02.05.2015

Gedenken„Westlich egoistisch“

Für die langjährige Chefin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, 71, ist der 8. Mai nicht allein ein Tag der Befreiung. Warum?
SPIEGEL: Frau Steinbach, woran denken Sie, wenn Sie an den 8. Mai 1945 denken?
Steinbach: Mein erster Gedanke ist: Gott sei Dank war der Krieg zu Ende! Endlich gab es keine Bombenangriffe mehr, und das Töten hörte auf! Und: Deutschland ist vom Nationalsozialismus befreit worden. Das war ein Glück ...
SPIEGEL: ... Sie klingen, als käme gleich ein großes "Aber" ...
Steinbach: Mit dem Abstand von 70 Jahren lässt sich deutlich erkennen, dass die Freiheit am 8. Mai 1945 nicht für alle kam. Nicht für Millionen Vertriebene, nicht für die Masse der Deutschen in Stalins Lagern und auch nicht für die Menschen vieler Völker östlich der Elbe in ganz Mittelosteuropa.
SPIEGEL: Sie finden also nicht, dass Richard von Weizsäcker 1985 die richtigen Worte gefunden hat: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung", sagte er damals.
Steinbach: Wenn Sie die ganze abgewogene Rede lesen, merken Sie, wie sorgfältig Richard von Weizsäcker diesen einen Satz eingebettet hat. Er hat das Schicksal etwa der Vertriebenen nicht ausgeblendet. Trotzdem ist seine Rede auf diese Formulierung verkürzt worden. Aber dieser ganz zentrale Tag der deutschen und europäischen Geschichte passt nicht in einen einzigen Satz. Er blendet millionenfaches Leid aus.
SPIEGEL: Wirklich? Es wurden doch alle von Naziherrschaft und vom Krieg befreit, auch in Osteuropa.
Steinbach: Natürlich, unbestreitbar. Aber der Satz beschreibt vor allem das Erleben im Westen, die westliche Sichtweise. So formuliert, ist der Satz ein Stück weit westlich egoistisch und ignoriert, dass weite Teile Europas mit ihren Menschen von einer unmenschlichen Diktatur in die andere gerieten und der Krieg an mancher Stelle fortgesetzt wurde, in Polen, Litauen und der Ukraine etwa.
SPIEGEL: Was ist daran egoistisch?
Steinbach: Wenn auf den "Tag der Befreiung" für die Betroffenen keine Freiheit folgt, ist es für sie auch kein "Tag der Befreiung" gewesen. Und so war es für viele Menschen in der späteren DDR, im Baltikum, in Ungarn, in Polen und der Tschechoslowakei und auch in der Sowjetunion. Gerade aus menschenrechtlicher Perspektive ist es unabdingbar, auch der Sichtweise dieser Menschen mehr Gehör zu verschaffen. Das dürfen wir weder ausblenden noch gar leugnen.
SPIEGEL: Was meinen Sie konkret?
Steinbach: Redefreiheit, Religionsfreiheit, Rechtsstaat - all das gab es nach dem 8. Mai östlich der Elbe nicht, das gab es schrittweise nur im Westen. Die Völker Mittel- und Osteuropas gerieten nahtlos von einer totalitären Diktatur in die nächste. Warum gab es denn die späteren Volksaufstände in der DDR, in Ungarn, in der Tschechoslowakei? Warum flohen die Menschen in Scharen in den Westen? Doch wohl vor allem, weil sie frei sein wollten. Die vollständige Befreiung des Ostens kam erst am 9. November 1989, dem Zerbrechen des Eisernen Vorhangs, hinter dem Menschenrechte keinen Platz hatten.
SPIEGEL: Sie vermengen die Befreiung vom Naziregime mit den Kriegsfolgen, die zwischen Ost und West ungleich verteilt waren.
