07.01.1991

„Ich denke, also bin ich nicht“

Der Schriftsteller und Kritiker Peter Hamm, 53, lebt in Tutzing am Starnberger See.
Als Paul Valery im Juli 1945 mit einem von Charles de Gaulle verordneten Staatsbegräbnis die letzte Ehre zuteil wurde, da schien es vielen, als trage man den letzten Statthalter des europäischen Geistes zu Grabe. Wenn es nach Goethe und Victor Hugo überhaupt noch einen Klassiker zu Lebzeiten gegeben hat, dann war das Paul Valery, der einmal klagte: "Was gäbe ich dafür, wenn mir mein Ruhm dazu verhülfe, ohne ihn auszukommen!"
Als 1921 über 3000 von der Zeitschrift La Connaissance ausgewählte Geistesgrößen Valery zum "größten Dichter der Zeit" kürten, mokierte sich darüber niemand - außer Valery selber, der an einen Freund schrieb: "Sie haben mich mit 3145 Stimmen zum größten Dichter gewählt . . . Nun bin ich aber weder groß noch Dichter, und sie sind auch nicht 3000, sondern wohl 4 in irgendeinem Cafe."
Freilich huldigten Valery uneingeschränkt auch jene unter seinen schreibenden Zeitgenossen, die alles andere als Cafehausliteraten waren und mit Lob sonst eher knauserten. Selbst der strenge Musil konnte Neidgefühle gegenüber dem französischen Kollegen nicht verhehlen. Auf T. S. Eliots Schreibtisch stand die Fotografie Valerys, und W. H. Auden, der doch geradezu als Antipode Valerys wirken könnte, bekannte noch im Alter, er habe Valery "öfter als jeden anderen Dichter um Hilfe angerufen".
Daß Paul Valery für den Nobelpreis zu groß war, versteht sich fast von selber. Dafür machte ihn Frankreich, obwohl er nur zur Hälfte Franzose war - Valerys Mutter stammte aus einem alten Genueser Geschlecht, der Vater war Korse -, früh zum Ritter der Ehrenlegion und nahm ihn noch früher in die Academie der Unsterblichen auf, wo er in seiner Antrittsrede das Kunststück fertigbrachte, den Namen Anatole France, dessen Nachfolger er doch war, nicht ein einziges Mal zu erwähnen.
Nicht nur die Statur zum Repräsentanten und die verwirrende Vielseitigkeit der geistigen Interessen hatte Paul Valery mit Goethe gemein, sondern auch die Zugehörigkeit zu zwei einander sehr fremden Jahrhunderten. Als der im Jahr der Niederlage und der Kommune 1871 in Sete an der französischen Mittelmeerküste geborene Valery seine geistige Geburt erlebte, da malte noch Degas seine Tänzerinnen, Flaubert und Zola waren die führenden Romanciers, und in der Poesie beherrschten das Feld Baudelaire, Verlaine, Rimbaud und der von Valery abgöttisch verehrte Mallarme, dem der 19jährige seine frühen und bereits unerklärlich vollkommenen Verse vorlegte.
Als Valery starb, da las und diskutierte man Celine, Sartre, Camus, hörte Arnold Schönbergs "Überlebenden aus Warschau", in den Galerien wurden Fautrier, Dubuffet und Wols ausgestellt, der Surrealismus war bereits passe - und passe war auch jede ungebrochene Geistgläubigkeit, hatte sich doch der Ungeist als unendlich überlegener Sieger in den Kämpfen und Katastrophen der Epoche erwiesen.
1896 hatte Valery in seiner Schrift "Eine methodische Eroberung" im disziplinierten und generalstabsmäßig durchorganisierten Deutschland, das er als ein einziges großes Laboratorium bewunderte, die mächtigste Tendenz des Zeitgeistes am Werk gesehen. In seinen letzten Lebensjahren mußte Valery nicht nur mit ansehen, wie diese Tendenz seine Heimat Frankreich versklavte, sondern wie sie ganz Europa verwüstete und schließlich zu den Gaskammern von Auschwitz führte.
