25.04.2015

TranssexualitätLeandro und Lea

Das Model Lea Cerezo führt in Rio, Paris und Mailand Frauenmode vor - und wurde einst als Mann geboren. Leas Weg war hart, ihr Leben oft gefährdet, ihr Beispiel zeigt, dass unsere Ideen von Schönheit und Geschlecht zu simpel sind. Von Dialika Neufeld
An einem Mailänder Wintertag, kalt, aber klar, steht Lea Cerezo vor der Wohnung, in der sie zum letzten Mal Leandro war, ein junger Mann von 26 Jahren, Sohn von Toninho Cerezo, einem brasilianischen Fußballstar, und einer tiefkatholischen Mutter, Bruder von drei Geschwistern. Eine hellbraune Holztür führt in diese Vergangenheit, gelbe Wände, Blumen in Kübeln, ein einfaches Zimmer, es ist der Ort, an dem sie die ersten Tabletten nahm gegen ihre Männlichkeit. An dem sie sich hinsetzte und wartete.
Heute, mit Anfang dreißig, steht sie als einer der schönsten weiblichen Menschen der Welt wieder vor dieser Tür. In ihrem Ausweis steht das jetzt so: "weiblich".
Sie trägt einen bunten Folklorerock aus Thailand, sie hat ihn gekauft, als sie sich in Bangkok operieren ließ, Leopardenhosen darunter, goldene Schnürschuhe. Ihre Augen haben ein nasses Braun, ihre Wangenknochen sind hoch, die Lippen voll, die Haare dicht und glänzend wie der Samtvorhang vor einer Bühne. Größe: 1,80 Meter, Brustumfang: 87 Zentimeter, Taille: 65 Zentimeter, Hüfte: 91 Zentimeter. Das ist es, was die Menschen sehen, wenn Lea Cerezo vor ihnen steht. Der Mann, der sie war, hat sich beinahe aufgelöst.
Sie schiebt die schlanken Hände in ihre Jackentaschen, sie schaut durch das Fenster, dahinter Dunkelheit. "Fühlt sich komisch an, hier zu sein", sagt Lea Cerezo mit einer Stimme, die nicht hoch ist und nicht tief, die Erinnerung kommt zurück in diesem Mailänder Wohnblock. Hier hat sie einen Schmerz gefühlt, als ihre Brüste anfingen zu wachsen, sie fragte sich: "Ist das normal?" Hier war sie schwerstdepressiv, nahm Tabletten zum Schlafen und Tabletten, um den Tag zu überstehen. Hier saß sie mit Freunden auf der Terrasse und sah in die Sterne. Hier blickte sie in den Spiegel, und zurück schaute ein Mensch, der ihr fremd war, der Körbchengröße B hatte und einen großen Schwanz dazu.
Dieser Mensch zeigte sich nackt in der französischen "Vogue". Küsste Kate Moss auf dem Cover des "Love"-Magazins, wurde zur Muse von Givenchy. Lief über viele Laufstege, als perfekte Frau, auf Schauen in Paris, Mailand und Rio, und war biologisch doch immer ein Mann. Das Magazin "Forbes" zählt Lea Cerezo heute zu den zwölf wichtigsten Frauen der italienischen Mode. Seit Januar ist sie das neue Gesicht einer internationalen Kosmetikfirma und damit das Gesicht einer Bewegung, die wächst. Jener Gruppe von Menschen, die transsexuell sind, erfolgreich dabei und die sich damit nicht länger verstecken.
Sie werden sichtbar in der Mode, im Fernsehen, in der Politik. Sie rücken vom Rand der Gesellschaft in die Mitte. In Polen wird im Mai die Transsexuelle Anna Grodzka für das Präsidentenamt kandidieren, in den USA wurde Laverne Cox aus der Erfolgsserie "Orange is the new Black" zur Ikone. Der einstige Zehnkampf-Olympiasieger Bruce Jenner lässt sich in Zukunft Agnes nennen, und Papst Franziskus empfing eine Transsexuelle im Vatikan. Das Magazin "Time" sprach in einer Titelgeschichte von der Transsexualität als "Amerikas nächster Bürgerrechtsbewegung".
