04.02.1991

„Das ist russisches Roulett“

Jahrelang haben westliche Pharmaunternehmen, vor allem bundesdeutsche, aggressive Arzneimittel in Kliniken der damaligen DDR getestet. Die Wirkung war oft verheerend. Patientenaufklärung fand - wenn überhaupt - nur mangelhaft statt. Der SED-Staat kassierte für die Menschenversuche Millionen in harter Währung.
Wenige Minuten nach der Injektion verkrampfen sich die Brustmuskeln des Patienten, sein Herz beginnt zu rasen, Kopf und Rücken schmerzen. Der Mann bekommt hohes Fieber und Durchfall, erbricht, in seinem Blut verlangsamt sich die Produktion der lebenswichtigen weißen Blutkörperchen.
Der Patient ist Opfer eines Arzneimittelversuchs. Der japanische Pharmaproduzent Asahi Chemical Industry hat im Zentralinstitut für Krebsforschung eine aggressive Substanz, Tumor-Nekrose-Faktor (TNF), die das Wuchern von Tumorzellen stoppen soll, testen lassen - an zumeist ahnungslosen Menschen in der damaligen DDR.
Es war kein Einzelfall. Allzugern griffen westliche Pharmakonzerne zu, als sich ihnen die Chance bot, aggressive und oft noch nicht zugelassene Präparate in den Kliniken der DDR auf Wirksamkeit und Nebenwirkung zu prüfen. Die Menschenversuche, an denen vor allem westdeutsche Firmen beteiligt waren, gehörten zu den schmutzigsten Geschäften, mit denen sich das SED-Regime die dringend benötigten Devisen beschaffte.
Den für beide Seiten vorteilhaften Deal hatte die Firma Berliner Import& Export GmbH (BIEG) eingefädelt. Deren oberster Boß war einer, der die DDR stets mit D-Mark oder Dollar zu versorgen wußte - Stasi-Oberst Alexander Schalck-Golodkowski. Von 1984 bis zum Untergang der DDR waren seine BIEG und die Pharmakonzerne aus dem Westen Geschäftspartner. "Da paßten Schloß und Schlüssel 100prozentig zueinander", sagt rückblickend Karl Seidel, damals im SED-Zentralkomitee Leiter der Abteilung Gesundheitspolitik.
Experten sprechen vom "Pharmastrich". Die Freier aus dem Westen standen vor den Ost-Kliniken Schlange. "Unsere Krankenhäuser", erinnert sich Helmut Koch vom DDR-Arzneimittelinstitut, "waren ständig überbucht." Gespritzt und geschluckt wurde, was die Forschungslabors der West-Konzerne hergaben: Betablocker, Antidepressiva, Zytostatika und schließlich auch Wirkstoffe aus den Genlabors.
Die Marburger Hoechst-Tochter Behringwerke erprobte an 21 DDR-Bürgern vom Juni 1987 bis zum Oktober 1989 das Antikrebsmittel Pirarubicin. Die Patienten kotzten und verloren ihre Haare.
Die österreichische Chemie Linz AG ließ in der Charite an 30 Patienten die Betablocker Celiprolol und Metoprolol testen. Der Prüfarzt meldete einen Angina-pectoris-Anfall und vier mittlere Herzattacken.
Boehringer Ingelheim spritzte acht Ostlern in den Jahren l984 und l985 das auf gentechnischem Weg erzeugte Interferon. Die Patienten litten, aber das Präparat wirkte nicht. Der Test mußte abgebrochen werden.
"Die Patienten in der DDR", sagt Ulrich Moebius, Chef des West-Berliner Instituts für Arzneimittelinformation, "wurden offenbar als billige Versuchskaninchen mißbraucht."
Die Geschäftsidee wurde bei einem Treffen im Frühjahr 1983 ausgeheckt: Im damaligen ZK-Gebäude versammelten sich Gesundheitsminister Ludwig Mecklinger (SED), sein Stellvertreter Ulrich Schneidewind (SED), der für Gesundheitspolitik zuständige ZK-Abteilungsleiter Karl Seidel (SED) und Schalck-Golodkowski.
Das Gesundheitssystem, so die Weisung von oben, könne nicht länger Kostgänger der Republik bleiben. Fortan sei Devisenerwirtschaftung für alle gesellschaftlichen Bereiche das Gebot der Stunde.
