03.06.1991

PresseGraf Saldos Gewerbe

In West-Berlin entstand ein neuer Medienkonzern: Marxistische Unternehmer sammeln linke Pressebetriebe, die durch die Wiedervereinigung in Not gerieten.
Zuerst meldeten sich die Leute von der Düsseldorfer Volkszeitung. Ihr Arbeitgeber, der DKP-nahe Pahl-Rugenstein-Verlag, hatte sie nach der deutsch-deutschen Wende gefeuert und Konkurs angemeldet, weil die bis dahin von der DDR gezahlten Millionen ausgeblieben waren.
Als nächste wurden die Redaktionschefs der Ost-Berliner Kulturzeitung Sonntag vorstellig. Ihnen hatte der Aufbau-Verlag, der die Sonntag-Geschäfte besorgte, wegen absehbarer Wirtschaftsprobleme die Zusammenarbeit aufgekündigt.
Schließlich standen auch noch die Überlebenden der einst größten DDR-Tageszeitung auf der Matte, der damals FDJ-eigenen Jungen Welt, deren Auflage von früher 1,6 Millionen auf mittlerweile knapp 150 000 Exemplare abgestürzt ist.
Sie alle suchten binnen 13 Monaten, zwischen März letzten und April dieses Jahres, Zuflucht bei einer der wenigen Linksaußen-Adressen, die in der gesamtdeutschen Medienwelt überdauert haben: in einem grauen Bürohaus an der West-Berliner Oranienstraße, mitten im einst mauernahen Kreuzberger Kiez der Punks, Alternativen und einer supranationalen Multikultur.
Dort residiert die weithin unbekannte Mediengruppe Schmidt & Partner (MSP), die allerdings seit den siebziger Jahren bei progressiven Studenten wie feministischen Gruppen ihrem Stammbetrieb Geltung verschafft hat - dem Buchverlag Elefanten Press.
Rund zwei Millionen Mark setzt das Berliner Buchunternehmen mit seiner Kollektion um: mit zeitgeschichtlicher Kritik der Vor- und Nachkriegsära, dazu Satire, Frauenliteratur ("Bad Women - Luder, Schlampen und Xanthippen"), Kinder- und Studentenlektüre. Doch wie von selbst ist der Gesamtumsatz der Elefanten-Truppe, die aus einer Kreuzberger Galerie für Wandmalerei und Fotomontagen hervorgegangen war, durch die Übernahmefälle zügig auf jetzt gut 40 Millionen Mark geklettert.
In jüngster Zeit kamen noch der Verlagsbetrieb und die Druckerei der einstigen DDR-Gewerkschaftszeitung Tribüne hinzu, von denen künftig die Junge Welt hergestellt wird; außerdem werden dort die früher von der Liberal-Demokratischen Partei, jetzt vom Axel Springer Verlag herausgegebene Tageszeitung Der Morgen und der ostdeutsche Regionalteil des Fußballfachblatts Kicker gedruckt. Verleger der Tribüne selbst, die einst dem DDR-Gewerkschaftschef Harry Tisch als Sprachrohr diente, ist mittlerweile ausgerechnet der Vorsitzende des Unternehmerverbands Berlin-Brandenburg, Hartmut Lehmann.
Begonnen hatte die Ausdehnung des MSP-Konglomerats schon vor der deutsch-deutschen Wende. Vor gut drei Jahren beantragten die Redakteure des Frankfurter Satiremagazins Titanic (Auflage: 74 000 Exemplare) verlegerisches Asyl bei den Berlinern, nachdem ihr Hamburger Verleger mit einer anderen Firma pleite gegangen war.
Firmenrechtlich "ziemlich pfiffig", sagt Titanic-Geschäftsführer Erik Weihönig, 40, sei der Verlag der Satiriker aus dem Hamburger Konkursfall herausgelöst und zu Schmidt & Partner herübergelotst worden. Dort wurde der Titanic-Verlag an die Georg-Büchner-Verlagsbuchhandlung angekoppelt, einen MSP-eigenen Firmentitel, der vom vorübergehenden Betrieb eines Berliner Buchladens übriggeblieben war.
Mit gleicher Geschicklichkeit kombinierten und fusionierten die Linksaufkäufer auch ihre übrigen Medienbetriebe unter dem Dach der MSP-Holding. Sie brachten sogar das Kunststück fertig, den einst von der Zensur traktierten Sonntag des DDR-Kulturbunds mit der früher DKP-nahen Volkszeitung zu verschmelzen. Um das West-Blatt zu retten, hatten 830 Leser der Volkszeitung im Rahmen eines steuerbegünstigten Anlagemodells insgesamt 1,3 Millionen Mark eingezahlt.