Es gibt Wissenschaftler, die schätzen, dass unter 10 000 Männern einer ist, der sich als Frau definiert. Andere vermuten, es ist einer unter 1000. Die meisten verstecken sich, auch deshalb will Lea sich zeigen. Sie will von dem Jungen erzählen, der sie mal war. Weil Transsexuelle diskriminiert werden auf der ganzen Welt. Viele leben aus der Not in der Prostitution. "Wer gibt einer Frau, die wie ein Mann aussieht, einen Job?", fragt Lea Cerezo, "wer gibt einem Mann, der Brüste hat, eine Wohnung?" Viele begehen Selbstmord und werden Opfer von Gewalt. 226 Morde an Transmenschen gab es 2014, 113 davon in Brasilien, der Heimat von Lea Cerezo.
Sie zieht ihr Smartphone aus der Tasche, sie macht ein Foto von der Wohnung, wie eine Touristin auf einer Sightseeingtour in ein anderes Leben. Dieses Leben begann an einem Februartag im Jahr 1982, als ihre Mutter in Belo Horizonte, Brasilien, in den Wehen lag. Sie erwartete einen Jungen.
Leandro war ein hübsches Kind, ihm wuchsen kleine Locken auf dem Kopf, er hatte zarte Glieder, braune Augen, lange Wimpern. Als er ein Jahr alt war, zog die Familie nach Italien. Der Vater war Fußballspieler in der brasilianischen Nationalmannschaft, Mittelfeld, jetzt kaufte ihn der AS Rom und später Sampdoria. Leandro lernte, dass Männer Ernährer sind, dass sie kicken und Schnurrbart tragen. Aber der Vater war auch viel unterwegs, WM, Europapokal, die großen Stadien, und in der Zwischenzeit lebte Leandro in einem Frauenhaushalt. Er gab seinen Schwestern Tipps für deren Schönheit. Sie zogen sich Kleider an, das Mädchen in ihm war schon da, ohne dass er es erkannte.
Es gibt ein Foto, es steht gerahmt auf dem Klavier im Haus der Familie in Genua, es zeigt Leandro auf dem Schoß seines Vaters, er ist vielleicht vier Jahre alt, daneben die Mutter, die Geschwister. Alle lächeln, doch bei Leandro sieht das Lachen wie die Geste einer Diva aus, etwas Übertriebenes liegt darin, er wirft den Kopf zurück, spreizt die Finger ab. Vielleicht ist es Zufall, vielleicht auch nicht. "Leandro konnte nie so männlich sein wie die anderen Jungen", sagt Lea Cerezo.
Wenn Lea über Leandro spricht, dann tut sie das oft in der dritten Person, als wäre er ein alter Bekannter, den sie mal gemocht, aber aus den Augen verloren hat. "Ich hasse ihn nicht", sagt sie. Dann überlegt sie: "Das ist nicht wahr, ich habe ihn gehasst, oft sogar."
Jungs sollen rennen und raufen und Fußball spielen, Mädchen sollen rosafarbene Kleidchen mögen und Pferde und Puppen. Was, wenn der Junge das rosa Kleidchen will? Psychologen sagen, dass sich Transkinder wie Leo als normal empfinden, dass sie den Konflikt mit ihrer Geschlechtsidentität erst entwickeln, wenn der Druck von außen kommt. Dann beginnen sie an der Lücke zwischen ihrem Inneren und dem Äußeren zu leiden.
Die Familie pendelte zwischen einer Macho-Gesellschaft und der anderen hin und her, von Italien nach Brasilien und wieder zurück, und dazwischen hing Leo, und die Lücke zwischen innen und außen wurde größer. Er ging in Genua zur Schule, er fiel auf mit seinen langen Locken, seinen Bewegungen, er trug Unisexkleider. Als er älter wurde, dachten die meisten, er wäre schwul, auch seine Eltern glaubten das. Leo selbst wusste nicht, was mit ihm nicht stimmte, niemand sprach ihn darauf an. Irgendwann fing er an zu kippen. Er musste raus aus Genua.
