflussreichsten Familien zu heiraten, um "die Durchdringung dieser Familien sicherzustellen, ohne dass diese überhaupt davon erfahren".
Die Kundschafter sollten über ihren jeweiligen Zielort möglichst alles herausfinden: wer dort wohnt, wer das Sagen hat, welche Familien religiös sind, welcher islamischen Rechtsschule sie angehören, wie viele Moscheen es gibt, wer der Imam ist, wie viele Frauen und Kinder dieser hat und wie alt diese sind. Ebenfalls zu ermitteln: wie die Predigten des Imams sind, ob er eher der Mystikervariante, den Sufis, zuneigt, ob er aufseiten der Opposition oder des Regimes steht und wie seine Position gegenüber dem Dschihad ist. Außerdem: Bezieht der Imam ein Einkommen? Falls ja, von wem? Wer beruft ihn ins Amt? Und schließlich: Wie viele Demokraten gibt es im Dorf?
Wie seismische Signalwellen sollten die Agenten funktionieren. Ausgeschickt, noch kleinste Risse, uralte Verwerfungen in den Tiefenschichten der Gesellschaft aufzuspüren - einfach alles, was deren Spaltung und Unterwerfung dienlich sein könnte. Unter den Zuträgern waren frühere Geheimdienstspitzel ebenso wie Regimegegner, die sich mit einer der Rebellengruppen überworfen hatten. Und es waren junge Männer darunter, Jugendliche, die Geld brauchten oder die Arbeit aufregend fanden. In Haji Bakrs Informantenlisten, etwa aus Tal Rifaat, waren die meisten Anfang zwanzig, andere aber auch erst 16 oder 17 Jahre alt.
In den Plänen kommen zwar auch Bereiche wie Finanzen, Schulen, Kindergärten, Medien, Transportwesen vor. Aber immer wieder geht es um das Kernthema, das in Organigrammen und Listen für Zuständigkeiten und Berichtspflichten akribisch abgehandelt wurde: Überwachung, Spionage, Morde, Entführungen.
Für jeden Provinzrat hatte Bakr einen Emir, einen Befehlshaber, für Ermordungen, für Entführungen, für Scharfschützen, für Kommunikation und Verschlüsselung sowie einen Emir zur Überwachung der anderen Emire vorgesehen - "falls sie ihre Arbeit nicht gut machen". Die Keimzelle dieses gottgefälligen Staates würde das teuflische Räderwerk einer Zellen- und Kommandostruktur sein, die bodenlose Furcht verbreitet.
Von Anfang an war geplant, dass die Geheimdienste parallel arbeiteten, selbst auf Provinzebene: Eine allgemeine Nachrichtendienstabteilung unterstand dem "Sicherheits-Emir" einer Region, der Vize-Emire für die Bezirke befehligte. Jeder von diesen wiederum führte unter sich einen Chef geheimer Spionagezellen sowie einen "Nachrichtendienst- und Informationsmanager" des Bezirks. Die Spionagezellen auf Ortsebene waren jeweils dem Stellvertreter des Bezirks-Emirs untergeordnet. Kurz: Jeder würde jeden überwachen.
Die Verantwortlichen für die Ausbildung der "Scharia-Richter in geheimdienstlicher Informationsgewinnung" unterstanden ebenfalls dem Bezirks-Emir, während eine separate Abteilung der "Sicherheitsoffiziere" dem regionalen Emir zugeordnet war.
Scharia, Gerichtsbarkeit, verordnete Frömmelei, all dies diente nur einem einzigen Ziel: Überwachung und Beherrschung. Selbst das Wort, das Haji Bakr für die Bekehrung der echten Muslime benutzte, takwin, ist kein religiöser, sondern ein technischer Begriff, der "Implementierung" bedeutet. Ein nüchternes Wort, das sonst in der Bauwissenschaft verwendet wird.
