02.05.2015

Rohstoffe Kahlschlag im Urwald

In Rumänien schwindet Stück für Stück eines der schönsten Waldgebiete Europas, die Karpaten. Manche Rodung ist illegal. Das Holz landet als Parkett oder Pellets auch in Deutschland.
Es ist nicht ganz einfach, mit Pfefferspray in Mund und Augen für die eigene Sache zu kämpfen. Gabriel Paun hat es trotzdem versucht, vor dem Tor eines riesigen Sägewerks im rumänischen Sebes. An jenem Tag im vergangenen Winter war Paun einem Lastwagen mit Holz gefolgt, der aus dem Nationalpark Retezat kam. Inmitten der Karpaten, inmitten eines der schönsten Waldgebiete Europas, inmitten einer bedrohten Welt.
Paun trug an dem Tag eine braune Weste, darunter einen Kapuzenpulli in Tarnfarbe. Die Haare waren kurz geschoren wie beim Militär. Paun, Aktivist der rumänischen Organisation Agent Green, folgte dem Laster bis zum Sägewerk. Er hatte einen Verdacht, und er brauchte nur einen Anruf, dann hätte er die Bestätigung.
In Rumänien gibt es eine Hotline, mit der die Herkunft von Holz überprüft werden kann. Sie ist unter derselben Nummer zu erreichen wie in Deutschland die Feuerwehr: 112. Das System kann anhand des Kfz-Kennzeichens jede Ladung rückverfolgen. Paun wählte die 112 - und am anderen Ende meldete sich eine Mitarbeiterin des Wood-Trackers des Umweltministeriums. Ihre Antwort ließ keinen Zweifel: Das Holz sei "illegal". Paun folgte dem Truck bis zum Eingang des Sägewerks, das zur österreichischen Schweighofer-Gruppe gehört. Er informierte die Sicherheitsleute. Doch die zogen nicht das Holz aus dem Verkehr, sondern Paun: Erst setzte es Schläge. Dann kam der Pfefferspray, und irgendwann ging Paun zu Boden - alles festgehalten auf verwackelten Videobildern.
In Rumänien ist das Filmchen ein Renner auf YouTube. Es ist ein Symbol nicht nur für die Sorge der Rumänen um ihren Wald, sondern auch für ihre Machtlosigkeit angesichts seines Verschwindens. In Gefahr ist auch einer der letzten europäischen Urwälder. Es sind Gebiete, in denen Braunbären, Wölfe und Luchse leben und die von Menschen über Jahrhunderte nicht berührt wurden.
Im Karpatenbogen steht das größte geschlossene Waldgebiet Mitteleuropas. Rund ein Drittel der Fläche Rumäniens - 6,6 Millionen Hektar - ist Wald, doch täglich sehen die Rumänen ihn irgendwo ausbluten. Jede Stunde verschwinden drei Fußballfelder voller Bäume, zeigt eine Studie von Greenpeace. Etwa vier Millionen Kubikmeter Holz, schätzt die Regierung, entnahmen Forstarbeiter jedes Jahr rechtswidrig - eineinhalb Cheopspyramiden könnte man damit füllen.
Die Abholzung der Wälder, auch das zeigt die Greenpeace-Studie, nahm zwischen 2000 und 2011 dramatisch zu. Es war die Zeit, als österreichische Holzverarbeiter wie Egger, Kronospan und Schweighofer sich in Rumänien breitmachten und schnell den Markt beherrschten. So groß wie Schweighofer allerdings wurde keiner: 465 Millionen Euro setzte das Unternehmen 2013 um, stattliche 96,5 Millionen Euro blieben als Gewinn hängen.
Die vier Werke Schweighofers sind Schleusen des Kahlschlags. Für die meisten der Laster aus den Karpaten endet dort die Fahrt. Die Baumstämme, die dort geschält, zersägt, geschreddert werden, landen später auch als Holzpellets, Parkett oder Laminatböden in deutschen und österreichischen Baumärkten.