Er ging nach Florenz, um die Kunstschule zu beenden, er war ein Teenager, keine 18 Jahre alt. Er begann in dieser Zeit auch mit dem Studium seiner selbst, fand Freunde, die anders waren, schwul, lesbisch, androgyn, transsexuell und vor allem: frei.
Er jobbte als Klubkid - so nannte man in den Neunzigerjahren die jugendlichen Disco-Animateure - , er schillerte, durchtanzte Nächte. Wer ihn traf in dieser Zeit, wusste oft nicht, ob er einen Jungen oder ein Mädchen sah, das erzählen seine ältesten Freunde. "Eine Erscheinung ohne Geschlecht", "ein Engel", solche Dinge sagen sie.
Es war auch die Zeit, in der Leo Riccardo Tisci kennenlernte, den heutigen Chefdesigner von Givenchy. Tisci war gerade vom Modestudium in London zurückgekehrt, selbst noch ein Junge. Die beiden freundeten sich an. Tisci erkannte Lea, er sah die Frau in seinem Freund Leandro, er steckte ihn in hohe Schuhe. Sie gingen auf eine Party. Es war Leos erstes Mal.
Wenn man Lea Cerezo fragt, wie sie sich gefühlt hat in dieser Zeit, dann schaut sie in den Himmel, sie sucht, aber sie findet die Details nicht mehr. Die Jahreszahlen, die Gefühle, alles schwimmt. Es scheint, als gäbe es da einen blinden Fleck in ihrer Biografie, eine dumpfe Stelle, die wehtut, aber nicht mehr deutlich zu sehen ist. "Ich war dazwischen", sagt sie, "ich war so männlich, wie ich sein konnte. Mehr Männlichkeit hatte ich nicht."
Wissenschaftler sprechen in der Entwicklung eines Transmenschen von verschiedenen Phasen. Auch Lea Cerezo durchlief sie. Am Anfang steht die Erkenntnis, dass der Körper nicht der eigenen Identität entspricht, Phase eins. Leo wusste es, aber verstand es nicht.
Mit Anfang zwanzig lebte er für ein halbes Jahr in Miami, zwei Freundinnen setzten sich mit ihm zusammen. Sie sagten: "Leo, du bist ein Mädchen." Einfach so. Er hatte kein Bewusstsein davon, dass es so offensichtlich war. Er sah es klar vor sich, zum ersten Mal: Leo, eine Frau, und es tat weh.
Er lief nach Hause, über die Washington Avenue in Miami, unter Palmen, unter Schock. Vorbei an Schaufenstern, die einen heulenden Jungen spiegelten, mit langen Haaren und weiblichen Schritten. Einen Jungen, der fürchtete, alles zu verlieren, seine Familie. Er blieb vor dem Fenster einer Tierhandlung stehen, dahinter saß ein Wesen, ein winziger haariger Haufen, der ein Hund war, aber nicht aussah wie ein Hund. Leo kaufte ihn und weinte in dessen Fell.
Manchmal dachte er, er sollte lieber sterben, als den nächsten Schritt zu gehen. Doch dann, irgendwann, hörte das Weinen auf. Er entschied, dass Leo von nun an Lea heißen würde. So rutschte er in Phase zwei: das Coming-out.
Er zog nach Mailand, fand eine Therapeutin, erzählte es einigen Freunden. Sie hatten es ohnehin längst gewusst. Es seiner Familie zu sagen, schaffte er nicht. Er fürchtete, sie könnte ihn verstoßen, er fürchtete, sein berühmter Vater könnte seinen Job verlieren. "Als ich hierherzog, hatte ich Angst, sie würden mich hassen, weil ich Transgender bin", sagt Lea Cerezo, als sie in den Fahrstuhl im Mailänder Wohnblock steigt. Sie drückt den Knopf nach unten, sie meint die Nachbarn. Sie wurde oft gehasst, weil sie anders war, sagt sie, "die schlimmsten Dinge", sie rechnet damit, sobald sie auf die Straße tritt. Beschimpft in der U-Bahn, beleidigt im Internet: "Ekelhaft" sei sie, "eine Ausgeburt des Teufels", schreiben Leute da. Warum sich der Vater nicht längst umgebracht habe mit so einer Brut im Haus, das stand in einer Zeitung.
