25.04.2015

BasketballEndlich erwachsen

Der Braunschweiger Dennis Schröder hat sich in seiner zweiten Saison in der NBA durchgesetzt. Reift bei den Atlanta Hawks ein neuer Dirk Nowitzki heran?
Im ersten Viertel gegen die Brooklyn Nets war noch knapp eine Minute zu spielen, als Dennis Schröder auftrat, als messe er sich schon seit Jahren mit den besten Basketballspielern der Welt. Schröder forderte den Ball, glitt links an Brooklyns Spielmacher Jarrett Jack vorbei, umkurvte einen weiteren Spieler und stieg in die Luft. Korbleger mit links, zwei Punkte für die Atlanta Hawks.
Kaum hatten die Nets den Ball zurück ins Spiel gebracht, attackierte Schröder erneut. Er nahm seinem Gegenspieler den Ball ab. Tempogegenstoß, Dunking mit rechts.
Stars wie LeBron James von den Cleveland Cavaliers oder Tony Parker von den San Antonio Spurs sind berühmt für solche Momente, in denen sie ein Spiel in einer entscheidenden Phase an sich reißen, es dominieren und auftreten, als seien sie nicht aufzuhalten. Diese Momente machen den Unterschied zwischen einem guten und einem herausragenden Spieler.
Aber Dennis Schröder? Ein 21-jähriger Deutscher, der erst in seiner zweiten Saison in der nordamerikanischen Basketballliga NBA spielt und zeitweilig in die Entwicklungsliga abgeschoben wurde?
Für den Jungprofi aus Braunschweig könnte es in dieser Saison kaum besser laufen. Im Play-off-Auftakt gegen die Brooklyn Nets stand er 24 Minuten auf dem Parkett und machte 13 Punkte. Im Februar spielte er beim All-Star-Wochenende in New York in der Rising Stars Challenge, ein Spiel, in dem sich die besten Nachwuchsprofis der NBA präsentieren dürfen. Der Erfolg der Atlanta Hawks, die die Hauptrunde als zweitbestes Team abschlossen, ist auch mit seiner Entwicklung verknüpft. Schröder ist aufgenommen im Kreis der besten Basketballer der Welt und kann, wenn er weiterhin so erfolgreich spielt, Nowitzki als Gesicht des deutschen Basketballs ablösen.
Vor zwei Jahren spielte der Sohn einer Gambierin und eines Deutschen noch für die Phantoms Braunschweig, ein Mittelklasseteam in der Bundesliga, und schmollte, als ihn sein damaliger Trainer Sebastian Machowski aus disziplinarischen Gründen aus dem Kader verbannte. Bei einem Talentturnier sichteten ihn die Scouts der NBA und luden ihn zur Draft nach Brooklyn ein, bei der die Klubs alljährlich ihren Nachwuchs auswählen. Die Atlanta Hawks zogen ihn an Nummer 17, was ihm nicht nur einen Profivertrag einbrachte, sondern auch drei Millionen Dollar Gehalt.
Für Schröder sind die Hawks ein Glücksfall. Trainer Mike Budenholzer setzt auf junge, europäische Talente. Budenholzer war jahrelang Assistenzcoach beim Spitzenteam San Antonio Spurs, bei dem sich der Franzose Tony Parker zu einem der besten Spielmacher der Liga entwickelt hat. "Unser Coach hat sich viel von den Spurs abgeschaut", sagt Schröder. "Wir spielen die gleichen Systeme."
Budenholzer setzt seine Spieler nur dosiert ein, die Stars sollen möglichst nicht mehr als 24 Minuten spielen. Das schafft Raum für andere. Auch für Talente wie Schröder.
Vor allem aber hat Budenholzer eine klare Vorstellung davon, was er von Schröder erwartet. Im vergangenen Sommer, nachdem die Hawks früh in den Play-offs ausgeschieden waren, ließ Budenholzer einen seiner Assistenztrainer Schröder beim Heimaturlaub in Braunschweig begleiten, der wochenlang gezielt an den Schwächen des NBA-Profis arbeitete, vor allem am Distanzwurf. Mittlerweile trifft Schröder 35 Prozent seiner Würfe von jenseits der Drei-Punkte-Linie - kein überragender, aber zumindest ein wettbewerbsfähiger Wert.