Konzernchef Gerald Schweighofer hatte das Familienunternehmen gerade an einen finnischen Konzern verkauft, als er im Jahr 2002 nach Bukarest kam, um neu durchzustarten. Den Zeitpunkt hätte er besser nicht wählen können. Ein Jahr später versteigerte die Regierung Nastase einen Großteil des Holzes aus Staatsforsten auf Basis von Zehnjahresverträgen - allerdings kamen vor allem große Firmen wie Schweighofer zum Zuge. Bei den Wald-Auktionen vor Ort, erzählt Vasile Coman, Chef einer mittelgroßen Holzfirma im Norden des Landes, sei Schweighofer immer "der Erste am Tisch" gewesen. "Die hatten immer Priorität wegen ihres Vertrags und suchten sich das beste Holz zum niedrigsten Preis aus." Dann erst habe die allgemeine Auktion begonnen und Schweighofer habe "wieder zugeschlagen".
Die Österreicher hätten die Branche und die Preise dominiert. Viele einheimische Firmen seien nicht mehr mitgekommen. Tausende Möbeltischlereien, einst eine bedeutende Branche im Land, seien in den letzten Jahren bankrottgegangen. Das Unternehmen Schweighofer spricht von "transparenten" Verfahren und Preisen, die per "Indexierungsformel" an den Marktpreis angepasst worden seien.
Indexierungsformeln? Coman wunderte sich immer nur, warum der Holzpreis in Rumänien stetig stieg, während er weltweit sank. Vor wenigen Wochen hat er 160 Arbeiter entlassen müssen.
Auch Alexander von Bismarck hat seine Erfahrungen mit dem Schweighofer-Clan gemacht. Bismarck leitet die Environmental Investigation Agency in Washington, die sich auf verdeckte Umweltrecherchen spezialisiert hat. 2014 nahm er unter falschem Namen Kontakt zu Schweighofer auf. Er gab sich als Holzlieferant aus und drehte mit versteckter Kamera. Das Material liegt dem SPIEGEL vor, Szenen daraus zeigte vergangene Woche auch der rumänische Sender Antenna 3.
Zu sehen ist da Schweighofers Manager in Rumänien, Karl Schmid. Er prahlt in dem Film locker und entspannt mit der eigenen Dominanz. Im Land würden etwa sieben Millionen Kubikmeter Nadelholz pro Jahr geschlagen. "Wenn wir volle Kapazität fahren, brauchen wir viereinhalb Millionen für uns." Schmid wackelt ein bisschen mit der Plastikflasche in seiner Hand und sagt dann: "Da ist kein Platz für andere."
Das Gefühl, erdrückt zu werden, haben auch viele Menschen in Sebes, wo jenes Sägewerk steht, vor dessen Toren Aktivist Gabriel Paun Bekanntschaft mit dem Pfefferspray gemacht hat. Inzwischen wird dort gegen Schweighofer demonstriert, von illegalem Einschlag ist die Rede. 400 000 Hektar, rund sechs Prozent der Waldfläche des ganzen Landes, sind laut rumänischem Rechnungshof seit der Wende ohne Genehmigung abgeholzt worden. Den dadurch entstandenen Schaden schätzt die Behörde auf über fünf Milliarden Euro. Die Frage ist, wie viel von dem illegalen Holz bei Schweighofer landet.
Beweisen ließ sich der Verdacht bisher nicht. Der Wood-Tracker-Notruf 112, den die bis April amtierende sozialdemokratische Forstministerin Doina Pana einführte, blieb ein zahnloses Instrument: Kaum jemanden schreckt es, weil niemand ermittelt. Bei etwa 7000 Anrufen in den ersten sechs Monaten stellten sich zwar 2000 Transporte als illegal heraus. Tätig geworden sind die Behörden bisher allerdings nur in einem einzigen Fall.
Selbst das Holz aus dem Nationalpark, das Aktivist Paun meldete, entpuppte sich später offiziell als legal, obwohl der Anhänger nicht im System gemeldet war. Paun überzeugt das nicht. "Dass hier Papiere nicht stimmten und von fragwürdigen Firmen im Nationalpark gerodet wurde, obwohl Schweighofer auf seiner Homepage versichert, kein Holz daraus zu akzeptieren - diese dreiste Verbrauchertäuschung fiel bisher unter den Tisch."
