07.01.1991

VerkehrRollende Hämmer

Technische Tricks beim Lkw-Bau, glauben britische Forscher, könnten helfen, die enormen Straßenschäden durch Lastwagen zu verringern.
Rußschnaubend wälzt sich der blecherne Lindwurm Tag und Nacht durchs Land. Lückenlos aneinandergereiht, würde die Schlange der 100 000 Lastkraftwagen, die an Tagen mit Spitzenbelastungen über die Straßen der Bundesrepublik rollen, von Flensburg bis zu den bayerischen Alpen und zurück nach Hannover reichen.
Der stinkende Tatzel verschmutzt Luft und Wasser, frißt Landschaft und schädigt durch donnernden Lärm. Doch damit ist das Sündenregister des Störenfrieds noch nicht komplett.
Lastkraftwagen, so zeigen Untersuchungen der britischen Cambridge University, zerstören mit brutaler Gewalt die Verkehrswege, auf denen sie rollen. Gemessen an der zermalmenden Wucht der Brummi-Pneus, gleitet das Millionenheer der Personenkraftwagen geradezu federleicht über den Asphalt.
"Lkw und Lastzüge mit über zwölf Tonnen Gesamtgewicht", erklärte vergangene Woche der Verkehrsclub der Bundesrepublik Deutschland (VCD), verursachten "jährlich Straßenkosten von 7,8 Milliarden Mark". Da diese Fahrzeuge nur 3,6 Milliarden Mark an Kraftfahrzeug- und Mineralölsteuer entrichteten, so der VCD, subventioniere der Staat den Schwerlastverkehr mit jährlich 4,2 Milliarden Mark.
Tatsächlich dürften die Straßenschäden durch Brummis weit größer sein, als es die VCD-Zahlen vermuten lassen.
Als Faustregel für den Straßenfraß durch Lkw gilt den britischen Verkehrsforschern das "Gesetz der vierten Potenz". Danach zerstört ein einziger Laster jährlich soviel Straßenbelag wie der Pkw-Bestand einer mittleren Großstadt - genauer: Ein 40-Tonnen-Lastzug mit zehn Rädern entspricht in seinem Schadenspotential 163 840 vierrädrigen Mittelklassewagen von je einer Tonne Gewicht.
Reibend und rüttelnd, so die Cambridge-Ingenieure, ruiniert der Schwerlastverkehr die Fahrbahnen: *___Täglich schmirgeln Hunderttausende von Lkw-Rädern den ____Asphalt der Rollbahnen glatt; die Folge: Rutschgefahr ____für die übrigen Verkehrsteilnehmer. *___Wie rollende Preßlufthämmer stampfen die Laster-Pneus ____die oberste Straßenschicht nach unten und zur Seite; so ____prägen Lkw jene gefürchteten Spurrillen, in denen ____Personenwagen bei Regen Aquaplaning droht. *___Ähnlich wie Metall durch Biegebelastungen erleidet der ____Fahrbahnbelag durch den Rüttelprozeß der Brummi-Räder ____Ermüdungsbrüche, die sich durch die gesamte Tiefe der ____Straßenstruktur erstrecken können.
Bislang, so die Forscher der technischen Fakultät der Cambridge University, sei nur unzureichend erforscht, wie die von Lastkraftwagen verursachten Furchen und Risse sich in den Fahrbahnen ausbreiten. Auch gebe es "kaum brauchbares Material", um Rückschlüsse auf das Tempo zu ziehen, mit dem die Schäden durch den Schwerlastverkehr das Straßennetz ruinieren.
Um die dynamische Belastung durch die rollenden Hämmer genauer messen zu können, entwickelten die Ingenieure eine 38 Meter lange "Lasten-Meßmatte". Die 13 Millimeter starke Kunststoffmatte birgt im Abstand von 40 Zentimetern Streifen von druckempfindlichen Sensoren.
1989 maßen die Briten mit US-Kollegen auf amerikanischen Autobahnen erstmals präzise den Streß, den Straßen im Schwerlastverkehr erleiden. Mit Hilfe von Computermodellen wollen die Cambridge-Forscher nun klären, wie Straßenschäden entstehen und straßenschonendere Lastkraftwagen aussehen müßten.
Weiche Federungen, soviel wissen die Forscher bereits, schonen die malträtierten Fahrbahnen. Als probates Mittel gegen Straßenstreß gilt auch die Erhöhung der Achszahl je Lkw.
Ein 40-Tonner mit acht Achsen etwa verursacht nur 40 Prozent der Schäden, die von einem Sechsachser des gleichen Gesamtgewichts angerichtet werden. Sattelschlepper, so die Cambridge-Untersuchungen, rollen generell straßenfeindlicher als herkömmliche Lastkraftwagen mit Anhänger.
Mehr Achsen und eine bessere Federung, so lautet ein erstes Resümee der britischen Forscher, sollten europaweit für den Schwerlastverkehr vorgeschrieben werden. Fraglich sei allerdings, so argwöhnen die Briten, "ob die Mehrkosten für Kauf und Wartung solcher Lkw" gegen die Lobby des Straßentransport-Gewerbes durchzusetzen wären.

DER SPIEGEL 2/1991
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