Derselbe Valery, der einmal gemeint hatte, es fehle ihm nur "ein Deutscher, der meine Gedanken zu Ende denken würde", dachte nun als Greis ein berühmtes deutsches Werk weiter und kam in seinem "Faust", den er auch verwegen "Mon Faust" nannte, zu dem Schluß, daß in unserer modernen Welt nicht nur der Teufel völlig harmlos und also überflüssig geworden sei, sondern auch der Geist gründlich ausgespielt habe - jener Geist, dem Valery ein Leben lang bedingungslos gedient hatte, ja, der sein einziger Gott gewesen war, dem er früh sogar die Gabe seiner Dichtung zum Opfer gebracht hatte.
Bereits im Spätherbst 1892, in der berühmten Gewitternacht von Genua, die er dann als die Hauptzäsur in seinem Leben bezeichnen sollte, beschloß Paul Valery nämlich, nicht nur die Liebe, sondern auch die Literatur zu "guillotinieren". Sowohl in der Liebe wie in der Literatur glaubte er, seiner Gefühle nicht vollkommen Herr werden zu können. Gefühle aber galten ihm als vulgär: "Ihretwegen werden wir von Männern, von Frauen, von Umständen beherrscht."
In der Sphäre des Geistes, wie sie ihm vorschwebte, sollten Gefühle nur bis zu dem Grade ihrer Vermessungsmöglichkeit zugelassen sein, diese Sphäre sollte von allem Irrationalen befreit sein. Der junge Paul Valery, der "im Grunde wütend darüber (war), ein Mensch zu sein, in diese Affäre des Daseins verwickelt zu sein", verkündete: "Weder das Neue noch das Geniale verlocken mich, sondern die Herrschaft über sich selbst", und als das Wesentliche betrachtete er nicht länger "das Werk", sondern "die Erziehung des Urhebers".
Entsprechend galten ihm nicht seine Gedichte, Dialoge und diversen anderen literarischen Produkte als sein "wahres OEuvre", sondern seine Cahiers, in denen er von 1894 an bis zu seinem Tode nahezu täglich im Morgengrauen diese Erziehung des Urhebers betrieb. In insgesamt 261 Heften, die faksimiliert 28 000 Folioseiten umfassen, machte sich Valery zu Goethe und Eckermann in einer Person: "Mein ewiges Heft ist mein Eckermann (Man braucht nicht Goethe zu sein, um sich einen treuen Gesprächspartner zu leisten)."
Man hat Valery in Deutschland allzu lange nur als den Dichter - und auch noch durch die Brille seines allzu preziösen und dazu noch unpräzisen Übersetzers Rilke - wahrgenommen. In Wahrheit nahm Valery, selbst als er nach jahrzehntelanger poetischer Abstinenz wieder Ausflüge in die Poesie unternahm, eine an Verachtung grenzende Distanz zu seinen eigenen literarischen Produkten wie zur Literatur überhaupt ein. War Valery vielleicht einfach zu intelligent, um auf die Dauer Dichten nicht zu dumm zu finden?
Die Romanfabrikation kam für ihn ohnehin nie in Betracht, er glaubte, dieses ganze Genre erledigt zu haben mit seinem ironischen Diktum, er brächte es nicht über sich, einen Satz niederzuschreiben wie: "Die Marquise ging um 5 Uhr aus"; erstaunlicherweise überlebte der Roman diesen Giftpfeil aber ziemlich mühelos und schickt bis zum heutigen Tag immer neue und doch altbekannte Helden aus ihren Häusern.
Einen Helden hat allerdings auch der junge Valery geschaffen, genauer: den ersten Anti-Helden der modernen Literatur, denn wir erfahren nichts über seine Herkunft oder seine Gefühle, und Valerys Bericht über ihn beginnt mit einem Satz wie einem Fanfarenstoß: "Dummheit ist nicht meine Stärke." Dieser selbstbewußte Anti-Held namens "Monsieur Teste", der auf dem Kampfplatz des Kopfes gegen den Rest des Leibes und gegen alles zu Felde zieht, was ihn daran hindern könnte, die perfekte Personifizierung des Denkens zu sein, verwandelt sich in den Cahiers wieder in jenen Helden, der ihn schuf: in Paul Valery.