Die Anfänge im Irak
Es schien, als hätte George Orwell Pate gestanden bei dieser Ausgeburt paranoider Überwachung. Aber es war viel simpler. Haji Bakr modifizierte lediglich, womit er groß geworden war: Saddam Husseins allumfassenden Geheimdienstapparat, in dem sich niemand, auch kein Geheimdienstgeneral, sicher sein konnte, nicht ebenfalls bespitzelt zu werden. Diese "Republik der Furcht" hat der irakische Exilautor Kanan Makiya beschrieben: einen Staat, in dem jeder einfach verschwinden konnte und Saddam seinen offiziellen Amtsantritt 1979 mit der Aufdeckung einer fingierten Verschwörung besiegelte.
Dass in Haji Bakrs Papieren nichts von prophetischen Überlieferungen oder Verheißungen für das Dasein im angeblich gottgewollten "Islamischen Staat" steht, hat einen simplen Grund: Ihr Urheber war der Ansicht, dass man auch mit noch so fanatischen Glaubensüberzeugungen keinen Sieg erringen könne. Aber man konnte sich den Glauben der anderen zunutze machen.
So waren es Haji Bakr und ein kleiner Kreis früherer irakischer Geheimdienstoffiziere, die 2010 Abu Bakr al-Baghdadi, den Emir und späteren "Kalifen", zum offiziellen Anführer des "Islamischen Staates" machten. Baghdadi, ein ausgebildeter Geistlicher, so ihr Kalkül, sollte der Gruppe ein religiöses Gesicht geben.
Haji Bakr "war ein Nationalist, kein Islamist", erinnert sich der irakische Journalist Hischam al-Haschimi an den früheren Karriereoffizier, der mit Haschimis Cousin auf der Luftwaffenbasis Habbaniya stationiert war: "Oberst Samir", wie Haschimi ihn nennt, "war hochintelligent, entschlossen und ein exzellenter Logistiker." Aber als Paul Bremer, der US-Statthalter in Bagdad, "im Mai 2003 per Dekret die Armee auflöste, war er arbeitslos und verbittert".
Tausende gut ausgebildete sunnitische Offiziere wurden per Federstrich ihrer Existenz beraubt. Damit hatte sich Amerika seine erbittertsten und intelligentesten Feinde geschaffen. Haji Bakr ging in den Untergrund und lernte in der westirakischen Provinz Anbar Abu Musab al-Zarqawi kennen. Der gebürtige Jordanier hatte zuvor in Afghanistan ein Trainingslager für internationale Terrorpilger betrieben. Ab 2003 wurde er als Pate der Anschläge gegen Uno, US-Truppen und schiitische Muslime weltberüchtigt - und selbst Osama Bin Laden zu radikal. 2006 starb Zarqawi durch einen US-Luftschlag.
Zwar war die im Irak herrschende Baath-Partei säkular, aber letztlich trafen sich beide Systeme in der Überzeugung, dass die Herrschaft über die Massen in den Händen einer kleinen Elite liegen sollte, die niemandem Rechenschaft schuldig sei. Weil sie im Namen eines großen Plans herrsche, legitimiert wahlweise von Gott oder der Glorie der arabischen Geschichte. Der fanatische Glaube der einen und das strategische Kalkül der anderen - diese Kombination der Gegensätze macht den Kern des IS-Erfolges aus.
Nach und nach avancierte Haji Bakr zu einem der militärischen Führer im Irak, er saß von 2006 bis 2008 im US-Lager Camp Bucca und im Gefängnis von Abu Ghraib. Er überstand die Verhaftungs- und Tötungswellen der amerikanischen und irakischen Sondereinheiten, die 2010 die Vorläuferorganisation "Islamischer Staat im Irak" in seiner Existenz bedrohten.
Für Bakr und eine Reihe hoher Exoffiziere war dies die Gelegenheit zur Machtergreifung in dem geschrumpften Dschihadistenzirkel. Die gemeinsame Zeit in Camp Bucca war hilfreich, um ein weites Netz von Kontakten zu knüpfen. Aber die oberste Führung kannte sich lange zuvor.
Gegen die irakische Staatsmacht militärisch zu siegen erschien nach 2010 aussichtslos. Aber mit Terror und Schutzgelderpressung entstand eine schlagkräftige Untergrundorganisation. Deren Führer witterten ihre Chance, als nebenan in Syrien der Aufstand gegen die Diktatur des Assad-Clans losbrach. Vor allem im Norden war die einst alles kontrollierende Staatsmacht Ende 2012 bis auf Überbleibsel besiegt und vertrieben. Stattdessen gab es nun Hunderte von Ortsräten und Rebellenbrigaden, es war ein anarchisches Nebeneinander, in dem niemand mehr die Übersicht hatte. Ein Zustand der Verwundbarkeit, den die straff organisierte Kadertruppe für sich nutzen wollte.
