01.04.1991

„Lieber tot als unfähig“

Über Tarnorganisationen versucht die finanzstarke Scientology-Kirche in der deutschen Wirtschaft Fuß zu fassen. Firmen, die auf Sekten-Linie eingeschwenkt sind, traktieren ihre Mitarbeiter mit verquerer Ideologie.
Müßten Sie sich eindeutig anstrengen, um über Selbstmord nachzudenken?" lautet Frage 102 auf dem Testbogen, den die Bewerberin ausfüllen soll. "Neigen Sie dazu, eifersüchtig zu sein?" heißt es an anderer Stelle. "Blättern Sie einfach aus Vergnügen in Fahrplänen, Telefon- oder Wörterbüchern?"
Die junge Frau, die sich bei einer Berliner Elektronikfirma als Sekretärin beworben hat, wundert sich über die Einstellungskriterien. Warum, so fragt sie sich, will das Unternehmen wissen, ob sie an "ihren Fingernägeln oder Gegenständen" herumkaue, langsam esse, spät zu Bett gehe und manchmal ein unwillkürliches "Zucken in den Muskeln" verspüre?
Und was, bitte schön, hat ihre Einstellung zu Ratenkäufen, Rassentrennung und Strafvollzug auf Bewährung mit einer Arbeit als Bürokraft zu tun?
Aber die Arbeitslose steht unter Druck, seit Wochen schon sucht sie einen neuen Job. Deshalb setzt sie sich über ihre Bedenken hinweg und gibt gewissenhaft Auskunft. Außerdem macht der mehrseitige Fragebogen einen wissenschaftlichen Eindruck: "Oxford Capacity Analysis Test" steht auf dem Front-Blatt. Mit den ersten drei Buchstaben des Copyright-Kürzels L.R.H. allerdings kann die Frau nichts anfangen.
Hinter den Initialen verbirgt sich Lafayette Ronald Hubbard (1911 bis 1986), Gründer der umstrittenen und wohl einflußreichsten Sekte weltweit - der Scientology Church. Bezogen wird der "Oxford-Test" von der Personalberatungsfirma U-Man International, Generalvertretung Berlin. Deren Inhaber, der Berliner Zahnarzt Farhad Raschidi, gilt als hochgestellter Scientologe, Ehefrau Heidi ist Leiterin der Berliner Sekten-Filiale.
Über Tarnorganisationen mit unverfänglichen Namen versucht der in über 30 Ländern vertretene Psycho-Multi (Hauptverwaltung: Los Angeles/USA) neuerdings gezielt, in der deutschen Wirtschaft Fuß zu fassen.
Bei der Bonner Beratungsstelle Aktion für geistige und psychische Freiheit (AGPF) häufen sich die Anfragen von Unternehmen, die nach eigenen Angaben mit Scientology in Berührung gekommen sind - zu den Ratsuchenden gehören Banken, Versicherungen und Kreditkartenunternehmen, berichtet der AGPF-Geschäftsführer Ingo Heinemann.
"Der Trend geht eindeutig dahin, ganze Betriebe heimlich zu unterwandern, um sie langfristig auf Scientology-Linie zu bringen", sagt Hartmut Hauser, Weltanschauungsbeauftragter im baden-württembergischen Kultusministerium. "Entscheidend zugenommen" habe in den letzten Monaten die Zahl der Anrufe beunruhigter Arbeitnehmer, die in ihrem Betrieb auf Aktivitäten des Hubbard-Clans stießen.
Türöffner ist in vielen Fällen der Unternehmensberater. Immer häufiger betätigen Scientologen sich als Consulting-Experten und bieten vor allem mittelständischen Betrieben ihre Dienstleistungen an. Auf diese Weise gelangt die Religionsgemeinschaft, die bei der AGPF unter der Bezeichnung "destruktiver Kult" geführt wird, an geschützte Personaldaten, kann ihr Gedankengut verbreiten und erhält Einfluß auf Unternehmensentscheidungen. Nur in den wenigsten Fällen kennen die Firmenchefs den ideologischen Hintergrund ihrer Berater.
Wenn es ums Geschäft geht, kann den Scientologen kein Konkurrent das Wasser reichen - kein Anhänger des Koreaners Mun und auch kein Bhagwan-Schüler. Aggressive Anwerber, gesalzene Preise für bombastische Heilsversprechen und enormer Leistungsdruck haben das Unternehmen - als eingetragener Verein steuerprivilegiert - zu einem Marktführer der Kult-Branche gemacht.
Allein in der Bundesrepublik unterhält der Konzern derzeit zehn "Kirchen" und 30 "Missionen"; die Zahl der deutschen Anhänger wird von Experten auf über 200 000 geschätzt, der Jahresumsatz auf 150 Millionen Mark.
