02.05.2015

Global VillageKomplizierte Liebe

Wie junge Heiratsvermittler in Tel Aviv etwas für ihr Land tun wollen
Jessica Fass hat sich auf das Vermeiden von Liebeskummer spezialisiert. Sie sitzt in einem Straßencafé im Norden von Tel Aviv und präsentiert einen Fragebogen, der dabei helfen soll. Sie will von ihren Klienten wissen, was sie vor dem Schlafengehen als Letztes tun und wie lange ihre längste Beziehung dauerte.
"Gebrochene Herzen sind ein universelles Phänomen", sagt Fass, "aber in Israel gibt es ein paar besondere Herausforderungen."
Fass, 32 Jahre alt, trägt ein geblümtes Sommerkleid und eine schwarze Hipster-Brille, sie kam vor vier Jahren aus Los Angeles nach Tel Aviv. Früher verkuppelte sie Freunde miteinander. Irgendwann, sagt sie, habe sie festgestellt, dass sie ein "spezielles Talent" habe; seit eineinhalb Jahren arbeitet sie als Partnervermittlerin. Ihr Ziel ist es, "Juden mit Juden zusammenzubringen". Aber das ist manchmal gar nicht so einfach.
"Es gibt die Israelis, die hier geboren wurden, die amerikanischen Juden, die Franzosen, die russischen Einwanderer", sagt Fass. Oft seien die jeweiligen Rituale bei der Partnersuche, die "Dating-Kultur", völlig unterschiedlich. Fass sieht sich in einer langen Tradition: Im orthodoxen Judentum habe es schon immer Heiratsvermittler gegeben, die Schadchen. Und jetzt gehe in der jungen, säkularen Bevölkerung "der Boom gerade erst richtig los".
Fass zeigt auf Facebook ihre Erfolgsgeschichten: Auf einem Foto ist ein glückliches Paar am Strand zu sehen, auf einem anderen eine blond gelockte Dänin und ein Israeli bei ihrer Hochzeit. "Sie haben jetzt eine süße Tochter", sagt Fass und klingt stolz dabei. "The Fass Pass to Love" nennt sie ihre Methode, die hauptsächlich auf Intuition beruhe.
Zwar fänden sich Partner mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund oft attraktiv, sagt sie, aber das führe eben auch zu vielen Missverständnissen.
"Nach dem ersten Treffen dürfen meine Paare deshalb nicht direkt miteinander sprechen", erklärt sie. Stattdessen telefoniert sie mit beiden, um die Gefühlslage einzuschätzen. Falls sich eine Beziehung entwickelt, steht sie als eine Art beste Freundin zur Verfügung.
"Ich übersetze zwischen ihnen", erklärt Fass. Im Fall einer Hochzeit sind 6000 Schekel, umgerechnet rund 1400 Euro, fällig. "Das ist das, was auch die traditionellen Vermittler nehmen", sagt Fass.
Rund 15 000 Menschen aus aller Welt immigrieren jedes Jahr nach Israel, etwa die Hälfte davon ist alleinstehend. Viele junge Einwanderer kommen, um einen jüdischen Ehepartner zu finden. Doch 40 Prozent verlassen Israel innerhalb der ersten fünf Jahre wieder. Auch, weil sie einsam bleiben. Fass sieht es als eine Art zionistische Pflicht, genau das zu verhindern.
"Wenn ein Paar Israel gemeinsam verlässt, dann haben wir zumindest Hoffnung auf jüdische Babys", sagt Fass. Weil Juden in der Diaspora häufig Nichtjüdinnen heiraten und die Religion im Judentum über die Mutter weitergegeben wird, werden weltweit weniger jüdische Kinder geboren. Ein Phänomen, das viele Juden mit Sorge betrachten.
Wie schwierig die Partnersuche in einem fremden Kulturkreis ist, davon kann auch ein anderer Dating-Experte berichten: Johnny Stark, vor 34 Jahren in Manchester geboren, Gründer des Internetportals "Secret Tel Aviv".
"Die Männer in Großbritannien sind traditionell eher zurückhaltend", sagt Stark. Bei den israelischen Frauen aber sei er mit seiner schüchternen Art nicht gut angekommen. Die seien es gewohnt, dass der Mann die Initiative ergreife, sie mit Komplimenten überschütte und nach Erhalt der Telefonnummer sofort anrufe. "Sonst tut es ein anderer."
Unter Israelis sei es üblich, schnell in eine Partnerschaft einzusteigen. "Nach zwei Wochen werden einem die Eltern beim Schabbat-Dinner vorgestellt." Für seine Klienten angelsächsischer Herkunft sei das irritierend. "Für die ist es normal, am Anfang mehrere potenzielle Partner zu treffen." Für Israelis ein Tabubruch. Mit Franzosen und Russen wiederum gebe es oft Sprachprobleme, die blieben gern unter sich.
Jessica Fass sagt, der Großraum Tel Aviv sei Israels größtes Krisengebiet in Sachen Liebe. Schuld seien nicht nur die vielen Bars, sondern auch Kennenlern-Apps wie Tinder. "Die Auswahl ist so immens, dass sich die Leute kaum auf irgendwen einlassen können." Fass spricht von einem Aufmerksamkeits-Dating-Defizit, bei ihr klingt das fast wie eine Krankheit.
Sie sei an amerikanische Sitten gewöhnt gewesen, als sie nach Israel kam, erzählt Jessica Fass, auch sie musste erst viel lernen. Nach ein paar schrägen Dating-Erfahrungen zu Beginn, sagt sie, habe sie einen Freund gefunden, einen Einwanderer mit rumänischen Wurzeln. Doch gerade vor wenigen Tagen habe er sie verlassen. "Aus Angst, dass ich ihn nie ganz verstehen könnte." Sie hat nun selbst Liebeskummer.
Von Nicola Abé

DER SPIEGEL 19/2015
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