25.04.2015

Zeitgeschichte„Da liegt sie, diese Bestie“

Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Ein überlebensgroßes Datum: Geschichte und Gericht, Untergang und Befreiung, Katastrophe und Leid, Glück und Unglück. Die Sonne schien, aber die Freiheit war kaum zu spüren. Von Gerhard Spörl
Der 8. Mai 1945 ist ein Dienstag. Die Sonne scheint im Deutschen Reich, die Natur hat einen friedlichen Tag spendiert. Doch im Licht des Frühlings sehen die Städte noch trostloser aus. Hamburg und Berlin, Bremen und Dresden, Pforzheim und Würzburg sind kokelnde Trümmerlandschaften, in denen die Bewohner herumirren wie Gespenster. Die Toten liegen in Parkanlagen, am Straßenrand, auf den Bürgersteigen. An Laternen hängen ein paar frisch Gehängte, hingerichtet, als das NS-Regime noch zuckte.
Die Sonne scheint, aber es ist still. Dem Schriftsteller Carl Zuckmayer wird es erst später auffallen, aber als er aus dem Exil zurückkehrt nach Berlin, fühlt er sich immer noch wie der einzige Überlebende zwischen stummen Häuserfratzen. Er hört klappernde Holzsohlen, sie gehören zu einem kleinen Jungen, der einen Leiterwagen über das aufgerissene Kopfsteinpflaster zieht. Danach wieder Stille. Das Einzige, was Zuckmayer wahrnimmt, ist sein eigener Atem.
Soldaten aus Großbritannien, der Sowjetunion und den USA inspizieren in ihren Panzern und Jeeps das, was übrig geblieben ist vom "Dritten Reich". "Als ich die vorbeihuschenden Ruinen sehe, die einsamen Gestalten der Einwohner, denke ich, dass man sich schwerlich ein bedrückenderes Bild vorstellen kann", schreibt ein sowjetischer Kriegsberichterstatter nach einer Fahrt durch Berlin.
Hitler ist tot, seit acht Tagen, Nazi-Deutschland löst sich auf. Heinrich Himmler tauscht auf einem Bauernhof nahe Flensburg seine SS-Uniform gegen die eines Unterscharführers der Geheimen Feldpolizei. Sein Oberlippenbärtchen hat er abrasiert, in seinen gefälschten Papieren steht, dass er nun Heinrich Hitzinger heißt. Der Organisator des Massenmords an den Juden hat sich in den äußersten Norden des Landes abgesetzt, zusammen mit vielen seiner SS- und Polizei-Offiziere. Dabei sind auch der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß, Rüstungsminister Albert Speer, SS-Einsatzgruppenführer Otto Ohlendorf und Hitlers Germanisierungs-Philosoph Alfred Rosenberg.
Sie wollen nicht abwarten, bis sie gefangen genommen werden. Einige versuchen, über die grüne Grenze nach Dänemark zu entkommen, über die "Rattenlinie Nord".
Nach fünf Jahren, acht Monaten und sieben Tagen endet der Zweite Weltkrieg in Europa mit der deutschen Kapitulation. 60 Millionen Menschen sind gestorben, Soldaten wie Zivilisten. Sechs Millionen sind in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet worden. Auf den Landstraßen sind zehn Millionen Menschen, vielleicht mehr, vielleicht weniger, unterwegs, Häftlinge in den gestreiften Anzügen der Konzentrationslager, Stadtbewohner aus ihren zerbombten Wohnungen, Heimkehrer und Flüchtlinge aus dem Osten, Zwangsarbeiter aus Polen, der Sowjetunion, Frankreich oder Italien. Auf der Suche nach Verwandten, nach Überlebenden, nach dem Zuhause. Auf der Flucht vor russischen Soldaten. Oder vor ihrer Vergangenheit.
In Brod, im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren, startet der Jagdflieger Major Erich Hartmann in seiner ME 109 G zu seinem 1405. Feindflug und holt in seinem 352. Abschuss dieses Krieges ein sowjetisches Jagdflugzeug vom Himmel, der letzte deutsche Luftsieg in diesem Krieg. Panzergeneral Dietrich von Saucken erhält auf Hela, einer Halbinsel in der Danziger Bucht, als 27. und letzter deutscher Soldat die zweithöchste Tapferkeitsauszeichnung der Wehrmacht: das Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes, so genau nahmen es die Nazis. Auf der Kurischen Nehrung leistet die Wehrmacht immer noch Widerstand, in Kurland erwehren sich Soldaten den Angriffen russischer Kräfte. Sowjetische Soldaten erobern Dresden.
In Paris jubeln Hunderttausende auf dem Champs-Elysées. In New York singen und tanzen 500 000 Menschen in den Straßen. In London versammeln sich 200 000 vor dem Buckingham Palace, die königliche Familie zeigt sich achtmal auf dem Balkon. Winston Churchill ruft aus: "In unserer langen Geschichte haben wir niemals einen großartigeren Tag erlebt." Und der Schriftsteller Alfred Döblin schreibt im Exil in Hollywood Freunden: "Dass diese Bestie endlich daliegt, gut; aber was hat sie angerichtet."
70 Jahre ist das Kriegsende nun her. 70 Jahre brauchte es, bis ein ehemaliger SS-Mann, der 93-jährige Oskar Gröning, der Buchhalter in Auschwitz war und dem nun in Lüneburg der späte Prozess gemacht wird, seine moralische Mitschuld an den Massenmorden "mit Demut und Reue" bekennt. Und sagt: "Ich bitte um Vergebung."
Der 8. Mai 1945 ist der Tag des 20. Jahrhunderts, überlebensgroß und kaum begreifbar. Er ist Geschichte und Gericht. Untergang und Befreiung. Katastrophe und Leid. Unglück und Glück. Das Ende des Bösen, das Jetzt des Ungewissen, im Nachhinein der Beginn der Freiheit. Es sollte 40 Jahre dauern, bis Bundespräsident Richard von Weizsäcker es auszusprechen wagte: Es war nicht nur ein Tag der Niederlage, sondern auch der Befreiung. Weizsäcker sagte damals in seiner Rede vor dem Bundestag auch, dass die Deutschen, die den 8. Mai bewusst erlebt haben, "an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen" zurückdenken.
Ein Jahrhunderttag für die Deutschen. Er lässt sich erzählen, weil es historisches Material gibt. Tagebücher, Dokumente und Verhörprotokolle, Memoiren und Monografien. Material über die Täter, über die führenden Nazis, die SS-Massenmörder, die Wehrmachtgeneräle. Material über die Opfer, über die politisch und rassistisch Verfolgten des Regimes. Material über berühmte Schriftsteller und Schauspieler, von denen manche mitmachten und andere nicht.
Es ist der Tag, an dem der gerade zum Oberbürgermeister von Köln ernannte Konrad Adenauer von einer Aussöhnung mit Frankreich und einer deutschen Demokratie unter seiner Führung träumt. Der Tag, an dem die Schauspielerin Hildegard Knef ihren Geliebten aus dem russischen Kriegsgefangenenlager herausholen möchte. Der Tag, an dem Josef Kramer, der Kommandant des KZ Bergen-Belsen, von britischen Offizieren in Belgien verhört wird. Der Tag, an dem sich der Exilant Thomas Mann in Los Angeles gleich zweimal die Lungen röntgen lässt und der Meinung ist, dass mindestens eine Million seiner Deutschen wegen ihrer Taten ausgemerzt werden müssten. Der Tag, an dem der befreite KZ-Häftling Shlomo Graber nach Görlitz läuft, halb nackt. Der Tag, an dem in Demmin Gerhard Moldenhauer, ein Mitläufer wie so viele Deutsche, sich und seine Familie schon getötet hat. Der Tag, an dem Ruth Friedrich, die in Steglitz Juden vor der Gestapo versteckt hat, trotz des Friedens weder Glück noch Freude empfinden kann. Der Tag, an dem der Schriftsteller Ernst Jünger morgens den Kuckuck in den Moorwäldern hört, sich über die Triebkräfte seiner Weinstöcke freut und um seinen Sohn trauert. Der Tag, an dem Hermann Göring in Schloss Fischhorn davon träumt, dass er Deutschland den Frieden bringt.
Und es ist auch der Tag, an dem der Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg im Hauptquartier der 5. sowjetischen Stoßarmee mit seiner Unterschrift das Ende des "Dritten Reichs" besiegelt.
Der Mann, der dreimal kapituliert
Hans-Georg von Friedeburg Berlin-Karlshorst
Jedes Land, das kapituliert, braucht eine Regierung und jemanden, der die Kapitulation unterschreibt. Und so sitzt an diesem 8. Mai 1945 Hans-Georg von Friedeburg im Auftrag von Hitlers Nachfolger Karl Dönitz in einer britischen Transportmaschine auf dem Flug nach Berlin. Seit sieben Tagen ist er Generaladmiral, das ist der zweithöchste Rang in der Marine, nach dem Großadmiral. Friedeburg, 49 Jahre alt, kommt aus einer badischen Offiziersfamilie, sein Vater Karl war Generalmajor. Den Sohn zog es in die Marine. Seemänner geben sich und ihrer Crew ein Lebensmotto, seines lautet: "Wir wissen, wer wir sind. Wir bleiben, was wir waren".
Er ist wirklich geblieben, was er von Jugend an war, ein Mann der deutschen Seefahrt. 1914 Seekadett, 1918 Leutnant, 1933 Korvettenkapitän, 1939 Stabsoffizier bei Karl Dönitz, dem Kommandeur der U-Boot-Flotte, 1945 Nachfolger von Dönitz als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine. Da ist der Krieg auf den Meeren schon verloren. 27 000 der 41 000 deutschen U-Boot-Fahrer sind tot.
Friedeburgs Welt ist untergegangen. Nichts kann so bleiben, wie es war. Und Friedeburg ist nun der Protokollant des Untergangs. Heute soll er wieder seine Unterschrift unter eine Kapitulationsurkunde setzen.
