31.05.1999

KRIEGSBERICHTERSTATTUNGWie telegen sind Flüchtlinge?

Auf dem Balkan sprechen die Waffen, im Fernsehen herrscht der Kampf der Bilder: Die Zerstörungen der Nato-Bomben gegen das Elend der Vertriebenen. Im Krieg auf dem Bildschirm haben die Albaner die schlechteren Karten.
Eine Hauswand in den frühen Siebzigern. "Stell dir vor", hatte ein Sprayer gesprüht, "es ist Krieg, und der Fernseher ist kaputt." Stell dir vor, müßte heute da stehen, im Fernseher läuft der Krieg, und der Zuschauer fühlt sich kaputt, weil er nichts sieht. Tempi passati - was ist bloß passiert?
Das Graffito von einst zollte einem Medium ironischen Respekt, das sich im Zenit seiner Allmacht wähnte. Hatten die cleveren Jungs mit der Kamera nicht gerade den Vietnamkrieg gewonnen? Sie waren es gewesen, die den vermeintlichen Vietcong-Davids zum Sieg über die US-Goliaths verholfen hatten. Das Fernsehen lieferte nicht nur die Bilder, es schien zu wissen, welche Seite moralisch im Recht war. Das Medium war die Botschaft. Auch von der Gerechtigkeit.
Natürlich beruhte solche Erhabenheit auf einem frommen Fake, auf Lückenhaftigkeit: Bilder von den nordvietnamesischen Grausamkeiten standen, wenn überhaupt, nur höchst selten zur Verfügung, und ins moralische Bild hätten sie damals nicht gepaßt.
Doch die Vietnam-Berichterstattung begründete einen Nimbus, die Vorstellung von einem Fernsehen, das vom Feldherrenhügel gewußter Wahrheit und Gerechtigkeit auf die Schlachten der Welt umfassend, aktuell informierend und zugleich Erhellung spendend herabzublicken vermag. Ein Ideal war geboren, fortan konnte es nur Enttäuschungen geben.
So geschah es. Pol Pots Schlächtereien - die Kameras kamen erst, als die Schädelstätten geöffnet wurden. Den Golfkrieg präsentierten die Zensoren. Und der Kosovo-Krieg - eine einzige Bilderverwirrung: erschütternde Aufnahmen neben Nato- und Serben-Propaganda, dazu ein großes Maß an Lückenhaftigkeit. Die Anhöhen überlegenen Beobachtens jedenfalls sind geschleift. Ratlosigkeit macht sich beim Publikum breit. Und dazu latentes Unbehagen - denn die Sehnsucht, das Medium könnte umfassend informieren und moralisch orientieren, spukt noch im Hinterkopf.
Doch das Fernsehen erweist sich als bemühter, Fehler machender, wetterwendischer, gelegentlich flüchtiger Beobachter des Krieges. Der Bildschirm ersetzt weder so etwas wie den gerechten Weltenrichter noch den Historiker oder gar den Romancier, der die wahnsinnige Mythologie dieses Geschehens vielleicht dermaleinst entschlüsselt. Wenn dieser Krieg überhaupt für etwas gut sein kann, dann ist er es für die Desillusionierung übertriebener Erwartungen ans Medium.
Der Zuschauer kann den Krieg nicht beobachten, aber er kann beobachten, wie
das Fernsehen den Krieg beobachtet. Und er kann sehen, was es sieht und was es nicht sieht. Besonders letzteres.
* Nach serbischen Angaben.
Auffällig an der Kosovo-Kriegsberichterstattung in den TV-Nachrichten ist ein Wechsel des optischen Schwerpunkts: Zu Anfang beherrschten die Bilder von den albanischen Flüchtlingen die Szene, aber dann drängten sich die Aufnahmen von den Zerstörungen der Nato-Bomben für lange Zeit in den Vordergrund. Die auf Druck der Nato zustande gekommene Entscheidung der Betreibergesellschaft des TV-Satelliten Eutelsat, das serbische Staatsfernsehen abzuschalten - ein Beschluß mit dem Hautgout der Zensur -, dürfte den Bildertransport aus dem Milosevic-Land erschweren, nicht unterbinden. Der Akt beweist: Der Krieg ist auf dem Schirm angekommen.
Der Kampf der Bilder um die Aufmerksamkeit des Publikums findet zwischen zwei Schrecken statt: Nato-Ruinen gegen Flüchtlingszelte, Bilder von Leichen durch Nato-Bomben gegen Flüchtlingserzählungen von Ermordeten durch Serben-Übergriffe.
In diesem Kampf waltet keine höhere Ausgewogenheit, der Bilderstreit des Kosovo-Krieges wird von den Eigenheiten des Fernsehens bestimmt: Verfügbarkeit, Variationsfähigkeit, schnelle Verstehbarkeit. Die Frage, die hier über Sieg und Niederlage entscheidet, ist im Kern ästhetischer Natur. Sie klingt zynisch und ist doch von brutaler Wichtigkeit: Sind Flüchtlinge telegen? Und falls ja, telegener als Leichen und Ruinen?
