DER SPIEGEL



Alptraum Deutschland

Für seine Bewunderer ist der dänische Filmemacher Lars von Trier eine Kultfigur eigenen Ranges, und die strenge Merkwürdigkeit seiner Werke, an denen er jeweils jahrelang laboriert, macht das begreiflich: Mit bestürzenden Montagen, mit schroffen Schwarzweiß-Stilisierungen, mit fotografischen Techniken, die an die Mehrfachbelichtungskünste des expressionistischen Kinos erinnern, schafft sich von Trier eine Eigenwelt der Nachtmahre und Obsessionen. Seinen neuen Film "Europa" (jetzt in deutschen Kinos) eröffnet die Stimme eines Hypnotiseurs, der das Publikum in Trance versetzt. Was folgt, ist eine halluzinatorische Reise durch die Trümmerlandschaft Deutschland im Herbst 1945. In einem Nachtzug, der zugleich rollendes KZ und Unterschlupf fanatischer Nazi-Werwölfe zu sein scheint, begegnen sich ein argloser junger Amerikaner (Jean-Marc Barr) und eine mysteriöse Deutsche (Barbara Sukowa): Das Komplott, in das sie verstrickt werden, verschlingt sie beide. Von Triers Film, von beklemmender Bild- und Phantasiedichte, will keine Wirklichkeit abschildern, er folgt einer Eigenlogik des Wahns, einer nibelungenhaften Untergangssucht; er hat die Eindringlichkeit und Unerträglichkeit einer finsteren Metapher.


DER SPIEGEL 27/1991
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