Die Versuche, den IS und seinen rasanten Aufstieg zu erklären, variieren je nach Herkunft der Erklärenden: Terrorexperten betrachten den IS als Qaida-Abspaltung und halten das bisherige Ausbleiben spektakulärer Anschläge für organisatorisches Unvermögen. Kriminalisten sehen im IS eine mafiöse Holding zur Profitmaximierung. Geisteswissenschaftler verweisen auf die apokalyptischen Verlautbarungen der IS-Medienabteilung, auf seine Todesverherrlichung und den Glauben, in göttlicher Mission unterwegs zu sein.
Doch mit apokalyptischen Visionen allein erobert man keine Städte und Länder. Terroristen gründen keinen Staat. Als kriminelles Kartell wiederum begeistert man keine Anhänger in aller Welt, von denen Tausende ihre Existenz aufgeben, um ins "Kalifat" und in den Tod zu ziehen.
Mit Vorgängern wie al-Qaida hat der IS nicht viel mehr gemeinsam als das dschihadistische Label. In seinem Handeln, seiner strategischen Planung, seinem skrupellosen Wechsel von Allianzen und seinen präzise eingesetzten Propagandainszenierungen ist im Kern nichts Religiöses erkennbar.
Die Umsetzung des Plans
Derart unmerklich begann die generalstabsmäßige Ausbreitung des IS, dass ein Jahr später viele Syrer erst einmal nachdenken mussten, wann die Dschihadisten bei ihnen aufgetaucht waren. Denn die Daawa-Büros, die ab Frühjahr 2013 in vielen Orten Nordsyriens entstanden, waren unschuldig wirkende Missionierungsstellen, wie sie von islamischen Wohltätigkeitsorganisationen weltweit eröffnet werden.
So machte in Raqqa ein Daawa-Büro auf, "aber die sagten nur, sie seien 'Brüder', und erwähnten den 'Islamischen Staat' mit keinem Wort", berichtet ein aus der Stadt geflohener Arzt. Auch in Manbij, einer liberalen Stadt in der Provinz Aleppo, entstand im Frühjahr 2013 ein Daawa-Büro. "Ich habe das erst gar nicht bemerkt", erinnert sich eine junge Bürgerrechtlerin. "Jeder konnte aufmachen, was er wollte. Wir wären nicht auf die Idee gekommen, dass jemand anders als das Regime uns bedrohen könnte. Erst als im Januar die Kämpfe ausbrachen, erfuhren wir, dass Da'ish", das arabische Kürzel für den IS, "schon vorher mehrere konspirative Wohnungen angemietet hatte, um dort Waffen zu lagern und seine Männer zu verstecken."
In den Orten al-Bab, Atarib und Azaz verlief es ähnlich. Und auch in der Nachbarprovinz Idlib entstanden ab Anfang 2013 Daawa-Büros: in Sermada, Atmeh, Kafr Takharim, al-Dana und Salqin. Fanden sich genügend "Studenten", die als Spione rekrutiert werden konnten, erweiterte der IS seine Präsenz. In al-Dana wurden weitere Häuser gemietet, schwarze Fahnen gehisst, Straßen gesperrt. War der Widerstand an einem Ort zu groß oder konnten keine Anhänger gewonnen werden, zog man sich vorläufig zurück. Sich auszubreiten, ohne offenen Widerstand zu riskieren, "feindliche Individuen" zu verschleppen oder zu töten, aber jede Täterschaft zu leugnen - das war die Anfangsmaxime.
