DER SPIEGEL



Treibnetze

Tödliche Zäune

Mit mehr als 100 Kilometer langen Treibnetzen räumen Hochseefischer die Meere aus. Nun soll die ökoschädliche Fangtechnik verboten werden.

Wie Silberpfeile waren die Delphine aus den Wogen des Pazifiks aufgetaucht. Eine Weile hatten sie den japanischen Fischtrawler eskortiert und die Mannschaft mit artistischen Sprüngen und kraftvollen Schwimmkapriolen erheitert.

Dann fand das Wasserballett der graziösen Meeressäuger ein blutiges Ende. Sie gerieten in eine Falle, die sie trotz ihrer hochsensiblen Echolot-Peilung nicht wahrgenommen hatten. Ein halbes Dutzend Delphine zappelten sich im Treibnetz des Trawlers zu Tode - einem Gespinst aus feinen, doch reißfesten Nylonfäden, die sich tief ins Fleisch und in die Flossen der Tiere schnitten.

Rund eine Million Delphine und andere Wale verenden jährlich in den tückischen und schier endlosen Treibnetzen, die bis zu 145 Kilometer lang sind und rund 15 Meter tief ins Meer hinabreichen. Mit Hilfe der monströsen Nylonschleppen, die wie "Todeszäune" (so Umweltschützer) in die See gesenkt werden, fegen vor allem asiatische Fangflotten riesige Meeresregionen leer.

In den fast unsichtbaren Treibnetzmaschen sterben nicht nur Fische, Delphine und größere Wale, sondern auch Robben, Meeresschildkröten und dazu Millionen von Seevögeln, die von dem Massenfang angelockt und beim Tauchen selbst zur Beute werden.

Sogar Pottwalen, Riesen mit einer Körperlänge von 20 Metern, können die feingesponnenen Netze zum Verhängnis werden: Innerhalb von drei Monaten verendeten 50 bis 100 Pottwale im Treibnetz eines taiwanesischen Trawlers, der im Indischen Ozean manövrierte und zu einer Flotte von insgesamt 139 Schiffen gehörte. Nach einer Hochrechnung von Umweltschützern dürfte allein dieser Schiffsverband jährlich an die 7000 Pottwale ums Leben bringen.

Nach Protesten von Ökologen und Naturschützern hatten im Dezember 1989 auf einer Uno-Vollversammlung die USA und Neuseeland ein weltweites Verbot der mörderisch effizienten Treibnetzfischerei gefordert. Beschlossen wurde ein Kompromiß: Danach sollen Treibnetze vom Juni 1991 an zunächst im Südpazifik, ein Jahr später auf allen Weltmeeren verboten sein.

Seit 1989 würgen die Fischerei-Nationen an dem Uno-Verdikt, das sie für schwer verdaulich halten: Allein im Nordpazifik kreuzen rund 1000 Fischtrawler aus Japan, Taiwan und Südkorea, die allnächtlich 50 000 Kilometer Treibnetze auswerfen. Oft operieren die Schiffe im Verband und legen ihre Netze im Rechteck aus - eine massenvernichtende Fangpraxis, die erst vor wenigen Jahren aufkam.

Bis Ende der siebziger Jahre galt die Fischerei auf hoher See - mehr als 200 Seemeilen vor den Küsten - als weitgehend unergiebig, weil dort die Fischschwärme weit voneinander entfernt ihre Bahnen ziehen. Erst als die Erträge in den zunehmend überfischten Küstengewässern schrumpften, rüsteten die Hochseefischer auf.

Noch vor vier Jahren fuhren sieben taiwanesische Trawler im Südpazifik die fünffache Menge der bis dahin mit Köder und Leine gefangenen Albakora-Thunfische ein. Im Jahr darauf warfen in der gleichen Region schon 130 Fangschiffe Treibnetze aus, 60 weitere kamen aus Japan.

Die enorm verschwenderische Treibnetzmethode - bei der nicht nur die Kadaver ungenießbarer Meerestiere, sondern auch bis zu 40 Prozent etwa der Thunfische wieder in die See gekippt werden, weil sie zu sehr verstümmelt sind - gefährdet inzwischen die Lebensgrundlagen zahlreicher Völker im Südpazifik. So werden auf hoher See, anders als in Küstennähe, auch Jungfische massenhaft abgeräumt, die das Laichalter noch nicht erreicht haben.

Das hat den Schwund der Thunfischbestände dramatisch beschleunigt. Japan, rigorosester Plünderer des Pazifiks, legte deshalb rings um den heimatlichen Archipel eine 1600 Kilometer breite Schutzzone, in der die eigene Fischereiflotte keine Treibnetze einsetzen darf.

Auch dort allerdings treiben, wie in vielen Seegebieten, sogenannte "Geisternetze" durchs Meer - verlorengegangene Treibnetze, die an ihren Schwimmern hängen und erst untergehen, wenn das Gewicht der darin gefangenen Tiere sie in die Tiefe zieht. Wenn die Beute verwest ist, tauchen sie wieder auf, und der Kreislauf beginnt von neuem.

Auf der Uno-Vollversammlung in New York hatten auch die EG-Länder für einen Treibnetzstopp plädiert. In Brüssel allerdings, wo es um ein Verbot in den heimischen Gewässern ging, war es aus mit der Euro-Eintracht: Iren, Dänen und vor allem Franzosen sträubten sich heftig gegen den Uno-Beschluß; die deutschen EG-Vertreter sorgten dafür, daß eine Entscheidung immer wieder vertagt wurde.

Am Montag nächster Woche wollen die EG-Minister nun einen Gesetzentwurf beraten, den der Brüsseler Fischereikommissar Manuel Marin ausgearbeitet hat: Danach soll Europas Fischern in internationalen wie in EG-Gewässern der Einsatz von Treibnetzen verboten werden, die länger als 2,5 Kilometer sind - in den Hoheitsgewässern von Nicht-EG-Staaten, so das Hintertürchen des Marin-Entwurfs, dürften demnach europäische Fangschiffe weiterhin ihre Endlosnetze auswerfen.

Doch der schlaue Vorbehalt könnte für die Europäer zu einem Schuß in den Ofen werden: Falls die EG die Uno-Resolution unterlaufe, warnte die Greenpeace-Expertin Wiebke Schwarzbach, "käme das einer Aufforderung an Japan und Taiwan gleich, die Fischerei weltweit noch auszudehnen" - womöglich bis in die traditionellen Fischgründe der Europäer: 20 taiwanesische Trawler haben ihre Netze bereits im Nordatlantik ausgeworfen. o


DER SPIEGEL 27/1991
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