01.04.1991

„Denen trauen wir jetzt alles zu“

In Stasi-Camps wurden aktive Terroristen der RAF nicht nur an Schußwaffen und Panzerfäusten ausgebildet: Der DDR-Geheimdienst hat den westdeutschen Untergrundkämpfern auch den Umgang mit Lichtschranken-Zündern für Sprengsätze beigebracht - Modell womöglich für den Mord an Bankier Alfred Herrhausen.
Hans-Dieter Gaudig, 52, Sprengstoffexperte beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR, demonstrierte westdeutschen Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) "Möglichkeiten elektromechanischer sowie elektronischer Zündauslösung".
Anhand eines Modells - Holzbrett, Batterie, Kabel, Glühbirne - erklärte der Fachmann seinen Schülern, wie mit Hilfe einer Lichtschranke Anschläge auf bewegliche Ziele, etwa Autos, verübt werden können.
Die Unterweisung, Anfang der achtziger Jahre in der Nähe von Frankfurt an der Oder, hatte nach Einschätzung westdeutscher Polizeiexperten verheerende Folgen. Am 30. November 1989 wurde der Dienstwagen des Chefs der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, 59, auf dem Seedammweg in Bad Homburg von einer 50-Kilo-Bombe zerrissen. Für den Bankier, der auf dem rechten Rücksitz gesessen hatte, kam jede Hilfe zu spät - Herrhausen verblutete.
Gut ein halbes Jahr später, am 27. Juli 1990, traf es Hans Neusel, 63, Staatssekretär im Bonner Innenministerium. Ein Sprengsatz, der an der rechten Leitplanke der Autobahnabfahrt Bonn-Auerberg deponiert worden war, zerfetzte die rechte Vorderseite seines Wagens. _(* Auf Herrhausen 1989. ) Nur weil Neusel, entgegen aller Gewohnheit, seinen blauen BMW selbst gesteuert hatte, überlebte er mit leichten Verletzungen.
Zu beiden Attentaten bekannte sich die RAF. Und bei beiden Anschlägen arbeiteten die Terroristen mit modernster Technik: Die Explosionen wurden jeweils durch geschickt getarnte Lichtschranken ausgelöst. Die generalstabsmäßig ausgeführten Anschläge sind nach Einschätzung westdeutscher Terroristenfahnder die Früchte der Stasi-Schulung. Mehr noch: Die Stasi-Unterstützung soll sich nicht nur auf theoretische Nachhilfe beschränkt haben.
Die RAF-Experten gehen davon aus, daß der SED-Staat sogar die heute noch bombenden und per Steckbrief gesuchten Terroristen bis zur Wende unterstützt hat. Ein Fahnder: "Denen trauen wir jetzt alles zu."
Tatsächlich hat die unheimliche Allianz von Stasi & RAF (SPIEGEL 25/1990) in der Woche vor Ostern eine neue Dimension bekommen. Bislang waren Bonner Sicherheitspolitiker überzeugt, daß sich die Hilfeleistung der DDR darauf beschränkt hatte, aussteigewilligen Terroristen Unterschlupf zu gewähren und aktiven RAF-Mitgliedern allenfalls die Durchreise zu erlauben.
Nun jedoch sagen verschiedene Zeugen aus, daß der Arbeiter-und-Bauern-Staat, der bei jeder Gelegenheit seine Friedensliebe öffentlich zur Schau stellte, in Wahrheit in aller Stille mit den RAF-Bombenlegern paktierte, die dem westdeutschen Staat den Krieg erklärt hatten. Die DDR soll die Genossen aus Deutschland-West mit Barem und Flugtickets versorgt und außerdem an Waffen ausgebildet haben.
