25.04.2015

Ruth FriedrichSie dachte, alle wären wie sie

Ruth Friedrich ist bekümmert an diesem 8. Mai. Irgendetwas fehlt, was immer es auch ist. Etwas, das ihr sagt, was sie tun, wohin sie gehen soll. Jetzt gähnt diese Leere sie an.
Die Nazis sind tot oder weggelaufen, Berlin liegt in Trümmern, die Rote Armee hat die Stadt befreit. Ruth Friedrich muss jetzt keine Juden mehr vor den Ledermänteln verstecken. Kein Widerständler wird in Plötzensee mehr gehängt. Sie müsste sich freuen an diesem 8. Mai, berauschen an der Freiheit. Sie ist eine der wenigen deutschen Sieger an diesem Tag.
Aber die Angst ist noch da. Sie hört von Raub, Plünderung und Gewalt. Sie besucht eine Freundin und sieht leere Augen. Eine 18-Jährige erzählte, dass sie Nacht für Nacht vergewaltigt worden ist, vor den Augen des Vaters. Ein anderer Vater gab seiner missbrauchten Tochter den Strick in die Hand: "Ehre verloren, alles verloren."
Mit roten Kopftüchern und weißen Armbinden räumen Männer und Frauen auf den Straßen vor ihren Häusern die Trümmer weg. Sie beeilen sich, weil die Soldaten sonst das Haus anzünden würden. Kann man das glauben?
Kein leichter Tag, der 8. Mai. Die Nazis sind weg, und die Deutschen haben neue Herren. Ruth Friedrich weiß, was hinter ihr liegt, aber sie hat keine Ahnung, was vor ihr liegt.
Ruth Friedrich ist eine Heldin. Sie ist 43 Jahre alt, lebt in Steglitz, als Journalistin nennt sie sich klangvoller Ruth Andreas-Friedrich. Sie arbeitet für die Zeitschrift "Die junge Dame" aus dem Verlag John Jahr, ist zuständig für Kosmetik, Gesundheit, Diätfragen. Sie berät auch junge Paare: "Es kann nett sein im Bett".
Sie ist zudem die Seele einer Gruppe von Freunden, die nach der Reichspogromnacht im November 1938 beginnt, Juden zu helfen, die von der SA gejagt werden oder von der Gestapo deportiert werden sollen. Sie lässt Freunde und Fremde bei sich wohnen oder organisiert ihnen ein Quartier für die Nacht.
Zur Gruppe gehören ihr Geliebter, der berühmte Dirigent Leo Borchard, außerdem zwei Ärzte, ein weiterer Journalist und bald auch Friedrichs Tochter Karin, eine angehende Schauspielerin. Der innere Zirkel besteht aus sechs Leuten, der äußere aus elf. Sie denken nicht groß von sich, sie verstehen sich nicht als Zelle des Widerstands. Sie nennen sich selbst nur Clique oder Ringverein oder manchmal auch Onkel Emil, nach dem Spitznamen des einen Arztes aus ihrer Clique.
Es ist auch nicht so, dass sie andauernd mit dem Menschenhelfen beschäftigt sind. Wenn sie zusammensitzen und trinken, plaudern sie über neue Filme und Bücher. Sie tanzen, sie haben Spaß, sie wollen leben, sie wissen ja nicht, wie lange es gut geht.
Nach der Pogromnacht beginnt es mit den Einquartierungen, so nennen sie es, wenn plötzlich jemand nicht mehr in seine eigene Wohnung kann. Als Friedrich am 10. November 1938 nach Hause kommt, sitzen zwei ihrer jüdischen Freunde auf der Couch und spielen Karten, in Borchards Zimmer haben sich zwei andere Freunde eingenistet, und am Telefon ist auch noch einer, der einen Platz zum Schlafen braucht.
In diesen Tagen wird Friedrich klar, was ihr Denkfehler war. "Wir dachten immer, alles verstünde sich von selbst. Alle wären wie wir. Dass wir nicht sahen, wie anders andere Menschen sind, das ist unsere Schuld. Dass wir von uns auf andere schlossen. Von uns auf die Nazis! So haben wir sie großgemacht." Die Einsicht macht ihr Angst: "Die Juden sind nur die Ersten", sagt sie zu einer Freundin. "Doch warte mal ab, wir kommen auch noch dran."
Viele ihrer jüdischen Freunde und Bekannten emigrieren nach England, Amerika, Schweden. Etliche von ihnen haben Besitz, den sie nicht verkaufen wollen und schon gar nicht mitnehmen dürfen, und so wird Friedrich zur Scheinkapitalistin, wie sie das nennt. Ein Bekannter, der kleine Herr Schwarz, überträgt ihr notariell ein 2100-Quadratmeter-Grundstück in Saarow am Scharmützelsee. Zu treuen Händen.