Am Flughafen Tempelhof stehen Autos der Roten Armee bereit. Der deutschen Delegation gehören neben Friedeburg Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel (Chef des Oberkommandos der Wehrmacht) und Luftwaffen-Generaloberst Hans-Jürgen Stumpff an. Sie fahren hinaus nach Karlshorst, sie sollen sich im Offizierskasino der Pionierschule einfinden. Am Reichstag weht die rote Fahne, die Reichskanzlei ist eine Trümmerhalde, kaum ein Mensch ist auf den Straßen zu sehen. Keitel staunt, Keitel erkennt sein Berlin nicht mehr. Er sagt hinterher: "Ich musste erschüttert feststellen, wie stark zerstört diese Stadt ist."
Friedeburg hat sie gekannt und geschätzt, die Herren des "Dritten Reiches", Goebbels und Hitler und Göring, anders wäre er nicht Generaladmiral geworden. Er hat auch schon darüber nachgedacht, welche Konsequenzen er ziehen sollte. Mit seiner Frau hat er darüber geredet, was für ihn persönlich Niederlage und Kapitulation bedeuten.
In der Mittagszeit kommen sie in Karlshorst an. Die drei Deutschen werden in ein Nebengebäude gebracht. In den nächsten Stunden fehlt es ihnen an nichts. Aber man hält sie hin. Im russischen Text fehlen einige Zeilen, Briten und Amerikaner haben kleinere Änderungswünsche, die Übersetzungen müssen immer wieder einander angeglichen werden.
Um Mitternacht endlich werden die Deutschen durch eine Seitentür in den Speisesaal des Offizierskasinos geführt. Die alliierten Offiziere, in der Mitte Marschall Georgij Schukow, sitzen an einem langen Tisch. Für die Deutschen sind drei Plätze an einem kleinen Extratisch vorgesehen. Keitel, das Monokel im linken Auge, schmettert seinen Marschallstab auf den Tisch. Friedeburg schaut niedergeschlagen vor sich hin. Schukow fragt, ob sie den Kapitulationsvertrag gelesen hätten.
Fotografen springen vor, drängen das Gefolge um die Generäle weg und knipsen wie wild, als die Deutschen und die Alliierten unterschreiben. Um 0.16 Uhr am 9. Mai ist es geschafft. Die Urkunde wird vordatiert auf den 8. Mai. General Schukow sagt: "Die deutsche Delegation kann den Saal verlassen."
Friedeburg fährt zurück nach Flensburg, um dem Reichspräsidenten Dönitz Bericht zu erstatten. Dort sitzt die Regierung im Stadtteil Mürwik in der Marineschule, einem mächtigen Backsteinhaus, dort tagt das Kabinett. Es geht um wichtige Dinge in dieser Regierung, zum Beispiel darum, ob es jetzt noch angemessen sei, Heil Hitler zu sagen. Abgeschafft.
Im Hafen und auf dem Bahnhof von Flensburg stauen sich Schiffe und Züge, mit denen Hunderte Häftlinge aus Sachsenhausen und Neuengamme angekommen sind. Aus den Viehwaggons schreien sie nach Wasser. Einige Flensburger bringen Wasserkrüge. Das Geschrei klingt so unmenschlich, dass man es mit der Angst zu tun bekommt.
Von Hitler hat Dönitz den Befehl empfangen, den totalen Krieg bis zur totalen Niederlage weiterzuführen. Ein sinnloser Auftrag, das weiß bald auch Dönitz und macht Friedeburg zum Handlungsreisenden für die Kapitulation.
Zur ersten ist Hans-Georg von Friedeburg in einem leicht lädierten Mercedes am 3. Mai frühmorgens in die Lüneburger Heide aufgebrochen, vorbei an Menschenzügen auf Fahrrädern oder Pferden, das wenige Gepäck auf dem Rücken oder in Handwagen gestapelt. Frauen, Kinder, Greise, kaum jüngere Männer. Bei Quickborn passierte der Mercedes die britischen Linien. Der Hamburger Osten war ein einziges Feuermal, die alliierten Bomber haben die Arbeiterviertel in Asche verwandelt.
Auf dem Timeloberg bei Wendisch Evern ließ der britische General Bernard Montgomery schnell noch den Union Jack in der Nähe seines Wohnwagens hochziehen. Als Friedeburg um 11.30 Uhr aus dem Mercedes stieg und militärisch grüßte, fragte ihn Montgomery behaglich, was sein Begehr sei.
Friedeburg bot an, dass drei deutsche Armeen zwischen Berlin und Rostock kapitulieren. Montgomery verlangte, dass alle deutschen Truppen in Nordwestdeutschland, Schleswig-Holstein, Dänemark und Holland aufgeben müssten. Die Verhandlungen fanden unter freiem Himmel statt, auch ein Zeichen der Verachtung.
Friedeburg antwortete, er müsse sich zuerst mit Dönitz über die Bedingungen der Briten beraten. Daraufhin fuhr der Mercedes zurück, Montgomery ließ alle Straßen Richtung Rendsburg für Luftangriffe sperren. Am 4. Mai nachmittags kam der deutsche Unterhändler wieder in die Heide. Montgomery lud die Presse für 17 Uhr ein.
Um 18.30 Uhr las Montgomery das Schriftstück über die bedingungslose Teilkapitulation der deutschen Wehrmacht über zwei Mikrofone der BBC vor.
Sofort machte sich Friedeburg auf den Weg nach Reims zur zweiten Kapitulation. Wieder begannen die Verhandlungen schleppend. Amerikanische Offiziere legten Friedeburg einen Bericht über Bergen-Belsen vor, über die furchtbaren Leichenberge, die ausgemergelten Überlebenden. Er geriet in Zorn. Er wollte nicht glauben, was er zu hören bekam, und fühlte sich in seiner deutschen Offiziersehre beschmutzt.
Friedeburg wollte erneut auf eine Teilkapitulation dringen, damit möglichst viele Soldaten und Zivilisten aus dem Osten nach Westen fliehen können. Aber auch die Amerikaner ließen sich nicht auf Verhandlungen ein. Die Deutschen unterschrieben die Gesamtkapitulation der Wehrmacht. Der Zeitpunkt wurde handschriftlich auf 23.01 Uhr am 8. Mai festgesetzt.
Mit der letzten Unterschrift in den ersten Minuten des 9. Mai hat die geschäftsführende Reichsregierung in Flensburg ihre Aufgabe erfüllt. Sie wird noch bis zum 23. Mai amtieren, dann übernimmt eine britische Einheit die Marineschule Mürwik. Dönitz und Friedeburg sind nunmehr Kriegsgefangene. Sie dürfen ein paar persönliche Sachen packen, bevor sie ins Lager gebracht werden. Keine Eile. Friedeburg bittet darum, den Waschraum aufsuchen zu dürfen.
Die Zeit vergeht, die Soldaten rauchen vor der Marineschule und werden unruhig. Sie finden den sterbenden Hans-Georg von Friedeburg in einer Toilettenkabine, die Augen weit aufgerissen. Er hat auf eine Zyankali-Kapsel gebissen.
Die Freiheit ist ein Karneval
Shlomo Graber Görlitz
In der Ferne hören sie Stoßfeuer, wahrscheinlich Deutsche. Ein sowjetisches Flugzeug taucht über dem Lager auf und klinkt eine Bombe aus. Von der Druckwelle wird Shlomo Graber zu Boden geschleudert, rappelt sich hoch und rennt in die Ziegelfabrik. Die Rote Armee hält das Arbeitslager Görlitz für einen militärischen Stützpunkt der Deutschen.
Eigentlich sind Shlomo Graber, sein Vater Mozes und die anderen Häftlinge schon seit ein paar Tagen nicht mehr Arbeitssklaven, sondern freie Menschen. Aber sie wissen nicht, was dort draußen los ist, wer auf wen schießt, wer Görlitz beherrscht. Sie sind jetzt die Herren hier, der Lagerführer und die Wachleute sind auf und davon, aber sie bleiben, wo sie sind, das ist sicherer.
Es war Shlomo, der als Erster hörte, dass sie frei sind. Wie immer brachte er dem SS-Oberscharführer Winfried Zunker das Frühstück, da platzte ein Soldat herein, hielt die Zeitung mit der fetten Schlagzeile hoch, dass der Führer Adolf Hitler im heldenhaften Kampf gefallen sei, und stammelte: "Ich überbringe die Weisung, dass alle Häftlinge freizulassen sind."
Graber ließ das Frühstückstablett fallen und rannte auf den Vorplatz: "Wir sind frei, wir sind frei!" Ein paar Frauen hörten ihn zuerst und zeigten ihm den Vogel. Er hastete weiter ins Männerlager, sein Vater und die anderen starrten ihn an, den Irren mit der japsenden Stimme.
Dann kam über Lautsprecher der Befehl, alle Häftlinge sollten sich auf dem Vorplatz versammeln. Oberscharführer Zunker, ein gelernter Gärtner und seit August 1944 Lagerführer in Görlitz, der Außenstelle des KZ Groß-Rosen, war plötzlich jovial und sagte "Meine Herren" und dass sie frei seien und ihre Nummern abreißen dürften.
Sie tanzten und umarmten sich. Aus der Unterkunft der Wachmannschaft holten sie sich Schuhe, aus der Küche schleppten sie Öfen auf den Vorplatz, aus dem Vorratsraum trugen sie Konserven, Flaschen und Fleisch heraus, und dann fingen sie an, ein richtiges Essen zu kochen.
Aber was geht draußen vor sich? Sie hocken in der Ziegelfabrik, es können ja wieder Bomben fallen. Einer von ihnen klettert im Schornstein hoch und schreit herunter: "Die Russen sind vor den Toren."
Jetzt sind sie wirklich frei. Sie ziehen ihre Sträflingskleidung aus, werfen sie ins Feuer und tanzen halb nackt darum herum. Dann brechen sie nach Görlitz auf, eine Prozession von 800 ausgemergelten, halb nackten Menschen, ein Freudenmarsch. Es ist der 8. Mai.
Die Brücken über die Neiße haben die Deutschen gesprengt. Die meisten Häuser sind leer. Die Halbnackten besorgen sich Jacken und Hemden und Hosen und Stricke, um die Hosen festzuzurren. Ein paar Frauen und Männer tragen Hüte, die über die Ohren fallen. Sie sehen aus wie kostümiert. Die Freiheit ist ein Karneval.