Am Dienstag vor Ostern ließ Generalbundesanwalt Alexander von Stahl mehrere Beschuldigte festnehmen. Außer gegen Ex-Minister Erich Mielke, 83, der zur Zeit in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee einsitzt, ergingen Haftbefehle gegen sechs ehemalige MfS-Offiziere, die zum kleinen Kreis der Eingeweihten der Stasi-RAF-Connection zählten: _(* Am Dienstag vor Ostern bei seiner ) _(Festnahme in Ost-Berlin. ) *___Gerhard Neiber, 61, als Generalleutnant einer der ____ehemaligen Stellvertreter Mielkes und der ____viertbestbesoldete Geheimdienstler (Jahresgehalt 1989: ____rund 68 250 Mark) der früheren DDR, zu dessen ____Dienstbereich die Hauptabteilung (HA) XXII zählte; *___Gerhard Plomann, 55, der als Oberstleutnant ____(Jahresgehalt 1989: rund 37 500 Mark) das Sekretariat ____Neibers leitete und mitunter an der RAF-Schulung als ____Zuschauer teilgenommen haben soll; *___Günter Jäckel, 56, der als Oberst (Jahresgehalt: rund ____42 000 Mark) stellvertretender Leiter der HA XXII war ____und die RAF-Terroristen auch persönlich betreute; *___Harry Dahl, der seit 1973 zunächst eine Arbeitsgruppe ____Antiterror (AG XXII) aufbaute und bis 1985 als Oberst ____die spätere HA XXII leitete; sein Nachfolger war Oberst ____Horst Franz; *___Gerd Zaumseil, 43, der als Major in der HA XXII die ____RAF-Aussteiger und -Aktivisten persönlich betreute.
Vorerst "durch die Lappen gegangen" (von Stahl) ist Helmut Voigt, Oberstleutnant außer Diensten. Den Referatsleiter in der Antiterrorabteilung, der die RAF mitbetreut haben soll, trafen die Fahnder nicht an. Aus Sicherheitskreisen verlautete, Voigts Aufenthaltsort könnte womöglich beim Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach bekannt sein.
Seit September vergangenen Jahres hatten sich bei von Stahl ("Dies sind die eigentlichen Stasi-Schweinereien") die Hinweise auf aktive MfS-Hilfe beim RAF-Terror verdichtet, über die das ARD-Magazin "Monitor" in der Woche vor Ostern erstmals berichtete.
Bis zum 18. März, dem Ausstellungsdatum der Haftbefehle, hatten die Karlsruher Ermittler dann "drei Säulen von Beweismitteln" (von Stahl): Neben den Aussagen der früheren hauptamtlichen MfS-Mitarbeiter zementierten einschlägige Belege aus Stasi-Akten ebenso den Verdacht wie die Angaben der inhaftierten RAF-Aussteiger Inge Viett und Henning Beer. Von Stahl: "Es ist bombensicher, daß diese Ausbildung stattgefunden hat."
Offiziell distanzierte sich der SED-Staat stets vehement vom Terrorismus in jeder Form. Mielkes Stellvertreter Neiber brandmarkte den Terrorismus auf internationalen Konferenzen, "weil er die Fackel sein kann, um einen neuen Krieg zu beginnen".
Tatsächlich jedoch förderte die DDR nicht nur die RAF, sondern vielerlei militante Aktivitäten: *___Palästinensische Freischärler und Befreiungsbewegungen ____der Dritten Welt erhielten von Ost-Berlin Waffen, ____Ausbildung und Geld; *___Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) ____wurden in der DDR für den möglichen Partisaneneinsatz ____bei etwaigen Krisen in der Bundesrepublik ausgebildet ____(SPIEGEL 1/1990); *___Rechtsextremisten wie der inzwischen wegen versuchten ____Mordes verurteilte Neonazi Odfried Hepp oder der zur ____Fahndung ausgeschriebene Udo Albrecht durften Anfang ____der achtziger Jahre die DDR als vorübergehenden ____Zufluchtsort nutzen und wurden mit Geld und Papieren in ____den Nahen Osten weitergereicht.
Die wichtigste Figur unter den Verhafteten ist zweifellos Neiber, dem zahlreiche Hauptabteilungen unterstanden - von der Sicherung der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen (HA I) bis zur Abteilung M, deren Mitarbeiter millionenfach das Post- und Fernmeldegeheimnis brachen.
Der vom Stasi-Bezirksleiter in Frankfurt/Oder nach ganz oben aufgestiegene Neiber war womöglich nach Mielke und neben dem Spionagechef Markus Wolf der mächtigste Mann in der Kraken-Organisation. Sein Vorgänger, der 1982 verstorbene Generaloberst Bruno Beater, hatte offenbar mit dem Segen von Erich Honecker und Mielke Ende der siebziger Jahre die ersten RAF-Verbindungen hergestellt.
Neiber leitete bis zur Wende die Geheimprojekte "Stern I" und "Stern II", wie bei der Stasi die logistische Unterstützung für die aktive RAF und die Einbürgerung der RAF-Aussteiger geführt wurden. Neiber rühmte noch vergangenes Jahr, die DDR-Führung habe mit der Entsorgung der RAF-Altlast der Bundesrepublik doch einen Dienst erwiesen.