Inzwischen werden die anfangs erheblichen Spannungen zwischen aufmüpfigen Ost-Redakteuren und eingefleischten West-Kommunisten für das vereinigte Neuprodukt "fruchtbar gemacht", wie die Namensgeberin der Gruppe, die gebürtige Lettin Maruta Schmidt, 46, zufrieden bilanziert. Titel der im letzten November neu erschienenen, linkspluralen Wochenzeitung: Freitag; Auflage: 29 000 Exemplare; Vertriebsschwerpunkt: Berlin.
Die einstige, nach dem Krieg in Stuttgart aufgewachsene Apo-Aktivistin Schmidt, die den Linkskonzern mit vier männlichen Teilhabern betreibt, zählt zu den wenigen westdeutschen Kommunisten, die den Kapitalismus nicht nur kritisieren, sondern die Marktwirtschaft für ihre Zwecke nutzen - ganz im Sinne von Urvater Karl Marx.
So verweist ihr MSP-Partner und Gesinnungsfreund Weihönig auf den berühmten ersten Satz des "Kapitals", in dem "der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht", beschrieben wird - wenn auch kritisch als "eine ,ungeheure Warensammlung'".
"Geh ins KaDeWe, und du wirst sehen, daß Marx recht hatte", sagt der gebürtige Westfale Weihönig, der bei MSP für das zeitgemäße Marketing sorgt.
In ihren Anfängen dachten die Berlin-Zuwanderer Schmidt und Weihönig, die wie zwei ihrer jetzigen Partner an der damaligen politisch-gesellschaftlichen Fakultät I der Technischen Universität studierten, ganz anders. Sie landeten bei der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins, einem Ableger der SED.
Mittlerweile haben sie begriffen, daß kapitalistische Techniken der "Menschenführung und das Erschließen von Ressourcen und menschlicher Arbeitskraft ja auch Kreativität ist", wie Maruta Schmidt erläutert. Gerade an der Unfähigkeit, die Führungsschichten zu erneuern, sei das erstarrte DDR-System gescheitert, meint Weihönig, denn eine Gesellschaft, "die sich nicht in klar erkennbaren Perioden erneuert, stirbt".
Die MSP-Mitarbeiter freilich sehen in den fünf Chefs des publizistischen Gewerbebetriebs - links hin oder her - vor allem Medienkapitalisten. Weihönig ("Wir drehen jede Mark um, bevor wir sie ausgeben") fing sich den Spottnamen "Graf Saldo" ein. Titanic beschrieb den Geschäftsführer in einer Redaktionsnotiz als Geizkragen, dem, würde man ihn "an den Füßen aufhängen", nicht "eine müde Mark aus seinen Taschen" fiele.
Unternehmer Weihönig nahm die Kritik "durchaus auch als Lob", da bei Titanic erst einmal über eine Million Mark Schulden zu tilgen gewesen seien. Das sei schließlich auch den mitbeteiligten Titanic-Veteranen, darunter bekannte Cartoonisten wie F. K. Waechter und Chlodwig Poth, zugute gekommen.
Prompt wirbt die Redaktion im Juni-Heft um neue Abonnenten mit einem "Kontoauszug unseres Verlegers" - Stand: 999 950,00 Mark - und bittet um Auffüllung der ersten Million: "Wenn Sie wüßten, wie unser Verleger bisher zu seinem Vermögen gekommen ist, würden Sie vielleicht verstehen, warum uns daran liegt, daß er ausnahmsweise auf legale Weise Geld verdient."
Gestandene Kapitalisten wiederum verdächtigen die MSP, die Gruppe werde von der SED-Nachfolgepartei PDS finanziert. Der Verdacht hält sich, auch wenn Maruta Schmidt versichert: "Wir haben nie Geld von irgendwelchen Parteien bekommen."
Weihönig führt auf solche Gerüchte eine Anfang Mai gefällte Entscheidung des Berliner Kabelrats zurück. Damit wurde eine private Rundfunklizenz aus der Konkursmasse des gescheiterten linksalternativen "Radio 100" nicht an eine Bewerbergruppe unter Führung der MSP vergeben, sondern an das Konsortium eines französischen Jugendradios.
Die Investitionsmittel für ihre Projekte habe ihnen die Berliner Grundkredit Bank, Mitglied im Volksbanken-Verband, vorgestreckt, erklärt Weihönig; ihr gegenüber hafteten die MSP-Inhaber für ihre Gesellschaft bürgerlichen Rechts "mit vollem persönlichen Einsatz".
"Wir gehen schließlich nicht auf die Bahamas", verteidigt sich der Marxwirtschaftler, "um unser Geld in Spielsalons durchzubringen." o

DER SPIEGEL 23/1991
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