Auch die Kämpfer sollten zunächst unauffällig bleiben. Haji Bakr und die Vorhut hatten sie nicht aus dem Irak mitgebracht, was nahe liegend gewesen wäre. Sie hatten ihren irakischen Kämpfern sogar explizit untersagt, nach Syrien zu gehen. Man rekrutierte auch nicht viele Syrer. Die IS-Führer wählten die komplizierteste Variante: Sie entschieden, all die seit Sommer 2012 eintreffenden ausländischen Radikalen einzusammeln. Studenten aus Saudi-Arabien, Angestellte aus Tunesien, Schulabbrecher aus Europa ohne jede Militärerfahrung sollten mit kampferprobten Tschetschenen und Usbeken eine Streitmacht formen. In Syrien. Unter irakischem Kommando.
Schon Ende 2012 waren an mehreren Orten Militärlager entstanden, von denen zunächst niemand wusste, zu welcher Gruppe sie gehörten. Die Lager waren straff organisiert und die Männer dort, die mit keinem Journalisten sprachen, kamen aus zig Ländern. Nur aus dem Irak war kaum jemand dabei. Mindestens zwei Monate lang wurden die Ankömmlinge ausgebildet und darauf gedrillt, bedingungslos einem zentralen Kommando zu gehorchen. Diese Konstruktion war unauffällig und hatte noch einen Vorteil: Was hier entstand, war eine zwar anfangs chaotische, aber absolut loyale Truppe. Die Ausländer kannten sonst niemanden, mussten keine Rücksicht nehmen und ließen sich rasch überallhin verlegen. Ganz anders als die syrischen Rebellen, die vor allem ihren Heimatort verteidigten, sich um ihre Familie und die Ernte kümmern mussten.
Zahlenmäßig waren die dschihadistischen Kader den syrischen Rebellen auch später hoffnungslos unterlegen. Diese begegneten ihnen mit Misstrauen, schlossen sich aber weder gegen den IS zusammen, noch wollten sie eine zweite Front riskieren. Mit einem simplen Trick plusterte der "Islamische Staat" seine Kampfkraft auf. Die Männer traten stets schwarz maskiert auf, das machte sie zum einen furchteinflößend, zum anderen konnte niemand wissen, wie viele von ihnen es eigentlich gab. Wenn in fünf Orten hintereinander 200 Kämpfer auffuhren, hatte der IS dann dort 1000 Bewaffnete? Oder 500? Oder nur wenig mehr als 200? Überdies sorgten die Spitzel dafür, dass die IS-Führung stets genau unterrichtet war, wo die Bevölkerung schwach oder uneins war, wo es lokale Konflikte gab und der IS sich als Schutzmacht anbieten konnte, um Fuß zu fassen.
Die Einnahme von Raqqa
Eine einst verschlafene Provinzmetropole am Euphrat sollte zum Prototyp der vollständigen Eroberung durch den IS werden: Raqqa. Die Operation begann schleichend, wurde langsam brutaler und war am Ende gegen größere Gegner erfolgreich, ohne dass wirklich gekämpft worden wäre. "Wir waren nie sehr politisch", erzählt ein Arzt, der in die Türkei geflohen ist: "Wir waren auch nicht religiös, hier haben nicht viele gebetet."
Als Raqqa im März 2013 an die Rebellen fiel, wurde umgehend ein Stadtrat gewählt; Rechtsanwälte, Ärzte, Journalisten organisierten sich, Frauengruppen entstanden. Die "Freie Jugend Raqqas" gründete sich, die Bewegung "Für unsere Rechte" und Dutzende weiterer Initiativen. Alles schien möglich in Raqqa. Und genau das, so sahen es später manche der Geflohenen, war der Auftakt zum Untergang der Stadt.
Getreu Haji Bakrs Plan folgte der Phase der Unterwanderung die Beseitigung jener Personen, die als potenzielle Anführer und Gegner ausgemacht worden waren. Als Ersten traf es den gewählten Vorsitzenden des Stadtrates. Er wurde Mitte Mai 2013 von maskierten Bewaffneten verschleppt. Als Nächster verschwand der Bruder eines prominenten Schriftstellers. Zwei Tage später der Mann, der an der Spitze der Gruppe stand, die die Revolutionsfahne auf die Mauern der Stadt gemalt hatte.