Bedingung für die Aufnahme der international gesuchten mutmaßlichen Terroristen, behauptete Neiber, sei der Verzicht auf jegliche Gewalt und jeden Kontakt mit den nachwachsenden Gesinnungsgenossen im Westen gewesen. Ziel der Aktion sei es gewesen, Täter "aus der RAF herauszubrechen" - die Stasi, dein Freund und Helfer.
Doch nun sieht sich Neiber dem Vorwurf ausgesetzt, er selber habe der RAF die Logistik für immer neue Gewalttaten verschafft. Den Beschuldigten, die am Mittwoch dem Ermittlungsrichter in Karlsruhe vorgeführt wurden, wirft die Bundesanwaltschaft Beihilfe zum versuchten Mord und zur Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion vor.
Als Organisatoren von RAF-Ausbildungslagern sollen die Stasi-Führer maßgeblich an der Vorbereitung zweier Attentate beteiligt gewesen sein: des Sprengstoffanschlages auf den pfälzischen US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein am 31. August 1981, bei dem 20 Personen verletzt wurden, und des Angriffes auf den Wagen des US-Generals Frederick Kroesen, 68, in Heidelberg.
Am 15. September 1981 hatten Terroristen den Mercedes des hohen Militärs mit einer Panzerfaust angriffen; Kroesen wurde in seinem gepanzerten Wagen nur leicht verletzt.
Die Nachricht von der Komplizenschaft des anderen Deutschland mit der mörderischen RAF sorgte für neuen Zündstoff in der schwelenden Auseinandersetzung um die Aufarbeitung der widerwärtigen Stasi-Hinterlassenschaft.
Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) nahm die neuesten Erkenntnisse zum Anlaß, für das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz Einblick in die Unterlagen des Mielke-Ministeriums zu fordern. Zum Verdruß westdeutscher Sicherheitsexperten wie des Hamburger Verfassungsschutz-Chefs Christian Lochte werden die Unterlagen vom Stasi-Sonderbeauftragten der Bundesregierung, Joachim Gauck, unter Verschluß gehalten.
Eine allgemeine Amnestie für Stasi-Mitarbeiter, von Innenminister Schäuble und Justizminister Klaus Kinkel (FDP) favorisiert, wird nach den jüngsten Enthüllungen kaum noch eine Chance haben. Kinkel: "Da wird man noch einmal etwas darüber nachdenken müssen." Und sein Parteifreund Burkhard Hirsch, innenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, sinnierte: "Der Gedanke an eine Amnestie rückt in immer weitere Ferne."
SPD-Chef Hans-Jochen Vogel forderte Generalbundesanwalt von Stahl auf, den bereits bestehenden Haftbefehl gegen den ins Moskauer Exil ausgeflogenen Ex-Staatschef Honecker auf Unterstützung einer terroristischen Vereinigung zu erweitern.
Den RAF-Ausbildern auf die Spur gekommen sind Fahnder des Bundeskriminalamts (BKA) bereits Ende letzten Jahres. Seit Monaten befragen Wiesbadener Beamte gezielt ehemalige Mitarbeiter der Hauptabteilung XXII, Sitz Berlin-Hohenschönhausen, Ferdinand-Schultze-Straße, die seit 1980 für "Terrorismusabwehr" zuständig war und, paradox, selber für Schutz und Ausbildung der RAF-Täter sorgte.
Fündig wurden die Vernehmer zuerst bei unteren Chargen. Von "Schießübungen" mit vier Personen, "die nur mit Decknamen vorgestellt wurden", berichtete etwa der Waffensachverständige Norbert Wetzel, 47. Dem gleichen "Kollektiv" vermittelte der Sprengmeister Hans-Dieter Gaudig "Möglichkeiten zur Durchführung konventioneller und unkonventioneller Terroranschläge".
Von Betreuungsmaßnahmen bei "terroristischen Gruppierungen" berichtete Walter Lindner, 38, beim Stasi ehemals zuständig für ausländische Gäste. Paramilitärisches Training mit "Judoübungen und Pistolenschießen" bei den RAF-Kadern räumte, auf hartnäckige Vorhalte, auch der stellvertretende Hauptabteilungs-Chef Jäckel ein.
