04.02.1991

DopingDelikate Frage

Deutsche Sportfunktionäre tun sich mit der Aufarbeitung des Dopingproblems schwer. Belastete Trainer und Ärzte machen weiter Karriere.
Der Mann mit dem sorgfältig gescheitelten Haar hielt sich stets auffällig abseits. Doch wenn ein deutscher Schwimmer bei den Weltmeisterschaften im australischen Perth um eine Medaille kämpfte, überwältigte auch ihn das neue deutsche Nationalgefühl. Wurde ein Landsmann gar Weltmeister, lauschte er ergriffen der Hymne.
Jochen Neubauer war dann stets auch ein bißchen stolz auf sich. Der Doktor der Medizin aus Potsdam hatte mitgeholfen, die deutschen Schwimmer auf die WM vorzubereiten. Er habe dabei, sagt ein Schwimmtrainer, "ganz hervorragend gearbeitet".
Auf erfolgsorientiertes Wirken versteht sich im deutschen Schwimmlager tatsächlich keiner so gut wie Neubauer. Der Sportarzt war bis zur Wende für die Schwimmer des ASK Potsdam zuständig. Und dort hat er, wie im März letzten Jahres der Trainer Michael Regner detailliert schilderte (SPIEGEL 11/1990), auch schon mal minderjährigen Mädchen Anabolika ohne deren Wissen ins Getränk mischen lassen, um sie so zum systematischen Doping für Medaillen vorzubereiten.
Doch die Altlasten ist der Doktor mit einem Federstrich losgeworden. Er unterzeichnete ungerührt eine "Eidesstattliche Erklärung", in der er mit zehn wohlgesetzten Schreibmaschinenzeilen versicherte, "in der Vergangenheit keine Dopingmittel gegeben" zu haben. Prompt avancierte er zum offiziellen Mannschaftsarzt des inzwischen vereinigten Deutschen Schwimm-Verbandes.
Die steile Karriere des Potsdamer Anabolika-Doktors ist beispielhaft für die Doppelzüngigkeit, mit der im deutschen Sport auch fast ein Jahr nach den ersten fundierten Dopingbeweisen die Problematik aufgearbeitet wird. Allen vollmundigen Erklärungen zum Trotz, gerade unter den verantwortlichen Trainern und Medizinern aussortieren zu wollen, wirken die Manipulatoren sogar in Spitzenpositionen weiter.
Als seine Dopingpraxis bekannt wurde, war Neubauer nur kurz verunsichert. "Die wissen alles. Was soll ich denn jetzt machen?" fragte er einen Freund um Rat - und orientierte sich dann gleich gen Westen, wo er in Österreich und im westfälischen Warendorf "Stellenangebote prüfen" wollte.
Als der SPIEGEL von einem mehrstündigen Gespräch in der Warendorfer Bundeswehrkaserne berichtete, das Schwimm-Bundestrainer Manfred Thiesmann arrangiert hatte, dementierte Thiesmann ebenso wie die vom aufgeschreckten Bonner Verteidigungsministerium zum Rapport auf die Hardthöhe beorderten Verantwortlichen der Warendorfer Sportkompanie jegliches Interesse am Know-how Neubauers.
Tatsächlich fand Neubauer auch keinen Job im Westen. Seine daraufhin angestellten Überlegungen, "auch auszupacken", wurden jedoch schon bald obsolet - die Bundeswehr kam zu ihm nach Potsdam. Im Zuge der Vereinigung übernahm nämlich das Bonner Verteidigungsministerium den einstigen Armeesportklub Potsdam. So geriet Neubauer lautlos auf Stoltenbergs Gehaltsliste. Seine falsche eidesstattliche Erklärung verhalf ihm schließlich ins WM-Team.