"Wir ahnten, wer ihn gekidnappt hatte", erzählte einer seiner Freunde, "aber keiner traute sich mehr, etwas zu tun." Das System der Angst begann zu wirken. Ab Juli verschwanden erst Dutzende, dann Hunderte. Manchmal tauchten ihre Leichen auf, meistens aber blieben sie spurlos verschwunden. Im August schickte die IS-Militärführung mehrere Autos mit Selbstmordattentätern ins Hauptquartier der am wenigsten religiösen FSA-Brigade "Enkel des Propheten", tötete Dutzende Kämpfer und trieb die übrigen in die Flucht. Die anderen Rebellen schauten zu. Die IS-Führung hatte ein Netz geheimer Abkommen mit den Brigaden gesponnen, sodass jede dachte, es treffe nur die anderen.
Am 17. Oktober 2013 rief der IS alle Notabeln, Geistlichen und Rechtsanwälte der Stadt zu einer Versammlung. Eine Geste der Konzilianz, mochten manche gedacht haben. Von den 300 Menschen, die zusammenkamen, erhoben nur zwei Männer das Wort gegen die brutal fortschreitende Machtübernahme, die Entführungen und Morde der Bärtigen. Einer der beiden war Muhannad Habayebna, ein stadtbekannter Bürgerrechtler und Journalist.
Fünf Tage später fand man ihn, gefesselt und hingerichtet per Kopfschuss. Freunde erhielten eine anonyme E-Mail mit dem Foto der Leiche, darunter stand nur ein Satz: "Bist du jetzt traurig über deinen Freund?" Binnen Stunden flohen rund 20 führende Oppositionelle in die Türkei. Die Revolution in Raqqa war vorbei.
Kurz darauf legten die 14 Oberhäupter der größten Stämme den Treueeid auf den Emir Abu Bakr al-Baghdadi ab - es gibt einen Film von dieser Zeremonie. Es waren Scheichs derselben Stämme, die nur zwei Jahre zuvor Staatspräsident Baschar al-Assad ihre unverbrüchliche Treue geschworen hatten. Damit war der Boden geebnet für die Errichtung des IS-Hauptquartiers in Raqqa.
Der Tod von Haji Bakr
Bis Ende 2013 lief für den "Islamischen Staat" in Syrien alles nach Plan beziehungsweise: nach den Plänen von Haji Bakr. Der Schreckensstaat unter schwarzer Fahne dehnte sich Ort um Ort aus, ohne auf den geeinten Widerstand der syrischen Rebellen zu stoßen, die wie gelähmt schienen angesichts dieser unheimlichen Macht.
Doch nachdem die IS-Schergen im Dezember 2013 einen beliebten Rebellenführer und Arzt grauenvoll zu Tode gefoltert hatten, geschah das Unerwartete: Landauf, landab verständigten sich die syrischen Brigaden, Säkulare sowie Teile der radikalen Nusra-Front, gemeinsam den Kampf gegen den IS aufzunehmen. Indem sie überall gleichzeitig losschlugen, beraubten sie den IS seines taktischen Vorteils, Einheiten stets rasch dorthin verlegen zu können, wo die Maskierten in Bedrängnis gerieten.
Innerhalb von Wochen wurde der IS aus weiten Teilen Nordsyriens vertrieben. Selbst Raqqa war beinahe schon eingenommen, als 1300 Mann Verstärkung für den IS aus dem Irak anrollten. Doch die stürmten nicht einfach los, sondern machten es trickreicher, erinnert sich der geflohene Arzt: "In Raqqa waren so viele Brigaden unterwegs, dass niemand wusste, wer genau die jeweils anderen waren. Und plötzlich begann eine Truppe in Rebellenkleidung auf die anderen Rebellen zu schießen. Alle flohen einfach."
Eine kleine, simple Maskerade hatte den IS-Kämpfern zum Sieg verholfen: einmal die schwarzen Sachen ablegen, Jeans und Materialwesten anziehen. Genau so machten sie es auch in der Grenzstadt Jarablus. Es funktionierte, der IS konnte Raqqa halten und Teile der verlorenen Gebiete zurückerobern. Nur für den großen Planer war es zu spät.