Auf den bewaffneten Kampf vorbereitet wurden angeblich die westdeutschen Top-Terroristen Christian Klar, 38, Adelheid Schulz, 36, Helmut Pohl, 47, und Inge Viett, 47.
Henning Beer, 32, der anfangs bei Info-Treffs zwischen RAF und Stasi dabei war, hat sich nach Angaben seines Hamburger Anwalts Reinhard Daum vor der Waffenausbildung vom Terrorismus losgesagt.
Nach dem Tod der RAF-Gründer um Andreas Baader und Ulrike Meinhof und dem Ausstieg von etlichen Kämpfern wie etwa Susanne Albrecht oder Sigrid Sternebeck drillte die Stasi Anfang der achtziger Jahre in ihrem Ausbildungscamp fast die komplette Kommandoebene der zweiten RAF-Generation. Nach den Verhaftungen von Klar und Schulz und dem Ausstieg von Viett sollen später laut Bundesanwaltschaft die RAF-Aktivisten Ingrid Jakobsmeier, 37, und Christa Eckes, 41, nachgerückt sein.
Das Ausbildungslager des MfS lag im märkischen Briesen (2100 Einwohner) zwischen Berlin und Frankfurt/ Oder, wo die Stasi rings um den verschlafenen Ort gleich ein halbes Dutzend Objekte besaß, darunter das "Forsthaus An der Flut" direkt am See. Die mit Eisengitter und Zäunen befestigte Anlage, als Ferienheim für Stasi-Mitarbeiter deklariert, war nur über einen schmalen, sandigen Waldweg erreichbar.
Auf dem Areal mit Bootsanleger, Codename: "Objekt 74", trafen 1980 die ersten steckbrieflich gesuchten RAF-Täter ein. Zunächst kamen die Terrorismus-Aussteiger von Susanne Albrecht bis Werner Lotze, die in dem Versteck eine Legende, falsche Papiere und neue Wohnadressen erhielten.
Alsbald aber wurden auch aktive RAF-Kader in der abgeschotteten Wohnanlage für Tage oder Wochen einquartiert - in einer trostlosen Unterkunft, eingerichtet im typischen DDR-Stil mit Schrankwand und Sofa.
Bewegung im Lager bot ein Ballspielplatz, Geselligkeit eine holzgetäfelte Kellerbar, in der immerhin Whisky der Marke "Johnnie Walker" und einheimischer "Nordhäuser Korn" für die Gäste vorgehalten wurden. Zum Lesen gab es fast nur Stasi-Lektüre, etwa "Dr. Sorge funkt aus Tokyo - das Porträt eines heldenhaften Kundschafters" oder "Schild und Flamme - Erzählungen und Berichte aus der Arbeit der Tscheka".
Auf ihre Gastgeber im Frankfurter Forst machten die militanten Klassenkämpfer einen "nervlich und körperlich zerschlagenen Eindruck" (Lindner). Nach Erinnerung des Betreuers mußten die RAF-Mitglieder erst einmal "hochgepäppelt" werden, ärztliche Hilfe inklusive.
Kaum waren die Kader bei Kräften, erinnerten sie sich wieder an ihren Kampfauftrag und fragten, so Lindner, "um praktische Schießausbildung" nach.
Die Stasi ließ sich nicht lange bitten. Zur Tarnung wurden die Männer und Frauen in Uniformen der Nationalen Volksarmee gesteckt und auf verschiedene nahegelegene Truppenübungsplätze gebracht. Nach Angaben von Oberst Jäckel erhielten die RAF-Rekruten eine umfassende Ausbildung. Sie wurden nicht nur im Umgang mit Pistolen und sowjetischen Armeekarabinern unterwiesen, sondern feuerten auch mit der legendären Kalaschnikow auf Pappkameraden.
Geschossen wurde nicht nur mit Ost-Gerät. Experte Wetzel erinnert sich an mindestens elf Waffen aus westlicher Produktion, darunter eine Pistole Smith & Wesson, Kaliber .357 Magnum, eine Maschinenpistole von Heckler & Koch, Kaliber 9 mm (Para) und das G 3, das Standardgewehr der Bundeswehr.
Nach Jäckels Aussage wurden die Terroristen außerdem "im Herstellen von Zünd- und Sprengmitteln unterwiesen". Der umfassende Drill, behauptet Jäckel heute, habe vor allem dazu gedient, ein "Vertrauensverhältnis" zur RAF aufzubauen. Zudem habe sein Amt auch die "tatsächlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten" der Gruppe testen wollen.
