02.05.2015

TiereBambasaladusaladim

Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald - aber wie lange noch? Jagd, Klimawandel und die intensive Landwirtschaft bedrohen den Frühlingsboten.
Wo zum Kuckuck bleibt der Kuckuck? Um sechs Uhr in der Frühe hat Friederike Herzog das Vogelnetz am Rand eines alten Kiesweihers aufgespannt, 15 Meter lang, aus dünnem schwarzem Nylon.
Fitis, Zilpzalp und Mönchsgrasmücke jubilieren, während die ersten Sonnenstrahlen die Kälte der Frühlingsnacht verscheuchen. Ein Eisvogel putzt sich am Teich. Und aus einem Lautsprecher, den die Biologin an einen Busch gehängt hat, tönt stetig der Ruf des Kuckucksweibchens.
"Kwickwickwickwick" geht es in einem fort, ein helles Trillern, das ganz anders klingt als die kleine Terz des Kuckucksmännchens. Doch die Kuckucksdame vom Band erregt sich ohne Wirkung. Kein Männchen weit und breit, das ihrem Ruf folgt.
Nicht nur hier im Donautal bei Pfatter in der Nähe von Regensburg macht sich der Kuckuck rar. "In den letzten Jahrzehnten sind die Bestände bei uns insgesamt um etwa 20 Prozent gesunken", sagt Herzog, die für den bayerischen Landesbund für Vogelschutz (LBV) die Ursachen für den Rückgang ergründet. In Baden-Württemberg und im Saarland hat sich die Zahl der Tiere sogar mehr als halbiert.
Und auch im restlichen Europa ertönt der Ruf von Cuculus canorus, dem "wohlklingenden Kuckuck", deutlich seltener. Besonders prekär ist die Lage in Großbritannien, wo die Populationen zwischen 1995 und 2011 um 65 Prozent eingebrochen sind.
Der "Vogelmord" auf dem Zugweg nach Afrika, glaubt Herzog, der Klimawandel und der Verlust von Lebensraum sowie Nahrung durch die intensive Landwirtschaft könnten die Misere des Frühlingsboten befördern. "Für den Kuckuck wird es langsam eng", sagt die Biologin.
Zum Kuckuck, was ist da los? Der "rechte Verkündiger des Frühlings" (Tiervater Brehm) macht schlapp, der "Waldhüter", der wie kein zweiter Vogel den deutschen Volksliedschatz bereichert? "Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald", heißt es bei Hoffmann von Fallersleben, und "Der Kuckuck und der Esel" schreien um die Wette.
Oder das "Simsaladimbambasaladusaladim" aus der Volksweise "Auf einem Baum ein Kuckuck". Muss man diesen Vogel nicht lieben? Nein. Denn er ist auch ein Blender und Betrüger, ein Kükenmörder, eine "höchst problematische Natur", wie Goethe sagte. Und ein Schmarotzer: Seine Brut ziehen andere Vögel groß.
Und was für ein Schurkenstück das ist: Während das Kuckucksmännchen die potenziellen Adoptiveltern ablenkt, legt das Weibchen ohne viel Federlesen unbemerkt ihr Ei ins fremde Nest. Dort regiert alsbald ein kleiner Teufel.
Nackt kommt das Kuckuckskind zur Welt. Doch sein Kreuz ist breit und sein Ego groß. Blind, wie es ist, die Augen schwarze Beulen, schiebt es sich ein Ei nach dem anderen auf den Rücken und bugsiert es zum Nestrand.
Auch vor bereits geschlüpften Wirtsküken macht der Berserker nicht halt. So lange, bis er allein ist im fremden Nest und fortan fett gemästet wird von Vogeleltern, die nicht anders können, als ihnen die Biologie diktiert. Wie ein feister Sumo-Ringer sitzt das Küken am Ende im fremden Nest, gepäppelt von Eltern wider Willen, die im Extremfall nur ein Drittel so groß sind wie das Kuckuckskind selbst.
Bis zu 25-mal pro Brutsaison wiederholt sich das mörderische Treiben - pro Kuckuck. Denn so viele Eier kann ein Weibchen legen, jeweils eins pro Nest.
Der Kuckuck brütet nicht, er lässt brüten - Brutparasitismus heißt das bei den Biologen. Der Trick gelingt nur, weil sich das Tier über Jahrtausende gemeinsam mit seinen Wirten entwickelt hat. Das Kuckucksweibchen weiß alles über das Brutverhalten jener Vögel, in deren Nest es herangewachsen ist. Sogar die Eifarbe kopiert es, und zwar abhängig davon, in wessen Nest es aufwächst. Hellblau etwa ist das Ei eines Kuckucks, der vom Gartenrotschwanz aufgezogen wurde, olivbraun gefleckt dagegen jenes für das Teichrohrsängernest.
Doch genau diese Spezialisierung ist es auch, die dem Vogel mit der dunkelgrau gebänderten Sperberbrust jetzt zur Bürde wird. Der Kuckuck ist auf seinen Wirt angewiesen. Geht die Zahl der Neuntöter, Gartengrasmücken oder Goldammern zurück, bekommt auch er Probleme. Und genau das ist der Fall: Den Singvögeln geht es schlecht in der ausgeräumten Agrarlandschaft. Monokulturen, Pflanzen- und Insektengifte machen ihnen zu schaffen.