Das Kunstwort Scientology heißt "Wissenschaft vom Wissen"; die "Wissenschaft" ist eine Mischung aus Science-fiction und Psycho-Exerzitien, angereichert mit Okkultismus und Geheimbund-Krämerei. Bibel ist das Hubbard-Werk "Dianetik".
Leseprobe aus Schulungsmaterial: "Vor 35 Billionen Jahren löste ein böser Fürst namens Xenn das Problem der Überbevölkerung auf einem anderen Planeten, indem er zwei Billionen Thetanen zur Erde brachte, die zu jener Zeit als Teegeeack bekannt war - er stopfte sie in Wasserstoffbomben, die er in einem Vulkankrater explodieren ließ."
Dem scientologischen Schöpfungsmythos zufolge steckt noch heute in jedem Menschen ein Thetan, eine Art Geistwesen, das unsterblich ist und auch mal aus der Haut fahren kann, "exterior gehen". Doch der Thetan bleibt zumeist unerweckt; die Erdenbürger schleppen sich vielmehr, an Körper und Seele krank, durchs irdische Jammertal.
Heil und Heilung verspricht, scientologo, die Hubbardsche Lehre. Durch zum Teil mehrwöchige Schwitzkuren in der Sauna ("Reinigungs-Rundown") und ein andauerndes Intensiv-Verhör ("Auditing") sollen die Adepten geläutert werden und zu einem OT ("Operierender Thetan") erstarken, zu einem Übermenschen, der gegen atomare Strahlung, Homosexualität, Arthritis und alle möglichen Unbilden der Zivilisation gefeit ist.
Auch Zeit und Raum sind für einen Scientologen mit Erleuchtungsgrad keine Hindernisse mehr. OT können, wie Die Zeit spottete, "ihren Thetan mal kurz über den Nordpol schweben lassen oder auf der Zeitspur die Neandertaler besuchen".
Besonders auf labile, frustrierte, sinnsuchende Menschen übt Scientology eine hohe Anziehungskraft aus. Einmal ins Magnetfeld der "Kirche" geraten, sind viele bereit, für die Erleuchtung (im Scienti-Jargon "Clear" genannt) kräftig ins Portemonnaie zu langen. Die gesamte Palette der angebotenen Kurse kostet rund 450 000 Mark.
Für viele wirkt Scientology überzeugend, weil das angebotene Welterklärungsmodell in sich geschlossen ist. Auf jede Frage gibt es eine Antwort, jede Krise läßt sich angeblich mit Hilfe der Sekte bewältigen, und jedes Gegenargument bestätigt den Scientologen nur in seinem Glauben: Er allein weiß, dank Hubbard, was die Welt im Innersten zusammenhält - Kritiker sind Geistesgestörte oder, schlimmer noch, Kriminelle.
Bundeskriminalamt, FBI, staatliche Stellen in England und Australien sowie Gerichte in aller Welt haben sich schon mit dem glücksverheißenden Wirken der "Kirche" befaßt. Die Urteile fielen häufig eindeutig aus. Als "korrupt, sinister und gefährlich" sowie "gesellschaftsschädlich" wurde die Sekte von Richter Sir John Latey am High Court London eingestuft, Scientology basiere auf "Lug und Trug".
Die Münchner Staatsanwaltschaft kam zu dem Ergebnis, daß es sich "bei dem System Scientology" um eine "Ideologie mit ausgeprägten totalitären Grundprinzipien" handele. Aufgrund der vorliegenden Beweismittel bestehe der Verdacht, das Ziel der Organisation sei "die wirtschaftliche Ausbeutung hörig gewordener Kunden, die selbst wieder zur Kundengewinnung und Kundenausbeutung eingesetzt werden".
In den letzten Wochen ist das Heimholungswerk der besonderen Art verstärkt unter Beschuß geraten. In Hamburg versucht eine neu gegründete Bürgerinitiative, den Scientologen das Leben mit Protestveranstaltungen vor deren "Dianetik"-Zentrum im Stadtteil Eppendorf schwerzumachen - unter großer Anteilnahme der lokalen Presse. Die Senatskanzlei hat gegen Scientology ein Verfahren auf Entziehung des steuergünstigen Vereinsetiketts angestrengt, die Bürgerschaftsabgeordnete Ursula Caberta (SPD) stellte sogar einen Strafantrag wegen "Bildung einer kriminellen Vereinigung".
Die baden-württembergische Landesregierung will jetzt ein Gutachten über mögliche juristische Schritte gegen die Sekte in Auftrag geben. Und die Bonner Abgeordneten Eckart Kuhlwein (SPD) und Michael von Schmude (CDU) betreiben die Einsetzung eines Parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Bundestag.