An die Leistungen ihrer Schützlinge erinnern sich Betreuer wie Lindner noch genau: Bei Übungen mit der Pistole Makarow sei die Trefferquote sehr unterschiedlich gewesen: "Inge Viett hat gut geschossen, Pohl hat schlecht geschossen und Klar normal."
Höhepunkt des Trainings war die Ausbildung an der sowjetischen Panzerfaust RPG 7, die Experten wegen ihrer Durchschlagskraft und Zielgenauigkeit schätzen. Nach Einschätzung des Schießausbilders Wetzel waren die Terroristen mit der Panzerfaust nicht vertraut: "Ich hatte den Eindruck, daß sie Angst vor der Waffe hatten; sie wirkten äußerst unsicher."
Die Stasi beschränkte sich nicht darauf, die Terroristen nur auf Panzer schießen zu lassen. Eigens für die RAF schafften die Ausbilder eine gebrauchte Mercedes-Limousine herbei, ähnlich wie sie US-General Kroesen fuhr.
Stasi und RAF wollten offenbar einen Anschlag so lebensnah wie möglich simulieren. Um die Wirkung auf Fahrzeuginsassen zu testen, wurde der Wagen mit vier Puppen besetzt. Zu diesem Zweck hatten Helfer Arbeitsanzüge mit Sägemehl ausgestopft. Zusätzlich wurde ein Schäferhund in den Wagen gesperrt. An dem Tier sollten die Folgen von Granatsplittern bei Lebewesen getestet werden.
Die Folgen eines Granaten-Treffers gab der Zeuge Wetzel zu Protokoll: _____" Der Plasmagasstrahl der Hohlladungsgranate trat auf " _____" der gegenüberliegenden Seite des Pkw im Teil der hinteren " _____" Türscheibe aus. Bei der Detonation der Hohlladungsgranate " _____" wurden sämtliche Türen des Pkw aufgerissen, die Front- " _____" und Rückscheibe herausgedrückt. Die Puppen auf dem " _____" Fahrersitz und Beifahrersitz wurden nach vorn gedrückt " _____" auf das Armaturenbrett, die hinteren Puppen saßen " _____" unverändert auf dem Rücksitz. Der im Fahrzeug angebundene " _____" Schäferhund war von dem Gasstrahl getroffen und war am " _____" verenden. "
Ob dieser Panzerfaust-Test die Generalprobe für das Kroesen-Attentat war, geht aus den vorliegenden Zeugenaussagen nicht eindeutig hervor. Lindner hat vor den Karlsruher Ermittlern erklärt, die Zielübungen hätten 1981 stattgefunden.
Gestützt wird diese Version von der Ex-Terroristin Inge Viett, die seit Juni letzten Jahres nach ihrer Festnahme in der DDR in Untersuchungshaft ist. Die "RAF-Oma" (Szene-Jargon), auf deren Aussage sich die Generalbundesanwaltschaft in den erweiterten Haftbefehlen hauptsächlich stützt, behauptet ebenfalls, mit den Panzerfäusten sei 1981 ("im Februar/März"), also vor dem Kroesen-Attentat, geübt worden.
Dem widersprechen die Aussagen der Zeugen Gaudig, Wetzel und Jäckel. Die Stasi-Offiziere versichern, daß die Waffen- und Sprengstoff-Unterweisung erst nach dem Anschlag auf den US-General Kroesen und die Basis in Ramstein erfolgte. Zudem bestreiten Gaudig und Jäckel, die wahre Identität ihrer Azubis seinerzeit gekannt zu haben.
Auch der verhaftete Jäckel, der als Stasi-Führungskraft sehr wohl wußte, wen er vor sich hatte, velegt den Panzerfaust-Lehrgang ins Jahr 1982 - womöglich eine Schutzbehauptung.
BKA-Fahnder schließen nicht aus, daß sich die drei abgesprochen haben und den RAF-Lehrgang bewußt um ein Jahr verschoben haben. Dann könnten sie, so womöglich ihr Kalkül, für den Ramstein-Anschlag und das Kroesen-Attentat nicht zur Verantwortung gezogen werden.