Das schlichte Verbandsmotto "Erklärung genügt" fand sogar noch Anerkennung von höchster Stelle. Der Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), Walther Tröger, beglückwünschte die Schwimmer zu diesem Verfahren - auch weil es seine "Wirkung auf die Öffentlichkeit in dieser delikaten Frage nicht verfehlt". Und NOK-Präsident Willi Daume wertete im Kreis von naiven Gesinnungsfreunden die Tatsache, daß in Perth kein Schwimmer des Dopings überführt werden konnte, als "Erfolg unserer Kontrollen".
Ähnlich blauäugig geht auch die von NOK und Deutschem Sportbund (DSB) eingerichtete "unabhängige Dopingkommission" an die Arbeit. Statt gezielt nach Dopingsündern zu fahnden, bittet der wissenschaftliche Plauderzirkel alle drei Wochen drei Stunden zum unverbindlichen Gespräch. Nach diesen "repräsentativen Befragungen" könnten, glaubt der Vorsitzende Heinrich Reiter, Präsident des Bundessozialgerichts, bis Juni "Handlungskonzepte für die Zukunft" erstellt werden.
Selbst auf der Führungsebene des DSB wird die Effektivität der "Vorreiter des guten Willens" (FAZ) bezweifelt. Auf Initiative des Berliner Landessportbund-Präsidenten Manfred von Richthofen wurde eine zweite Kommission einberufen, die sich der Überprüfung aller Dopingvorwürfe annehmen soll.
Von Richthofen will entschlossen "einige honorige Herren im NOK in die Zange nehmen", um auch dort die Mitwisser zu entlarven. Nur so könne der Sport "der Seuche Herr werden". Denn immer noch, so von Richthofen ("Ich lasse mich nicht zum Kasper machen"), glauben einige Verbände, "daß der Kelch an ihnen vorübergehen" werde.
Wie tief der Wunsch nach Aussitzen des Problems im deutschen Funktionär verwurzelt ist, zeigte ein Dopingfall bei den Biathleten. Als der Deutsche Meister Jens Steinigen die inzwischen vom Deutschen Skiverband beschäftigten ehemaligen DDR-Trainer Frank Ullrich, Wilfried Bock und Kurt Hinze anklagte, zum Doping aufgefordert zu haben, wurde dies von den Verantwortlichen arrogant als "Rache des Athleten" an seinen Trainern abgetan.
Der Deutsche Zoll, neben Bundesgrenzschutz und Bundeswehr bevorzugter Arbeitgeber der schießenden Skilangläufer, versuchte mit Gehorsamsübungen nach Art des SED-Regimes Steinigens Bekennermut zu brechen. Zunächst informierte sich Oberregierungsrat Wilhelm Bruns, Chef der Zollsportler in der Oberfinanzdirektion München, bei Verbands-Sportdirektor Helmut Weinbuch: "Nehmen wir diesen Fall ernst?" Als Weinbuch bejahte ("Sogar sehr ernst"), versuchte Bruns noch auf dem Münchner Flughafen, Steinigen und seinen ebenfalls beim Zoll angestellten Trainer Wolfgang Pichler an einem Auftritt im Aktuellen Sport-Studio des ZDF zu hindern.
Im Zollausreisebüro des Terminal 1 verhängte Staatsdiener Bruns ("Spielen Sie doch nicht den Saubermann") ein "Presseverbot" (Pichler) in derart rüdem Ton, daß Steinigens Ehefrau Anett in Tränen ausbrach. Die Einschüchterungsversuche ("Wir dürfen das Verhältnis vom Zoll zum Skiverband nicht belasten") dauerten bis eine Viertelstunde vor Abflug. Inzwischen darf Pichler seinen Schützling Steinigen nicht mehr zu Wettkämpfen begleiten. Seit dem 1. Februar hat er regulären Zolldienst zu verrichten.
Erst als die Skilangläufer Uwe Bellmann und Holger Bauroth die Anschuldigungen des ehemaligen DDR-Mannschaftskameraden Steinigen bestätigten, schaltete der Skiverband auf eine neue Offenheit um. Plötzlich fand Weinbuch den plumpen Vertuschungsversuch "peinlich". Wie auch bei den Schwimmern soll nun eine DSB-Kommission die Altlasten aufarbeiten.
