02.05.2015

FeinmechanikUnimog der Zeitmessung

Wer eine Luxusuhr hat, muss sie in der Markenwerkstatt reparieren lassen. Die freien Handwerker sind raus aus dem Geschäft. Dabei arbeiten viele genauso gut - und günstiger.
Dem Lauf der Zeit mit einer Patek Philippe zu folgen zählt nicht zu den präzisesten Methoden der Messtechnik, wohl aber zu den erhabensten. Die Luxuschronometer aus Genf (Preise ab etwa 10 000 Euro) sind prädestinierte Erbstücke. Sie gehörten dem Eigner "nie ganz allein", sagt die Firmenwerbung.
Dass der Träger des Stücks schon zu Lebzeiten mit langen und kostspieligen Trennungsphasen rechnen muss, offenbart ein Kostenvoranschlag, der infolge einer Indiskretion durch die Fachkreise geistert und für Spott und Empörung sorgt. Patek Philippe teilt dem Kunden darin mit, er möge sich auf einen Instandsetzungspreis von 18 354,56 Euro einstellen. Voraussichtliche Reparaturdauer: "ca. 4 Jahre".
Was ist drin in einer Uhr, dass die Überholung so teuer werden kann wie ein neuer Kleinwagen und so langwierig wie der Bau eines Flughafens? Das betroffene Exemplar sei ein exotischer Oldtimer, erklärt Yannick Michot, Geschäftsführer von Patek Philippe in Deutschland. Bei solchen Reparaturen müssten Ersatzteile neu angefertigt werden, dabei zahle das Unternehmen sogar drauf.
Ob der Auftrag letztlich ausgeführt wurde, verrät Michot nicht. Fest steht, dass die Instandsetzung unter den Vorgaben der Herstellerfirma der einzige Weg ist, den der Besitzer einer solchen Uhr gehen kann, um die Preziose seinen Nachkommen funktionierend zu hinterlassen.
Im Uhrmacherhandwerk herrscht kein freier Wettbewerb. Anders als Autohersteller, die vom Gesetzgeber gezwungen werden, auch unabhängige Werkstätten mit Ersatzteilen zu versorgen, müssen Uhrenproduzenten das nicht tun. Sie haben das Recht, ihre Klientel exklusiv zu bedienen und nach Belieben abzukassieren.
Nach dem Kauf der Uhr ist der Kunde nicht nur auf das Netz der Vertragswerkstätten angewiesen, er kann bei den meisten Luxusmarken noch nicht einmal entscheiden, etwa nur das Werk instand setzen zu lassen. Ist aus Sicht des Herstellers oder seines Konzessionärs das Zifferblatt nicht mehr hübsch genug, wird auch dieses häufig ausgetauscht, eine Teilreparatur abgelehnt.
Die Situation wäre vergleichbar mit einer Autowerkstatt, die nur dann einen Ölwechsel vornimmt, wenn sie bei dieser Gelegenheit auch Lackierung und Sitzbezüge erneuern darf: Praktisch jeder Eingriff läuft auf eine Generalüberholung hinaus, die im günstigsten Fall 500 Euro kostet, bei größeren Komplikationen auch mal 18 354 Euro und 56 Cent.
Dass Menschen das freiwillig mit sich machen lassen, muss den Gesetzgeber nicht empören. Niemand ist darauf angewiesen, eine mechanische Luxusuhr zu tragen. Delikat ist das Thema jedoch im Hinblick auf die ausgebooteten Handwerker - und als solches inzwischen Gegenstand einer Klage am Gericht der Europäischen Union.