Shlomo und sein Vater ziehen in ein leer stehendes Haus ein. Die Besetzer halten es für wunderschön und groß. Die nächsten Tage streifen sie durch das menschenleere Görlitz. Shlomo findet es seltsam, dass sein Vater in Wohnungen eindringt und Schmuck und Fahrräder und Bettzeug herausschleppt. Der Vater sagt, er stehle nicht, er konfisziere nur.
Shlomo Graber ist 18 Jahre alt. Er hat Auschwitz überstanden und die KZ-Außenlager Fünfteichen und Görlitz. Er hat Glück gehabt, er war eigentlich tot.
Es ist noch nicht lange her, da sah Shlomo in einer Pfütze sein Gesicht, die kahlköpfige Fratze eines lebenden Toten. Er war so schwach, dass er keine Eisenplatten mehr schleppen konnte. Er war unnütz. Wer weniger als 30 Kilogramm wog, sollte ermordet werden.
Ein Oberfeldwebel hatte Mitleid. Graber durfte in der Küche arbeiten. Der Koch hieß Salzer und stammte aus Košice in der Slowakei. Er sprach Ungarisch mit Shlomo und sagte ihm, wenn jemand ihn frage, solle er antworten, er sei Ungar und Koch.
Shlomo Graber kommt aus Nyírbátor, einer Stadt im Nordosten Ungarns nahe der rumänischen Grenze. Seine Eltern haben ihn orthodox erzogen, sie sind "Frömmige", mit ihren Kindern sprechen sie Jiddisch. Die Grabers haben fast überall Verwandte in diesem großen osteuropäischen Raum.
Am 25. Mai 1944 wurden die Grabers in einen Viehwaggon gesteckt. Tag für Tag fuhren Züge mit je 3000 bis 3500 Menschen aus der Region ab. In jedem Waggon standen zwei Eimer, einer mit Wasser, einer für die Notdurft. Alle Züge fuhren nach Auschwitz.
In Auschwitz sah Shlomo, dass der SS-Arzt an der Rampe, das Monokel im rechten Auge, wie ein Dirigent mit einem kleinen Stöckchen die Menschen aus dem Zug entweder nach rechts oder links winkte. Für seinen Vater und ihn zeigte das Stöckchen nach links. Seine Mutter, seine Großmutter, seine jüngeren Geschwister Levy, Itzhak, Bernard und Leah mussten nach rechts. Die Männer hinter ihm stießen ihn vorwärts.
Shlomo bekam seine Häftlingsnummer auf Stoffstreifen, ein Streifen links über der Brust, der andere rechts über dem Knie, dazu das Dreieck auf gelbem Grund als Zeichen, dass er ein Jude war. Die SS-Männer trugen Pistolen und Peitschen, die Kapos Schlagstöcke. Manchmal mussten sie sich auf dem Appellplatz im Schlamm rollen oder Kniebeugen machen oder tanzen, bis sie umfielen. Graber und sein Vater durften Postkarten schreiben an den Rest der Familie, vielleicht lebten sie noch, irgendwo in einem anderen Lager. Ende 1944 kamen Shlomo Graber und sein Vater aus Fünfteichen nach Görlitz.
Shlomo beschäftigen die immer gleichen Fragen: Warum gibt es keinen Gott? Wären wir sonst hier?
In Görlitz hält der gesetzlose Freiheitstaumel fast drei Wochen lang an. Dann tauchen jüdische Offiziere der Roten Armee auf. Sie berichten über die Gaskammern und Massengräber in Auschwitz. Sie erzählen, dass dort zuerst Alte, Frauen und Kinder vergast worden seien. Daraus schließen Vater und Sohn Graber, dass ihre Familie tot ist, Mutter, Großmutter, Levy, Itzhak, Bernard und Leah.
Shlomo Graber und sein Vater Mozes machen sich schließlich auf den Weg zurück nach Hause, nach Nyírbátor in Ungarn, mit dem Zug quer durch Osteuropa. Von 89 Familienmitgliedern haben nur er und sein Vater überlebt. Shlomo Graber emigriert 1948 nach Israel. Er lebt heute in Basel. Seine Erinnerungen erscheinen nächste Woche als Buch(*).
Er hat nichts gefühlt
Josef Kramer Diest (Belgien)
Josef Kramer sitzt an diesem 8. Mai in einem Gefängnis in der belgischen Kleinstadt Diest. Er wird von britischen Offizieren verhört. Er schämt sich nicht. Das ist das Unfassbare. Er ist immer noch dankbar dafür, dass ihm das Nazi-Regime ein Leben und einen Beruf geschenkt hat und eine Karriere dazu, die ihn schließlich zum Kommandanten des KZ Bergen-Belsen gemacht hat.
Als die britischen Soldaten drei Wochen vorher, am 15. April, das Lager übernahmen, wurde er verhaftet und ins Fleischkühlhaus gesperrt. Statt sich abzusetzen, hatte er mit 80 Wachmännern darauf gewartet, dass die Briten unter der Führung von Hauptmann Derrick Sington kamen. Man könnte sagen, wenn das nicht so banal klingen würde, dass alles im Leben von Josef Kramer seine Ordnung haben musste.
Die britischen Soldaten waren fassungslos. Die Leichenberge im Lager hatten sie aus der Entfernung für Holzstapel gehalten. Kramer und seine Leute mussten die Leichen begraben. Es gibt Fotos, die sie zeigen, in einer Grube, in einem Meer von Leichen.
Kramer beantwortet in den Verhören bereitwillig alle Fragen. Er schämt sich wirklich nicht. Er habe Befehle erhalten und ausgeführt. Er gibt umstandslos zu, dass er im KZ Natzweiler dafür sorgte, dass 86 Juden vergast wurden, nicht aus Niedertracht oder Mordlust, sondern weil die Reichsuniversität Straßburg die Skelette für Forschungszwecke brauchte. Josef Kramer sagt auch: "Ich habe nichts gefühlt."
Lange erzählt Kramer von sich, von seinem sinnlosen Leben vor Hitler, von den versäumten Jahren nach der Elektrikerlehre, als er arbeitslos war, acht Jahre lang, und sich als Hausierer durchschlug. Als Hitler Reichskanzler wurde, war er 26 Jahre alt und kam sich vor wie ein kleiner
Junge, weil er noch immer bei den Eltern wohnte.
Jetzt ist Kramer 38 Jahre alt. Geboren in München, streng katholisch erzogen. Im Dezember 1931 trat er in die NSDAP ein, ein halbes Jahr später in die SS. Im Oktober 1933 bekam er eine Arbeit beim Steueramt in Augsburg, später im Standesamt. Seine Karriere im System der Konzentrationslager begann 1934, beim SS-Hilfswerk in Dachau, wo auf dem Gelände einer alten Munitionsfabrik ein Lager eingerichtet worden war, weil die Gefängnisse voll waren mit verhafteten Kommunisten und Sozialdemokraten. Die Lager sind das, was die Nazis unter Ordnung verstehen: von der restlichen Welt abgetrennte Stätten zum Quälen und Foltern und Morden. Die wurden nun seine Welt, sein Leben. Er zog zu Hause aus, heiratete und wurde bald Vater.
Die britischen Soldaten haben ihn in Bergen-Belsen nach seiner Verhaftung fotografiert. Die Bilder zeigen einen gefassten Mann mit Fußfesseln und in Socken. Begriffe für Menschen wie Kramer fehlen auch 70 Jahre später. Ein Unmensch, ein Schwein, ein Kommunistenhasser, ein Judenhasser. Bald nach seiner Anstellung in Dachau begann eine Reise durch die Konzentrationslager des "Dritten Reichs": 1935 kam er nach Esterwegen, wo er in der Verwaltung arbeitete. Ab 1937 war er in der Poststelle des KZ Sachsenhausen. 1938 wurde er im Lager Mauthausen stellvertretender Kommandant.
Kramer arbeitete sich langsam hoch. In Auschwitz wurde er Adjutant von Rudolf Höß, in Dachau bald zum Schutzhaftlagerführer geschult. Und er war stolz, als er im KZ Natzweiler in den Vogesen sein erstes Lager übernehmen durfte. Er war nun SS-Hauptsturmführer. Das war kein rasend schneller Aufstieg, und KZ-Kommandanten gehören innerhalb der SS auch nur zum Mittelbau und keineswegs zur Elite, aber Kramer war zufrieden.
In einem Brief aus der Haft schreibt er: Dass er kein schlechter Mensch sei, könne man unschwer an seiner Frau erkennen, denn "sonst hätte mich unsere liebe Rosi nie geheiratet". Er versteht nicht, warum es ein Verbrechen sein soll, Befehle zu befolgen.
Seiner Frau allerdings fiel auf, dass er mit den Jahren stiller wurde, in sich gekehrt. Als er im Mai 1944 Kommandant von Auschwitz-Birkenau wurde, gefiel ihm die Arbeit dort nicht. Er wollte weg. Er bewarb sich für Bergen-Belsen. Als der Krieg verloren war im Frühjahr 1945, dachte er nicht daran, mit seiner Frau und den drei Kindern zu fliehen. Er blieb, er hatte im Chaos dieser Tage die Ordnung verloren.
Nach den Verhören wird Kramer in Lüneburg der Prozess gemacht, es ist der erste Kriegsverbrecherprozess nach dem Zweiten Weltkrieg. Am 13. Dezember 1945 wird er in Hameln hingerichtet.
Alles ist, wie es war
Thomas Mann Los Angeles
Der 8. Mai ist für Thomas Mann ein außergewöhnlicher und ermüdender Tag. Zweimal muss er ins Krankenhaus. Die Ärzte lassen ihn etwas Wismut trinken, ein Kontrastmittel, er muss das weiße Hemd mit Rückenverschluss anziehen, seine Lunge wird durchleuchtet. Die Lunge ist seine Schwachstelle, das Nikotin. Katia, seine Frau, umsorgt ihn, Erika, die Tochter, fährt das Automobil. Als er die Untersuchungen hinter sich hat, nimmt er im Wagen "etwas Wermut und Cigarette" zu sich.
