DER SPIEGEL



EVOLUTION

Feuchtbiotop im Schädel

Eine britische Psychologin behauptet: Gedanken führen ein Eigenleben, ähnlich wie Gene trachten sie als "Meme" nach Fortpflanzung und benutzen Menschen als Vehikel.

Das Verhalten der Oxforder Studentin erheiterte Kommilitonen und Dozenten gleichermaßen: Wann immer der Lehrer eine schwierige Frage in den Raum stellte, schloß sie fest die Augen, senkte das Kinn auf die Brust, verharrte so eine halbe Minute lang, ehe sie aufblickte und geistreich antwortete.

Als sich der Biologe Richard Dawkins über den Tick im Kollegenkreise lustig machen wollte, verdarb ihm ein Kollege den Spaß. Er erkannte den typischen Gestus des legendären Philosophen Wittgenstein und versicherte, er sei in der Familie der Studentin weit verbreitet - schließlich seien ihre Eltern begeisterte Anhänger des Großgeistes gewesen.

Die Anekdote von der sich fortpflanzenden Marotte ist der britischen Psychologin Susan Blackmore hoch willkommen, stützt sie doch ihre These, daß Ideen und Verhaltensmuster - "Meme" genannt - ein Eigenleben führen und Menschen nur als

* "Das Gerücht", Lithographie von A. Paul Weber, 1943.

** Susan Blackmore: "The Meme Machine". Oxford University Press, Oxford und New York; 264 Seiten; 25 Dollar.

vergängliche Vehikel für ihre eigene Verbreitung benutzen.

Das Mem erfand Dawkins in seinem zum Klassiker der Evolutionsforschung avancierten Buch "Das egoistische Gen". Nun schrieb er ein begeistertes Vorwort zu Blackmores neuestem Werk, das der Mem-Idee zum Durchbruch verhelfen soll**.

Einfälle und Verhaltensweisen - Nächstenliebe oder Töpferkunst genauso wie zotige Lieder oder gute Witze - sind nach dem Credo der Memetiker genauso der Evolution unterworfen wie die Gene. Schlechte Kalauer sterben demnach aus, gute Pointen verbreiten sich.

Damals wollte Dawkins die Hypothese nur als halb ernstgemeinten Denkanstoß verstanden wissen, nun bekennt er stolz: "Ich wußte nicht, wie ambitioniert diese Idee sein würde."

Respektable Philosophen wie Daniel Dennett oder der Soziobiologe Edward Wilson haben den Begriff des Mems inzwischen in ihre Denkmodelle integriert. In Susan Blackmore fand die Bewegung nun ihre glühendste Vorkämpferin. Musik, Religion, Empfängnisverhütung - kaum etwas, was sie nicht durch das Wirken der Meme erklären will.

Für die als kritische Expertin paranormaler Phänomene bekannt gewordene Forscherin sind Meme neben den Genen die zweite treibende Kraft in der Evolution des Homo sapiens. Sie vermehren sich, indem ein Mensch Einfälle eines anderen übernimmt - das mag der Satz des Pythagoras sein oder ein deftiger Kraftausdruck.

Einige Meme, lehrt Blackmore, besiedeln ökologische Nischen. Wittgensteins exzentrisches Verhalten etwa behauptet sich im elitären akademischen Milieu um Oxford und Cambridge, in einer Nachmittagstalkshow hätte es kaum eine Chance. Andere Meme schießen allerorten wie Unkraut aus dem Boden. So spielen Ohrwürmer nicht nur im Supermarkt und im Radio, sie dudeln in den Köpfen aller Klassen, ungeachtet, ob''s einem gefällt oder nicht.

Erfolgreiche Meme, so die Erklärung, haben Tricks erfunden, die ihren Wirt, den Menschen, veranlassen, sie zu vervielfältigen. Wie selbstverständlich leitet Blackmore daraus die Erkenntnis ab, das Gehirn des Homo sapiens habe sich nur auf seine erstaunliche Größe gebläht, um - unter beiläufiger Entwicklung von Sprache - Meme rascher bilden und verbreiten zu können.

Auch der alltägliche Klatsch, von dem Soziologen glauben, er festige soziale Bande, hilft in der Blackmoreschen Logik nur den hinter der Stirn quengelnden Memen ins rettende Freie. Wer das zu akzeptieren vermag, wundert sich auch nicht mehr über Blackmores Erklärung, warum katholische Priester zölibatär leben. Ganz einfach: So können sie leidenschaftlicher Gottes Wort - letztlich ist Religion nur ein "Memplex" bestehend aus vielen Memen - ihren Schäflein vermitteln.

In scharfer Konkurrenz mit anderen, oft aus vergleichbaren Elementen bestehenden Religionen - Wiedergeburt, Hölle und ähnlichen Orientierungshilfen für den beschwerlichen Aufenthalt auf Erden - haben einige Memplexe besonders raffinierte Strategien entwickelt, sich durchzusetzen.