Er ist, bezeichnenderweise, ein Held der Frühe. Nicht in der Mittagsschwüle, nicht in der Dämmerung, erst recht nicht in der Nacht ist der Kopf so unangefochten vom übrigen Körper wie in der Frühe. Ein solches Bollwerk gegen das Leben, wie die Cahiers es darstellen, läßt sich nur errichten, solange das Leben noch nicht zu sich erwacht ist, solange noch Ereignislosigkeit herrscht; Ereignisse, hat Valery einmal gesagt, langweilten ihn, sie seien nur der Schaum der Dinge, ihn aber interessiere das Meer.
Was passierte nun auf diesem Meer der Möglichkeiten, das Paul Valery allmorgendlich in seinen Cahiers befuhr, wo waren dessen Tiefen und Untiefen, welche Meeresungeheuer mußte Valery bezwingen, welche Sirenen lagen ihm in den Ohren? Die Klatsch- und Meinungsmonster, von denen es sonst in den Aufzeichnungen diverser Dichter und Denker nur so wimmelt, tummeln sich in den Cahiers nirgends; vor Meinungen, politischen oder moralischen, grauste es Valery, dessen Urteil über Politik entsprechend scharf ausfiel: "Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht."
Valery war, wie Max Rychner formuliert hat, "nicht sittlicher, sondern geistiger Moralist, nicht gegen das Böse gewandt, sondern gegen das Dumme". Nicht einmal die beiden Gegner, die er ausdrücklich als seine beiden Hauptfeinde bezeichnet, nämlich das Herz und der Körper, vermochten es, ihn zu Bekenntnissen oder gar Geständnissen zu verführen - oder nur so ausnahmsweise, daß man wie über den berühmten Blitz aus heiterem Himmel erschrickt, wenn einmal plötzlich ungeheuer nackt der Satz dasteht: "Ich liebe mich nicht."
Dabei ist dies zum Verständnis Valerys zweifelsohne ein Schlüsselsatz, der überhaupt erst zu erklären vermag, warum sich Valery so entschieden weigert, den Blick aufs eigene Ich freizugeben oder, genauer, warum er so strikt wie nur noch der ihm in so vielem verwandte Portugiese Fernando Pessoa darauf besteht, nicht der zu sein, der er ist: "Welcher ich auch sei, ich weise ihn zurück", notiert Valery in den Cahiers, was ihn nicht daran hindert, sich gleich darauf wieder narzißtisch über das eigene Spiegelbild zu beugen, um sich als intellektuelle Hydra, wenn schon nicht zu bewundern, so doch zu studieren.
"Sich daran gewöhnen, als Schlange zu denken, die sich selbst verschlingt", so könnte ein Motto dieses unentwegten Selbststudiums lauten, das so völlig ohne Seelendramen abzugehen scheint und sich nur in Ideendramen abspielt, in intellektuellen Kämpfen, die freilich den Vorzug haben, daß es dabei weit weniger Verwundungen gibt als bei den verachteten Gefühlskriegen, wie sie etwa in den Tagebüchern Andre Gides ausgetragen werden.
Andre Gide, mit dem Valery eine lebenslange Freundschaft verband, die - wie der 50 Jahre währende Briefwechsel zwischen beiden zeigt - im wesentlichen aus Irritationen übereinander bestand, Gide war in Wahrheit wohl der absolute Antipode Valerys*. Da es leider viel leichter ist zu sagen, was Valerys Cahiers nicht sind, als was sie sind, so ließe sich zumindest dies mit Sicherheit sagen, daß sie in allem das Gegenteil von Gides Tagebüchern sind.
Nach deren Lektüre stellte Valery Anfang der vierziger Jahre mit gut gespieltem Entsetzen fest, daß Gide "keine Ahnung" von ihm habe: "Er lebt in einer ganz anderen Welt - einer Welt, in der die emotionalen Fragen beinahe die einzigen sind, die es gibt, und in der der Wille zur Macht nur jene Macht meint, die Gefühle der anderen zu erschüttern, und nicht Macht, zu dem zu finden, was man vor sich selbst sein möchte . . ."