Lea Cerezo läuft durch Leos alten Kiez, vorbei an den elegant verwitternden Fassaden der Mailänder Modestadt, an Cafés, Designerläden. Sie hält die Arme vor der Brust verschränkt, die Handtasche unter den Arm geklemmt. Etwas Abwehrendes liegt in dieser Haltung. Lea bewegt sich durch die Welt wie ein Panzer. Wer die Blicke der Passanten beobachtet, ahnt, warum. Transsexuelle sind nie unsichtbar, selbst wenn sie das Frausein perfektioniert haben wie Lea. Da ist etwas, das die Menschen irritiert. Sie drehen sich nach ihr um, die alten Damen mit ihren graugelben Wellen im Haar und ihren graugelben Winteranoraks am Körper, und sie glotzen. Sie bleiben stehen, die jungen Männer mit ihren Gelfrisuren und den Händen in den Jeanstaschen, und sie glotzen. Nicht alle, aber einige. Vielleicht, weil sie so schön ist. Vielleicht, weil ihr Anblick sie verstört.
"Meine Haut ist so dick", sagt Lea und bewegt den Zeigefinger über den Daumen mit einem Abstand von vielen Zentimetern dazwischen. "Da passt nichts mehr durch", sagt sie.
Erst als sie in ihrer Modelagentur ankommt, in der Via Savona, fällt der Panzer ab. "Ciaaaaaao", ruft sie in den Raum, in dem an einem langen Tisch die Modelagenten sitzen. Hier verbrennt Lea Cerezo Zeit, wenn sie in Mailand ist und keine Pläne hat. Manchmal kommt dann ein Auftrag rein, sie packt die Sachen und fliegt davon. Hier ist sie zu Hause, sie lacht, sie ist laut, frei. Es sind die einzigen Momente, in denen etwas Maskulines durchschimmert. Ein Aufblitzen ist das, ein Ausdruck, der über ihr Gesicht huscht, wenn sie lacht; die Stimme, die abrutscht, wenn sie nicht aufpasst.
"Lea, Lea", ruft Piero Piazzi, ihr Agent, "du hast einen Job." Eine Modedesignerin aus Kopenhagen will sie für den nächsten Tag buchen. Piazzi ist so etwas wie ein Veteran im Modegeschäft, 30 Jahre macht er den Job, er hat etwas vom jüngeren Wolfgang Joop, die Bräune, die Frisur, die Reihe gerader, weißer Zähne. Er war dabei, als Carla Bruni groß wurde, Monica Bellucci, jetzt betreut er Lea.
Er setzt sich zurück an den großen Tisch, einen angebissenen Apfel neben seinem Computer, Kopenhagen ist wieder am Telefon. "Sie kann morgen früh losfliegen", sagt Piazzi, dann sagt er noch: "You will love her, she's a wonderful woman." Das sagt er so, "a woman".
Etwas später wird er sagen: "Sie ist keine Frau." Was ist sie dann? "Sie ist dem, was sie sein wollte, so ähnlich wie möglich." Sie habe etwas Künstliches tun müssen, um zu werden, was sie ist, außerdem könne sie keine Kinder bekommen. "Eine Frau mit Grenzen", so sieht er sie. Piazzi kannte Lea schon, als sie noch Leandro war. Das erste Mal traf er den Jungen am Strand von Bali, zusammen mit Riccardo Tisci, ein trauriger Teenager, "so traurig", sagt Piazzi, solche Augen habe er noch nie gesehen. Das zweite Mal traf er ihn zehn Jahre später. Da nannte sich der traurige Junge Lea.