So nimmt die christliche Lehre für sich in Anspruch, die einzig wahre zu sein: Wer an sie glaubt, dem winkt ewiges Seelenheil, wer sich ihr verweigert, fährt in die Unterwelt.

Gegen Zweifel immunisieren sich die über Jahrtausende haltbaren Memplexe zudem durch einen simplen Kniff: Sie lassen sich weder beweisen noch widerlegen; was offenbart wurde, daran läßt sich nur glauben.

Perfiderweise bedient sich Blackmore eines ganz ähnlichen Tricks, um die Lehre von den Memen unters Volk zu bringen. Denn praktisch jede Facette des menschlichen Lebens läßt sich memetisch betrachten, widerlegen lassen sich derlei Deutungen nie. So wartet die Autorin etwa mit dem originellen Gedanken auf, die Empfängnisverhütung sei ein erfolgreiches Mem, weil Menschen, die sich nicht um Kinder kümmern müssen, ähnlich zölibatären Priestern, besonders viel Energie zur Verbreitung dieser Idee aufwenden könnten.

Das führt zu der interessanten Konstellation, daß in den reichen Ländern die Geburtenraten sinken, während Magazine, Fernsehen und Internet die Bevölkerung gleichzeitig mit Sex-Memen überschwemmen, für die der menschliche Geist seit jeher besonders empfänglich ist.

Zivilisationsleistungen wie Schrift, Buchdruck, Radio oder das Faxgerät sind natürlich auch nur Mem-Vehikel. Eines Tages, raunt die Psychologin, mag es gar ein Internet voller Meme geben, das sterblicher Benutzer nicht mehr bedarf.

Blackmore meint sogar die härteste Nuß der Evolutionstheorie, den Altruismus, geknackt zu haben. Die Darwinisten mußten sich schon immer arg winden, um selbstloses und für den Genträger eher nachteiliges Verhalten zu erklären. Mit Memen fällt die Erklärung leicht: Menschen verhalten sich selbstlos, weil sich so ihre Meme effektiver verbreiten können. So stiftet der Diana-Gedächtnisfonds zweifellos viel Gutes. Doch im Grunde geht es nur darum, auf Videos, T-Shirts, in Büchern und auf Regenschirmen millionenfach Diana-Meme in die Welt zu tragen.

Angesichts einer so allumfassenden Welttheorie kann man leicht darüber hinweglesen, daß keiner der memgläubigen Wissenschaftler recht weiß, wie die Einheit eines Mems zu definieren sei, daß niemand zu erklären vermag, wie sich Meme kopieren, wie sie gespeichert werden und wie sie im Evolutionsprozeß mutieren.

Aber solche Details stören Blackmore nicht, sie hat nämlich - Höhepunkt der Mem-Theorie - auch gleich die zentralen Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Rätsel des menschlichen Bewußtseins gelöst: Der Mensch ist nichts anderes als eine "Mem-Maschine".

Das menschliche Bewußtsein, das Ich, gibt es nach Blackmore gar nicht. "Das Selbst ist ein gigantischer Memplex - wohl der heimtückischste und durchdringendste aller Memplexe", enthüllt die Psychologin. Im Laufe von Jahrtausenden habe die Evolution im Feuchtbiotop des Schädels jene Meme hervorgebracht, die die trügerische Vorstellung eines handelnden Subjekts erzeugten.

So wie die Evolutionsbiologen Verliebtheit und romantische Gefühle zur chemischen Begleitmusik der nach Fortpflanzung strebenden Gene erklärt haben, will Blackmore also weismachen, das Ich, das vermeintlich selbstbestimmt zum Telefonhörer greife, sei nur eine Illusion der im Kopf wabernden Meme, denen nach Verbreitung gelüste.

Wer das verdaut hat, erkennt: Blackmores Theorie ist in Wahrheit ein raffiniertes Experiment. Immerhin hat es der Begriff des Mems von einer flüchtigen Erwähnung vor 23 Jahren zu einem Eintrag ins ehrwürdige Oxford English Dictionary gebracht.

Garniert mit vergnüglichen Anekdoten, Querverweisen auf Religion, New Age und den Sinn des Orgasmus, hat Blackmores Memetik alle Zutaten, um sich als pseudowissenschaftlicher Small talk auf Cocktailpartys weiterzuverbreiten und sich so - ein genialer Kunstgriff - selbst zu bestätigen.

* "Das Gerücht", Lithographie von A. Paul Weber, 1943. ** Susan Blackmore: "The Meme Machine". Oxford University Press, Oxford und New York; 264 Seiten; 25 Dollar.

DER SPIEGEL 21/1999
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