Steinbach: Das vermenge ich keineswegs. Ja, die Rote Armee hat Auschwitz befreit und die US-Armee Dachau. Aber viele Lager der Nationalsozialisten wurden nach der Befreiung von den neuen kommunistischen Machthabern erneut benutzt. Für Theresienstadt ist das sehr anschaulich von H. G. Adler, der als Jude befreit wurde, beschrieben worden: "Die Befreiung von Theresienstadt hat das Elend in diesem Ort nicht beendet. Nein, nicht allein für die ehemaligen Gefangenen ... sondern auch für neue ... die Mehrzahl, darunter viele Kinder und Halbwüchsige, wurden bloß eingesperrt, weil sie Deutsche waren." Es kam auch vor, dass Juden, die aus Theresienstadt befreit wurden, Zwangsarbeit in der Tschechoslowakei verrichten mussten. Und mancher Kommunist, der der stalinistischen Gruppe Ulbricht in die Quere kam, wurde gleich wieder inhaftiert. Lager wie Buchenwald wurden vom NKWD in zehn Speziallager der Sowjets umbenannt. In diesen Sonderlagern wurden mehr als 40 000 Häftlinge ermordet, allein mehr als 7000 in Buchenwald. Die Opferzahl der sogenannten Russenzüge mit aus der SBZ/DDR zur Ermordung in die Sowjetunion deportierten Deutschen wird mit noch mal 25 000 Zivilisten angenommen.
SPIEGEL: Sie rechnen die Untaten Hitlers mit denen Stalins auf. Verbietet sich das nicht? Der Judenmord war ein singuläres Verbrechen in der Geschichte.
Steinbach: Ich rechne nicht auf. Ein Unrecht kann nicht durch ein anderes relativiert werden. Ich nehme alle Seiten der Realität wahr und blende nicht aus, dass nach Kriegsende in weiten Teilen Europas nicht Freiheit herrschte, sondern Diktatur und auch Gewalt. Wie erklären Sie deportierten Kindern, Frauen, Männern, dass sie "befreit" wurden? Oder den Millionen, die vertrieben wurden? Was denken die vielen Frauen, die nach Kriegsende von sowjetischen Soldaten vergewaltigt wurden? Solche Übergriffe gab es übrigens auch im Westen. In Freudenstadt im Schwarzwald hat der französische Kommandant die Stadt für drei Tage zum Plündern und zum Vergewaltigen freigegeben. Sind die Menschen, die dort lebten, "befreit" worden? Konnten sie es überhaupt so wahrnehmen?
SPIEGEL: Ist das nicht Wortklauberei?
Steinbach: Nein, es ist verpflichtend für humanes Denken, das Kriegsende auch aus Sicht der universellen Menschenrechte zu betrachten. Sie umschließen auch die Opfer jener Tage und der Jahrzehnte danach. Für den Menschen, der zum Opfer wird, ist egal, wer ihn quält. Erst wenn die Qual aufhört, ist er befreit. Wenn eine neue Qual kommt, nicht.
SPIEGEL: Mit Joachim Gauck ist nun erstmals ein Ostdeutscher Bundespräsident. Glauben Sie, dass er Worte findet, die Ihren Vorstellungen näherkommen?
Steinbach: Ich wünsche mir diesen umfassenden Blick auf den 8. Mai auch von Joachim Gauck sehr: auf das Befreiende an diesem Tag, aber auch auf das neuerliche Unrecht, das für so viele auf diesen Tag folgte. Der Bundespräsident hat in der Unfreiheit gelebt, er kennt das Gefühl. Er ist in der Lage, das ganze Bild zu sehen und es beim Namen zu nennen.
SPIEGEL: Wird es über den 8. Mai jemals einen gesellschaftlichen Konsens geben?
Steinbach: Solange es noch Zeitzeugen gibt, die das Kriegsende erlebt haben, ist das schwer. Solange Auschwitz-Überlebende uns berichten können oder Frauen, die tage- und nächtelang vergewaltigt wurden, kann man nicht erwarten, dass es einen einheitlichen Blick dazu gibt, was der 8. Mai 1945 für alle war oder gewesen zu sein hat. Als Menschenrechtspolitikerin ist es aber meine Aufgabe, alle Facetten des Leids und Unrechts aufzunehmen. Was der 8. Mai aber in jedem Fall ist, ist eine Mahnung und eine Verpflichtung, im Herzen Europas immer wieder für Freiheit, Versöhnung und Frieden einzutreten.
Interview: Nikolaus Blome, Peter Müller
Von Nikolaus Blome und Peter Müller

DER SPIEGEL 19/2015
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