24.05.1999

KINOLottern in Weimar

Egon Günthers neuer Spielfilm „Die Braut“ zeigt Goethes Beziehung zu Christiane Vulpius als Rätsel der Liebe.
Ach, Kino, siehst du seine Werke nicht? Einen genialen Sciencefiction-Knüller hat er geschrieben von Gott, dem Teufel und einem lebensmüden Wissenschaftler: "Faust", dreifach bigger than "Star Wars".
Auch aus seiner Feder: Die "Clavigo"-Connection - die ultimative Abrechnung mit dem Zynismus von Macht, Kunst, Medien und der Ausbeutung der Gefühle. Oder der Plot vom Zauberlehrling oder Werthers Liebe und Werthers Selbstmord. Oder, oder - eigentlich kein schlechter Drehbuchautor, kein schlechter Kino-Inspirator, dieser Joe Double-U Goethe.
Doch was sind schon Werke eines Dichters? Sie interessieren, selbst im Goethe-Jubiläumsjahr, den Zeitgeist wenig. Die gegenwärtige, vom Biographismus besessene Epoche scheint nur die eine Gretchenfrage zu kennen: Wie, Goethe, hast du es mit den Frauen gehalten? Wann - Thema der Sechziger - hast du das erste Mal? Und - aktuelles Interesse - warst du gendermäßig auch korrekt?
Es entspricht solcher Fixierung, daß sich der neue Film "Die Braut" - beschämenderweise wohl das einzige Kinoprodukt, das sich im Jubiläumsjahr mit dem großen Dichter beschäftigt - des Verhältnisses Goethes zu Christiane Vulpius annimmt. Der Genius, lautet der Verdacht, soll fürs Fassungsvermögen der Gegenwart zugerichtet werden, indem man ihn schnaubend, menschelnd und lotternd in Weimar zeigt.
Um es gleich zu sagen: Egon Günther, 72, Regisseur und Autor der "Braut", vermeidet souverän küchenpsychologische Banalisierungen. Der bewährte Defa-Haudegen - 1975 näherte er sich mit "Lotte in Weimar" dem Thema Goethe, ein Jahr später verfilmte er "Die Leiden des jungen Werthers" - hat wie viele seiner in der DDR groß gewordenen Zeitgenossen die Ehrfurcht vor großen Dichtern gewissermaßen in den Knochen. Wer die Enge des DDR-Kulturbetriebes kennengelernt hat, begeht keinen Großvatermord.
So behandelt "Die Braut" den Dichter voller Diskretion und Ehrerbietung als den großen Fremdling, an dem die Liebeswünsche und Liebesaggressionen der Frauen abperlen. Verträumt, umwölkt, gelegentlich schroff und hochfahrend, selbst in der körperlichen Liebe abgelenkt - nie macht sich dieser Film-Goethe gemein mit den Irdischen, eine Art Dichter-Heiland aus anderen Sphären. Herbert Knaup bringt es in der schwierigen Rolle fertig, Melancholie und Männlichkeit zu vereinen.
Um Goethe, dieses magische und zugleich seltsam kraftlose Zentrum des Films, gruppieren sich alle übrigen Figuren. Er ist es, der die Phantasien der Frauen zum liebesseligen Explodieren, aber auch haßerfüllten Implodieren bringt. Schon bald wird klar, daß es Günther um keinen Goethe-, sondern einen Film über Frauen geht.
Hier gelingen beängstigende Studien über weiblichen Irrsinn, der aus verschmähter Liebe entsteht. Klar, die Rede ist von Frau von Stein, die Goethe mit der Wahl der rangniedrigen Christiane Vulpius brüskierte.
Sibylle Canonica spielt die abgelegte Geliebte mit einer brisanten Mischung aus Zickigkeit, Gekränktheit und echtem Leid. Zu den Höhepunkten des Films gehört die Szene, in der sie mit einer Beschwerde über Goethes unordentliches Zusammenleben mit Christiane - 18 Jahre ohne Trauschein - beim Herzog (Christoph Waltz) abblitzt: vergeblicher Frauenstolz vor Königsthronen.
Gegen die Stein, der eine vollkommen hysterische Frau Schiller (Franziska Herold) in ihrer weiblichen Entrüstung assistiert, haben es die Dulder des Genies schwer. Neben den treuen Freunden und Dienern gilt das vor allem für Veronica Ferres, der Günthers Drehbuch keine feministisch inspirierten Ausbrüche gestattet. Sie hat Goethe zu nehmen, wie er ist: mal herrisch, mal zugewandt, abwesend noch in der Stunde des Todes, in der Christiane vor Schmerz, Verzweiflung und Einsamkeit schreit und der Dichter sich in einem Nebenzimmer verborgen hält.
Aus lauter Ehrfurcht - Günther spricht lieber vom Respekt vor dem Geheimnis der Liebe - rüttelt der Film nicht an den Spielregeln der Geschlechterordnung in jener Zeit. Er meldet nur versteckte Zweifel an.
Günthers Kino schaut von unten auf den Genius. Wenn die Geistesheroen tafeln, treibt sich die Kamera in der Küche bei Christiane und den Dienern herum. Daß die da oben in ihren Werken die Probleme der da unten behandeln könnten, davon schweigt der Film. Die Dichtung liegt jenseits des Horizonts. Aber, wer weiß, vielleicht hätte sich in Goethes Werk etwas finden lassen, das die Obsession der heutigen Epoche transparent gemacht hätte, Mann und Frau müßten sich nach dem Prinzip der Chancengleichheit und Gerechtigkeit lieben.
Wiederholt hat der Regisseur eine Art Entblößungsabsicht zu Protokoll gegeben: Am Ende seines Films sollten die Beteiligten die historischen Kostüme ablegen und in einem zeitlosen Cyberspace miteinander schweben.
Solchen Eskapismus hat sich Günther dann aber doch nicht gestattet. Wenn Christiane stirbt, endet der Film. Wer dem Erlkönig Goethe, dem Unruhestifter aus dem ewigen Reich der Dämonen, begegnen will, muß weiterreiten durch die Nacht und die Windmacherei immer neuer biographischer Enthüllungen. NIKOLAUS VON FESTENBERG
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 21/1999
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