Gide war neugierig auf Individuen, also auf alle Arten von Abweichungen, Valery aber war versessen auf die Gesetzmäßigkeiten der Gattung, und für ihn zählten nur die Spezialisten, zu denen er merkwürdigerweise die Frauen rechnete (was Gide auch nicht gerade begeistert haben dürfte). Gide wollte erregen und selber erregt werden, er mußte deshalb gefallen, was ihn in Valerys _(* "Andre Gide - Paul Valery. ) _(Briefwechsel 1890 - 1942". Aus dem ) _(Französischen von Hella und Paul Noack. ) _(S. Fischer Verlag, Frankfurt; 740 ) _(Seiten; 98 Mark. ) Augen zur "Kokotte" machte. Valery aber wollte erkennen und selber nicht erkannt werden, er hatte das "Bedürfnis, inkommensurabel zu sein und mich so zu erhalten", und er verbarg sich deshalb unter dem Dach eines Denkens, dessen Ziel nicht - wie bei Gide - absolute Aufrichtigkeit, ja Entblößung war, sondern gerade das Gegenteil, Sich-Verbergen, Askese, Abstand - jene Art von Abstand, den Simone Weil einmal "die Seele des Schönen" genannt hat, der aber für Gide vor allem Ausdruck für Hochmut war.
Bereits 1901 notierte er in seinem "Journal" mit Blick auf den Freund Valery: "Der Verstand scheint mir nicht mehr die teure Perle zu sein, für die man alles übrige verkauft. Die Eitelkeit, alles zu verstehen, ist ebenso lächerlich wie jede andere Eitelkeit und gefährlicher als jede andere. Nach kurzer Zeit versteht man sich selbst am wenigsten." Genau 40 Jahre später aber gab Gide sich geschlagen und seufzte: "Wenn man Valery liest, erwirbt man jene Weisheit, sich ein wenig dümmer zu fühlen als zuvor." Als Gide dies 1941 schrieb, konnte er die Cahiers noch nicht kennen, in denen Valerys Intelligenz erst ihre wahren Triumphe feierte.
Der junge Valery stellt die Poetik über die Poesie: Nicht die Produkte, sondern die inneren Gesetze der Dichtung interessieren ihn, das Wie des Denkens eher als das Was steht zunächst im Zentrum der Cahiers. Im Bemühen, die Bedingungen des Denkens, das Bewußtsein des Bewußtseins zu ergründen, stößt er dabei rasch an die Grenzen jenes Mediums, dessen er sich als Dichter doch so sicher war, an die Grenzen der Sprache. Valery wird zum Sprachkritiker, der streng deklariert: "Die Sprache hat das Denken nie zu Gesicht bekommen." Valerys Fazit: "Es ist wichtig, sich im Denken ohne Sprache zu üben!" Doch wie macht man das?
Die Antworten darauf fallen bei Valery kaum weniger widersprüchlich aus als später bei Wittgenstein, dessen Einsichten der Franzose freilich in vielem vorwegnahm. Doch die Differenz zwischen dem Denken und der Sprache, die Differenz zwischen dem Denken und dem Denkenden vermag auch Valery nicht auszuloten, selbst wenn er Hilfe sucht bei der Mathematik und den Naturwissenschaften, die ihm so viel verläßlicher als die Sprache scheinen, wobei man den Verdacht nicht los wird, daß er sie vor allem deshalb so sehr bewunderte, weil er von ihnen nichts oder doch weit weniger als von der Sprache verstand.
Über die eher triviale Erkenntnis, daß ein Mensch "komplizierter - unendlich komplizierter - als sein Denken" ist, landet Valery bei dem, was ihn selbst vor allem auszeichnet, bei der Sensibilität: "Die Sensibilität ist das wichtigste Faktum von allem - es umfaßt alle anderen, ist allgegenwärtig und allkonstituierend. Das, was man Erkenntnis nennt, ist nur eine Komplikation dieses Faktums." Woher aber kommt die Sensibilität? Darauf weiß auch Valery nichts Verläßlicheres zu sagen als: "Ihre Rolle ist ebenso wunderbar wie die des Blutes auf der unteren Ebene der Lebensordnung."