Trivial erscheint im Bilderkampf die Frage der Verfügbarkeit. Das Fernsehen kann nur zeigen, was es zeigen kann. Über Greueltaten der Serben gibt es keine Bilder. Das Medium verfügt - anders als die Sprache, anders selbst als der künstlerische Film - über keine Ausdrucksmöglichkeit, sein optisches Schweigen auszudrücken. Es müßte zu den Mitteln filmischer Metaphorik greifen und Bilder zu Gefäßen für die Phantasie machen - unmöglich im TV-Newsgeschäft. Fernsehen ist hier hemmungslos eindimensional: Bilder können einander nicht negieren, sie sind, und außer ihnen ist nichts.
So bleibt das Kosovo optisch eine Chimäre, eine Landkarte: der Unort, woher all die Tausenden mit ihren Traktoren kommen, ein Geisterland hinter den sieben Bergen. Und was westliche Berichterstatter mit Genehmigung der serbischen Zensoren berichten, unterstützt den Eindruck dieser Geisterhaftigkeit. Wer nicht hören, sondern nur fernsehen würde, müßte fragen: Kosovo, gibt''s das überhaupt? Die optische Vertreibung aus der Heimat ist den Serben perfekt gelungen.
Bleiben die albanischen Flüchtlinge, die gemarterten Helden der Tragödie. An ihnen zeigen sich die Grenzen der TV-Berichterstattung besonders deutlich. Sie wirken für die Sehgewohnheiten befremdlich. Dem rasanten Bilderfluß des modernen Fernsehens setzen sie so etwas wie statische Sperrigkeit entgegen. Flucht zeigt sich nicht als schnelle Bewegung, sondern als langsam fahrender Konvoi altmodischer Trecker oder als schleppender Gang. So etwas kann beim flüchtigen Zuschauer emotionale Mißverständnisse erzeugen, als sei Vertreibung irgendwie beschaulich.
Die äußere Anmutung der Kosovaren mit Kopftuch und notgedrungen in mehreren Lagen übereinandergezogenen Kleidern bestätigt scheinbar den serbischen Hochmut, es handle sich um ein zurückgebliebenes Volk, eine dumpfe Masse, für die Leiden seit Jahrhunderten nichts Neues sei. Nur wenn die Kamera sich die Zeit nimmt, die Gesichter zu zeigen, die Verstörungen in den Gebärden, werden die Flüchtlingsbilder das, was sie sind: ein moderner Schrecken. Aber die Geduld hat das Fernsehen nicht oft, vor allem nicht in den Informationssendungen. Das gehetzte Medium beläßt es dann bei ein paar zerhackten Sätzen, bei Tränen und Verzweiflungsausbrüchen. Das Fernsehen will selten zuhören. Die Kosovaren weinen, erklären tun andere.
Ruinen und Leichen haben es im Fernsehen leichter. Sie sind schnell verstehbar, sie sprechen sich sofort aus: Kaputt ist kaputt, tot ist tot. Und wenn klagende Serben zu sehen sind, dann hat der Zuschauer - im Gegensatz zu den Berichten der Albaner - gesehen, worüber gesprochen wird.
Die albanischen Flüchtlinge haben es schwerer, denn für das Geschichtenerzählen
* Durch Südvietnams Polizeichef Nguyen Ngoc Loan.
hat das Fernsehen so seine Normen entwickelt: Sie müssen einen Anfang und ein Ende, sie müssen Helden haben und wenn möglich eine Katharsis, eine Reinigung, nach der Tränen abgetrocknet und die Leidtragenden erlöst sind.
Die Berichte der Albaner haben solche die Orientierung erleichternden Wendungen selten zu bieten. Die Erzähler sind traumatisiert, äußern Fragmente. Schmerz erstickt die Rede, und Glück will sich selbst bei Happy-Ends nicht einstellen.
Vorvergangenen Freitag hat das der ARD-Journalist Christoph Lütgert überzeugend dargestellt. Sein Bericht handelte von einer Familienzusammenführung. Die Suche nach Vermißten, das Aufspüren von Adressen kamen einer Odyssee gleich. Als die Zusammenführung am Ende auf dem Hamburger Flughafen gelang, weinten die Kosovaren vor Glück, aber auch vor Verzweiflung. Hier kamen die Klischees des Mediums ähnlich ins Wanken wie in den eindringlichen Berichten der RTL-Reporterin Antonia Rados.
Stell dir vor, es ist Krieg, und du mußt ganz konzentriert fernsehen.
NIKOLAUS VON FESTENBERG
* Nach serbischen Angaben. * Durch Südvietnams Polizeichef Nguyen Ngoc Loan.
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 22/1999
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