Luftfahrt
Volle Pulle hoch
CSU-Politiker versuchen, ihren Wahlkreisen den Fluglärm des neuen Münchner Airports zu ersparen.
In den Wirtshäusern rund um das Erdinger Moos kann es ganz leicht ganz laut werden. Schon die unscheinbarsten Anlässe sind willkommen: ein verfehlter Saunagel beim Kegeln oder eine vom Gegner gestochene Sau beim Schafkopfen.
Doch nun wird an den Stammtischen um Größeres gestritten. Die Anwohner übertreffen sich in Prognosen und Prophezeiungen, wie es in ihren Dörfern werden wird, wenn im kommenden Jahr am benachbarten Großflughafen der Betrieb losgeht.
Von Mai 1992 an, wenn der "Franz-Josef-Strauß-Airport" eröffnet wird, werden sich die Abgase von rund 60 Flugzeugen pro Stunde auf die Petersilien- und Pfefferminzfelder im Moos senken. Schwaden von überschüssigem Kerosin werden auf die Hopfengärten der Holledau niedergehen. Und ein dichter Lärmteppich wird die Nachbarn nachts wach und tagsüber bei schlechter Laune halten.
Wie laut es wirklich wird, ist nun das Thema Nummer eins im Moos. Längst können die Bauern und Bürger rings um den 1500 Hektar großen Airport mithalten bei Fachsimpeleien über "amtlich ausgewiesene Kontrollzonen" und "Beschränkungsgebiete", die "Voreinflugzeiten" werden beim Bier mit "Koordinationseckwerten" verglichen.
Schon bei 55 Dezibel - die etwa eine mechanische Schreibmaschine verursacht - könne man sich vermutlich in drei bis vier Metern Entfernung gerade noch leidlich unterhalten, fürchtet etwa der Lehrer Lorenz Adlberger aus Eitting. Unterricht aber sei bei solchem Lärm am Himmel kaum noch möglich. Den Flugplanern scheinen solche Ängste überzogen. Mehr als "ein leichtes Grummeln" sei doch nicht zu hören, versichert Hans-Ulrich Ohl von der Bundesanstalt für Flugsicherung - sogar nachts, jedenfalls dann, wenn die Flugzeuge über 2000 Meter hoch fliegen. "Wenn die überhaupt Flugzeuge hören wollen", ergänzt Flughafen-Sprecherin Ingeborg Ergenzinger, "müssen die ihre Kirchenglocken anhalten."
Noch ist über die künftigen Lärmschneisen das letzte Wort nicht gesprochen. Obwohl die neuen Funkfeuer für "MUC II" längst errichtet wurden, sind die An- und Abflugrouten noch variabel. Die Bundesanstalt für Flugsicherung, die Bonn untersteht, wird den Streit per Rechtsverordnung entscheiden. "Wir haben da fast überhaupt nichts zu sagen", beklagt sich Adolf Schäfer, Vorsitzender einer 40köpfigen Lärmschutzkommission und Oberbürgermeister von Freising, der dem Flughafen am nächsten gelegenen Stadt.
Selbst das bayerische Verkehrsministerium, das schließlich das 8,4-Milliarden-Mark-Bauwerk genehmigt hat, darf bei der Festlegung der Luftstraßen nur Vorschläge machen. Auch Freistaat-Chef Max Streibl (CSU), bislang einziger Passagier des neuen Airports bei einem Testflug zum alten Flughafen Riem, hat keinen Einfluß auf die Routen.
Dabei gibt es grundverschiedene Anschauungen über die richtige Technik, vom Moos aus in den Himmel zu steigen. Entweder die Piloten bedenken bei reduzierter Triebleistung einen größeren Landstrich mit gemäßigtem Lärm, oder es gibt die Devise "volle Pulle rein und so schnell wie möglich hoch" (Ohl). Bei dieser Starttechnik würden die unmittelbaren Nachbardörfer in Grund und Boden gedröhnt.
Bei der Festlegung der Routen müssen nicht nur Gefahrenbereiche wie das Kernkraftwerk Ohu respektiert werden, im Moos spricht man auch von anderen natürlichen Hindernissen bei der Routenplanung (siehe Grafik): den Wohnorten und Wahlkreisen prominenter Politiker. Der Flughafen ist davon förmlich umzingelt. "Wenn wir alle Prominenten berücksichtigen wollten", sagt Flugsicherung-Sprecher Ohl, "dann müßten wir Slalomstrecken fliegen."
In Zolling im Nordwesten steht der elterliche Bauernhof des früheren CSU-Generalsekretärs und jetzigen Staatssekretärs Otto Wiesheu. Das Wiesheu-Anwesen lag zuerst mitten in einem Flugkorridor, wird aber nach jüngster Planung plötzlich nur noch von einem Prozent der Flugbewegungen tangiert.
Im Südosten macht sich der Erdinger CSU-Kreisvorsitzende und Kultusminister _(* Auf der Baustelle des Münchner ) _("Franz-Josef-Strauß-Airports". ) Hans Zehetmair für Eichenkofen und Altham stark. Er fordert, ein wichtiges Funkfeuer so zu plazieren, daß die Flugzeuge einen Bogen um die Mini-Orte in seinem Wahlkreis fliegen müssen.
Im Nordosten spitzt der Landshuter Innen-Staatssekretär Herbert Huber die Ohren. Der versprach heimatlichen Bürgermeistern aus dem Niederbayerischen schon, bei der Staatsregierung vorstellig zu werden, damit die Jets des oberbayerischen Großflughafens über oberbayerisches statt über niederbayerisches Territorium geführt werden. Genutzt hat der Vorstoß freilich wenig.
Wie seit dem Tode von Franz Josef Strauß die Macht des Freistaats in Bonn immer mehr schwindet, wird nun ausgerechnet bei der Planung des Flughafens deutlich, der den Namen des großen Bayern trägt.
So konnte der langjährige Landshuter Bundestagsabgeordnete Friedrich Zimmermann, damals Bundesverkehrsminister, noch verhindern, daß eine Warteschleife für den neuen Flughafen ausgerechnet in seinem Wahlkreis über dem Kernkraftwerk Ohu angelegt wurde. Zimmermann verschob die Schleife - sonst hätte sie womöglich Reisbach, den Wohnort von CSU-Generalsekretär Erwin Huber, tangiert - kurzerhand nach Südosten. Doch dann kam alles anders. Die Bundesanstalt für Flugsicherung mußte für den Münchner Flughafen neue Routen nach Leipzig und Dresden anlegen. Und Zimmermann verlor nach den Wahlen sein Amt.
Der neue Verkehrsminister, Günther Krause, ist nicht von der CSU, sondern von der CDU. Und die neue Warteschleife ist nun direkt über Landshut vorgesehen.
DER SPIEGEL 19/1991
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