Zu Hause gibt es Suppe, Koteletts und Kaffee. Später setzen sich die Manns in ihrer Villa in Pacific Palisades vor den Radioapparat, um den Reden von Truman und Churchill zu lauschen. Dazu gibt es Champagner, obwohl ihm keineswegs nach Überschwang zumute ist, allenfalls nach Genugtuung. Er schätzt Churchill, weil der sich nie zu Illusionen über Hitler hinreißen ließ. Harry Truman hat heute Geburtstag, seltsamer Zufall, er zieht an diesem 8. Mai ins Weiße Haus ein, er ist der neue Präsident.
Ins Tagebuch schreibt Thomas Mann: "Die Russen suchen weiter vergebens nach Hitlers Leichnam."
Thomas Mann hat Deutschland im Februar 1933 verlassen und lebt jetzt in Kalifornien auf einem großzügigen, weinumrankten Anwesen im Westen von Los Angeles, 1500 San Remo Drive. 485 Quadratmeter, Garten, fünf Schlafzimmer. Golo und Klaus, die Söhne, sind häufig da. Sie helfen dem "Zauberer", so nennen sie den Vater, Reden zu entwerfen und Briefe zu schreiben. Im Wechsel mit der Mutter und Erika lesen sie seine Manuskripte, kürzen sie und machen sie druckfertig.
Auch in Amerika ist Thomas Mann eine Berühmtheit. Er reist viel, hält Vorträge, er schreibt am "Doktor Faustus". Deutschland lässt ihn nicht los, aber Amerika ist gut zu ihm. Er war sogar im Weißen Haus, Franklin Delano Roosevelt hatte ihn und Katia am 13. Januar 1941 eingeladen, für zwei Tage. Er bedauerte, dass er erkältet war, als der Präsident ihn zum Cocktail im Arbeitszimmer empfing. Für Mann ist Roosevelt ein moderner Dompteur der Massen, der das Gute will.
In Deutschland kann man seine Stimme einmal im Monat hören. Heute Abend ist es wieder so weit, vor drei Tagen hat er wie immer den Text bei NBC auf Schallplatte aufgenommen. Die wird nach New York geschickt und telefonisch nach London übertragen. Das Thema am 8. Mai 1945: "Die Lager".
Wie immer beginnt er mit der Anrede: "Deutsche Hörer!" Er sagt, es tue ihm wohl zu wissen, "dass die überlebenden Insassen der deutschen Konzentrationslager, diese erbarmungswürdigen Reste von Massen unschuldiger Menschen, der Gewalt ihrer Quäler entrissen, den Gesetzen der Menschlichkeit zurückgegeben sind". Er nennt die Quäler "vertierte Zöglinge des Nationalsozialismus". Offen liege "unsere Schmach vor den Augen der Welt", denn "es war nicht eine kleine Zahl von Verbrechern, es waren Hunderttausende einer sogenannten deutschen Elite, die unter dem Einfluss verrückter Lehren in kranker Lust diese Untaten begangen haben".
Wie viele Deutsche hören ihm wohl zu, der Stimme aus dem Frieden in Los Angeles? Und wie hören sie ihm zu - geben sie ihm recht?
Thomas Mann mangelt es in Amerika an nichts. Er ist seit zwölf Jahren im Exil, aber Deutschland hat er mitgenommen nach Los Angeles, es bleibt bei ihm, es zerrt an ihm. Er hasst die Nazis, und er verachtet die Deutschen, weil sie so gut wie keine Reue oder Umkehr erkennen lassen. Drei Tage vor Kriegsende hat er überlegt, dass jetzt wohl eine Million Deutsche "ausgemerzt werden müssten". Er verwarf den Gedanken jedoch wieder, weil das nicht gehe, "ohne die Methoden der Nazis nachzuahmen".
Ausmerzen, das meint er wirklich so. Thomas Mann ist zum Wutmenschen geworden, ins Politische nur durch die Umstände getrieben worden, gegen seine Natur und seinen Willen. Diese Verwandlung beschäftigt ihn. Er ist nicht so, so will er nicht sein.
Er ist tief verwundet, weil er in der Verbannung leben muss. Das nimmt er Hitler persönlich übel. Er nennt ihn "das Vieh mit seinen Hysterikerpfoten". Der Faschismus ist für ihn die entfesselte Lüge, das Brutale, Dumme und Niedrige. "Die Menschheit schaudert sich vor Deutschland!", sagt er in seiner Radiobotschaft am 8. Mai.
Jede Nachricht aus Deutschland hat Thomas Mann aufgesaugt. Früh wusste er Bescheid über die Konzentrationslager und verbreitete sein Wissen in seinen Radiobotschaften, die seit 1940 ausgestrahlt werden. So hat sich der Schriftsteller, der ein skeptischer Seelenanalytiker ist, allmählich auch in einen Aufklärer über die Vorgänge in Deutschland verwandelt. In Los Angeles ist aus dem deutschen Romantiker, der im Ersten Weltkrieg alles, was mit westlicher Kultur verbunden war, zutiefst verachtet hatte, so etwas wie ein demokratischer Patriot geworden.
Thomas Mann fühlt sich jetzt wie ein Amerikaner. I am an American. Das ist seine Rolle. Hitler habe bei ihm, so schrieb er später, die Gefühle vereinfacht: das klare Nein, den klaren, tödlichen Hass. Die Jahre des Kampfes gegen ihn empfindet er als moralisch gute Zeit.
In den letzten Kriegswochen hat er beste Quellen in Deutschland. Sein Sohn Klaus ist Sonderkorrespondent der Armeezeitung "The Stars and Stripes" und auch dabei, als der Gefangene Hermann Göring in Augsburg der Weltpresse vorgeführt wird. Golo ist seit Kurzem Sergeant, er arbeitet für den Geheimdienst und kommt als Presseoffizier früh nach Deutschland. Erika wird Sonderkorrespondentin beim ersten Nürnberger Prozess. Was seine Kinder ihm erzählen und schreiben, bestätigt ihn: "Alles ist, wie es war."
Einladungen trudeln ein, zuerst von der russischen Militärkommandantur. Die "Hannoversche Zeitung" schreibt Mitte Juli: "In der Tiefe unserer Not hoffen wir ein wenig auch auf ihn." Wenig später schreibt der Schriftsteller Walter von Molo einen offenen Brief: "Bitte, kommen Sie bald, sehen Sie in die von Gram durchfurchten Gesichter, sehen Sie das unsagbare Leid. Kommen Sie bald wie ein guter Arzt."
Thomas Mann schreibt Absage auf Absage. Er ist noch nicht so weit. Seine Fremdheit nennt er das "Herzasthma des Exils". Döblin und Zuckmayer, unter den Nazis weniger verhasst, sind nach Deutschland zurückgekehrt, als Mahner, aber reisen bald wieder ab. Am 20. September 1945 schreibt Erika aus München nach Hause: "Erwägt auch nicht eine Minute lang, in dieses verlorene Land zurückzukehren. Es ist einfach nicht menschenerkennbar."
Erst im Sommer 1949 kommt Thomas Mann nach Deutschland. Goethe hat den 200. Geburtstag, Mann erhält den Goethepreis der Stadt Frankfurt und redet in der Paulskirche über Goethe und die Demokratie. Die Rede wird über Lautsprecher nach draußen übertragen.
Die Reise, die ihn auch nach Stuttgart, München und Weimar führt, steht unter Polizeischutz, weil Drohbriefe eingegangen sind. Dann kehrt er nach Pacific Palisades zurück. Aber Amerika verändert sich, es ist nicht mehr das Roosevelt-Land. Jeder Schriftsteller, jeder Schauspieler, jeder Emigrant gerät in Verdacht, er gehöre zur fünften Kolonne der Sowjetunion.
Im Juni 1952 kehren die Manns zurück nach Europa, Thomas Mann ist jetzt 77 Jahre alt. Sie landen in Zürich, nicht in München.
Zwölf Jahre lang anständig gelebt
Hermann Göring Schloss Fischhorn
Die Nacht zum 8. Mai hat er auf Schloss Fischhorn in der Nähe von Zell am See verbracht. Hermann Göring, ehemaliger Präsident des Preußischen Staatsrats, ehemaliger Präsident des Reichstags, ehemaliger Reichsforstmeister und Reichsjägermeister, ehemaliger designierter Nachfolger des Führers, ehemaliger Vorsitzender des Ministerrats für Reichsverteidigung, ehemaliger Präsident des Reichsforschungsrats, ehemaliger Reichsluftfahrtminister, ehemaliger Oberbefehlshaber der Luftwaffe und ehemaliger Vorsitzender des Zentralen Planungsamts - dieser gerade noch so mächtige Mann ist in der Obhut des amerikanischen Brigadegenerals Robert Stack, der ihn höflich behandelt. Seine Frau Emmy und seine Tochter Edda sind bei ihm.
Göring ist an diesem Tag noch ein Mann, der daran glaubt, dass er Frieden schließen kann. Er hat einen Brief an Dwight Eisenhower geschrieben, den Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Nordwesteuropa, und erwartet die Antwort. Er ist ein Mensch, der sich viel einredet und auch jetzt noch davon überzeugt ist, dass es für ihn gut ausgehen wird. Sind seine Nerven zerrüttet, was in letzter Zeit häufig vorkommt, dann wirft er Tabletten ein, bis die Illusionen wieder strahlen. "Fragen Sie General Stack, ob ich meine Pistole oder meinen Ehrendolch tragen soll, wenn ich mit Eisenhower zusammentreffe", sagt er zu dem Dolmetscher. "Das ist mir wurscht", antwortet der General auf Deutsch.
Reichsmarschall und General trafen sich am Tag zuvor bei Radstadt, 80 Kilometer südlich von Salzburg. Göring kam im gepanzerten Zwölf-Zylinder-Maybach wie bei einem Familienausflug mit Frau Emmy und Tochter Edda. Er trug seine silbergraue Uniform, darüber einen zeltartigen Übermantel. Stack stieg aus seinem Sedan und begrüßte ihn mit Handschlag, wofür er sich später rechtfertigen muss. Göring entschuldigte sich bei dem weißhaarigen Texaner für seinen schmucklosen Aufzug, seine Prachtuniformen und Orden seien auf dem Obersalzberg in den Flammen aufgegangen. Stack staunte und fragte: "Sprechen Sie Englisch?" Göring zwängte sich in den Sedan und murmelte: "Wenigstens zwölf Jahre anständig gelebt."