Haji Bakr war in Tal Rifaat geblieben, wo der IS sich lange behauptet hatte. Als die Rebellen aber Ende Januar 2014 angriffen, teilte sich die Stadt binnen Stunden: Eine Hälfte blieb unter Kontrolle des IS, die andere unter der einer örtlichen Brigade. Haji Bakr saß in der falschen Hälfte fest. Außerdem hatte er zur Tarnung nicht in einem der massiv gesicherten IS-Militärquartiere gewohnt. Und so wurde ausgerechnet der Gottvater des Denunziantentums von einem Nachbarn denunziert. "Bei mir nebenan wohnt ein Scheich von Da'ish!", rief der Mann. Der Ortskommandeur Abdelmalik Hadbe und seine Männer fuhren zu Bakrs Haus. Unwirsch öffnete eine Frau: "Mein Mann ist nicht da!"
Aber das Auto stehe doch vor dem Haus, wendeten die Rebellen ein.
Da erschien Haji Bakr im Pyjama an der Tür. Er solle mitkommen, herrschte ihn Hadbe an. Er wolle sich erst noch anziehen, erwiderte Bakr. Nein, wiederholte Hadbe: "Mitkommen! Sofort!"
Überraschend behände für sein Alter sprang Bakr zurück und stieß die Tür mit dem Fuß zu. So erzählten es später zwei, die dabei waren. Im Haus versteckte sich der Iraker unter der Treppe und brüllte: "Ich habe einen Sprengstoffgürtel! Ich werde uns alle in die Luft jagen!" Dann kam er mit einer Kalaschnikow heraus und feuerte. Hadbe schoss und traf ihn tödlich.
Als die Männer später erfuhren, wen sie da umgebracht hatten, sammelten sie Computer, Pässe, SIM-Karten, ein GPS-Ortungsgerät und vor allem die Papiere im Haus ein. Einen Koran fanden sie nirgends.
Haji Bakr war tot, seine Frau hatten die örtlichen Rebellen mitgenommen. Später würden die Rebellen sie auf Bitten der Regierung in Ankara eintauschen gegen türkische IS-Geiseln. Bakrs kostbarer schriftlicher Nachlass landete für Monate erst einmal gut versteckt in einer Kammer.
Der zweite Aktenfund
Haji Bakrs Staat funktionierte auch ohne seinen Schöpfer. Wie präzise seine Pläne Punkt um Punkt umgesetzt wurden, bestätigt ein weiterer Aktenfund. Als der IS im Januar 2014 auch sein Hauptquartier in der Stadt Aleppo fluchtartig räumen musste, verbrannten die Fliehenden ihr Archiv, aber sie hatten ein ähnliches Problem wie die DDR-Staatssicherheit 25 Jahre zuvor: Sie hatten zu viele Akten.
Ein Teil blieb erhalten und landete bei der "Tauhid"-Brigade, damals Aleppos größte Rebellentruppe, die nach langen Verhandlungen dem SPIEGEL die Papiere zur exklusiven Veröffentlichung übergab - ausgenommen eine Auflistung der IS-Spione bei Tauhid.
Auf Hunderten Seiten offenbart sich ein hochkomplexes System der Unterwanderung und Überwachung aller Fraktionen inklusive der eigenen Leute. In langen Listen hielten die Buchhalter des Dschihad fest, welche Informanten sie in welche Rebellenbrigade, in welche Miliz des Regimes eingeschleust hatten. Es war sogar vermerkt, wer von den Rebellen als Spion für Assads Geheimdienste arbeitete.
"Sie wussten mehr als wir, weit mehr", sagte der Verwahrer der Dokumente. Personalakten der Kämpfer waren darunter, ausführliche Bewerbungsschreiben anreisender Ausländer wie des Jordaniers Nidal Abu Eysch. Der hatte seine Terror-Referenzen samt Telefonnummern mitgeschickt, ebenso das Aktenzeichen einer gegen ihn anhängigen Strafsache und seine Hobbys: Jagen, Boxen, Bombenbauen.
Der IS wollte alles wissen und gleichzeitig alle über seine Absichten täuschen. So wurden in einem mehrseitigen Report alle Vorwände aufgezählt, mit denen der IS die Beschlagnahmung der größten Getreidemühle Nordsyriens rechtfertigen wollte - darunter angebliche Unterschlagungen und gottloses Verhalten der Angestellten. Dass es in Wirklichkeit darum ging, alle strategisch wichtigen Anlagen wie Großbäckereien, Getreidesilos und Generatoren zu besetzen und die Maschinen in die inoffizielle Hauptstadt Raqqa zu transportieren, sollte verschleiert werden.