Die im ZK versammelte Genossenrunde zeigte sich kreativ: Die DDR, so das Diskussionsergebnis, könne über das Internationale Rote Kreuz Blutplasma der DDR-Bürger verkaufen, sie könne mit der niederländischen Organbank Eurotransplant enger kooperieren und den Reichen der Dritten Welt Spezialoperationen anbieten, wie die in Erfurt praktizierte Extremitätenverlängerung. Und auch mit der westlichen Pharmaindustrie könne man gut ins Geschäft kommen - mit klinischen Tests von Arzneimitteln.
Die SED-Genossen wußten, daß derartige Menschenversuche vor der Medikamentenzulassung nötig sind. Sie sind im Westen, begleitet von einer kritischen Öffentlichkeit und einem pingeligen Gesetzgeber, gang und gäbe. Ohne Nachweis von Wirksamkeit und Nebenwirkung genehmigt das West-Berliner Bundesgesundheitsamt (BGA) keine Pille. Aber die Genossen wußten auch, daß die Pharmariesen genausogern experimentieren wie die Autofirmen: Ihre Versuchsstrecke ist die Klinik, ihr Testwagen der Patientenkörper.
Einzig die Verwendung der so verdienten Devisen sorgte damals in Berlin kurz für Widerspruch. Schalck, erinnert sich ein Teilnehmer der Runde, verlangte für seine Berliner Import- & Export GmbH 60 Prozent Handelsspanne. Die SED-Gesundheitspolitiker wollten das West-Geld lieber in ihr kränkelndes Kliniksystem stecken.
Die Viererrunde einigte sich schließlich auf die auch in Mafiakreisen übliche Prozentverteilung - halbe, halbe. Nach 20 Minuten war das Treffen beendet.
Schalck-Golodkowski kann sich an das Treffen angeblich nicht mehr erinnern. Der Vorschlag, West-Arznei in der DDR zu testen, stamme auf keinen Fall von ihm, teilt sein Rechtsanwalt mit. Denkbar sei dennoch, daß BIEG derartige Geschäfte betrieben habe.
Fest steht: Die West-Firmen erfuhren die frohe Botschaft über das Ost-Berliner Beratungsbüro für Arzneimittel und medizintechnische Erzeugnisse, Schönhauser Allee 177b. Die dem Gesundheitsminister unterstellte Einrichtung war bis dahin für Arzneimittelimporte zuständig.
"Jetzt dürfen Sie auch Kunde bei uns werden", eröffnete BBA-Chef Joachim Petzold (SED) den westlichen Pharmalieferanten zum Jahresende 1983. Das Beratungsbüro lud gemeinsam mit der Schalck-Firma zu sogenannten Anlaufgesprächen in die Ost-Berliner Devisenherbergen Palasthotel und Hotel Metropol. Die großen Pharmafirmen schickten ihre Kontaktleute.
Beliebt war der DDR-Patient bei den Westlern in den riskanten Prüfphasen I und II. Sie sind, nach Laborexperiment und Tierversuch, die ersten Arzneimittelerprobungen am Menschen. In dieser Phase liegen kaum Erfahrungen über Nebenwirkungen, Dosierung und Verträglichkeit vor. Diese Erkenntnisse sollte der Ost-Kranke liefern.
Ausführliche Patienteninformation empfanden die östlichen Geschäftemacher offenbar als störend. Aufklärung fand in der Regel nur mündlich statt, den laschen DDR-Gesetzen entsprechend. Die Einwilligung des Patienten ließen sich die Ärzte ebenfalls mündlich geben - wenn überhaupt.
Die strengeren westdeutschen Bestimmungen des Arzneimittelgesetzes haben sich die Pharmakonzerne auf diese Weise erspart. Das Gesetz schreibt zum "Schutz des Menschen bei der klinischen Prüfung" im Regelfall eine Einverständniserklärung vor, die der Patient "selbst und schriftlich erteilt hat".
Taucht in den Klinikarchiven der DDR ausnahmsweise eine solche Einwilligung auf, wird klar, daß der Patient über das Präparat nur schlecht informiert war. Was er erfuhr, war dürftig, ungenau oder schlicht falsch - wie im Fall des Tumor-Nekrose-Tests, durchgeführt am Ost-Berliner Zentralinstitut für Krebsforschung.
Die Aufklärungsschrift des Asahi-Konzerns liest sich harmloser als der Beipackzettel eines Hustensaftes. Es bestehe die berechtigte Hoffnung, die Erkrankung vorteilhaft zu beeinflussen. Die Risiken seien ärztlich vertretbar; es handele sich ohnehin nur um die Erprobung eines "neu entdeckten natürlichen Stoffes". Dabei war in den USA beschrieben worden, daß TNF im Körper der Kranken vor allem eines bewirkt - zusätzliche Verwüstung.