Auf der Suche nach dem Wesen des Denkens, dem Wesen der Intelligenz stößt Valery also sehr bald wieder auf einen seiner beiden erklärten Hauptfeinde, den Körper, der offensichtlich alles Denken dominiert: "Der Geist ist ein Moment der Antwort des Körpers auf die Welt." Wie peinlich aber für den Geist, daß er von den geringsten Störungen des Körpers, etwa von ein bißchen Husten - Valery litt zeitlebens unter nervösem Reizhusten - oder von Zahnweh so gräßlich blamiert werden kann: "Es sieht ganz so aus, als sei ein heftiger Zahnschmerz das Wichtigste von der Welt. Er bringt das Universum zum Verschwinden, die Leidenschaften - man könnte sich umbringen, man ruft nach der Zerstörung seiner selbst und alles anderen."
Daß dieses ewige Mißverhältnis von Empfinden und Intelligenz die Intelligenz des Autors der Cahiers beleidigen mußte, versteht sich; es bringt ihn aber auch zu der überraschenden Einsicht, daß "alles Intensive, das wir über uns ergehen lassen müssen . . . keinerlei universelle Bedeutung" hat, und veranlaßt ihn, auch die Bedeutung der Intelligenz entsprechend zu relativieren: "Die Aufgabe der Intelligenz . . . ist die Relativierung dessen, was Sinne und Körper für absolut erklären." Daß die Intelligenz auch bei dieser Aufgabe zumeist versagt und die Differenz zwischen Geist und Körper letztlich unaufhebbar ist, erhellen zwei Sätze, die wie Grabsprüche für den fehlkonstruierten Menschen in den Cahiers stehen: "Manchmal denke ich, und manchmal bin ich", lautet der eine Satz, und der andere, ihn ergänzende, der Descartes'' Cogito ergo sum kühn auf den Kopf stellt: "Ich denke, also bin ich nicht!"
Eine Schlußfolgerung wie diese, die des Tragischen wahrlich nicht entbehrt, hätte einen anderen als Valery vielleicht nach Gott rufen lassen. Doch Valery, der Metaphysikern gern das Etikett "unpräzise" verpaßt, ging nie in die Gottesfalle. Gegen Pascal, der für ihn offenbar alles das verkörperte, was seinen Intellekt bis zur Weißglut provozierte, führt Valery sein geistiges Idol Leonardo da Vinci ins Feld, einen Leonardo, der allerdings so gut wie nichts mit dem wirklichen Leonardo zu tun hat, sondern ein von Valery konstruierter Übermensch ist; wo Pascals metaphysische Angst schaudernd den Abgrund wahrnahm, hätte Leonardo - laut Valery - eine Brücke gebaut oder versucht, "mit einem großen mechanischen Vogel" diesen Abgrund zu überwinden.
Valerys Leonardo fragt nicht: Was ist der Mensch? sondern: Was kann der Mensch? Wenn es gegen Pascal und die Metaphysiker geht, versinkt selbst ein Valery, der sich doch immer als Gegner des Common sense gerierte, gelegentlich im Abgrund eines allzu gesunden Menschenverstandes. Dann nennt er das Evangelium "Tausendundeine moralische Nacht", Glaube ein "Sich-die-Augen-Ausstechen, um klarer zu sehen", und den Christen-Gott verwirft er nicht nur, weil er "einen Gott, der möchte, daß ich ihn lobe", ein bißchen lächerlich findet, sondern auch, weil dieser Christus ihm zuwenig denkt und zuviel leidet - und noch dazu freiwillig. Der Christen-Gott provoziert Valery zu Ausfällen, die geradezu von dem Krakeeler Celine stammen könnten: "Was ist das für ein Gott, der imstande ist, für dieses Sauvolk von Menschen seinen Sohn zu opfern?"
Ob seine Irreligiosität vielleicht gerade daher rühre, daß er den Menschen und sich selber verachte, fragt Valery in den Cahiers einmal, ohne Antwort darauf zu geben. Man wird allerdings den Eindruck nicht los, daß auch Valery im Grunde ein Homo religiosus war, der mit Novalis wußte, daß "jede absolute Empfindung religiös" ist. Seinen Doppelgänger "Monsieur Teste" hat Valery wohl nicht von ungefähr einen "Mystiker ohne Gott" genannt. "Man glaubt immer an etwas. Wer zweifelt, glaubt an sich, den Zweifelnden", verkünden die Cahiers - und verstärken nur noch die Vermutung, daß auch Valerys Fixierung auf den reinen Geist bloß ein Glaube an den Geist war, ein Glaube, der endlich ja auch nachhaltig erschüttert wurde.