Diese Verdrängungsmentalität findet jedoch zunehmend Widerspruch. Matthias Kleinert, Sprecher des größten deutschen Sport-Sponsors Daimler-Benz, beschwor die Funktionäre, "um Gottes willen endlich ihrer Verantwortung gegenüber den Sportlern gerecht" zu werden. Er forderte schleunigst "einen Aufbruch".
Und in der besonders anabolikaverseuchten Leichtathletik sind es vor allem die Sportler selbst, die Problembewußtsein zeigen und nicht länger schweigen und vertuschen wollen.
"Seilschaften wie in der DDR" entdeckte Langläufer Dieter Baumann im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). Seit 15 Jahren, so der Olympia-Zweite von Seoul, würde diese Clique den "Sumpf abdecken".
Nach einem Blick in die Habilitationsschrift des früheren DDR-Doping-Experten Hartmut Riedel - inzwischen Professor in Bayreuth und allen Vorwürfen zum Trotz immer noch DLV-Arzt - war Hochsprung-Trainer Günter Eisinger "schockiert über die medizinischen Praktiken". Die "Verbrechen an den sportbegeisterten Jugendlichen" müßten endlich Konsequenzen haben - statt dessen aber beobachte er "neue Seilschaften", in denen etwa der westdeutsche Leistungssportreferent Horst Blattgerste mit dem ehemaligen DDR-Cheftrainer Bernd Schubert kungele.
Eisinger organisierte eine Gegenbewegung, in der sich Leichtathleten zu einem "sauberen Team" bekennen können. Diese Athleten, unter ihnen die Hochsprung-Europameisterin Heike Henkel, müssen beeiden, nie Dopingmittel genommen zu haben. Ihre freiwilligen und zusätzlichen Dopingkontrollen werden von Vertrauenspersonen wie der ehemaligen Diskus-Weltrekordlerin Liesel Westermann überwacht.
Auf Druck der Sportler installierte auch der DSB noch eine weitere Kommission, die die Kontrolleure kontrollieren soll. Das scheint tatsächlich dringend geboten. So sollte Hochspringer Carlo Thränhardt bei einem Dopingtest in der Kölner Trainerakademie unbeaufsichtigt in einer weit entfernten Toilette das Röhrchen füllen. Der Kontrolleur war zu bequem, mitzukommen. Thränhardt bestand auf Überwachung, da mußte er in einer Teeküche, "direkt neben dem Kühlschrank", zur Tat schreiten.
Dagegen mußte der Dopingfahnder Dieter Baron der dreifachen Sprint-Europameisterin Katrin Krabbe, die sich schon vor den Europameisterschaften im letzten Jahr einem Trainingstest entzogen hatte, bis auf die Bahamas nachreisen. Obwohl DLV-Präsident Helmut Meyer die Athleten im Dezember über die anstehenden neuen Dopingtests informiert hatte, flog der Sprint-Star mit seinem Trainer ungeniert in die Sonne. Auf Paradise Island war der "schönen Katrin" (Bunte) dann auch noch ein Discobesuch wichtiger als der sofortige Test.
Als Baron am nächsten Morgen endlich die teure Probe in Händen hielt, wußte die Läuferin seit exakt drei Tagen vom anstehenden Test. Eine Frist, das zeigen die Erkenntnisse aus der einstigen DDR-Dopingpraxis, die ausreichen würde, um wieder clean zu werden.
Angesichts seiner Sisyphus-Arbeit und der Tatsache, daß Katrin Krabbe "auch noch sauer war, daß man sie verdächtigt", sind Baron bereits Zweifel am Sinn seines weitreichenden Nebenjobs gekommen: "Es ist kein Vergnügen, sich überall auf der Welt auf irgendwelchen Toiletten rumzutreiben." o

DER SPIEGEL 6/1991
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