Viel Pracht und Pomp ist nicht mehr um den Mann, der auf Carinhall Löwen hielt und Elche ansiedelte, der Raubkunst in die riesige Eingangshalle hängte und mit abnehmendem Kriegsglück lieber in Ostpreußen auf die Jagd ging, als die Front zu besichtigen.
Carinhall verließ er an Hitlers Geburtstag, am 20. April, noch einmal hatte er im Mausoleum, das er für seine erste Frau Carin gebaut hatte, auf den Knien gelegen und gebetet. Mittags dann Berlin, kleiner Lageraum im Führerbunker. Hitler verkündete, dass er das Oberkommando der Wehrmacht in Nord und Süd teilen werde, falls die Alliierten das Reich in der Mitte besetzen sollten. Im Norden würde Karl Dönitz den Oberbefehl übernehmen, im Süden General Albert Kesselring. Als Hitler den Führerbefehl unterschrieb, zitterte seine rechte Hand so stark, dass er sie mit der linken festhalten musste. Dann bat Göring darum, Berlin verlassen zu dürfen: "Mein Führer, Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich jetzt nach Berchtesgaden abreise?"
Das hat er schon mal geschafft, er muss nicht mit Hitler und Goebbels Selbstmord begehen oder den Untergang in Berlin abwarten. Stattdessen schlägt er sich durch bis nach Österreich, nach Mauterndorf, einer Burg, die ihm gehört, sie ist das Erbe seines Patenonkels Hermann von Epenstein. Der hat ihm den Vornamen gegeben, aber auch ein Problem beschert: Der Hausarzt und Gönner der Familie Göring ist jüdischer Abstammung.
Aus Mauterndorf hat Göring seinen Adjutanten Bernd von Brauchitsch losgeschickt, der mit weißen Fahnen so lange durch die Gegend fahren sollte, bis er auf amerikanische Einheiten stoßen würde, um ihnen den Brief an Eisenhower zu übergeben. Darin ersucht der Reichsmarschall um ein Gespräch von gleich zu gleich: "Ich bitte Sie, mir zu dieser Aussprache freies Geleit zu gewähren und meine engste Umgebung und Familie unter amerikanische Bewachung zu stellen. Aus technischen Gründen schlage ich hierfür Berchtesgaden vor. Wenn auch mein dortiges Haus völlig zerstört ist, so befinden sich in meiner Adjutantur doch noch die notwendigsten Räume hierfür."
Unter Bewachung steht er, auf Antwort wartet er. Es passt jetzt ganz gut, dass Hitler mit ihm in seinen letzten Tagen gebrochen hat, nicht weil Göring die Flucht aus Berlin antrat, sondern weil er einen letzten Versuch unternommen hat, das zu werden, was er immer werden wollte: Hitlers Nachfolger. Es passt jetzt auch ganz gut, dass Hitler ihn deshalb der vielen Ämter enthoben und aus der Partei ausgestoßen hat. General Stack behandelt ihn vornehm, das muss ein gutes Zeichen sein.
In Görings Fantasiewelt wäre es auch nur angemessen, wenn sich zwei Kriegsherren wie er und Eisenhower zusammensetzten und vernünftig darüber redeten, was nun werden soll. Ob der Brief aber je den Adressaten erreicht hat, lässt sich nicht aufklären.
Noch eine Nacht bleiben die Görings auf Schloss Fischhorn, noch eine Nacht lang kann er darauf hoffen, dass doch noch alles gut ausgeht. Dann bringt ihn General Stack nach Kitzbühel ins Grandhotel. Dort ist das Quartier der 36. Infanteriedivision, die zur 7. US-Armee gehört. Göring ist jetzt nicht mehr in amerikanischer Obhut, sondern ein Kriegsgefangener. Er verabschiedet sich von Emmy und Edda.
Am Nachmittag des 9. Mai wird der Kriegsgefangene Hermann Göring in Kitzbühel amerikanischen Soldaten vorgezeigt, die Erinnerungsfotos von ihm schießen. Der Presse wird er am 11. Mai in einer Villa in Augsburg vorgeführt, im Hauptquartier der 7. US-Armee. Klaus Mann ist dabei, er schreibt, Göring wirke nicht einmal besonders unsympathisch, angenehme Stimme, keine monströsen Züge, allerdings liege ein "recht böses Glitzern" in seinem Blick, er strahle Brutalität aus.
1946 wird Göring im Nürnberger Prozess zum Tod durch den Strang verurteilt. Am Abend des 15. Oktober 1946 begeht er Selbstmord. Wie Generaladmiral Friedeburg beißt er auf eine Zyankali-Kapsel.
Ein Film ohne Titel
Hildegard Knef Berlin
In diesen Tagen läuft Hildegard Knef auf der Landstraße von Biesenthal nach Berlin, zwei Tage lang, rund 50 Kilometer. Sie hat sich das Kopftuch tief ins Gesicht gezogen und auf ihren Wangen Mohnkerne ausgequetscht, um älter auszusehen und nicht so schön. Sie tut so, als hinkte sie. Sie ist 19 Jahre alt und alles andere als hässlich. Sie hat Angst vor siegestrunkenen Russen.
Nachts versteckt sie sich im Wald, in einer Scheune, irgendwo. Verlaust und verdreckt klingelt sie schließlich an der Tür einer Villa in Berlin-Ruhleben, Wacholderweg 7b. Viktor de Kowa, der Regisseur und Schauspieler, wohnt hier. Er hat in Ufa-Filmen mitgespielt, in Propagandafilmen Regie geführt und ist in der Partei. Hildegard Knef und de Kowa kennen sich, sie vertraut ihm. In der Villa nimmt sie ein Bad und schläft seit Langem wieder einmal in einem Bett. Aber sie will zurück in das Gefangenenlager der sowjetischen Armee, zurück zu ihrem Geliebten, der dort inhaftiert ist. De Kowa hält sie davon ab, stattdessen schreibt sie einen Brief an ihren Mischa: "Was fang ich mit Deinem Leid an? Vielleicht treffen wir uns wieder, bald, gleich - nie?"
Am 8. Mai ist Hildegard Knef eine junge Frau mit einem Gesicht, von dem Regisseure wie Wolfgang Liebeneiner und Helmut Käutner glauben, dass es im Nachkriegsfilm groß herauskommen wird. Sie selbst hält sich für dürr und lange nicht so schön wie ihre Mutter. Aber sie ist ein Naturtalent, sie kann Wilde und Ergebene spielen, unschuldig und verführerisch sein, intrigant und unnahbar.
Sie war 17, als das Haus ihrer Familie von einer Bombe getroffen wurde. Ihre Mutter und der herzkranke Halbbruder zogen nach Uelzen, aber sie blieb. Sie schnorrte sich durch, ihre Freundinnen warfen ihr vor, es gehe ihr immer nur um sich, sie sei egoistisch und unausstehlich. Aber sie war auch voller Angst, vor dem Alleinsein, vor der Dunkelheit, vor dem Leben.
Sie bewarb sich bei der Ufa. Eigentlich wollte sie lernen, wie man Filmreklame und Trickfilme zeichnet. Im Dezember 1942 aber kam Frank Maraun, zuständig für den künstlerischen Nachwuchs bei der Ufa, auf sie zu: Sie habe ein Filmgesicht. Für die Unterlagen der Ufa schrieb er auf, was ihm an Hildegard Knef gefiel: Sie entspreche "in Reinkultur dem Typus des deutschen Mädchens. Sie gefällt durch natürliche Anmut, hübsches Lachen und durch klaren, offenen Blick".
Joseph Goebbels war damals auch der Herr über die Reichskulturkammer. Die Genehmigung neuer Ausbildungsverträge behielt er sich selbst vor. Bei jungen Frauen nahm er es besonders genau. Hildegard Knef fiel ihm auf. Er riet ihr, die Nase zu korrigieren. Und lud sie ein in sein Landhaus am Bogensee. Sie ging nicht hin.
Hildegard Knef lernte tanzen, fechten, sprechen und gehen. Alle drei Monate fanden Studioaufführungen statt, meistens von Klassikern. Ab und zu fuhren die jungen Frauen mit dem Militärbus ins Havelland und sangen Chansons für die deutschen Soldaten. Knef sang "Unter einem Regenschirm am Abend" und bekam Ovationen.
Mit Carl-Heinz Schroth spielte sie an den Kammerspielen des Deutschen Theaters. In den ersten Monaten des Jahres 1945 drehte sie gleich vier Filme, "Unter den Brücken" in der Regie von Helmut Käutner beispielsweise und "Fahrt ins Glück" unter Erich Engel, zeitlosen Kitsch, harmlose Dramen. Goebbels ließ die Filme wie am Fließband drehen, seit der Endsieg nicht mal mehr eine Illusion war.
Ihr Freund Mischa heißt bürgerlich Ewald von Demandowsky und ist Produktionschef bei der Ufa. Er ist doppelt so alt und verheiratet, zwei Kinder. Sie weiß auch, dass er ein Nazi ist und in der Gunst von Propagandaminister Goebbels steht. Für die Tobis hat Demandowsky Propagandafilme produziert wie "Ich klage an", eine Beweihräucherung der Euthanasie. Hildegard Knef ist jung und romantisch, sie geht zu Wahrsagerinnen und glaubt an das Schicksal. Demandowsky ist ihre erste große Liebe.
Als der Krieg sich dem Ende neigt, lässt Goebbels seinen Protegé fallen, Demandowsky wird zum Volkssturm eingezogen. Flüchtlinge erzählen von russischen Soldaten, die deutsche Frauen vergewaltigen. Hildes Mutter lebt im fernen Uelzen, Demandowskys Familie ist nach Österreich evakuiert worden. Und so geht Hildegard Knef im April mit Demandowsky in den Volkssturm.
Aus dem Fundus der Tobis besorgt sie sich Jacke, Mütze und Koppel. Sie schieben gemeinsam Wache in den Tagen der Berliner Straßenkämpfe. Sie verfassen kurze Testamente und schreiben Briefe an ihre Mütter, sie schwören sich ewige Liebe und Treue. Würde einer von ihnen verletzt, wollen sie sich gegenseitig erschießen. Demandowsky zeigt ihr die Stelle an der Schläfe, auf die sie zielen soll.