Professor Stephan Tanneberger, Kommunist und Klinikchef, wußte, daß schmerzende Nebenwirkungen garantiert und schmerzlindernde Erfolgsaussichten vage sind. "Der genaue Wirkungsmechanismus von TNF ist unklar", notierte seine Mitarbeiterin Helgard Lenk in einer den Test begleitenden Dissertationsarbeit.
Der Klinikchef hielt in Treue zur Partei und ihren japanischen Geschäftspartnern. Die wollten in Deutschland-Ost ihren Wirkstoff "in eskalierenden Dosen", also in maximaler Wirkstoffkonzentration, getestet sehen.
Mit 38 Krebskranken hat Tanneberger am 15. Mai 1987 den Menschenversuch begonnen. Die Wirkstoffdosis wurde im extremen Fall auf das 27fache der Einstiegsdosierung eskaliert. Die Leiden der Patienten eskalierten mit.
Bei den Nebenwirkungen, heißt es in der Lenk-Studie, hätten Schüttelfrost, Fieber bis 40 Grad, Angina pectoris, Schock, abwechselnd hochgradige Erregung und Lethargie, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen und schwerer Blutdruckabfall im Vordergrund gestanden.
Die übrigen Nebenwirkungen waren je nach Patient unterschiedlich. Originalton der Dissertation: "Bei zwei Patienten traten zusätzlich schwere Hustenanfälle auf. Bei fünf Patienten wurden Rasselgeräusche über den Mittelfeldern beider Lungen 24 bis 48 Stunden nach der Applikation registriert."
3 von 38 Patienten hielten nicht bis zum offiziellen Testende durch. Sie mußten aufgrund schwerster Nebenwirkungen aus der Testgruppe entlassen werden.
Für den Rest der Patientenschar endete die Testserie vertragsgetreu am 29. September 1989. Wichtigster Schönheitsfehler: Die Patienten hatten umsonst gelitten. Der Tumor-Nekrose-Faktor, so das Fazit der Dissertation, habe eine "minimale Anti-Tumoreffektivität". Die Substanz könne "nicht als wirksames Medikament empfohlen werden".
Die TNF-Tortur war kein Ausnahmefall. Die Schalck-Firma BIEG lebte davon, daß Wirkstoffe, die im Westen umstritten waren, im Osten ausprobiert werden konnten. Schamhaft deklarierten die Planwirtschaftler das Experimentieren am Patientenkörper als "immateriellen Export".
Das Prüfgeschäft wurde nach den Regeln der Kaufleute betrieben. Und das mit Erfolg: Die Einzahlungen der West-Firmen auf das BIEG-Valutakonto bei der Deutschen Außenhandelsbank, Kontonummer 9803-2054-0015, belegen es.
Rund 17 Millionen Mark hat das SED-Regime 1989, im letzten Geschäftsjahr vor dem Konkurs der DDR, mit der Auftragstesterei umgesetzt. Die DDR-Kliniken profitierten - entgegen den Absprachen - nur spärlich.
"Die kommerzielle Abwicklung der klinischen Prüfung", so der entscheidende Passus in den Verträgen mit der West-Industrie, "erfolgt über BIEG." Die Berliner Import- & Export GmbH, deren Hauptsitz in Berlin-Grünau demonstrativ mit Videokamera überwacht wurde, gehörte zur Hauptabteilung II der von Schalck-Golodkowski dirigierten Kommerziellen Koordination. Diese Abteilung war verantwortlich für Kunst- und Antiquitätenhandel, Waffengeschäfte und die Konsumgüterversorgung der Intershops.
Die 260köpfige BIEG-Belegschaft setzte im letzten Jahr vor der Wende rund 500 Millionen Valuta-Mark um. Als Gewinn wurden rund 164 Millionen West-Mark an die Staatskasse überwiesen.
Für die westliche Pharmaindustrie war die Auftragsprüfung in der DDR unschlagbar attraktiv. Das hinter Minen und Mauer verschanzte Gesundheitssystem der DDR bot, was kein West-Krankenhaus bieten konnte: Diskretion total. Und das zu Billigtarifen.
Die Pharmahersteller wurden in den Verträgen meist sogar von der Schadenshaftung befreit. Die DDR, so heißt es in einem Vertrag zwischen BIEG und der Firma Du Pont de Nemours GmbH, "erhebt für etwaige, von Probanden geltend gemachte Schadensersatzansprüche keine Forderungen".