Immer wieder finden sich Entsprechungen zu Haji Bakrs Matrix aus der Aufbauphase des IS: etwa, dass die Einheirat in einflussreiche Familien forciert werden sollte. Den Akten aus Aleppo lag auch eine Liste von 34 IS-Kämpfern bei, die eine Frau sowie Zusatzausstattung haben wollten. So gaben Abu Luqman und Abu Yahya al-Tunisi an, sie brauchten eine Wohnung. Abu Suheib und Abu Ahmed Osama beantragten eine Schlafzimmereinrichtung. Abu al-Baraa al-Dimaschqi wollte einen finanziellen Zuschuss sowie eine komplette Möblierung, während Abu Azmi Wert auf eine vollautomatische Waschmaschine legte.
Wechselnde Allianzen
Und noch ein Erbe der irakischen Geheimdienstler innerhalb der IS-Spitze wird in diesen ersten Monaten des Jahres 2014 eine entscheidende Rolle spielen: ihre seit einem Jahrzehnt etablierten Kontakte zu Assads Geheimdiensten.
Denn 2003 war das Regime in Damaskus in Panik gewesen, dass der damalige US-Präsident George W. Bush nach dem Sieg über Saddam Hussein seine Truppen zum "regime change" nach Syrien weiterrollen lassen würde. Über die kommenden Jahre organisierten die syrischen Dienste deshalb den Transfer Tausender Radikaler aus Libyen, Saudi-Arabien und Tunesien zu al-Qaida im Irak; 90 Prozent der Selbstmordattentäter kamen über die Syrien-Route ins Land. Es entspann sich ein seltsames Dreiecksverhältnis syrischer Generäle, internationaler Dschihadisten und einstiger Offiziere aus Saddams Reihen - ein Joint Venture erklärter Todfeinde, die sich wiederholt westlich von Damaskus trafen.
Damals ging es darum, den Amerikanern im Irak das Dasein zur Hölle zur machen. Zehn Jahre später hatte Baschar al-Assad ein anderes Motiv, die Allianz wiederzubeleben: Er wollte sich der Welt als das kleinere Übel verkaufen. Das Verhältnis des syrischen Regimes zum IS war geprägt von taktischem Pragmatismus, beide Seiten versuchten, einander zu benutzen.
In den Gefechten zwischen IS und Rebellen ab Januar 2014 bombardierten Assads Jets regelmäßig nur die Stellungen der Rebellen, während die Emire des "Islamischen Staates" ihre Kämpfer anwiesen, nicht auf die Armee zu schießen. Eine Tatsache, die manche der zugereisten Ausländer zutiefst desillusionierte, die sich ihren Dschihad anders vorgestellt hatten.
Der IS warf sein ganzes Kriegsarsenal den Rebellen entgegen, jagte innerhalb weniger Wochen mehr seiner Selbstmordattentäter in deren Reihen als im ganzen Vorjahr gegen die Armee. Nicht allein wegen, aber auch dank der zusätzlichen Luftangriffe konnte der "Islamische Staat" einen Teil des zwischenzeitlich verlorenen Terrains zurückerobern.
Nichts symbolisiert das taktische Wechselspiel der Allianzen mehr als das Schicksal von "Division 17" der syrischen Armee. Die isolierte Basis nahe Raqqa war ein Jahr lang von Rebellen belagert worden. Dann kämpften IS-Einheiten die Rebellen dort nieder, und Assads Luftwaffe konnte Ende Januar 2014 wieder ungehindert Versorgungsflüge zur Basis aufnehmen.
Doch ein halbes Jahr später, nach der Eroberung von Mosul und gigantischer Waffenarsenale, fühlte sich der IS mächtig genug, um die Helfer von gestern zu attackieren. Die Dschihadisten überrannten die Division 17 und metzelten die Soldaten nieder, die sie kurz zuvor noch beschützt hatten.