Als eine Granate das Haus trifft, in dem sie sich verschanzt haben, entscheiden sie sich zur Flucht, Richtung Westen. Sie kommen bis Friesack im Landkreis Havelland, ein Städtchen zwischen Rathenow und Neuruppin. Polnische Partisanen nehmen sie fest und finden rasch heraus, dass in einem der beiden Volkssturmmänner eine Frau steckt. Nach drei Tagen übergeben die Polen das Liebespaar und 2000 andere Flüchtlinge der Roten Armee. Sie müssen eine Woche lang marschieren, schlafen in Gräben, Kirchen, Scheunen, bis sie Biesenthal nordöstlich von Berlin erreichen, eine brandenburgische Kleinstadt mit angegliedertem Konzentrationslager, das den Russen jetzt als Kriegsgefangenenlager dient.
Hildegard Knef hat Angst, dass ihr nun widerfahren wird, wovon so viele Flüchtlinge erzählen. Doch der russische Lagerkommandant sagt, sie solle schleunigst verschwinden. So macht sie sich auf den Weg zu de Kowa. Der Tag des Friedens selbst spielt in ihren Erinnerungen kaum eine Rolle.
Schon am 16. Juni 1945 steht sie erstmals wieder auf einer Bühne. De Kowa durfte ein neues Theater aufmachen, die "Tribüne". Ein Kabarettabend, das Programm heißt "Heute Abend um Sechs". Hildegard Knef gibt die Programmansagerin.
Bald kann sie sich wieder die Rollen aussuchen. 1947 bekommt sie 20 000 Reichsmark für eine Rolle in "Film ohne Titel". Sie ist bald schon das Gesicht des deutschen Nachkriegsfilms. Der "Stern" schreibt über sie: "Der Stern unserer Zeit ist kein extravaganter Star." Alles geht rasend schnell in diesen ersten Jahren nach dem Krieg. Die Zukunft ist strahlend, die Vergangenheit vergessen.
Am 21. Januar 1948 aber verlässt sie Deutschland. Sie hat Kurt Hirsch geheiratet, dessen Familie rechtzeitig von Prag in die USA ausgewandert war und der als amerikanischer Soldat in Berlin diente.
Studioboss David O. Selznick in Hollywood nimmt sie unter Vertrag, sie lernt Englisch und pendelt von jetzt an zwischen Berlin und Los Angeles. In Deutschland gerät sie bald in Verruf, weil man sie nackt sieht in dem Film "Die Sünderin". Draußen in der Welt schadet es ihr nicht. Sie dreht in England und Frankreich, der Volkssturmmann ist nun ein Weltstar, sie ist die Knef.
In ihrer Autobiografie "Der geschenkte Gaul" wird sie 1970 von ihrer Jugend, ihrer Liebe und ihrer Nachkriegskarriere erzählen, ein eher expressionistisches Werk, sie übertreibt, sie denkt sich Dinge aus, aber das Buch wird in 17 Sprachen übersetzt und verkauft sich millionenfach.
Ob sie Mischa noch einmal gesehen hat, lässt sie im Unklaren. Ihrer Karriere tut er nicht gut, er war ja ein Nazi. Ewald von Demandowsky wurde von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt und am 7. Oktober 1946 hingerichtet.
Der Ruf des Gespenstervogels
Ernst Jünger Kirchhorst
In der Morgendämmerung hört Ernst Jünger zum ersten Mal in diesem Frühling den Kuckuck in den Moorwäldern rufen. Der Kuckuck ist kein sympathischer Vogel, seine Rufe haben etwas Höhnisches, Jünger mag den Kuckuck nicht, für ihn ist er ein Gespenstervogel, der mit seinem Ruf die Toten wecken will.
Ernst Jünger lebt in Kirchhorst, 15 Kilometer nordöstlich von Hannover. Er liebt die Natur, sie hat etwas Magisches für ihn. Heute, am 8. Mai, grünt der Wein am Haus, "bricht strotzend aus den Trieben", schreibt er ins Tagebuch.
Das große Haus der Jüngers ist mit Flüchtlingen überfüllt, sie sind müde und ausgelaugt und suchen für ein paar Stunden oder einen Tag Unterschlupf. Seine Frau Gretha verköstigt und betreut sie. Auf der Straße rollen stundenlang amerikanische Panzer vorbei. Zum Tagebuchschreiben geht er in die Scheune oder ins Dachzimmer, eine Flasche Burgunder dabei, die ihm der Kampfkommandant von Hannover geschenkt hat.
In diesen Monaten ist ihm die erhabene Pose, die klirrende Kälte gegenüber dem Leben und den Menschen vergangen. Sein Ernstel ist tot, "gefallen, mein gutes Kind". Ein Kopfschuss hat den Sohn im Marmorgebirge von Carrara im November 1944 aus dem Leben gerissen, mit 18. "Der Schmerz", schreibt der Vater, "ist wie ein Regen, der erst in seiner Masse abläuft, dann dringt er langsam ins Erdreich ein."
Dem Sohn hat er seinen Namen gegeben, er war sein Ebenbild. Der Vater hat sogar dafür gesorgt, dass Ernstel einem Spähtrupp in Mittelitalien zugeordnet worden war, weil ihm in der Heimat das Kriegsgericht drohte. Ein Mitschüler hatte Ernstel und seinen Freund Wolf Jobst Siedler im Februar 1944 verpfiffen. Gemeinsam gingen sie auf die Internatsschule auf Spiekeroog und waren auch Marinehelfer. Ernstel hatte gesagt, wenn Hitler in Berlin aufgehängt werde, werde er barfuß bis nach Potsdam laufen und an der Strippe ziehen. Dafür wollte ihn die Marine vors Kriegsgericht zerren.
Jünger zog seine Hauptmannsuniform an, legte den "Pour le Mérite" um den Hals, fuhr nach Wilhelmshaven und sagte zum Dienstvorgesetzten des Jungen: "Ich bin nicht hierhergekommen, um um Gnade zu bitten, sondern um Rechenschaft dafür zu fordern, dass ich meinen Sohn, den ich als glühenden Nationalisten in die Hand der Marine gab, nach drei Monaten als Verbrecher bestraft erleben muss."
Die Charade hat den Tod des Sohnes nur verzögert. Der Mann, der 1939 sein Buch "Auf den Marmorklippen" schrieb, verliert seinen Ernstel fünf Jahre später in italienischen Marmorklippen. Der absurde Zufall lässt den Vater nicht mehr los.
An diesem 8. Mai geht Ernst Jünger auch der Doktor durch den Kopf. Der Doktor, das ist Joseph Goebbels, auch so ein Todesvogel, in dem Ernst Jünger eine "Mischung von Menschenverachtung, Atheismus und großer technischer Intelligenz" erkennt.
Jünger und Goebbels kennen sich seit den Zwanzigerjahren. Damals verkehrten beide in der Berliner Boheme. Dort trafen sich wie selbstverständlich Rechte mit Linken, redeten über Politik und Philosophie, tranken miteinander und nahmen Rauschgift. Ernst Toller und Erich Mühsam waren dabei, auch Carl Schmitt und Bert Brecht, Ernst Niekisch traf auf Ernst Rowohlt. Oft lud Friedrich Georg Jünger, der kleine Bruder, zu diesen bunten Runden ohne Tabus ein. Auch Joseph Goebbels kam regelmäßig vorbei.
An einem Abend, so erinnert sich Jünger am 8. Mai, saß er mit Goebbels allein zusammen, im Nebenraum Musik, Jünger hatte getrunken, war bester Stimmung. "Ich muss da allerhand gesagt haben. Jedenfalls merkte ich, wie das Gesicht sich verhärtete." Und er fragt sich nun: "War es von diesem Abend an, dass er mich als gefährlichen Menschen bezeichnete?"
Lange umschmeichelten ihn die Nazis, weil er der Apologet des heroischen Soldatentums war. Zuerst boten sie ihm einen Sitz im Reichstag an, aber er lehnte ab. Vor allem Goebbels hätte aus ihm gern eine rechte Galionsfigur gemacht. Jünger zeigte kein Interesse. Dann weigerte er sich auch noch, in die Preußische Akademie der Künste einzutreten, aus der zuvor die Brüder Heinrich und Thomas Mann, Max Liebermann und Ernst Barlach entfernt worden waren. Die Nazis verübelten Jünger den Hochmut und behielten ihn im Auge. Sie lasen auch sorgfältig, was er schrieb.
Sein Buch "Auf den Marmorklippen" beendete Jünger am 28. Juli 1939, fünf Wochen vor Kriegsausbruch. Ein schmaler Band, 150 Seiten, in dem Zeit und Raum verrätselt sind. Nur ein paar Namen und Orte deuten auf die Nazi-Gegenwart hin, und deshalb verstanden viele Leser die Novelle als einen erstaunlichen Akt der Auflehnung, auch Leser wie Heinrich Böll oder Helmut Heißenbüttel.
Im Buch kommt ein Oberförster vor, dem eine "Wolke von Furcht" vorausgeht und der mit "fürchterlicher Jovialität" auftritt: Hermann Göring. Dazu taucht ein Schindanger mit dem Namen Köppelsbleek auf, ein Schindanger ist der Platz in einem Dorf, auf dem die toten Tiere die Haut abgezogen bekommen und verscharrt werden. Am Tor des Dorfes ist ein Schädel festgenagelt: eine überdeutliche Anspielung auf die Konzentrationslager. Und: Steckt in diesem seltsamen Köppelsbleek nicht der Name Goebbels drin?
Goebbels jedenfalls bezog Köppelsbleek auf sich und wollte Jünger auf der Stelle ins Konzentrationslager schicken. Die Gestapo aber holte ihn nicht ab, und Jünger glaubte, Hitler habe es verhindert. Papier für seine Bücher bekam er fortan nicht mehr.