In Deutschland gibt es knapp 3000 freie Uhrmacherbetriebe, die sich mehr oder weniger kläglich in der Mangelwirtschaft selektiver Teileversorgung eingerichtet haben. Reduziert auf einige deutsche Marken wie Junghans, Nomos und die wenigen Schweizer Anbieter wie Oris, die sich dem Boykott nicht anschließen, hat sich der Hamburger Uhrmachermeister Klaus Ohle zunehmend auf die Instandsetzung alter Wanduhren verlegt. Der 58-Jährige zählt zu den Institutionen der Zunft in der Hansestadt; er hat Lehrlinge ausgebildet, seit fast 30 Jahren einen eigenen Betrieb und in der Frühzeit an nahezu allen Fabrikaten gearbeitet. Was dann um die Jahrtausendwende im Teilevertrieb passierte, sei "nicht ganz das, was man sich so unter freier Marktwirtschaft vorstellt".
Rolex, Breitling, Cartier - eine Prestigemarke nach der nächsten kappte die freie Teileversorgung. Die Hersteller argumentierten durchweg, sie müssten ihren guten Ruf vor Pfuschern schützen. Laut Holger Pitzal, dem Servicechef von Breitling in Deutschland, führte eine Generalinspektion der Branche vor etwa 20 Jahren zu schlimmen Befunden: "Schöne Verkaufshallen und dahinter Werkstätten wie in der Vorkriegszeit, das wollten wir im Sinne des Kundenschutzes nicht haben." Auch Peter Streit, Rolex-Chef in Deutschland, beteuert, die Ausgrenzung der freien Betriebe sei "zum Vorteil und zur Qualitätssicherung für den Endkunden".
Doch was war da in Gefahr? Haben Schlamper massenhaft Uhren kaputt repariert, Kunden verdrossen und dem Image der Marken geschadet? Diesen Beleg hat kein Uhrenhersteller je erbracht, auch nicht, als das Thema vor elf Jahren erstmals zu Rechtsstreitigkeiten führte. Seitdem zankt sich der europäische Uhrmacherverband (CEAHR) mit der EU-Kommission um eine Grundsatzfrage, die in der Kfz-Branche längst zugunsten der freien Handwerker entschieden wurde. Hier betont die Kommission: "Unabhängige Werkstätten sind wichtig, weil sie die Auswahl für die Verbraucher vergrößern und den Preis für Reparaturen wettbewerbsfähig halten."
Das erscheint logisch, doch für Uhrmacher gilt ein anderer Beschluss. Im vergangenen Jahr beendeten die EU-Kommissare die Debatte mit der Entscheidung, dass die "selektiven Reparatursysteme der Hersteller von Prestigeuhren auf qualitativen Kriterien" basierten. Diese würden "nicht in diskriminierender Weise angewendet". Obendrein seien die "lebenslangen Reparatur- und Wartungskosten im Vergleich zum Preis der Uhr nicht signifikant".
Die erste Einschätzung mag Ansichtssache sein, die letzte ist sachlich falsch. Die Uhrmacher ließen sich so nicht abbürsten und verklagten die EU-Kommission im vergangenen Oktober.
In dem anhängigen Verfahren müssen die Juristen nun vor allem technische Dinge bewerten. So hatte Breitling die ab 15. April 2000 geltende Liefersperre mit der "Komplexität unserer Produkte" begründet, "welche spezielle Werkzeuge ebenso wie eine gezielte Ausbildung erforderlich machen".
Was an der Mechanik so komplex sein soll, erschließt sich Fachleuten nicht. Zu Beginn der Liefersperre und noch neun Jahre darüber hinaus setzte Breitling im Wesentlichen das Standarduhrwerk ETA 7750 der Swatch Group ein, einen millionenfach produzierten Unimog der Zeitmesstechnik, der gerade wegen seiner überschaubaren und robusten Bauweise geschätzt wird.
ETA war nach dem Siegeszug der billigen (und viel genaueren) Quarzuhr in den Siebzigern als einziger Schweizer Massenproduzent mechanischer Uhrwerke übrig geblieben. In den Neunzigern erlebten Luxuschronometer als Männerschmuck einen neuen Boom. ETA wurde zum Zentrallieferanten. Allmählich wächst die Zahl der Alternativen, doch in einem Großteil des Bestands ticken ETA-Werke. Alle Uhrmacher, die in den vergangenen 30 Jahren ausgebildet wurden, haben an ihnen ihr Handwerk gelernt.