Anfang 1939 kommen die ersten Freunde aus Buchenwald oder Sachsenhausen zurück. Kahl geschorene Schädel. Leidsatte Augen. Hände und Füße kaputt. Ohren erfroren. 1942 beschließt die Clique, dass sie mehr Leute brauchen, damit sie mehr tun können.
Friedrichs Freunde sind Einzelgänger wie sie. Keiner von ihnen ist politisch organisiert oder gehört zum Widerstand. Aber der eine oder andere von ihnen kennt jemanden, der wirklich im Widerstand ist.
Friedrich begegnet Helmuth Graf von Moltke und lernt seine Frau Freya aus dem Kreisauer Kreis kennen. Sie arbeitet auch mit Harald Poelchau zusammen, dem Gefängnispfarrer, der in Tegel die Gefangenen betreut, auch die, die nach dem 2o. Juli auf ihre Hinrichtung warten. Im Januar 1944 wird Moltke verhaftet, ein Jahr später zum Tode verurteilt.
Im April 1945 steht die Rote Armee in den Außenbezirken, Werwölfe durchkämmen die Stadt, Standgerichte lassen desertierte Soldaten und denunzierte Zivilisten hinrichten. Friedrich und ihre Freunde beschaffen Kreide und Ölfarbe. Nachts ziehen sie durch die Straßen und malen auf Briefkästen, Schaufenster, Lattenzäune, Anschlagtafeln, Häuser nur ein Wort: NEIN.
Am Ende des Krieges sind Friedrich, Borchard und die anderen zermürbt. Sie kommen kaum noch aus den Luftschutzkellern heraus. Am 27. April stoßen Ruth Friedrich und Borchard auf Soldaten der Roten Armee. Zwei stehen oben im Treppenflur und richten ihre Taschenlampen auf die beiden deutschen Gestalten im Keller. Borchard, der in Moskau geboren ist, spricht Russisch, das ist ihr Glück: "Wir freuen uns, dass ihr da seid." - "Wirklich?", fragt ein Soldat. Der andere Hochgewachsene mit Säbel in der Hand fragt: "Warum habt ihr nichts gegen Hitler getan?"
Am 8. Mai geht für die Clique etwas verloren, was sie jahrelang verbunden hat. Das Ende der Nazis ist auch das Ende der Freundesgruppe. Jeder muss weiterleben, jeder ist jetzt wieder nur Arzt oder Buchdrucker oder Kontoristin. Jeder ist auf seine Weise enttäuscht über den Lauf der Dinge.
Sieben Jahre lang, seit dem 27. September 1938, hat sich Ruth Friedrich Notizen gemacht. Die bearbeitet sie nun, streicht allzu Persönliches heraus und macht daraus ein Typoskript. Ende September 1945 ist es fertig. Der Titel: "NEIN".
Sie schickt es einer Freundin nach New York. Carl Zuckmayer liest es, ihm gefällt die gefühlsstarke, aber selbstmitleidlose Erzählung aus der Innenwelt des "Dritten Reichs". Anfang 1947 erscheint "Berlin Underground" auf dem amerikanischen Markt, kurz darauf die deutsche Fassung bei Suhrkamp, die nun "Der Schattenmann" heißt.
Friedrich zieht bald nach München. Dort lebt Walter Seitz, der Onkel Emil aus der Clique, sie heiraten 1955. Sie schreibt mehrere Bücher: ein Benimmbuch für junge Frauen, ein "ABC für Verliebte" und dann auch noch "Woher kommen die kleinen Kinder?". Bücher wie die Artikel damals für "Die junge Dame". Nichts davon reicht an ihr Tagebuch heran.
An ihrem letzten Abend verabredet sie sich mit ihrer Tochter Karin zum Austernessen. Der Gedanke an eine Hüftoperation quält sie, über den Tod redet sie jetzt öfter, sie ist 75 Jahre alt. Am Morgen des 17. September 1977 ist sie tot, sie hat sich vergiftet.
"Plötzlich", so endet ihr Tagebucheintrag am 8. Mai 1945, "überkommt uns der ganze Jubel des Befreitseins. Frei von Bomben! Frei von Verdunklung! Frei von Gestapo und frei von den Nazis! Wie auf Flügeln eilen wir nach Hause. Am Abend feiern wir. Feiern mit allem, was wir besitzen."

DER SPIEGEL 18/2015
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