Bislang ist die Scientology Church in der Öffentlichkeit vor allem durch ihre massive Werbung aufgefallen. Wer in Augsburg oder Berlin, Hannover oder Leipzig durch bestimmte Straßen stiefelt, läuft Gefahr, plötzlich einen beständig lächelnden Menschen an der Hacke zu haben, der hartnäckig zu einem Informationsgespräch in die nahegelegene Niederlassung bittet.
In Flugschriften, gern mit dem Kopf Einsteins versehen ("Wir nutzen nur 10 % unseres geistigen Potentials"), bringt die Sekte ihre frohen Botschaften hunderttausendfach unters Volk. Prominente wie die Sängerin Julia Migenes, der Jazz-Pianist Chick Corea, der Maler Gottfried Helnwein oder der Schauspieler John Travolta bekennen sich in aufwendig gestalteten Hochglanzbroschüren zu Hubbard.
Das Bekenntnis offenbart mitunter auch recht schlichte Denkungsart. Travolta: "Als ich vor 15 Jahren meinen ersten Film ,Nachts, wenn die Leichen schreien'' drehte, ging es mir schlecht. Da verhalf mir Scientology zur Lebensweise des Lächelns."
Daß im Land des Lächelns auch ordentlich Geld gescheffelt wird, darüber schweigen Hubbard & Co meist. Nur wenig ist bislang über Organisationsstruktur, Finanzgebaren und, vor allem, den Einfluß von Scientology im Wirtschaftsleben publik geworden.
Rund 60 Basis- und Untergruppen sowie Absplitterungen hat die Stuttgarter Aktion Bildungsinformation (ABI), seit Jahren mit den Aktivitäten der Sekte befaßt, aufgelistet. "Doch diese Zahl vermittelt allenfalls einen fragmentarischen Überblick", sagt ABI-Juristin Helga Lerchenmüller, "denn Scientology agiert am liebsten im verborgenen." "Unheimlich wie eine Krake" sei die Sekte, befand auch Die Welt, "überall verbreitet, aber fast nie zu sehen".
Scientology ist, einer esoterischen Loge ähnlich, streng hierarchisch aufgebaut. Die Lehre gilt als Geheimwissen und wird den Eingeweihten, ihrem Rang entsprechend, häppchenweise verabreicht. Mitarbeitern ist es strengstens verboten, Informationen oder Unterlagen an Außenstehende weiterzugeben. Abtrünnige werden eingeschüchtert, kritische Medien mit Prozessen überzogen.
Zur Verdunkelungsstrategie der Sekte gehört, daß viele Werber zwar mit der Botschaft, nicht aber mit dem Warenzeichen Scientology ins Haus fallen: *___Scientology-Anhänger, die als Unternehmensberater mit ____Management-Kursen und Personalschulung auf Seelenfang ____gehen, vermeiden meist sorgfältig jeden augenfälligen ____Hinweis auf ihre "Kirche". *___Etliche Firmen, in denen die Chefetage auf Sekten-Linie ____gebracht ist, schicken ihre Mitarbeiter unter dem ____Vorwand der innerbetrieblichen Weiterbildung zu ____Scientology-Trainern; die Arbeitnehmer kommen oft erst ____nach geraumer Zeit dahinter, wo sie gelandet sind. *___Eine Reihe von Sekten-Ablegern schiebt humanitäre ____Anliegen vor, zum Beispiel das Drogenhilfeprojekt ____"Narconon", die "Kommission für Verstöße der ____Psychiatrie gegen Menschenrechte" oder die ____"Gesellschaft zur Förderung religiöser Toleranz und ____zwischenmenschlicher Beziehungen".
Beharrlich leugnen Sekten-Mitglieder den Zusammenhang zwischen Glauben und wirtschaftlichem Engagement. "Der Zusammenhang ist konstruiert, um Scientology ins soziale Abseits zu stellen", sagt Sabine Titzel, Sprecherin der Hamburger Filiale.
"Verwaltungs-Anordnung ED 1040 INT" des Hubbard-Büros indes beschrieb detailliert den "Plan für die Ausweitung von Scientology auf das Geschäftsleben", Ziel: die "völlige Kontrolle". Vier Schritte der Anordnung: *___"Suche dir ein Geschäft aus, welches bereits sehr gut ____arbeitet." *___"Wende dich an den höchsten Direktor und verbreite ____Scientology." *___"Lokalisiere SP''s (Suppressive Person: jemand, der ____Scientology stört) in der Organisation und wirf sie ____hinaus." *___"Auditiere die leitenden Angestellten und zeige ihnen, ____um was es sich handelt, das wird dann den Zyklus in ____Gang setzen . . . die leitenden Angestellten werden die ____Jungmanager und das andere Personal dazu drängen, ____Auditing zu nehmen."