Der Ausblick
Die Rückschläge des IS in den vergangenen Monaten, die Niederlage im Kampf um die syrische Kurdenenklave Kobane, zuletzt der Verlust der irakischen Stadt Tikrit haben den Eindruck erweckt, das Ende des "Islamischen Staates" sei nahe. Er habe sich mit seinem Größenwahn übernommen, sei entzaubert, auf dem Rückzug und werde bald untergehen. Doch derlei Zweckoptimismus dürfte verfrüht sein. So hat der IS zwar viele Kämpfer verloren, sich aber in Syrien weiter ausgedehnt.
Es ist richtig, dass dschihadistische Herrschaftsexperimente in der Vergangenheit gescheitert sind. Doch lag das meist an ihrer Planlosigkeit, wie sich ein Gebiet, gar ein Staat, verwalten lässt. Genau diese Schwäche haben die Strategen des IS seit Langem erkannt - und behoben. Im Innern des "Kalifats" haben die Ingenieure der Macht eine Herrschaft aufgebaut, die stabiler und zugleich flexibler ist, als sie nach außen erscheint.
Abu Bakr al-Baghdadi mag der offiziell ernannte Führer sein, wie viel er zu sagen hat, ist unklar. Nicht ihn jedenfalls bekam der Emissär von Qaida-Chef Ayman al-Zawahiri zu Gesicht - sondern Haji Bakr und die anderen ehemaligen Geheimdienstoffiziere. Danach beklagte sich der Emissär bitterlich über "diese falschen Schlangen, die den wahren Dschihad verraten werden".
Es gibt im IS den Staat, die Bürokratie, die Instanzen. Aber gleichzeitig gibt es stets eine parallele Befehlsstruktur: Eliteeinheiten neben den normalen Truppen; weitere Befehlshaber neben dem designierten Militärchef Omar al-Schischani; Strippenzieher, die Provinz- und Orts-Emire nach Belieben versetzen, degradieren, verschwinden lassen. Auch fallen Entscheidungen in der Regel nicht im Schura-Rat, dem nominell höchsten Entscheidungsgremium, sondern werden gefällt von den "Männern des Lösens und Bindens", einem klandestinen Zirkel, dessen Name der islamischen Frühzeit entlehnt wurde.
Der IS kann jedwede Revolte im Innern frühzeitig erkennen und ersticken. Dabei erweist sich die hermetische Überwachungsstruktur auch als äußerst nützlich zur finanziellen Ausplünderung der Untertanen.
Die Luftangriffe der US-geführten Koalition mögen die Ölquellen und Raffinerien zerstören. Aber niemand hindert die Finanzverwaltung des "Kalifats" daran, die Millionen Menschen in ihrem Machtbereich zur Kasse zu bitten: mit immer neuen Steuern, Ablassgebühren oder Beschlagnahmungen des Besitzes. Denn der IS weiß alles von seinen Spitzeln, den geplünderten Daten von Banken, Katasterämtern und Wechselstuben. Er weiß, wem welches Haus und welches Feld gehört, wer wie viele Schafe und wie viel Geld besitzt. Die Untertanen mögen unglücklich sein. Aber ihr Spielraum, sich zu organisieren, zu bewaffnen, zu rebellieren, ist minimal.
Während die Aufmerksamkeit des Westens vor allem der Gefahr von Terroranschlägen gilt, wird ein anderes Szenario unterschätzt: der heraufziehende innerislamische Krieg von Sunniten und Schiiten. Dieser würde dem IS ermöglichen, von einer verhassten Terrororganisation zur zentralen Macht aufzusteigen.
Schon heute führt der Frontverlauf in Syrien, im Irak und im Jemen entlang dieser konfessionellen Linie, kämpfen in Syrien schiitische Afghanen gegen sunnitische Afghanen, während der IS im Irak von der Barbarei der brutalen schiitischen Milizen profitiert. Eskaliert dieser uralte Konflikt der islamischen Welt weiter, könnte er andere konfessionell gemischte Staaten zerreißen: Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, den Libanon.
Dann könnte der IS mit seiner Propaganda-Prophezeiung richtigliegen: jener von der nahenden Apokalypse. In deren Windschatten ließe sich die absolute Diktatur im Namen Gottes errichten.
DVA, München; 352 Seiten; 19,99 Euro.
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 17/2015
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