Er war 44 Jahre alt, als ihn die Wehrmacht einzog. Drei Jahre lang verbrachte er im Stab des Militärbefehlshabers von Frankreich. Wie eh und je trat er dort als der heroische Ästhet auf, der mit dem Champagnerglas in der Hand beobachtete, wie Bomben auf Paris fielen. Aus der Pose aber wurde Depression, als er Zeuge wurde, wie Kriegsgefangene per Genickschuss getötet wurden. Er hatte sogar Verbindungen zum militärischen Widerstand um General Carl-Heinrich von Stülpnagel, der zu den Verschwörern des 20. Juli zählte.
In der Nazi-Zeit ging Ernst Jünger der Glaube an die Utopie verloren, dass er noch jeden Lebensschrecken in ehernen Sätzen bannen kann. Am 8. Mai 1945 schreibt er im Tagebuch vom anderen Ufer, das dunkel und unheilvoll gewesen sei. Dort, im Gedankenkreis der Nazis, hat er sich lange aufgehalten, als Verherrlicher des Ersten Weltkriegs, als Künder der konservativen Revolution, als Stichwortgeber der Nazis.
Als der Krieg zu Ende war und die Alliierten den Deutschen die Fragebögen vorlegten, um herauszufinden, wer Nazi gewesen war und wer nicht, da lehnt es Ernst Jünger in Kirchhorst ab, den Bogen auszufüllen. Das bringt ihm vier Jahre Veröffentlichungsverbot ein. Er erklärt sich nicht, er ist zu stolz, um zu berichten, dass Goebbels und die Gestapo hinter ihm her waren. Carl Zuckmayer setzt sich für ihn ein. Er sagt, Jünger habe "eine isolierte und sehr unbequeme Position" eingenommen: "Vielleicht bedeutsamer und mindestens interessanter als verwaschene Durchschnittsvorstellungen von Demokratie."
Auch nach dem Krieg bleibt Jünger in seinem eigenen Kosmos: weltabgeneigt und hochumstritten bei allem, was er in den nächsten Jahren veröffentlicht. Die Nähe zu den Nazis in der Weimarer Republik wird er nie wieder los. Auch dafür hat Thomas Mann das Stichwort geliefert: Jünger sei ein "eiskalter Genüssling des Barbarismus" gewesen.
Im Jahr 1950 ziehen die Jüngers um, nach Wilflingen in Oberschwaben. 1998 stirbt er, im Alter von 102 Jahren.
Der Amoklauf
Gerhard Moldenhauer Demmin
Gerhard Moldenhauer lebt nicht mehr an diesem 8. Mai. Er hat sich acht Tage zuvor umgebracht. Er ist einer von vielen, die einfach nur mitgemacht haben. Die ihren Frieden mit Hitler geschlossen oder mit wachsender Begeisterung die Blitzsiege bejubelt haben. Es sind die Mitläufer, es gab Millionen von ihnen, die meisten haben keine Spuren hinterlassen.
Von dem Mitläufer Gerhard Moldenhauer gibt es Spuren. Keine Fotos, keine Zeugnisse, aber einen Eintrag im Sterberegister der Hansestadt Demmin im Jahr 1945: Moldenhauer, Demmin, 30.4.45, beerdigt 5.5.45, erschossen. "Selbstmord?" steht daneben.
Vier weitere Moldenhauers sind auch noch auf dieser Seite des Sterberegisters eingetragen. Es ist seine Frau, deren Vornamen heute niemand mehr kennt, es sind die Kinder Gerberga, die 17 wurde, Bertha, die 16 wurde, und Konrad, der 13 wurde. Alle vier hat er erschossen. Wären es keine Kriegszeiten, würde man sagen, einer wie Gerhard Moldenhauer war kein Mitläufer, sondern ein Amokläufer.
Soviel man weiß, hat er niemanden denunziert und somit auch keine Schuld auf sich geladen. Er war kein Täter. Er war das, was viele Deutsche waren, einer, der sich arrangiert, weil es bequem ist und besser für die Karriere. Die Nazi-Jahre bleibt er, was er ist und sein will, ein Lehrer am Gymnasium Demmin mit den Fächern Deutsch, Englisch, Geschichte und Schwedisch.
Dieser unauffällige Bürger von Demmin löscht seine Familie aus, an dem Tag, an dem auch der Führer im Bunker in den Selbstmord flüchtet. Aus Angst wird er zum Monster. Die Zehntausenden Flüchtlinge, die mit ihren voll gepackten Handkarren, Fahrrädern, Pferden oder zu Fuß durch Demmin kommen, kurz rasten oder eine Nacht im Massenquartier verbringen, erzählen fürchterliche Geschichten, die sie unterwegs erlebt oder gehört haben.
Moldenhauer ist kein Nazi, als Hindenburg 1933 Hitler zum Reichskanzler macht. Er mag diese Typen von der NSDAP nicht, er wählt sie nicht, er verachtet sie. Aber er ist jung, gerade 34 Jahre alt, die Kinder so klein, und er entscheidet sich für die NSDAP, weil er Lehrer bleiben will und das Gehalt seine Familie ernährt. Ein Kollege sagt über Moldenhauer: "Er war zu intelligent, um auf den Schwindel des 'Dritten Reichs' hereinzufallen, andererseits war er zu ehrgeizig und zu jung, um beiseite stehen zu können oder zu wollen."
Vielleicht schämt er sich für sein Mitmachen. Vielleicht ist es die Angst vor den Russen und die Angst um seine Frau und seine Mädchen. Vielleicht ist es die Panik des Verlierers vor einer neuen Zeit.
Noch ganz am Schluss hätte er mit seiner Familie Richtung Westen fliehen können, mit Koffern und Taschen auf dem Leiterwagen. In Schleswig-Holstein oder Niedersachsen finden Zehntausende Moldenhauers bald ein neues Zuhause und eine neue Stelle. Er hätte wieder Lehrer sein können bis zur Pensionierung, er war erst 45 Jahre alt. Er tat es nicht.
Die wenigsten Landräte, Bürgermeister, Richter, Ärzte oder Lehrer werden später zur Rechenschaft gezogen. Sie schönen ihre Lebensläufe, verschweigen das eine, betonen das andere. Sie schreiben sich eine neue Biografie für die neue Zeit. Nun braucht man sie wieder(*).
Sie dachte, alle wären wie sie
Ruth Friedrich Berlin
Ruth Friedrich ist bekümmert an diesem 8. Mai. Irgendetwas fehlt, was immer es auch ist. Etwas, das ihr sagt, was sie tun, wohin sie gehen soll. Jetzt gähnt diese Leere sie an.
Die Nazis sind tot oder weggelaufen, Berlin liegt in Trümmern, die Rote Armee hat die Stadt befreit. Ruth Friedrich muss jetzt keine Juden mehr vor den Ledermänteln verstecken. Kein Widerständler wird in Plötzensee mehr gehängt. Sie müsste sich freuen an diesem 8. Mai, berauschen an der Freiheit. Sie ist eine der wenigen deutschen Sieger an diesem Tag.
Aber die Angst ist noch da. Sie hört von Raub, Plünderung und Gewalt. Sie besucht eine Freundin und sieht leere Augen. Eine 18-Jährige erzählte, dass sie Nacht für Nacht vergewaltigt worden ist, vor den Augen des Vaters. Ein anderer Vater gab seiner missbrauchten Tochter den Strick in die Hand: "Ehre verloren, alles verloren."
Mit roten Kopftüchern und weißen Armbinden räumen Männer und Frauen auf den Straßen vor ihren Häusern die Trümmer weg. Sie beeilen sich, weil die Soldaten sonst das Haus anzünden würden. Kann man das glauben?
Kein leichter Tag, der 8. Mai. Die Nazis sind weg, und die Deutschen haben neue Herren. Ruth Friedrich weiß, was hinter ihr liegt, aber sie hat keine Ahnung, was vor ihr liegt.
Ruth Friedrich ist eine Heldin. Sie ist 43 Jahre alt, lebt in Steglitz, als Journalistin nennt sie sich klangvoller Ruth Andreas-Friedrich. Sie arbeitet für die Zeitschrift "Die junge Dame" aus dem Verlag John Jahr, ist zuständig für Kosmetik, Gesundheit, Diätfragen. Sie berät auch junge Paare: "Es kann nett sein im Bett".
Sie ist zudem die Seele einer Gruppe von Freunden, die nach der Reichspogromnacht im November 1938 beginnt, Juden zu helfen, die von der SA gejagt werden oder von der Gestapo deportiert werden sollen. Sie lässt Freunde und Fremde bei sich wohnen oder organisiert ihnen ein Quartier für die Nacht.
Zur Gruppe gehören ihr Geliebter, der berühmte Dirigent Leo Borchard, außerdem zwei Ärzte, ein weiterer Journalist und bald auch Friedrichs Tochter Karin, eine angehende Schauspielerin. Der innere Zirkel besteht aus sechs Leuten, der äußere aus elf. Sie denken nicht groß von sich, sie verstehen sich nicht als Zelle des Widerstands. Sie nennen sich selbst nur Clique oder Ringverein oder manchmal auch Onkel Emil, nach dem Spitznamen des einen Arztes aus ihrer Clique.
Es ist auch nicht so, dass sie andauernd mit dem Menschenhelfen beschäftigt sind. Wenn sie zusammensitzen und trinken, plaudern sie über neue Filme und Bücher. Sie tanzen, sie haben Spaß, sie wollen leben, sie wissen ja nicht, wie lange es gut geht.
Nach der Pogromnacht beginnt es mit den Einquartierungen, so nennen sie es, wenn plötzlich jemand nicht mehr in seine eigene Wohnung kann. Als Friedrich am 10. November 1938 nach Hause kommt, sitzen zwei ihrer jüdischen Freunde auf der Couch und spielen Karten, in Borchards Zimmer haben sich zwei andere Freunde eingenistet, und am Telefon ist auch noch einer, der einen Platz zum Schlafen braucht.
In diesen Tagen wird Friedrich klar, was ihr Denkfehler war. "Wir dachten immer, alles verstünde sich von selbst. Alle wären wie wir. Dass wir nicht sahen, wie anders andere Menschen sind, das ist unsere Schuld. Dass wir von uns auf andere schlossen. Von uns auf die Nazis! So haben wir sie großgemacht." Die Einsicht macht ihr Angst: "Die Juden sind nur die Ersten", sagt sie zu einer Freundin. "Doch warte mal ab, wir kommen auch noch dran."