Ein spezieller "Kodex" im "Handbuch für den Ehrenamtlichen Geistlichen" verpflichtet jedes Sektenmitglied darüber hinaus, "die Größe und Stärke der Scientology überall in der ganzen Welt zu mehren" und nach Kräften dazu beizutragen, "daß die Scientology in der Welt an spürbarem Einfluß gewinnt".
Große Bedeutung bei der globalen Mission haben nach Ansicht von Sekten-Experten wie Helga Lerchenmüller "wirtschaftliche Kampforganisationen". Diese Zirkel seien zumeist mit einigen Vorzeige-Unternehmern besetzt und fungierten als "Koordinierungs- und Kontaktstellen" bei der Expansion von Scientology.
Der in Düsseldorf ansässige "Verband engagierter Manager" hat laut Satzung vom 28. Mai 1984 den Vereinszweck, "die Fähigen fähiger zu machen". Zu den Gründungsmitgliedern gehört Klaus Kempe, einer der größten Immobilienhändler im Rhein-Main-Gebiet, den die Sekte für seine großzügigen Spenden zum "Patron" von Deutschland ernannt hat.
Auf Vortragsveranstaltungen ("Wie kann ich in einem schrumpfenden Markt expandieren?") und in Rundschreiben propagiert der Verein die Management-Techniken Hubbards. Erfolg sei bei genauer Befolgung der Anweisungen des Gurus "zwangsläufig".
Der "Verband verantwortungsbewußter Geschäftsleute", eingetragen in Neu-Ulm, versuchte auch Politiker zu kobern. So schrieb der Klub nach der Barschel-Affäre Bundestagsabgeordnete und Minister an, um sie auf "Wert und Sinn moralischen Handelns" hinzuweisen. Beigelegt war die Hubbard-Schrift "Der Weg zum Glücklichsein".
Die Antworten waren durchweg positiv. "In der Tat wäre die Welt ein schönerer Ort, wenn die in der Broschüre formulierten Grundsätze eines von Vernunft und Verantwortung geprägten Lebens breiter beachtet würden", schrieb etwa das Büro von Außenminister Hans-Dietrich Genscher, dessen Mitarbeiter von den Hintermännern der Aktion offenbar keine Ahnung hatten. Arbeitsminister Norbert Blüm ließ verlauten, er habe bislang noch keine Zeit gefunden, die Schrift zu lesen, "sich dies jedoch fest vorgenommen". Und der CDU-Abgeordnete Joachim Kalisch bedankte sich nicht nur artig für die "Zusendung der Bücher von Herrn Hubbard", sondern schickte außerdem noch einen "Unkostenbeitrag" in Höhe von zehn Mark.
Auch die meisten der diversen Unternehmensberater, Glaubensrichtung Scientology, können auf die Arglosigkeit ihrer Geschäftspartner bauen. Die Oxford-Tests der Berliner Firma U-Man beispielsweise gingen an so namhafte Firmen wie die Deutsche Krankenversicherung oder die Berliner Volksbank.
Sie haben nach eigenem Bekunden von der Verbindung zur Scientology nichts gewußt und wurden damit gleich doppelt geleimt. Denn der "Persönlichkeitstest", den U-Man mit 51 000 Mark pro Hunderterpack inklusive Computerauswertung berechnet, ist nahezu identisch mit den Schnüffel-Bögen, die fleißige Anwerber vor den Sektenfilialen feilbieten - und das ganz umsonst.
Der Hamburger U-Man-Vertretung ist es im letzten Jahr beinahe gelungen, einen dicken Fisch an die Angel zu bekommen: die Wirtschaftsakademie Schleswig-Holstein (WAK). Das Bildungswerk schult im Auftrag der Industrie- und Handelskammern Führungskräfte großer Unternehmen. Der Fall belegt, wie schnell selbst ehrwürdige Institutionen einen Scientologen im Haus haben.
Mit der Empfehlung eines befreundeten Unternehmens in der Tasche hatte sich die U-Man-Geschäftsführerin Bärbel Jacimovic im April vorigen Jahres bei der Akademie vorgestellt. WAK-Chef Wolfgang Krickhahn reagierte zunächst zurückhaltend.
Da die junge Dame, bei den Scientologen Operierender Thetan, im Laufe des Gesprächs jedoch auf Krickhahn einen "sehr positiven und kompetenten Eindruck" machte und zudem gerade eine Führungsposition neu zu besetzen war, wurde man schließlich handelseinig: U-Man sollte "probeweise und kostenlos" bei der Personalauswahl helfen, eine weiter reichende Zusammenarbeit wurde in Aussicht gestellt.