Um Schweighofer herum sei ein "illegaler Sumpf entstanden, von dem offenbar nur Schweighofer nichts merkt", sagt Bogdan Tudor. Der Anwalt ist Präsident der Umweltorganisation Nostra Silva (Unser Wald) und hat mehrfach Holzbetrug aufgedeckt. In einem Fall ermittelt inzwischen auch die rumänische Antikorruptionsbehörde DNA. Dabei geht es um gefälschte Dokumente eines unter den Kommunisten verstaatlichten und nach der Wende rückübertragenen Gemeindewaldes in der Karpatenregion Valcea - "ein typischer Fall, wie man hier ins Geschäft kommt", so Tudor. Ein Fall von Hunderten ähnlichen.
Zu einigen dieser Eigentumstricksereien gibt es inzwischen forensische Gutachten von Kriminalisten. Sie legen den Verdacht nahe, dass da eine Truppe von Amateurfälschern am Werk gewesen ist: Auf dreiste Weise wurden mal Karten manipuliert oder Stifte genutzt, die es zum fraglichen Zeitpunkt noch gar nicht gab.
In Valcea ging es um den geplanten Kauf des Waldes dreier Berge, an dem die Schweighofer-Tochterfirma Cascade Empire interessiert war. Schweighofer lässt wissen, keine Informationen über gefälschte Dokumente oder forensische Reports zu haben. Warum jedoch einer der Cascade-Manager schon Monate vor dem fragwürdigen Eigentumsübergang mit den potenziellen Fälschern über das Gelände und Lieferkonditionen sprach, kann die Firma nicht erklären.
Involviert war in diesen Fall der damalige lokale Chef der rumänischen Waldbehörde Romsilva. Später leitete er sogar ein Natura-2000-Gebiet. Vergangene Woche wurde er wegen mutmaßlicher Bestechung verhaftet. Schweighofer zu Diensten war er auch in einem anderen Fall, der zeigt, wie groß der Druck war, der von den Österreichern ausging: Innerhalb von nur sechs Monaten, ergab die Untersuchung der Staatsanwaltschaft, sollten 22 000 Kubikmeter Holz an Schweighofer geliefert werden. Ein Teil des Holzes, das an die Österreicher ging, stellte sich als illegal heraus. Direkt dazu will Schweighofer nichts sagen, betont aber, sich an die gültige Gesetzgebung zu halten. Zudem klage man gegen den Mann wegen "nicht getätigter Lieferungen".
Zur Korruption, so Anwalt Tudor, gehören immer zwei: "Die Holzschlachtereien von Schweighofer waren der Katalysator für das illegale Abholzen der letzten zwölf Jahre." Trotz diverser Ermittlungen im Umfeld der Österreicher, so der Anwalt, wurde Schweighofer bisher nichts nachgewiesen.
Jetzt allerdings könnte es eng werden. In dem Film Bismarcks ist nämlich zu sehen, wie Manager des Konzerns ihm mehrfach versichern, es sei "kein Problem", wenn er mehr Holz liefere, als Genehmigungen vorlägen. "Es war schnell klar, dass sie keine Probleme mit illegalem Holz haben", sagt Bismarck. "Sie haben dafür sogar Boni geboten." Das Erfolgsgeheimnis, berichtet Bismarck, habe ihm Manager Karl Schmid so erklärt: "Frage nicht, wie ich's geschafft habe, aber ich hab's geschafft." Schweighofer, so Bismarck, sei "der Motor des Kahlschlags".
Schweighofer teilt dazu mit, die Preise seien "mengengestaffelt", hätten aber nichts mit Überlieferung zu tun. Im Übrigen sei der Mitschnitt des Gesprächs "völlig aus dem Zusammenhang gerissen". Doch das wirkt wie eine Standardfloskel, denn der Zusammenhang war immer klar.