Einige Zeit zuvor hatte Leo mit der Hormontherapie begonnen. Er hatte bei der Psychiaterin gesessen und Fragen beantwortet, Kataloge von Fragen, die beweisen sollten, dass er wirklich eine Frau ist. Dass es keinen anderen Weg für ihn gibt.
Wer die Geschlechtsumwandlung will, muss sich einem System von Psychiatern, Ärzten, Gutachtern übergeben, die mitentscheiden, wie das Leben des Patienten weitergelebt werden soll. Die Diagnose "Transsexualität" beschreibt in vielen Ländern, auch in Deutschland, noch immer eine Form der psychischen Störung, eine "Genderdysphorie". Ohne Psychotherapie keine Hormone, ohne Hormone keine Operation, das sind die Regeln, auf die sich Lea Cerezo einlassen musste.
Sie erinnert sich noch genau, wie sie auf dem Bett saß, die ersten Tabletten schluckte und in sich hineinhorchte. Jeden Tag nahm sie Tabletten, die Ärzte nahmen Blut ab, überprüften den Hormonspiegel, passten die Dosierung an. Dann fing ihre Psyche an zu reagieren. Sie weinte, sie lachte, sie war glücklich, sie war depressiv.
Als Nächstes war da dieser Geruch auf der Haut. Süßer, blumiger, so beschreibt sie es. Dann veränderte sich die Haut wirklich, wurde weicher, reiner. Fettpölsterchen sammelten sich unter ihren Wangen. Und dann kamen die Brüste, nicht groß, aber genug, um zu sehen: Dies ist kein Junge mehr. Leo verblasste.
Die Therapie tat ihr gut, "es war, als könnte ich zum ersten Mal atmen", sagt sie. Sie liebte die Veränderung, gleichzeitig hasste sie alles, was männlich war an ihr. "Ich wusste schon, dass ich auch den Penis loswerden musste", sagt sie, sie stellte sich vor den Spiegel und konnte den Anblick nicht ertragen.
Sie fiel bald von einer Depression in die nächste. Weil sie dringend die OP machen wollte, aber ihre Therapeutin sagte, sie sei noch nicht so weit. Weil die wichtigsten Menschen in ihrem Leben, ihre Mutter, der Vater, die Geschwister, nichts von ihrer Umwandlung wussten.
Wenn sie ihre Familie besuchte, holte sie Leo zurück, wickelte Tücher um ihre Brüste und versteckte ihren Körper unter weiten Klamotten.
"Es gab Momente, da wollte ich mich umbringen", sagt sie. Sie hatte keine Ahnung, wie ihr Leben als Lea aussehen könnte, wovon sie leben sollte, wenn ihre Familie sie verstieße. In einem dieser schlimmen Momente rief sie ihren Freund Ricardo in Paris an und erzählte ihm, dass sie sich prostituieren müsse, um als Frau zu leben, wie so viele ihrer Transgender-Freunde. "Gib mir drei Tage", sagte ihr Freund, "und bau keinen Scheiß."
Als die drei Tage vorbei waren, klingelte das Telefon: "Lea, ich habe einen Job für dich", sagte Tisci, "du wirst in meiner Givenchy-Kampagne sein." Ihr sei es zu dem Zeitpunkt nur um das Geld gegangen, sagt Lea. Nie habe sie erwartet, dass es so ein großes Ding werden könnte. Dass die "Vogue" anrufen würde, berühmte Fotografen. Dass sie zu einem Vorbild der Transgender-Community werden würde. Sie hatte ja noch nicht mal die OP hinter sich.
Am nächsten Tag fuhr sie mit dem Zug nach Genua, um es ihrer Familie zu sagen. Sie saßen in dem gelben Haus mit den grünen Fensterläden, und Lea erklärte ihnen: "Das ist nichts, was ich tue, um pervers zu sein oder um Sex mit Männern zu haben. Leas Schwester Luana erinnert sich so: "Sie kam nicht zu uns und sagte: Ich will eine Frau sein. Sie sagte: Ich bin eine Frau."