Ein zweiter Hawks-Trainer begleitete ihn bei der deutschen Nationalmannschaft und achtete darauf, dass Schröder keinen Unsinn machte. Als Aufgabe gab Budenholzer Schröder mit, an seinen Führungsqualitäten zu arbeiten und auf dem Spielfeld mehr zu reden. Die klaren Ansagen und die Arbeit im Sommer hätten ihn "erwachsen gemacht", glaubt Schröder, der einst seinem Vater vor dessen Tod versprochen hatte, es in die NBA zu schaffen. Inzwischen dirigiert er die Hawks als zweiter Spielmacher hinter Jeff Teague. "Ich habe mir im Team eine Rolle verschafft", sagt er. "Der Trainer vertraut mir."
Anders als in der Saison zuvor, in der Schröder mit seinen langen Armen und schnellen Beinen vor allem Verteidigung im Stil eines Kettenhunds spielen sollte, kann er nun auch selbst punkten. "Ich wusste schon immer, dass ich schnell bin", sagt er. "Im Sommer habe ich mir vorgenommen, mehr zu penetrieren und, wenn möglich, selbst abzuschließen." Sein Zug zum Korb ist inzwischen derart respektlos, dass sogar erfahrene 2,15-Meter-Center Probleme haben, ihn zu blocken. Im Schnitt erzielt er in dieser Saison pro Spiel zehn Punkte und vier Assists.
Schröder ist auch abseits des Spielfelds gereift. Während des All-Star-Wochenendes verpflichtete die NBA ihn und andere Jungprofis zu einem Benimmkurs, es ging unter anderem um das Thema Geldanlage. Die NBA will erreichen, dass die Spieler ihre Millionengagen nicht verpulvern, sondern nach ihrer Karriere davon leben können.
Während viele der Stars rund um das All-Star-Game in den Nachtklubs von New York verschwanden, ging Schröder mit seinem Bruder und dessen Familie essen. Für Schröder ist der enge Kontakt zu seinem Bruder, der ebenfalls in Atlanta wohnt, ein Stück Heimat im weiten Amerika. Mit ihm kann er alles besprechen, auch wenn es mal nicht so gut läuft. So wie in den ersten Monaten bei den Hawks, als er die Trikots der etablierten Spieler falten musste, kaum spielte und aus dem Team zu fallen drohte.
In diesem Jahr haben die Hawks zwar das Potenzial, um die Meisterschaft zu spielen, "wir sind bereit", glaubt Schröder. Aber die Mannschaft ist unerfahren und muss den Ausfall ihres Verteidigungsexperten Thabo Sefolosha verkraften, der sich bei einem Handgemenge mit der Polizei vor einem New Yorker Klub das Wadenbein brach.
Schröders persönliches Ziel ist ohnehin ein anderes. Er ist jetzt im zweiten Jahr seines Drei-Jahres-Vertrags, nach der kommenden Saison entscheidet sich, ob er bei den Hawks bleibt oder zu einem anderen Verein wechselt. Es wird auch davon abhängen, ob es ihm gelingt, Jeff Teague als ersten Spielmacher zu verdrängen, und ob Atlanta ihm einen Platz in der ersten "Fünf" verspricht. In der NBA gelten die Spieler, die zu Beginn einer Partie aufs Feld geschickt werden, als etwas ganz Besonderes, der Platz als Starter ist eine Trophäe, die mit viel Geld und Aufmerksamkeit verbunden ist. "Ich möchte gern Starter bei einem NBA-Team werden", sagt Schröder.
In Deutschland würden ihm solche Sätze als Hybris ausgelegt, aber in Amerika sind nicht nur die Hallen und die Gehälter größer, sondern auch die Egos. Konkurrenten aus dem Feld räumen zu wollen gilt in der NBA als Ausdruck gesunden Selbstbewusstseins.
Als Starter eines Teams würde er zudem seinem anderen großen Traum näherkommen. Der Auftritt mit den Rising Stars beim All-Star-Wochenende sei für ihn eine "geile Erfahrung" gewesen. Aber das nächste Mal, sagt er, "möchte ich bei den echten All-Stars spielen".
Von Holger Stark

DER SPIEGEL 18/2015
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