"Die Liebe der Zeit um 92 - ist vergangen. Die Formel jedoch, wie sie mittels des Intellekts auszutreiben sei, hat sich gehalten und ist zu einem Hauptwerkzeug meiner Denkweise geworden - ich halte mich seit nunmehr 50 Jahren daran": Als Valery sich 1942 in seinen Cahiers so geistessicher gab, war in Wahrheit sein intellektuelles Hauptwerkzeug längst ziemlich stumpf geworden, war ihm schon zum zweitenmal aus der Hand geschlagen worden - von einer Frau. War es zwischen 1920 und 1928 die ebenso exzentrische wie intelligente Schriftstellerin Catherine Pozzi, in der nicht nur Valerys Geist seine Meisterin fand, so war es von 1937 an eine junge Rechtsanwältin, Jean Voilier, die seinem Geist gewaltig zusetzte.
In den mehr als tausend Briefen, die Valery ihr zwischen 1937 und 1945 schrieb, läßt sich verfolgen, wie die Liebe auch einen so scharfsinnigen Geisteshelden wie Valery allmählich zum Schwachsinnigen - und zum Menschen macht: "Je weiter ich komme, desto größer wird mein Bedürfnis nach Zärtlichkeit. Im Grunde gibt es nur noch das auf der Welt. Wie scheußlich, würdelos, dumm und nichtig ist alles andere. Selbst der Geist . . .", so bekennt Valery in einem der letzten dieser Briefe.
Aber hatte er nicht schon in dem 1941 verfaßten "Faust"-Fragment eigentlich alles das zurückgenommen, was er einst propagiert und was ihn überhaupt erst dazu bewegt hatte, das gewaltige Werk der Cahiers zu beginnen? In Valerys "Mon Faust" baut ja nur noch Fausts Sekretärin, Fräulein Lust, auf die Macht des Geistes. Faust selber aber erklärt: "Alles was wirklich und wesentlich ist, wird durch das Denken beeinträchtigt, ja zerstört; wenn aus dem Sinnlosen durch Zufall zuweilen das Vollkommene geboren wird, so geschieht dies ohne Zutun des Verstandes, der sich umsonst bemüht, eine Erklärung für dieses Wunder zu finden. Wenn das Herz Verstand hätte, wäre es tot."
Daß Valerys Herz, vor dem er sich so sehr fürchtete, nie tot war, und diesen Propagandisten eines hellwachen Bewußtseins immer auch die Ungeheuer des Unbewußten ritten, davon zeugt auch die verräterische Metaphorik, mit der er sich in den Cahiers zu jenen Mächten bekennt, die ihn doch gerade vor den Gefühlen und dem Herzen schützen sollten. Derselbe Valery, der Liebe und Erotik gern als Trunkenheit und Flucht vor der Klarsicht des Geistes denunzierte, bekennt hier, "trunken, berauscht von Physik" zu sein, er nennt Ideen sein Laster, die Mathematik sein Opium, Reinheit seinen Dämon und Sensibilität gar seine Stute!
Sowenig nachteilig Valerys Immunität gegen jede Art von Tiefsinn gerade hierzulande erscheint, wo die Denker gern vor Tiefsinn triefen, sosehr auch Valerys von Cioran beklagte "Untauglichkeit zur Utopie" im Lichte der jüngsten geschichtlichen Erfahrungen eher als ein Plus seines Denkens zu Buche schlägt - und sosehr Valerys Stil in seiner vollkommen unverschwitzten Klarheit zu begeistern vermag, so wenig läßt sich doch auch ganz übersehen, was Valerys Freund Paul Leautaud einmal "die Langeweile, die von der Vollkommenheit ausgeht", genannt hat.