An sechs Bewerber für den ausgelobten Posten gingen darauf die Oxford-Tests mit der Bitte um Beantwortung. Innerhalb von 24 Stunden hatte Krickhahn die Ergebnisse auf dem Tisch. Detailliert waren die "Eigenschaften" des jeweiligen Kandidaten verzeichnet: Das "Ausmaß an Zuneigung für andere Personen", die "Nervosität", das "Niveau der Lebensfreude".
Beeindruckt von der "verblüffenden Schnelligkeit und Effizienz" des U-Man-Verfahrens, wurde der WAK-Vorständler neugierig: "Sagen Sie mal, was ist das eigentlich für ein Test, den Sie da machen?" wollte er von der Hamburger Geschäftsfrau wissen. Der Oxford-Test sei weltweit über 150 000mal erfolgreich eingesetzt worden, erklärte Frau Jacimovic und verwies auf den "bekannten Wissenschaftler L. Ron Hubbard". Damit stieß sie bei ihrem Gesprächspartner auf eine Wissenslücke: "Hubbard, Hubbard? Nie gehört."
Ein Bekannter, dem Krickhahn anderntags von der neuen Personalberaterin erzählte, klärte den Ahnungslosen auf. Schockiert brach Krickhahn den Kontakt zu U-Man ab. "Wenn diese Firma bei uns die Personalauswahl übernommen hätte, wäre das verheerend gewesen", gruselt er sich im nachhinein: "Die Scientologen hätten überall ihre Leute plazieren können und vermutlich irgendwann unsere Dozenten gestellt."
Manche Unternehmer haben weit weniger Berührungsängste zu Scientology-Anhängern. In Hamburg etwa wurde die Geschäftsverbindung zweier einflußreicher FDP-Politiker und Kaufleute zu einem stadtbekannten Scientologen publik.
Der Fraktionsvorsitzende der Freidemokraten, Frank-Michael Wiegand, war über seine Makler-Firma Jendrusch & Partner dem Immobilienhändler, Sektenmitglied und Parteifreund Götz Brase beim Erwerb von Wohnhäusern behilflich und kassierte dafür 250 000 Mark Provision. Auf die Scientology-Zugehörigkeit des Geschäftspartners angesprochen, tat Wiegand zunächst unbedarft: Er wisse nicht, "was bei den Scientologen los sei".
Der FDP-Politiker Kai Wünsche wiederum half Brase mit einem Darlehen von einer halben Million Mark aus. Als Sicherheit erhielt er dafür die Grundbucheintragung auf mehrere Grundstücke, darunter das Eppendorfer "Dianetik"-Zentrum. Wünsche verteidigte die Transaktion mit dem Hinweis, auch mehrere Zeitungen in Hamburg sähen schließlich "keine Probleme, Anzeigengeschäfte mit Herrn Brase zu tätigen".
Die unheilige Allianz zwischen Scientologen und gestandenen Unternehmern wird durch das Geschäftsprinzip der Sekte gefördert, denn sie propagiert eine ausgesprochen gewinnorientierte Religion. "Mach Geld. Mach mehr Geld. Mach, daß andere Leute Geld machen", gab Ron Hubbard einst als Parole aus. Solch fromme Worte sind Firmenchefs eingängig.
Die scientologische "Ethik", von Hubbard in unzähligen Briefen und Schriften niedergelegt, beruht im wesentlichen auf dem erzkapitalistischen Prinzip Hoffnung, daß dem Tüchtigen die Welt gehöre. Für Mitgefühl und Nächstenliebe ist im scientologischen Glauben kaum Platz.
"Die besten Organisationen der Geschichte waren harte, hingebungsvolle Organisationen. Kein einziger weichlicher Haufen Windelhöschen tragender Dilettanten hat jemals etwas zustande gebracht", dekretierte das "Hubbard-Kommunikationsbüro" in einem "Policybrief" vom 27. August 1980: "Es ist ein hartes Universum. Der soziale Anstrich läßt es mild erscheinen. Aber nur die Tiger überleben."
Arbeitnehmer, denen der nötige Biß fehlt, gehören "konfrontiert" und "gehandhabt". Wer sich dauerhaft der Tiger-Ethik widersetzt, muß verschwinden.
Scientology sei "ein Zerrspiegel unserer erfolgsorientierten Gesellschaft", sagt Ralf-Dietmar Mucha, Vorsitzender der Düsseldorfer Aktion Psychokultgefahren. Ganz bewußt wende sich die Sekte an Menschen, die das "Leistungsgebot" der Marktwirtschaft "total verinnerlicht" hätten und sich für den täglichen Daseinskampf "endlich richtig fit machen" wollten.