Unterm Strich verlangte Schalck-Golodkowski zwischen 10 und 30 Prozent weniger als im Westen üblich. Für eine Studie mit 10 Patienten, durchgeführt in sechs Monaten, waren an der Ost-Berliner Charite nur 25 000 Mark zu zahlen. Kostengünstig waren die Menschenversuche auch deshalb, weil die im Westen übliche Überzeugungsarbeit von Arzt und Patient entfiel; Arzt-Prämien und Patientenhonorare konnten so gespart werden.
Die Ärzte, die meisten unkritisch aus Unwissenheit, wurden von BIEG systematisch entmündigt. Der "vormundschaftliche Staat", wie der Bürgerrechtler Rolf Henrich seine DDR charakterisiert, ließ die Prüfmaschinerie per Knopfdruck in Bewegung setzen. Das Beratungsbüro für Arzneimittel, so stand es im Rahmenvertrag zwischen Pharmaunternehmen und Schalck-Firma, werde die verabredeten Prüfungen "veranlassen" und für deren ordnungsgemäße Durchführung "einstehen".
Die Ärzte waren schon zufrieden, wenn im Zuge des Testverfahrens westliches Diagnosegerät herbeigeschafft wurde. "Der dauernde Mangel in unseren Kliniken", sagt heute SED-Gesundheitspolitiker Seidel, "war der Nährboden für die Bereitwilligkeit unserer Ärzte."
Besonders willig sind die Ärzte der Ost-Berliner Charite gewesen, der ehemaligen Vorzeigeklinik der SED. Seit dem Sommer 1989 testen die Genossen das umstrittene Arthrosepräparat Arteparon des Münchner Luitpold-Werks.
Ginge es nach dem Bundesgesundheitsamt, wäre Arteparon längst aus den Kliniken verschwunden. Am 30. September 1988 verfügte die Behörde den Vertriebsstopp, der von den Gerichten einstweilen ausgesetzt wurde. "Die behauptete Wirkung Ihres Präparates", schrieben die Berliner den Münchnern, "ist nicht hinreichend belegt."
Die beim BGA archivierten Studien beweisen hauptsächlich eines - die schmerzhaften Nebenwirkungen des Präparates. Arteparon-Patienten müssen mit zusätzlichen Gelenkbeschwerden rechnen, sie nehmen Blutungen am Injektionsort in Kauf, werden zuweilen von Schwindelanfällen, Allergien und Bauchschmerzen heimgesucht. Auch ein Todesfall wurde dem BGA gemeldet.
Die in West-Berlin publizierte Fachzeitschrift Arznei-Telegramm rät vom Gebrauch der Medizin ab: "Das Risiko unerwünschter Wirkungen wiegt bei nicht nachgewiesenem Nutzen unangemessen hoch."
Mit ihrer aktuellen Versuchsreihe will das Luitpold-Werk endlich den Nachweis der Wirksamkeit herbeitesten - in den Knochen der DDR-Patienten. Von den Ost-Bürgern war Widerstand bisher nicht zu erwarten. Eine pharmakritische Öffentlichkeit blieb der Spezies DDR-Patient verwehrt. Vier Jahrzehnte lang wurde geschluckt, was auf den Nachttisch kam.
Die westdeutschen Pharmakonzerne haben sich des Kommandosystems gründlich bedient. Der Branchenriese Bayer AG ging mit schlechtem Beispiel voran.
Es gab kaum eine Klinik des Arbeiterund-Mauer-Staates, die nicht im Bayer-Auftrag an ihren Patienten herumdokterte. Peinlich, aber wahr: Oft waren es die Problempräparate des Hauses, die den armen Schluckern im Osten verabreicht wurden.
Von 1984 bis 1987 testete Bayer am Ost-Berliner Forschungsinstitut für Lungenkrankheiten und Tuberkulose das Mittel Ciprobay. Knapp 100 an Atemwegserkrankung leidende Patienten probierten das entzündungshemmende Präparat.
Aufklärung über das riskante Testverfahren fand, nach Aussagen des Prüfarztes, nicht statt. Dabei gilt der sogenannte Doppelblindversuch als die denkbar gefährlichste Prüfmethode: Nur jeder zweite Patient wird mit dem Wirkstoff behandelt. Die andere Hälfte der Patienten bekommt ein wirkungsloses Placebo. Das Fatale: Weder Patient noch Arzt wissen, welches das Original und welches die Attrappe ist.
Die Pharmafirmen bevorzugen diese Tests wegen ihrer Unbestechlichkeit. Pharmakritiker Julius Hackethal geißelt den Doppelblindversuch als "die gräßlichste Errungenschaft der Neuzeitmedizin". Auch Ulrich Moebius vom Institut für Arzneimittelinformation urteilt eindeutig: "Für die Patienten ist das russisches Roulett."
