02.05.2015

EntwicklungspolitikErntedankfest

Um den Hunger in Afrika zu bekämpfen, will Minister Gerd Müller Bauern schulen. Tatsächlich fördert er dabei die deutsche Industrie.
Am Rand des Feldes steht Sam Aweke(*) und starrt in den Qualm. Flammen zerfressen die Halme zu seinen Füßen. Mit der Hand umklammert er seine Sichel. "Ich habe alles verloren", sagt er. Aweke ist Kleinbauer im Tiefland Äthiopiens. Das Land, das jetzt brennt, gehört ihm nicht, aber er hat davon gelebt. Bis die äthiopische Regierung es vor Kurzem verpachtete. Großproduzenten wollen hier Felder anlegen, deshalb verbrennen sie vor Awekes Augen seine Ernte. Ohne das Gras wird er sein Vieh nicht durchbringen. Er wird sich und seine Familie nicht ernähren können.
"Eine Welt ohne Hunger" heißt die Initiative, mit der Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) den Ärmsten der Welt helfen will. In Äthiopien und zwölf weiteren Ländern sollen "Grüne Innovationszentren" die örtliche Landwirtschaft unterstützen. Doch statt bedrohten Kleinbauern wie Aweke zu helfen, setzt Müller auf Großproduzenten. Berater sollen helfen, höhere Erträge zu erzielen und sie professionell zu vermarkten. Dafür setzen sie deutsche Hochleistungsprodukte wie Landmaschinen und Saatgut ein. Das nützt vor allem den Unternehmen, die so ihre Produkte präsentieren können.
Hilfsorganisationen sind entsetzt. In einem Land wie Äthiopien, wo die Regierung Kleinbauern vertreibt, verschärfe Müllers Programm "die ländliche Armut", kritisiert die Welthungerhilfe. Mitte Februar wandte sich die zuständige Regionaldirektorin Ursula Langkamp per E-Mail an den Afrikabeauftragten der Kanzlerin, Günter Nooke. "Die Sinnhaftigkeit der Förderung von großflächiger Landwirtschaft" müsse sie "stark infrage stellen", schreibt sie. Die erhöhe "den Druck auf die genutzten Ackerbauflächen" - zum Schaden der Bauern und Hirten.
Auch diejenigen Bauern, die Gerd Müller erreichen will, profitierten nicht langfristig von dem Hilfsprogramm, sagt der entwicklungspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion Uwe Kekeritz: "Die Zentren werden die Abhängigkeit der Bauern von internationalen Konzernen fördern, insbesondere von Saatgutherstellern und Produzenten von Düngemitteln." Das Minis-
terium hält dagegen, dass Bauern ja nicht gezwungen würden, Hilfe anzunehmen.
Gut 25 Tagesmärsche von Sam Awekes Dorf entfernt liegt das Deutsch-Äthiopische Landwirtschaftliche Weiterbildungszentrum. Im Hof parken ein gewaltiger Mähdrescher in Lindgrün und ein Pflug, der Smaragd 470 K Grubber, beides deutsche Fabrikate. Kulumsa ist einer jener Orte, die Entwicklungsminister Müller zum Innovationszentrum ausbauen will. Bisher zahlt hier das Bundeslandwirtschaftsministerium ein "Kooperationsprogramm". Denn deutsche Unternehmen haben Afrika als Markt für sich entdeckt. 86 Prozent des urbaren Landes in Afrika lägen brach, verkündeten im Januar Berliner Agrarlobbyisten auf dem AGCO-Afrikagipfel. Bayer CropScience will in fünf Jahren 90 Prozent seines Umsatzes in Afrika mit neu entwickeltem Saatgut und Pflanzenschutz erwirtschaften.
Bereits Müllers Vorgänger Dirk Niebel (FDP) hatte 2013 ein eigenes Wirtschaftsprogramm aufgelegt: die German Food Partnership. Beteiligt sind mehr als 30 Unternehmen. Mit seinen Grünen Zentren hat Müller das Budget für solche öffentlich-privaten Partnerschaften jetzt verneunfacht, auf 81 Millionen Euro. Acht Jahre lang war Müller Parlamentarischer Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium und maßgeblich für dessen Exportförderung verantwortlich. Als er Ende 2013 Entwicklungsminister wurde, nahm er seinen zuständigen Referatsleiter, Gunther Beger, gleich mit. Hinter den Grünen Innovationszentren steckt nicht nur die gleiche Idee wie bei den Agrartrainings. Es kommen auch viele alte Bekannte zum Zug. Etwa die Landmaschinenfirma Rauch, die in sieben Ländern mitwirken soll, oder die Firma Fliegl, die für vier Zentren vorgesehen ist.
In Sam Awekes Nachbarschaft mussten in den letzten Jahren viele Leute umsiedeln, um Platz für finanzstarke Pächter zu machen. Die Regierung versprach dafür Strom, Kliniken und Lebensmittel. Es waren leere Versprechen. Jetzt sind sie abhängig von Freiwilligen, die sie versorgen, während ringsherum die Felder brennen.
* Name von der Redaktion geändert.
Von Kristiana Ludwig