"Oh nein, mein armes Baby", sagte die Mutter.
"Wir haben es doch längst gewusst", sagten ihre Schwestern.
"Das änderte alles", sagt Lea.
Gemeinsam riefen sie den Vater an. Er war inzwischen Trainer in Japan, vor seiner Reaktion fürchtete sie sich am meisten. Und dann: habe er gelacht, so erinnert Lea sich. Er habe gesagt: "Das ist dein Problem? Ich dachte schon, du wärst krank oder so etwas." Lea Cerezo hatte Glück.
Sie fuhr nach Paris und machte die Givenchy-Kampagne. Es war ihr erster Auftritt als Frau, es war das erste Mal, dass sie sich selbst als Frau auf einem Foto sah, mit glattem Haar und roten Lippen. Das Foto katapultierte sie in Phase drei, das öffentliche Coming-out. Das gesellschaftliche Leben als Frau begann.
Piero Piazzi, der Agent, legt den Hörer auf. "Abgesagt", sagt er. Die Kopenhagener haben wieder angerufen. Sie wollen Lea doch nicht mehr für ihre Show. Er zieht die Schultern hoch. Ob Lea zu teuer war, ob sie sich doch nicht getraut haben, ein Model mit ihrer Geschichte zu nehmen, er weiß es nicht.
Piazzi war anfangs nicht überzeugt von der Idee, Lea als Model zu vermarkten. "Ich hatte Angst, sie könnte zu einer Zirkusattraktion werden", er wollte sie nicht verheizen. In einer Phase ihres Lebens, in der alles schwankte. Sie war mitten in der Umwandlung, sie heulte, sie rief dreißig Mal am Tag bei ihm an, manchmal heulte Piazzi mit ihr zusammen.
Sie betrachtete ihren Körper in dieser Zeit wie eine Baustelle. Sie ließ sich den Knochen über der Nasenwurzel abschaben, in Brasilien bekam sie größere Brüste.
Es gibt Transsexuelle, die beginnen einen Krieg gegen alles zu führen, was noch männlich oder weiblich ist an ihnen, sie schleifen Adamsäpfel, korrigieren Nasen, Ohren, Stimmbänder. Sie entfernen Brüste, trainieren sich Muskeln an. Sie wollen möglichst perfekte Männer oder Frauen werden, sie wollen endlich in das Raster der Gesellschaft passen, deren Definition von normal sehr grob ist.
"Die Brüste waren das Schwierigste", sagt Lea. Sie hatte kein Gefühl dafür, wie sie mit diesem neuen Teil ihres Körpers umgehen sollte. Eines Morgens ging sie auf die Straße, im T-Shirt, ohne BH, so wie sie es ihr Leben lang getan hatte. Sie wollte kurz den Hund ausführen, und dann waren da diese Männer, die ihr auf die Brüste starrten. "Das war so beschämend", sagt sie. Sie hielt sich die Arme davor und lief zurück nach Hause. Sie musste lange mit ihrer Therapeutin darüber reden. Dabei lag die größte Hürde noch vor ihr, Phase vier, der Penis. Er musste weg.
Sie ging mit ihrem Gutachter vor Gericht und beantragte nach langem Warten die Geschlechtsumwandlung. Sie fuhr nach Thailand zu einem Spezialisten, sie hatte ihn über das Internet gefunden.
Dr. Kamol sitzt auf einem schwarzen Drehstuhl in seinem Büro in Bangkok, im Regal über seinem Schreibtisch steht ein Schädel, daneben eine große Uhr und die Plastik eines Penis. Er malt mit blauem Filzstift eine Vagina auf einen Zettel, drei Striche, ein längliches Oval, er hält den Zettel in die Skype-Kamera seines Laptops. Er will erklären, wie man aus einem männlichen ein weibliches Geschlechtsorgan macht. Genau drei Jahre ist es her, da saß Lea zum ersten Mal vor ihm in diesem Büro, und er erklärte ihr das Gleiche.