Valery fehlt das Vermögen, aus der Rolle zu fallen, die Kontrolle über sich auch einmal zu verlieren. Im Gegensatz etwa zum Denken Nietzsches (den Valery verächtlich einen "philosophierenden Zigeuner" nannte) oder auch dem eines Bataille oder eines Cioran entbehrt das Denken Valerys ganz des Skandalösen. Seine Cahiers wirken insgesamt auf eine Weise wohltemperiert, die verständlich macht, warum Valery sich einmal "das Temperament eines Berufssoldaten" attestierte. Zur heiligmäßigen Raserei war ihm der Weg ebenso versperrt wie zu jener Art heiligmäßiger Weisheit, die jenseits des Intellekts angesiedelt ist.
Der alte Goethe rühmte sich einmal, er habe es deshalb so weit gebracht, weil er nie über das Denken nachgedacht habe. Vielleicht berührt dieser Satz erst das eigentliche Defizit Valerys, der lebenslang über das Denken nachdachte und dabei doch nie jene Weltfrömmigkeit besaß, die Goethe erst dazu befähigte, Kopf und Herz miteinander zu versöhnen. _(* Paul Valery: "Cahiers/Hefte". Sechs ) _(Bände. Herausgegeben und kommentiert von ) _(Hartmut Köhler und Jürgen ) _(Schmidt-Radefeldt. Fischer Verlag, ) _(Frankfurt/Main. Bisher erschienen: Band ) _(1: 592 Seiten; 78 Mark. Band 2: 712 ) _(Seiten; 88 Mark. Band 3: 504 Seiten; 78 ) _(Mark. Band 4: 648 Seiten; 88 Mark. )
Die auf sechs Bände geplante deutsche Cahiers-Ausgabe, von der bisher vier vorbildlich kommentierte Bände erschienen sind, stellt wohl das ehrgeizigste Buchprojekt dieser Jahre dar*. Wie die französische Cahiers-Ausgabe, die Valerys Schwiegertochter Judith Robinson in der berühmten Bibliotheque de la Pleiade herausgebracht hat, wird sie letztlich nur elf Prozent der Faksimile-Ausgabe umfassen, doch auch das ist immer noch des Guten fast zu viel.
Zumal die deutschen Herausgeber Hartmut Köhler und Jürgen Schmidt-Radefeldt von der Pleiade-Ausgabe auch die Einteilung in Rubriken übernommen haben; auch wenn sie sich dabei auf Valery selber berufen können, der schon einige Sekretäre verbrauchte, die seine Notate einzelnen Rubriken wie Ego, Sprache, Philosophie, Psychologie, Sensibilität, Gedächtnis, Körper etc. zuordnen mußten, so hat solche Rubrizierung doch zur fatalen Folge, daß Gedanken, die in den Cahiers im Laufe vieler Jahre immer neu wiederaufgenommen wurden, jetzt in manchmal ermüdender Weise aufeinanderfolgen. Es entsteht dadurch auch der Eindruck eines angestrebten geschlossenen Systems, wo in Wahrheit doch das Gegenteil der Fall war und Valery in Fragmenten und betont antithetisch dachte. Er selber sprach einmal von seinem "Instinkt, der sich nur im ewigen Provisorium wohl fühlt".
Wer sich dort nicht so wohl fühlt und auch nicht bereit ist, einige Monate seines Lebens einer Lektüre zu opfern, die ihm nichts als das Schauspiel einer "großen unangewandten Intelligenz" (Jacques Riviere) bietet, sollte besser die Finger von Valerys Cahiers lassen. Valery, der einmal von der Paradoxie sprach, die darin liege, daß es weit mehr Intelligenz erfordere, drei als drei Millionen Menschen zu fesseln, rechnete selber ohnehin nicht mit mehr als diesen paar Lesern.
* "Andre Gide - Paul Valery. Briefwechsel 1890 - 1942". Aus dem Französischen von Hella und Paul Noack. S. Fischer Verlag, Frankfurt; 740 Seiten; 98 Mark. * Paul Valery: "Cahiers/Hefte". Sechs Bände. Herausgegeben und kommentiert von Hartmut Köhler und Jürgen Schmidt-Radefeldt. Fischer Verlag, Frankfurt/Main. Bisher erschienen: Band 1: 592 Seiten; 78 Mark. Band 2: 712 Seiten; 88 Mark. Band 3: 504 Seiten; 78 Mark. Band 4: 648 Seiten; 88 Mark.
Von Peter Hamm

DER SPIEGEL 2/1991
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