"Mehr Erfolg und Glück für Sie", verspricht die Akademie für Management & Kommunikation (AMK) in Wiesloch bei Heidelberg demjenigen, der an einem ihrer Seminare teilnimmt. Gelehrt wird dort zum Beispiel, "wie man eine Person, die nicht sprechen will, zum Sprechen bringt" und wie man "mehr Kontrolle über seine Umgebung erreicht".
Zu den "praktischen Hilfen" gehört, daß sich die Seminaristen regungslos gegenüber sitzen und einander dabei in die Augen starren. In speziellen Hausaufgaben sollen die Kursteilnehmer anschließend über ihr "Konfrontiervermögen" Rechenschaft ablegen.
Einen Teil der Seminar-Unterlagen bezieht die Management-Akademie über Wise (World Institute of Scientology Enterprises), eine Organisation der Sektenzentrale in Amerika. Einen direkten Draht zur "Kirche" aber bestreitet AMK vehement.
Doch wie kurz der Weg von Wiesloch nach Frankfurt ins dortige Scientology-Zentrum ist, hat Michael Schott*, 30, erfahren. Der Siemens-Vertriebsbeauftragte war, wie er berichtet, Anfang Januar bei einem Einkaufsbummel durch die Mannheimer Innenstadt an einem AMK-Werbestand klebengeblieben und hatte sich für 1390 Mark eine "Kommunikations"-Schulung aufschwatzen lassen. "Ich wollte endlich mal was Gutes für mich tun", begründet Schott seinen spontanen Entschluß.
Gleich bei der ersten Sitzung hat es bei dem Siemens-Mann "klick gemacht", er war "sofort begeistert". Zur Begeisterung trug bei, daß Schott unter den Seminarteilnehmern einen Manager des Chemiekonzerns Bayer sowie einen Leiter der Deutschen Vermögensberatung kennenlernte. "Ich dachte, wenn die auch hier sind, muß das ja Hand und Fuß haben" - also orderte er weitere AMK-Programme für insgesamt rund 23 000 Mark.
Anfang März lud ein Seminarkollege Schott dann zum Besuch der Frankfurter Scientology-Kirche ein. Auch hier sagte die Atmosphäre dem Jungmanager sofort zu: "Überall waren so positive Menschen, und alle waren so nett zu mir."
Der Siemens-Mitarbeiter fackelte nicht lange und unterschrieb einen Abbuchungsauftrag über 8000 Mark für Auditing, Reinigungs-Rundown und diverse Hubbard-Fibeln. Eine Stunde lang ließ er sich an eine Art Lügendetektor ("E-Meter") anschließen und beichtete Geheimes aus seinem Innenleben.
Der Katzenjammer begann, als ihm ein Freund Aufklärungsmaterial über Scientology zusteckte. "Mein Gott, wie konnte ich nur so naiv sein", erkannte Schott, "ich habe mich total blenden lassen."
Scientologisch geht es auch im Schloß Philippseich bei Frankfurt zu, wo das CCI Institut des Unternehmensberaters Reinhold Stricker seinen Sitz hat. Übung für Manager in einem "Top Führungsseminar": _(* Name von der Redaktion geändert. ) "Student" und "Coach" sitzen sich gegenüber, zwischen ihnen steht ein Aschenbecher. Der "Coach" fragt: "Sind Sie bereit, in diesem Aschenbecher zu sein?" Bejaht der "Student" die Frage, folgt die Anweisung: "Lassen Sie jetzt den Aschenbecher denken, daß er ein Aschenbecher ist."
Sinn solcher Anweisungen ist es nach Meinung von Sektenkennern, Gehorsam zu erzwingen und dem Kandidaten jede Kritikfähigkeit abzuerziehen. "Unmerklich, jedoch sehr konsequent" werde der Teilnehmer "auf eine spätere Scientology-Karriere" vorbereitet, heißt es in einem Gutachten der Stuttgarter ABI zu derlei Übungen: "Auch die Einführung in die typische Scientology-Sprache findet bereits in den ersten Kursen statt."
Für sein Programm findet Stricker offensichtlich immer mehr Abnehmer. In den letzten drei Jahren hat sich der Umsatz des CCI auf knapp zwei Millionen Mark verdoppelt.
Welche unangenehmen Nebenwirkungen die Scientology-Karriere eines Firmenchefs für die Angestellten haben kann, zeigt der Fall Dieter Schulz. Der Geschäftsführer einer Boutiquenkette am Niederrhein soll nach Aussagen von Zeugen Mitarbeiter gedrängt haben, Sektenmaterial zu studieren und sich das Scienti-Deutsch anzueignen.