Dr. Kamol ist ein Experte der Geschlechtsumwandlung, ein freundlicher Mann, mit Brille und kariertem Schlips, er hört gern Pink Floyd, während er operiert, und manchmal kichert er, während er redet. Menschen aus der ganzen Welt reisen in seine Klinik, Männer, die als Frauen wieder auschecken, Frauen, die als Männer zurück zum Flughafen fahren, ein bisschen wie in einem Film von Pedro Almodóvar.
Wer zu ihm kommt, muss mindestens ein Jahr als Frau gelebt haben, sagt Kamol, er muss Hormone genommen haben und das Gutachten seines Psychiaters vorlegen; er muss sich vor seinem eigenen Geschlechtsorgan ekeln. Lea Cerezo war die perfekte Patientin.
Sie reiste mit ihrer Familie an. Sie erinnert sich, wie sie nach der OP ihre Mama sah und als Erstes einen Witz machte, und die Mutter sagte: "Du hast dich kein bisschen verändert." Dr. Kamol hatte geschnitten, Haut verpflanzt, Hoden entfernt, Nerven verlegt, eine Klitoris gebaut. Das Ergebnis ist von einem natürlichen weiblichen Geschlechtsorgan kaum zu unterscheiden. Die Patienten werden zu Patientinnen, die pinkeln und Sex haben wie eine Frau. Sogar Orgasmen können sie haben.
"Als ich aufwachte, fühlte es sich an, als hätte ich schon immer eine Vagina gehabt", sagt Lea. Als hätten die Ärzte nur ein gynäkologisches Problem gelöst. Manchmal versuche sie sich zu erinnern, wie es sich anfühlt, zwischen den Beinen einen Penis zu haben, aber es gelingt ihr nicht mehr.
Es ist Abend in Mailand, Lea ist zu Besuch bei Marcello, einem ihrer ältesten Freunde, er lebt in einem Loft mit Blick über die Stadt, Designermöbel, ein Feuer im Kamin, der Flachbildschirm hat die Größe einer Tischtennisplatte. Hier trifft sich ihr Freundeskreis, sie alle kennen sich aus der Disco-Zeit aus Florenz, sie alle kannten Lea, als sie noch ein Junge war. Sie haben mitgelitten mit ihr. Marcello hat sich ihren Namen auf den Arm tätowiert, als sie sich operieren ließ. "Lea" steht da, daneben "vida".
Auf schwarzen Socken rutscht Lea über den blank polierten Boden, einer ihrer Freunde kocht Risotto mit Parmesan und Seebrasse und Fenchelsalat, sie kramen alte Fotos von Leo aus den Schränken, dem Jungen mit den großen Locken.
Wenn es nach Lea und ihren Freunden geht, haben sich die Kategorien des Geschlechts aufgelöst. Sie müssen sich auflösen, um der Realität von Menschen wie Lea gerecht zu werden.
"Sie ist keine Frau", sagt Marcello. "Sie ist Lea. Das ist etwas anderes." Es gibt Männer, die wie perfekte Frauen aussehen, Frauen, die männlicher als Männer sind. Nicht jeder Mann, der eine Frau ist, will eine Operation. Nicht jede Frau, die innerlich ein Mann ist, will einen Penis. Leas Geschichte ist eine von vielen möglichen Varianten, die alle in eine Gesellschaft, aber nicht in eine Schublade passen.
Wenn man sie fragt, ob sie ein neuer Mensch sei seit der Geschlechtsumwandlung, sagt Lea Cerezo: "Bist du verrückt? Ich habe Teile meines Körpers verändert, aber ich bin doch dieselbe Person, dasselbe Herz, dasselbe Blut."
Bist du eine Frau, Lea? Sie zögert nicht, sie sagt: "Ich bin ich. Ich bin, was ich bin. Ein Mensch." So einfach. ■
Von Dialika Neufeld

DER SPIEGEL 18/2015
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