Viele ihrer jüdischen Freunde und Bekannten emigrieren nach England, Amerika, Schweden. Etliche von ihnen haben Besitz, den sie nicht verkaufen wollen und schon gar nicht mitnehmen dürfen, und so wird Friedrich zur Scheinkapitalistin, wie sie das nennt. Ein Bekannter, der kleine Herr Schwarz, überträgt ihr notariell ein 2100-Quadratmeter-Grundstück in Saarow am Scharmützelsee. Zu treuen Händen.
Anfang 1939 kommen die ersten Freunde aus Buchenwald oder Sachsenhausen zurück. Kahl geschorene Schädel. Leidsatte Augen. Hände und Füße kaputt. Ohren erfroren. 1942 beschließt die Clique, dass sie mehr Leute brauchen, damit sie mehr tun können.
Friedrichs Freunde sind Einzelgänger wie sie. Keiner von ihnen ist politisch organisiert oder gehört zum Widerstand. Aber der eine oder andere von ihnen kennt jemanden, der wirklich im Widerstand ist.
Friedrich begegnet Helmuth Graf von Moltke und lernt seine Frau Freya aus dem Kreisauer Kreis kennen. Sie arbeitet auch mit Harald Poelchau zusammen, dem Gefängnispfarrer, der in Tegel die Gefangenen betreut, auch die, die nach dem 2o. Juli auf ihre Hinrichtung warten. Im Januar 1944 wird Moltke verhaftet, ein Jahr später zum Tode verurteilt.
Im April 1945 steht die Rote Armee in den Außenbezirken, Werwölfe durchkämmen die Stadt, Standgerichte lassen desertierte Soldaten und denunzierte Zivilisten hinrichten. Friedrich und ihre Freunde beschaffen Kreide und Ölfarbe. Nachts ziehen sie durch die Straßen und malen auf Briefkästen, Schaufenster, Lattenzäune, Anschlagtafeln, Häuser nur ein Wort: NEIN.
Am Ende des Krieges sind Friedrich, Borchard und die anderen zermürbt. Sie kommen kaum noch aus den Luftschutzkellern heraus. Am 27. April stoßen Ruth Friedrich und Borchard auf Soldaten der Roten Armee. Zwei stehen oben im Treppenflur und richten ihre Taschenlampen auf die beiden deutschen Gestalten im Keller. Borchard, der in Moskau geboren ist, spricht Russisch, das ist ihr Glück: "Wir freuen uns, dass ihr da seid." - "Wirklich?", fragt ein Soldat. Der andere Hochgewachsene mit Säbel in der Hand fragt: "Warum habt ihr nichts gegen Hitler getan?"
Am 8. Mai geht für die Clique etwas verloren, was sie jahrelang verbunden hat. Das Ende der Nazis ist auch das Ende der Freundesgruppe. Jeder muss weiterleben, jeder ist jetzt wieder nur Arzt oder Buchdrucker oder Kontoristin. Jeder ist auf seine Weise enttäuscht über den Lauf der Dinge.
Sieben Jahre lang, seit dem 27. September 1938, hat sich Ruth Friedrich Notizen gemacht. Die bearbeitet sie nun, streicht allzu Persönliches heraus und macht daraus ein Typoskript. Ende September 1945 ist es fertig. Der Titel: "NEIN".
Sie schickt es einer Freundin nach New York. Carl Zuckmayer liest es, ihm gefällt die gefühlsstarke, aber selbstmitleidlose Erzählung aus der Innenwelt des "Dritten Reichs". Anfang 1947 erscheint "Berlin Underground" auf dem amerikanischen Markt, kurz darauf die deutsche Fassung bei Suhrkamp, die nun "Der Schattenmann" heißt.
Friedrich zieht bald nach München. Dort lebt Walter Seitz, der Onkel Emil aus der Clique, sie heiraten 1955. Sie schreibt mehrere Bücher: ein Benimmbuch für junge Frauen, ein "ABC für Verliebte" und dann auch noch "Woher kommen die kleinen Kinder?". Bücher wie die Artikel damals für "Die junge Dame". Nichts davon reicht an ihr Tagebuch heran.
An ihrem letzten Abend verabredet sie sich mit ihrer Tochter Karin zum Austernessen. Der Gedanke an eine Hüftoperation quält sie, über den Tod redet sie jetzt öfter, sie ist 75 Jahre alt. Am Morgen des 17. September 1977 ist sie tot, sie hat sich vergiftet.
"Plötzlich", so endet ihr Tagebucheintrag am 8. Mai 1945, "überkommt uns der ganze Jubel des Befreitseins. Frei von Bomben! Frei von Verdunklung! Frei von Gestapo und frei von den Nazis! Wie auf Flügeln eilen wir nach Hause. Am Abend feiern wir. Feiern mit allem, was wir besitzen."
Das Gift muss raus, aber wie?
Konrad Adenauer Köln
Konrad Adenauer bekommt es schriftlich an diesem Tag. In einem Schreiben des amerikanischen Oberstleutnants John Patterson für die vorgesetzte Dienststelle wird er lobend erwähnt: "His name is Number One of the White List for Germany." Er ist Nummer eins. Gut so.
Solche Listen hat der amerikanische Geheimdienst erstellt, damit die Offiziere nach der Kapitulation ausschwärmen können und die richtigen Deutschen für den Wiederaufbau finden. Bei Adenauer schwanken sie, sie haben ihn vier Tage vorher zum Oberbürgermeister von Köln gemacht, aber er ist auch ein Mann für höhere Aufgaben. Er wirkt auf sie aufrecht, energisch, überlegen - einer, der sich für die Nachkriegszeit aufbewahrt hat.
Konrad Adenauer ist 69 Jahre alt. Er hat die zwölf Hitler-Jahre überstanden, was nicht ganz leicht war, aber auch nicht so schwer, wie er es später darstellt. Er hat 1936 ein Haus im Zennigsweg 8a in Rhöndorf am Rhein gebaut, in das die Amerikaner nun pilgern. Es schmeichelt ihm, wie ihn Oberstleutnant Patterson umwirbt. Er ziert sich lange, er hält sich für besonders geeignet, eine herausragende Rolle im Nachkriegsdeutschland zu spielen. Aber das kann dauern, und er weiß nicht, wie lange.
Vorerst ist er nun wieder Oberbürgermeister, wie 1917, doch wenn es nach ihm geht, diesmal nicht für 16 Jahre. Adenauer liebt Köln. Aber sein Köln ist tot. Gestorben in 1950 Stunden, so lange dauerten die 262 Angriffe alliierter Bomber. Im linksrheinischen Stadtgebiet leben nur noch 10 000 Menschen in Häuserhöhlen. Ohne Krankenhaus, Feuerwehr, Polizei. Der Dom aber, ein nachtschwarzes Skelett, steht noch.
Adenauer ist ein nüchterner Mensch. Was aus seiner geliebten Stadt geworden ist, haben die Kölner Hitler zu verdanken und den Kölnern, die ihm zugejubelt und an den Endsieg geglaubt haben. Aber Köln ist jetzt wieder seine Stadt, eine neue Zeit zieht herauf. Er ist ein stolzer Mann und legt sich ganz schnell mit der Besatzungsmacht an.
Amerikanische Soldaten plündern und vergewaltigen. Truppenkommandeure geben NSDAP-Funktionären Aufgaben, obwohl es die anspruchsvolle Direktive JCS 1067 gibt, wonach keinesfalls Parteigenossen zur Verwaltung herangezogen werden dürfen. Außerdem dringt Adenauer darauf, dass auf dem Rhein wieder Schiffe fahren dürfen, damit die Stadt versorgt werden kann. Dafür sollen die Eisenträger und die riesigen Gesteinsbrocken der Rheinbrücken aus dem Fluss geborgen werden. Und die Industrie: Sie braucht Brennstoffe.
Adenauer ist ungeduldig. Er will so viel wie möglich von seinem alten Köln so schnell wie möglich wiederhaben. Bald ist er von den Amerikanern enttäuscht. So viel Zeit geht verloren, die Besatzer sind unfähig und unorganisiert. Aber auch die Amerikaner sind von Adenauer enttäuscht, weil er ständig Ansprüche stellt. Sie halten ihn inzwischen für unfähig und hochmütig.
Er hat ziemlich genaue Vorstellungen, was aus dem Nach-Hitler-Land werden soll. Er breitet seine Ideen vor Captain Albert Schweizer und einem Marineleutnant, zu denen er Vertrauen gefasst hat, geruhsam aus. Sie schreiben mit, was er ihnen in langen Stunden erzählt.
Er warnt sie davor, Deutschland zu zerstückeln. Er erzählt, durchaus mit Genuss, dass er sich berufen fühlt, "das deutsche Volk von Grund auf zum Frieden zu erziehen". Er sagt, es sei wahrscheinlich, "dass Deutschland für lange Zeit keinerlei politisches Leben" haben könne, seine Landsleute seien von den Nazis vergiftet. Zur Entgiftung empfiehlt er, dass die Besatzungsmacht all die Gräuel und Kriegsverbrechen öffentlich machen soll, damit den Deutschen ihre Schuld vor Augen steht.
Kölns Oberbürgermeister bleibt er nur kurz. Am 6. Oktober 1945 wird er wegen Unfähigkeit entlassen.
Adenauer weiß, wie es mit den vergifteten Deutschen weitergehen soll. Wer schwere Schuld auf sich geladen hat, soll exemplarisch bestraft werden. Auf das Heer der Mitläufer brauche man keine Mühe zu verschwenden. Von Kollektivschuld hält er nichts.
"12 Städte, 12 Schicksale" Vox sendet zu diesem Thema am 25. April eine zwölfstündige Fernsehdokumentation von SPIEGEL TV.
* Shlomo Graber: "Denn Liebe ist stärker als Hass". Riverfield Verlag, Basel; 400 Seiten; 29,90 Euro.
* Florian Huber: "Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945". Berlin Verlag, Berlin; 304 Seiten; 22,99 Euro.
Von Gerhard Spörl

DER SPIEGEL 18/2015
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