Eine "Unternehmens-Ethik" der Textilfirma war stellenweise wörtlich bei Hubbard abgeschrieben: "Wenn Frau Schmusekuchen zu uns kommt, um ausgebildet zu werden, verwandeln wir jenen schweifenden Zweifel in ihren Augen in einen festen, entschlossenen Glanz." Und weiter: "Du bist hier; also werden wir dich zu einer Spitzenverkäuferin machen, was auch immer geschieht." Schlußsatz: "Wir haben dich lieber tot als unfähig."
Der Einkäuferin Anke Wender, 23, fehlte ganz offenbar beim Einstellungsgespräch der entschlossene Glanz in den Augen. Also drückte Schulz ihr die "Einführung in die Ethik der Scientology" in die Hand und bat sie, das Buch bis zum Arbeitsantritt durchzuarbeiten.
Gleich am zweiten Arbeitstag sollte Wender dann in einem mehrseitigen Fragebogen ihr neu erworbenes Wissen unter Beweis stellen. In einer zweistündigen Sitzung versuchte die Firmenleitung der jungen Frau zudem die Hubbardsche Lehre nahezubringen. Wender: "Es war der reine Alptraum."
Nach drei Tagen flog die Angestellte raus; sie erstattete Anzeige wegen des Verdachts der versuchten Nötigung. Demnächst muß sich Schulz nun zusammen mit seinem Personalchef vor Gericht verantworten.
Auch der Dortmunder Keksfabrikant Werner Braunmüller, Herr über 130 Beschäftigte, ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, Scientology in seinem Betrieb zu verbreiten. In zahllosen Hausmitteilungen machte er die Angestellten mit dem Hubbardschen Vokabular vertraut.
Die "Serie Willkür und Unterdrückung" etwa klärte über den Begriff "PTS" auf: "(engl. Potential Trouble Source) mögliche Schwierigkeitsquelle". Hubbard-"Policies" ist zu entnehmen, daß unter einer "Schwierigkeitsquelle" jeder verstanden wird, der sich gegen die Sektenideologie wendet.
Braunmüller bot seinen Mitarbeitern Fortbildungskurse auf Firmenkosten als besondere Sozialleistung an - der Einfachheit halber sollte die innerbetriebliche Schulung gleich bei Scientology im Düsseldorfer "Celebrity Center" stattfinden. Um die Angestellten zu ködern, versüßte der Keksfabrikant das Angebot: Wer sich bei der Sekte zum "Auditor" der "Klasse IV" schulen ließ, dem stellte die Firma 2500 Mark Aufschlag auf den Monatslohn in Aussicht.
Braunmüller hatte allerdings eine Fußangel ausgelegt: Mitarbeiter, die sich während des Scientology-Trainings eines Besseren besannen und aussteigen wollten, waren verpflichtet, die Ausbildungskosten aus eigener Tasche zurückzuzahlen.
Bei der Dortmunder Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten haben sich mittlerweile mehrere Braunmüller-Mitarbeiter gemeldet. Sie klagen über "psychischen Druck" und "Belästigung mit Scientology".
Doch die Gewerkschaft tut sich schwer, die Vorwürfe zu erhärten. Der Firmenchef bestreitet die Anschuldigungen, und bislang hat sich noch keiner der Angestellten bereit gefunden, offen gegen den "Patron" (Scientology-Ehrentitel) auszusagen. "Die Leute haben schlichtweg Angst", sagt Gewerkschaftsfunktionärin Anke Schnieders.
Der Sekte eilt der Ruf voraus, mit Kritikern ziemlich rabiat umzuspringen. "Schwierigkeitsquellen" berichten von nächtlichem Telefonterror, wüsten Drohbriefen sowie, vereinzelt, der einschüchternden Bespitzelung durchs Detektivgewerbe. Der Hamburger Pastor Hinrich Westphal, beim Protest gegen das Hamburger "Dianetik"-Zentrum an vorderster Front, fand kürzlich in seinem Briefkasten die Warnung, er werde eines Tages "dumpf aufs Straßenpflaster klatschen" - Absender unbekannt.
Vor allem Hubbards Abschreckungs- und Vergeltungsphantasien haben Scientology berüchtigt gemacht. "Wir fanden niemals Kritiker der Scientology", verkündete er, "die keine kriminelle Vergangenheit hatten." Also: "Benutze ihr Blut, ihren Sex und ihre Verbrechen, um Schlagzeilen zu machen." Marschrichtung: "Der Punkt, an dem sie verletzlich sind, ist der Verlust ihres Arbeitsplatzes oder ihrer Stellung."
Zum Nimbus der Sekte hat auch die Existenz eines "Guardian Office" (Wächteramt) beigetragen, bis zur offiziellen Auflösung eine Art religiöser Verfassungsschutz, Abteilung Abwehr und Innere Sicherheit.