Klaus Ohle könnte ohne Weiteres eine Breitling reparieren. Er bekäme auch alle ETA-Teile, denn Swatch beliefert direkt den Großhandel - wenn auch nur noch bis zum Jahresende. Doch schon jetzt kann Breitling den freien Meister ganz einfach ausbremsen. Um ins Werk vorzudringen, muss der Uhrmacher den Sekundenzeiger lösen; der aber ist meist so fest aufgenietet, dass er sich nicht ohne Beschädigung abtrennen lässt; beim Zusammenbau ist dann ein Originalersatzteil vonnöten - und das bekommt der unabhängige Handel schon lange nicht mehr.
Der Ausweg aus der Misere - und das propagieren auch die Hersteller gern - könnte darin bestehen, sich für eine Marke oder ganze Firmengruppen zertifizieren zu lassen. Der Lüneburger Uhrmachermeister Artus Knabe tat dies und investierte im vergangenen Jahr etwa 50 000 Euro in seine Werkstatt; er bekommt jetzt Teile für viele Uhren der Swatch Group, auch für deren begehrte Marke Omega. Mit zwei Angestellten repariert er in einem reinraumartigen Atelier mit Feinststaubsaugern und Kompressionsgeräten zur Prüfung der Wasserdichtigkeit. In einer schlichteren Werkstatt, sagt er, könne "ein guter Uhrmacher auch ein tadelloses Ergebnis abliefern. Er wird nur länger dafür brauchen".
Knabe überholt eine Drei-Zeiger-Uhr je nach Zustand zu Preisen ab 180 Euro und würde das auch gern für Kunden anderer Marken tun. Doch die Hersteller müssen einen Betrieb nicht zertifizieren, nur weil er die Standards erfüllt. Und was sollte sie motivieren, einen perfekt ausgestatteten Meisterbetrieb zu unterstützen, der die Geldmaschine ihres eigenen Wartungssystems mit ehrlichen Preisen torpediert?
Die Swatch Group nahm keine Stellung zu Anfragen, scheint aber vergleichsweise reformbereit. Seit drei Jahren beliefert sie immerhin Betriebe, die vom deutschen Zentralverband für Uhren, Schmuck und Zeitmesstechnik zertifiziert sind - allerdings nicht mit Ersatzteilen ihrer Prestigemarken.
Verbandspräsident Ernst Gottlieb sieht in solchen Vereinbarungen die einzige Chance für die freien Uhrmacher. An einen glücklichen Ausgang der CEAHR-Klage glaubt er nicht, stattdessen setzt er auf einen mühsamen Verhandlungsweg. Gottlieb hat zwei Meisterbriefe, einen im Goldschmiede- und einen im Uhrmacherhandwerk, fühlt sich aber von einigen Repräsentanten der Uhrenhersteller behandelt "wie ein Landstreicher".
Derzeit wirbt er um ein Abkommen mit dem Genfer Richemont-Konzern - einer Schatzkammer der Branche mit Traummarken wie Cartier. Doch die Gespräche verlaufen zäh. Die letzte Verhandlungsrunde scheiterte vor knapp einem Jahr in München, als Richemont forderte, ein zweitägiges Seminar für den Batteriewechsel simpler Quarzuhren zur Bedingung zu machen. Verbandsgeschäftsführer Horst Eberhardt verabschiedete sich mit Goethes Götz-Zitat aus dem Besprechungsraum.
Jetzt im Mai soll es wieder ein Treffen geben. Richemont sagt nichts zum Stand der Gespräche. In einer knappen E-Mail teilt das Unternehmen mit, es betrachte die Angelegenheit als "privat und vertraulich".
Von Christian Wüst

DER SPIEGEL 19/2015
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