Die Bestände jeder dritten Brutvogelart gehen zurück, heißt es im jüngsten Bericht zum Status der Vogelwelt in Deutschland - auch deshalb, weil vielen die Nahrung schwindet. Vor allem die Spezialisten leiden, und da der Kuckuck zu diesen zählt, ist er auch hier wieder benachteiligt: Er goutiert wie kaum eine andere Art die "haarigen Raupen" der Nacht- und Tagfalter, berichtet Friederike Herzog. Auch diese gibt es immer seltener in der Agrarlandschaft.
Zudem droht der Klimawandel das fein orchestrierte Kuckuckskomplott zu stören. Der Kuckuck ist ein Langstreckenzieher. Sein jährlicher Zug führt ihn bis tief nach Afrika hinunter. Im deutschen Brutgebiet weilt er tatsächlich nur für etwa drei Monate, von Ende April bis Ende Juli. Sein Aufenthalt muss genau mit jenem der Wirtsarten synchronisiert sein. Sonst klappt der Eiertrick nicht, etwa weil die Küken der Wirtseltern bei seiner Ankunft längst geschlüpft sind.
Beispiel Teichrohrsänger: Vermutlich infolge der Erderwärmung kehrt er zum Beispiel in Bayern zwölf Tage früher als noch vor 36 Jahren aus seinem Winterquartier zurück. Auch der Gartenrotschwanz, ein weiterer Kuckuckswirt, kehrt mancherorts eine Woche eher Afrika den Rücken. Die Ankunft des Kuckucks indes hat sich nicht verschoben.
Herzog will nun genau wissen, ob es wirklich die mangelhafte Synchronisation mit den Wirten ist, die dem Kuckuck das Leben schwer macht. Daher hat der LBV zusammen mit der weißrussischen Organisation BirdLife Belarus ein Programm aufgelegt, um die Zugrouten und das Leben der Kuckucke genauer zu erkunden. Insgesamt 18 der Vögel haben die Forscher seit 2013 mit Satellitensendern ausgerüstet. Nur fünf Gramm wiegen die Geräte, die den Vögeln wie Zwergenrucksäcke auf den Rücken geschnallt werden. Winzige Solarzellen versorgen die Sender mit Strom. Alle 48 Stunden melden die Geräte ihre Position an die Wissenschaftler.
Auf ihrem Laptop zeigt Herzog eine Karte mit den derzeit noch aktiven Sendern (www.lbv.de/kuckuck). Als bunte Linien sind die Flugrouten der Kuckucke eingezeichnet. "Hier", sagt die Biologin und deutet auf ein blaues Vogelsymbol direkt bei Regensburg, "das ist ,Richard', der erste von unseren Kuckucken, der in diesem Jahr wieder zurück ins bayerische Brutgebiet gekommen ist." Dann fährt sie die Flugroute des Vogels ab; knapp 5000 Kilometer in nur zehn Tagen.
"Kucki", "Reinhard", "Käpt'n Kuck" oder "Juliane" heißen die besenderten Vögel. Die Daten enthüllen: Kuckucke sind Hochleistungsflieger. Bis zu 16 000 Kilometer legen die nur 120 Gramm schweren Tiere auf ihrer jährlichen Wanderung zurück. Die Sahara überqueren sie im Nonstop-Flug in etwa 48 Stunden - immerhin eine Strecke wie die von Hamburg nach Palermo. Sie trotzen der Wüstensonne genauso wie den Wolkenbrüchen der afrikanischen Regenzeit.
Aber manchmal haben sie schlicht Pech. So wie "Ruth", ein Weibchen, das im vergangenen Jahr sein Leben abrupt an einer deutschen Fensterscheibe aushauchte. "Ein tragischer Fall", sagt Herzog. Immerhin konnte die Biologin den Satellitensender bergen und erkunden, was Ruth zuletzt gefressen hat: Mehr als 470 Gespinstmotten-Raupen fanden sich in ihrem Magen.
Die gesammelten Daten will Herzog mit ihren Kollegen in den kommenden Monaten auswerten. Und dann in Afrika auf Kuckuckspirsch gehen: Welchen Lebensraum bevorzugt der Kuckuck an seinem Hauptwohnsitz? Welche Gefahren drohen auf den Zugwegen? Schließlich: Wie viele Kuckucke fallen den kilometerlangen Vogelnetzen in Ägypten oder den Leimruten auf Zypern oder in Frankreich zum Opfer?
An der Donau in Bayern zumindest fliegt am Ende doch noch einer ins Kuckucksnetz. "Wir haben ihn!", ruft Herzog und sprintet zum Fangnetz hinüber, das sie per Fernglas überwacht hat.
Ein Kuckucksmännchen hat sich in den Maschen verfangen. Geschickt löst die Biologin den Vogel aus dem Netz. Das überraschend große Tier mit dem hellgelben Augenring kommt in einen Stoffsack und dann auf die Waage. Später nimmt Herzog das Flügelmaß und befestigt einen Ring am Bein des Vogels.
Etwas benommen von der Prozedur sitzt der Vogel anschließend noch einen Moment ganz ruhig auf der Hand der Biologin. Dann streckt er seine Flügel, hebt ab und verschwindet schnell zwischen den Bäumen.
Hat er noch eine Zukunft, der Meister der Zweitonmusik? Weiß der Kuckuck.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 19/2015
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