Um das Selbstbestimmungsrecht der Patienten war es Bayer offenbar nicht bange. In das Wohlbefinden der Tester wurde dagegen investiert.
Der Ciprobay-Tester durfte vom 23. bis 28. Juni 1985 zu einem Kongreß nach Kyoto in Japan fliegen. Bayer zahlte Flug, Unterkunft und Taschengeld.
Mit dem Abriß des Mauerstaates verliert der Konzern ein großes Testgelände. Bayer ließ beispielsweise die Zuckerkranken im Bezirkskrankenhaus von Chemnitz, damals Karl-Marx-Stadt, den Blutzuckersenker Arcabose ( Markenname: Glucobay) schlucken.
In Amerika waren klinische Prüfungen mit der von Bayer als "Innovation" gepriesenen Substanz über Jahre verboten. Der Grund: In einer von mehreren Testserien litten Ratten nach der Arcabose-Behandlung an Krebsgeschwüren.
Selbst in psychiatrische Kliniken hatten die Leverkusener freien Zutritt. Ihre Prüfpräparate gelangten in der Ost-Berliner Zentralklinik für Psychiatrie und Neurologie "Wilhelm Griesinger" bis zur Intensivstation.
Dort dokterten Ost-Ärzte von 1987 bis zum Herbst 1989 testhalber mit dem Bayer-Präperat Nimodipin herum - an insgesamt 40 Alkoholikern im Delirium. Die Ärzte hofften, der von Bayer entwickelte Kalziumantagonist würde das Risiko der ersten Entzugsstunden verkleinern und die Leiden der Delirpatienten lindern.
Das Gegenteil geschah: Es kam zu schwerem Blutdruckabfall, die Trinker zitterten und schwitzten stärker als sonst. "Wir können heute froh sein, daß es zu keinen ernsthafteren Nebenwirkungen kam", sagte Chefarzt Rainer Gold, Pharmakologe der Klinik. Bayer-Sprecher Wolfgang van Loon muß zugeben: "In Ost-Berlin wurde eine Pilotstudie durchgeführt, deren Ergebnisse die Fortführung der klinischen Prüfung in dieser Indikation nicht rechtfertigen."
Die Alkoholiker erfuhren von dem Versuch erst im nachhinein, sagt Gold. Auch die Angehörigen blieben ahnungslos, obwohl selbst das DDR-Recht deren vorherige Unterrichtung verlangt hätte. "Sicher würde unter den veränderten Bedingungen", so der Pharmakologe, "eine klinische Prüfung heute anders aussehen."
Bisher war Ethik in der DDR immer nur die Ethik der herrschenden SED. Widerspruch, gar Verweigerung war nicht vorgesehen. An die Spitze der DDR-Ethikkommission - eines Gremiums, das offiziell für die moralischen Aspekte der Menschenversuche zuständig war - beriefen die Genossen einen, der landesweit als größter Freund klinischer Versuche galt: Professor Stephan Tanneberger (SED).
Der "Verdiente Wissenschaftler des Volkes" bescheinigte den Devisendeals die moralische Unbedenklichkeit. Er sorgte dafür, daß seine Krebsklinik mit Prüfaufträgen immer reichlich versorgt war. Für den Erfolgsfall lockten wissenschaftlicher Ruhm, bei Mißerfolg blieb als Trost die Prämie.
Heute bezichtigen ehemalige Mitarbeiter den Ethikpapst des "Stalinismus in der Medizin". In einem von 92 Klinikmitarbeitern unterzeichneten Papier wird ihm vorgeworfen, "wissenschaftlich haltlose Vorgaben für die Forschung" durchgedrückt zu haben. Diskussion darüber habe der Ober-Ethiker "kategorisch verweigert".
Auch menschlich soll Tanneberger versagt haben. Patienten, die sich in der Eingangshalle der Klinik die Zeit vertrieben, habe er regelmäßig abtransportieren lassen. "Schafft endlich die ausgemergelten Gestalten weg", befahl Tanneberger seinen Mitarbeitern.
Die bundesdeutsche Öffentlichkeit erfuhr von den klinischen Prüfungen in der DDR nichts. BIEG und die westlichen Pharmakonzerne hielten dicht wie ein Syndikat.
DDR-Medien berichteten allenfalls nebenbei von "internationaler Kooperation im Gesundheitswesen". Die westlichen Pharmakonzerne präsentierten zwar ihre Testergebnisse auf internationalen Kongressen. Das Land aber, in dem die Tests gelaufen waren, wurde nie genannt. o

DER SPIEGEL 6/1991
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