Hausgemachte Gesetze gaben den Kirchen-Agenten vermeintliche Legitimität - etwa Hubbards "Fair game"-Order vom 18. Oktober 1967. Sie besagte: Ein "Feind" dürfe "seines Eigentums beraubt, verletzt . . . betrogen, verklagt oder belogen oder zerstört werden". Wegen "schlechter PR" hob der Psycho-Pate das "Freiwild-Gesetz" später wieder auf.
Experten werten die Drohungen ohnehin als Verbalradikalismus. In Deutschland ist bislang kein Fall bekannt, daß ein "Feind" der Sekte einem Racheakt zum Opfer gefallen wäre. "Die einzige wirkliche Gefahr geht von Wirrköpfen aus, die das Hubbard-Zeug lesen und wortwörtlich nehmen", sagt der ehemalige Scientologe Norbert Potthoff, 42: "Man darf ja nicht vergessen: Da sind viele einfach strukturierte Denker bei Scientology."
Potthoff muß es wissen: Er war bis 1987 Pressesprecher und einer der Leiter der Düsseldorfer Scientology-Dependance ("Org"). In dieser Funktion hatte er "Weisungsbefugnis" über die Mitglieder der Gemeinde und war für "steigende Statistiken" bei der Ausbreitung von Scientology verantwortlich.
In speziellen Direktiven legte Potthoff das monatliche Plansoll der "Org" fest. Mehrmals wöchentlich hatten die Fußtruppen Rechenschaftsberichte über ihre Rührigkeit abzuliefern. Wer sich quer legte oder nicht richtig spurte, mußte zur Buße weitere Kurse belegen und eifrig Hubbard-Policies studieren - "so lange, bis er jede Kröte schluckte".
Einer von Potthoffs "Untergebenen" war der Düsseldorfer Stahlhändler Rudolf Willems. Der Erbe eines gutgehenden Familienbetriebs und promovierte Rechtsanwalt hatte sich Anfang der achtziger Jahre zu Scientology bekehren lassen und es schnell zum Präsidenten des "Verbands engagierter Manager" gebracht. Einige Wochen im US-Hauptquartier in der Sauna, dann war er geläutert.
Sein Erweckungserlebnis spornte den geklärten Firmenchef zur innerbetrieblichen Mission an. Zunächst verordnete er den Mitarbeitern der Verkaufsabteilung Seminare bei Sektenfreund Stricker im CCI Institut. Leitenden Angestellten legte er eine Ergänzung zum Dienstvertrag vor; mit ihrer Unterschrift sollten sie sich für fünf Jahre zur "Durchführung eines Scientology-Kursprogramms" verpflichten, die Möglichkeit einer regulären Kündigung des Arbeitsverhältnisses war vorsorglich ausgeschlossen.
In einer "Vereinbarung zur Sicherung der Vertraulichkeit" mußten sich die Beschäftigten zudem vertraglich binden, über die Indoktrination strengstes Stillschweigen zu bewahren. Das Papier sah horrende Vertragsstrafen vor: Bei einem Verstoß gegen die Regelung sollten Mitarbeiter 50 000 Mark, leitende Angestellte 200 000, Geschäftsführer 500 000 Mark Entschädigung zahlen.
Eine eigens gegründete "Hauptabteilung I Kommunikation, Abteilung 3 Ethik und Untersuchungen" überwachte das Wohlverhalten der Kollegen. Ein Katalog mit "Ethikmaßnahmen" gab der Firmen-Stasi 23 Disziplinierungsmaßnahmen an die Hand: vom "Härtegrad 1" - "stillschweigendes Übersehen einer nicht optimalen Handlung" - bis zur Entlassung.
Die Folgen der Scientologisierung des Stahlunternehmens waren verheerend: Innerhalb von drei Jahren hatte die Hälfte der Mitarbeiter den Betrieb verlassen, die Firma schlitterte geradewegs in den Konkurs.
Dem Bericht des Konkursverwalters zufolge war die Insolvenz bei Willems auf "hohe und unvertretbare Entnahmen" aus der Firmenkasse zurückzuführen, der Stahlhändler habe seinem Geschäft "erhebliche Beträge in Zusammenhang mit seiner Mitgliedschaft bei der Scientology-Sekte" entzogen. Allein für Hubbard-Bücher mit Original-Signatur ließ Willems im Laufe der Jahre 1,2 Millionen Mark springen.
An einem sonnigen November-Tag wurde der hochverschuldete Unternehmer in seiner Villa tot aufgefunden. Er hatte sich erschossen. o
* Name von der Redaktion geändert.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 14/1991
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