Für Anführer Neiber aber sieht es wohl ungünstiger aus. Der Stasi-General soll, so Erkenntnisse des BND, neben Mielke auch für Mord- und Kidnapping-Pläne, ausgeheckt gegen Regimegegner und Feinde im Ausland, verantwortlich gewesen sein. Ein BND-Bericht: "Die Pläne für die jeweiligen Liquidierungen wurden nur in einem Exemplar handschriftlich erstellt und von Minister Mielke oder dessen Stellvertreter, General Neiber, persönlich abgezeichnet."
Neiber war bis vorige Woche in seinem Haus im Ost-Berliner Stadtteil Hohenschönhausen, Oberseestraße 28, in Deckung geblieben. Oft verbrachte er auch mehrere Tage am brandenburgischen Scharmützelsee östlich von Berlin.
Im Badeort Bad Saarow, unter der geheimen Adresse Friedrich-Engels-Damm, Flur 17, Flurstück 414, auf dem auch der gesuchte Oberstleutnant Voigt ein Haus besitzt, trafen sich regelmäßig ehemalige Generale und Obristen der Stasi, um Pläne für die Zukunft zu schmieden. Nach Auskunft eines Informierten bezeichneten sie sich als "Selbsthilfegruppe".
* Auf Herrhausen 1989. * Am Dienstag vor Ostern bei seiner Festnahme in Ost-Berlin.

DER SPIEGEL 14/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 14/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Denen trauen wir jetzt alles zu“

Video 00:35

Mini-Oktopus auf Wohnungssuche Meine Muschel - mein Haus!

  • Video "Älteste Fallschirmspringerin der Welt: 102-Jährige wagt den Absprung" Video 01:15
    Älteste Fallschirmspringerin der Welt: 102-Jährige wagt den Absprung
  • Video "Nach dem Attentat in Straßburg: Das Land wird durchgerüttelt" Video 01:37
    Nach dem Attentat in Straßburg: "Das Land wird durchgerüttelt"
  • Video "Mordversuch an jungem Syrer: Ich dachte, das ist mein letzter Tag" Video 09:20
    Mordversuch an jungem Syrer: "Ich dachte, das ist mein letzter Tag"
  • Video "Schnellste Bewegung der Tierwelt: Dracula-Ameisen - niemand schnappt schneller" Video 01:18
    Schnellste Bewegung der Tierwelt: Dracula-Ameisen - niemand schnappt schneller
  • Video "Selfmade-Vulkan: Geoforscher produzieren Lava-Bomben" Video 02:35
    Selfmade-Vulkan: Geoforscher produzieren "Lava-Bomben"
  • Video "Naturphänomene: Umgedrehter Regenbogen und Nebensonne gefilmt" Video 00:45
    Naturphänomene: "Umgedrehter Regenbogen" und "Nebensonne" gefilmt
  • Video "Hambacher Forst: Aktivistin Norah über das Leben im Wald" Video 00:59
    Hambacher Forst: Aktivistin Norah über das Leben im Wald
  • Video "Während Terror-Einsatz in Straßburg: Eingeschlossene Sportfans singen Nationalhymne" Video 01:09
    Während Terror-Einsatz in Straßburg: Eingeschlossene Sportfans singen Nationalhymne
  • Video "Eklat im britischen Parlament: Politiker entfernt royalen Zeremonienstab" Video 01:21
    Eklat im britischen Parlament: Politiker entfernt royalen Zeremonienstab
  • Video "Steigender Meeresspiegel: Indiens versinkende Inseln" Video 03:30
    Steigender Meeresspiegel: Indiens versinkende Inseln
  • Video "Rauch in der Kabine: Indisches Flugzeug muss notlanden" Video 00:34
    Rauch in der Kabine: Indisches Flugzeug muss notlanden
  • Video "Trump-Drohung: Ich wäre stolz, die Regierung lahmzulegen" Video 00:41
    Trump-Drohung: "Ich wäre stolz, die Regierung lahmzulegen"
  • Video "Probleme mit der Autotür: May kommt einfach nicht raus" Video 00:53
    Probleme mit der Autotür: May kommt einfach nicht raus
  • Video "China: Kakerlakenzucht als Wirtschaftsfaktor" Video 01:27
    China: Kakerlakenzucht als Wirtschaftsfaktor
  • Video "Neu Delhi: Affenplage im Regierungsviertel" Video 01:10
    Neu Delhi: Affenplage im Regierungsviertel
  • Video "Mini-Oktopus auf Wohnungssuche: Meine Muschel - mein Haus!" Video 00:35
    Mini-Oktopus auf Wohnungssuche: Meine Muschel - mein Haus!