Zum Beweis der eigenen Rechtschaffenheit leitet die Firma eine Mail von Ende April weiter. Sie ist an einen Ron Wilson gerichtet, das war der Tarnname Bismarcks. In der Mail wird erklärt, dass die "Legalität" des Holzes belegt werden müsse. Was Schweighofer nicht sagt: Zu diesem Zeitpunkt hatte ein Reporter von Antenna 3 die Firma schon mit dem brisanten Material des Films konfrontiert. Schweighofer ahnte offenbar, was auf das Unternehmen zurollt. "In den Mails zuvor, in denen ,Ron Wilson' immer wieder illegale Überlieferung anbot, war von Legalität keine Rede", sagt Bismarck.
Die Macht der Österreicher ist inzwischen auch der Politik unheimlich. Die Exministerin Doina Pana hat deshalb im vergangenen Jahr ein Waldgesetz erarbeitet, um das im Moment erbittert gerungen wird. Unangenehm für Schweighofer ist vor allem eine Klausel, die vorsieht, dass eine Unternehmensgruppe nicht mehr als 30 Prozent einer Baumart verarbeiten darf.
Die Österreicher zogen alle Lobbystrippen, um dagegen vorzugehen. In einem Brief drohte Gerald Schweighofer Ministerpräsident Victor Ponta sogar mit Klagen und Massenentlassungen. Das Gesetz soll laut dem Firmenpatron gegen EU-Recht und den freien Warenverkehr verstoßen. Während Pontas Sozialdemokraten relativ unbeeindruckt blieben, zeigte sich der neue konservative Präsident Klaus Johannis alarmiert: Die geplante Regel verstoße gegen Prinzipien der eigenen Verfassung, ließ er auf Facebook wissen.
Exministerin Pana kann darüber nur schmunzeln. Den Verfassungstext hat sie immer in ihrer Handtasche dabei, und die Seite mit Artikel 135 sieht aus, als sei sie schon oft aufgeschlagen worden. Darin steht, dass der Staat nationale Ressourcen zu schützen hat. Es möge ja sein, dass Schweighofer 3150 Jobs in Rumänien geschaffen hat, wie es im Brief an Ponta steht. "Aber wir haben 50 000 Arbeitsplätze in kleinen und mittleren Betrieben der Holzindustrie verloren."
Dem Ruf von Schweighofer hat das alles bisher nicht geschadet. Erst vor wenigen Monaten erhielt die Firma einen Preis als "Investor des Jahres" in Rumänien. Das Holz der vom windigen Tochterunternehmen Cascade bewirtschafteten Wälder hat sogar den nachhaltigen FSC-Status. Dies allerdings will die Organisation nun überprüfen, sagte ein FSC-Sprecher.
Lieferlisten, die dem SPIEGEL vorliegen, zeigen, wie weit verbreitet die Schweighofer-Produkte sind. Die deutsche Firma Classen, einer der weltgrößten Laminathersteller und Lieferant vieler Baumärkte, taucht dort ebenso auf wie die Denk GmbH, die Chefetagen und Firmenzentralen - etwa die von RTL2 - ausstattet. Classen bestreitet, Holz aus Rumänien zu beziehen, Denk äußerte sich nicht.
Die Supermarktkette Spar Österreich, die sich jüngst mithilfe des WWF als Öko-Unternehmen präsentierte und Holzbriketts aus Rumänien anbietet, lobte Schweighofers strikte "Regeln zur Nachverfolgung". Mit der Sache aus Rumänien, ließ eine Sprecherin vergangenen Dienstag wissen, habe es "nichts auf sich". Einen Tag später ruderte sie zurück: "Selbstverständlich", hieß es nun, gehe man der Sache "sofort noch mal neu nach".
Zu den größten Kunden von Schweighofer zählen österreichische Hersteller von Pellets, die ihre hölzernen Heizstäbchen auch nach Deutschland liefern. Häufig kaufen sie im Monat für über eine Million Euro bei Schweighofer ein.
Dass einer der letzten europäischen Urwälder illegal abgeholzt und dann in Österreich zum Heizen verbrannt werde - das, sagt Alexander von Bismarck, gehe nicht in seinen Kopf.
Von Klawitter, Nils

DER SPIEGEL 19/2015
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