DER SPIEGEL 19/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 19/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Entwicklungspolitik:
Erntedankfest

Video 03:29

Das Weiße Haus 1600 Pennsylvania Avenue

  • Video "Das Weiße Haus: 1600 Pennsylvania Avenue" Video 03:29
    Das Weiße Haus: 1600 Pennsylvania Avenue
  • Video "Schlepplift-Slapstick: Es zieht sich etwas" Video 00:30
    Schlepplift-Slapstick: Es zieht sich etwas
  • Video "Haie am Heck: Nur nicht ausrutschen" Video 00:45
    Haie am Heck: Nur nicht ausrutschen
  • Video "Teheran: Dutzende Tote bei Hochhauseinsturz" Video 01:10
    Teheran: Dutzende Tote bei Hochhauseinsturz
  • Video "Lawinenunglück in Italien: Polizeivideo aus zerstörtem Hotel" Video 01:02
    Lawinenunglück in Italien: Polizeivideo aus zerstörtem Hotel
  • Video "Obama überrascht seinen Pressesprecher: Er ist ein wirklich guter Mann" Video 01:25
    Obama überrascht seinen Pressesprecher: "Er ist ein wirklich guter Mann"
  • Video "Finne baut Eiskarussell: Dreh- und Angelpunkt" Video 01:46
    Finne baut Eiskarussell: Dreh- und Angelpunkt
  • Video "Russland: Putin glaubt nicht an Trumps angebliche Kontakte zu Prostituierten" Video 01:22
    Russland: Putin glaubt nicht an Trumps angebliche Kontakte zu Prostituierten
  • Video "Ältester Gorilla der Welt: Colo ist friedlich eingeschlafen" Video 01:05
    Ältester Gorilla der Welt: Colo ist friedlich eingeschlafen
  • Video "Schockmoment für Kitesurferin: Weißer Hai am Board" Video 01:14
    Schockmoment für Kitesurferin: Weißer Hai am Board
  • Video "Urlaubsort in Mexiko: Schießerei bei Musikfestival" Video 01:21
    Urlaubsort in Mexiko: Schießerei bei Musikfestival
  • Video "SPIEGEL TV über Magersucht: Krieg gegen den Körper" Video 01:50
    SPIEGEL TV über Magersucht: Krieg gegen den Körper
  • Video "Istanbul: Mutmaßlicher Attentäter gefasst" Video 00:34
    Istanbul: Mutmaßlicher Attentäter gefasst
  • Video "Türkisches Frachtflugzeug: Viele Tote bei Jumbo-Absturz in Kirgisien" Video 00:52
    Türkisches Frachtflugzeug: Viele Tote bei Jumbo-Absturz in Kirgisien
  • Video "Tschechien: Sporthalle stürzt unter Schneelast ein" Video 00:36
    Tschechien: Sporthalle stürzt unter Schneelast ein