01.04.1991

Esoterik Das doppelte Lottchen

Kniffliger Gerichtsfall in Wien: Hat ein Briefschreiber aus dem Jenseits Urheberrechte?
Die Zusage klang verheißungsvoll. "Ja, ich werd''s probieren und mich bemerkbar machen", schrieb der Wiener seiner Seelenfreundin, "vielleicht, daß ich Dich in die Nase zwicke." Es kam noch schöner.
Denn als Jörg Mauthe, Schriftsteller, TV-Mann, ÖVP-Stadtrat, bald nach dem Abschiedsbrief, im Januar 1986, von hinnen gegangen war, drehte er der Freundin keine Nase. Vielmehr empfing sie, privilegiert wie sonst Propheten und Sibyllen, druckfertige Antworten und Botschaften aus dem Jenseits.
Er weile nun in einem "dimensionslosen Raum", diktierte Jörg der "lieben Lotte" in ihre "kleine rote Schreibmaschine"; die "Theorie des Urknalls", berichtete er von höherer Warte, sei "total falsch"; er sinnierte: "Ich möchte ein Kind mit Dir zeugen", schloß Seancen väterlich ("Geh schlafen und lies einen Kriminalroman. Ich lese mit!") und vertröstete die Gottsucherin: "Über ihn reden wir ein anderes Mal."
Im neuen Zeitalter der Esoterik fand der himmlische Schriftwechsel, gedruckt und gebunden, ein warmes Plätzchen und die liebe Lotte sanften Zuspruch - bis eine Stimme aus dem Diesseits sich erhob: Das "Donnerstagebuch" (Titel der Korrespondenz) der namhaften Wiener Schriftstellerin Lotte Ingrisch, 60, gab Grund zur Klage*.
Auftrat nämlich ein Sohn des Verblichenen, der Grafiker Philipp Mauthe, Herr auf der Mollenburg im Waldviertel, in der auch Vaters Asche ruht. Mauthe junior, Erbe des väterlichen Nachlasses wie der Urheberrechte, zeigte sich, per Rechtsanwalt, über die Mauthe-Ingrisch-Koproduktion "sehr unangenehm überrascht" und brandmarkte:
Die Verwendung des Namens seines Vaters (auch kopfüber auf dem Buchdeckel) stelle einen "unbefugten Namensgebrauch" dar; eigenes "rechtliches Interesse" gebiete, daß Vaters "Andenken" nicht "durch ihm unterstelltes Gedankengut verfälscht" werde; Justitia, übernehmen Sie.
Logischerweise hatte der Jenseitige mit irdischer Unbill gerechnet und, via Geisterstimme, urheberrechtlich alles geregelt; Lotte Ingrisch solle Mauthes Tantiemen-Teil erst mal als "Bezahlung eines allmählichen Stammgasts" bei sich verbuchen, und: "Wenn ich Abzweigungen wünsche, lasse ich Dich das unmißverständlich wissen". Im übrigen sei "das Totsein nicht weniger anstrengend als das Lebendigsein".
Kniffliger Fall für ein Wiener Bezirksgericht, bei dem die beiden Parteien jüngst aufeinanderprallten. Denn an Lotte Ingrisch nagt kein Zweifel, daß Jörg Mauthe Urheber der Himmels-Post ist. "Seine Diktate", argumentiert sie, "sind von hohem, mein eigenes Wissen übersteigendem Niveau." Von einer Schändung seines Namens könne mithin keine Rede sein. Was Fragen aufwirft, die an letzte Dinge rühren. Manfred A. _(* Lotte Ingrisch: "Das Donnerstagebuch". ) _(Edition S, Wien; 128 Seiten; 26,80 Mark. ) Schmid, Lotte Ingrischs Verleger, hat sie gestellt: "Gibt es berechtigte Ansprüche auf ein Urheberrecht aus dem Jenseits?" Wenn ja: "Haben Erben von Verstorbenen, die eindeutig als ,Urheber'' derartiger Publikationen angegeben werden, Anspruch auf Tantiemen?" Wenn ja: "Muß - und von wem - Zustimmung eingeholt werden?"
Unausweichliche Konsequenz des Schmidschen Gedankenspiels: Wenn, ja wenn das Gericht die jenseitige Urheberschaft Jörg Mauthes beglaubigt, garantiert es de jure und de facto, was Generationen von Popen nur verhießen - die Unsterblichkeit der Seele, ein Leben nach dem Tode. Justitia verhüllte ihr Haupt; das Wiener Bezirksgericht vertagte sich.
In dieser Denkpause voll bohrender Ungewißheit scheint es nützlich und unterhaltsam, einen ungetrübten Blick auf die metaphyselnden Korrespondenten zu werfen. Zeitgeist in seiner reinsten, nämlich spiritistischen Gestalt tritt mit ihnen zutage, ein sonderbarer Versuch, Gevatter Tod den Stachel zu nehmen.
Lotte Ingrisch, Gattin des Komponisten Gottfried von Einem, ist seit pränatalen Zeiten in übersinnlichen Zirkeln heimisch und bekannt daselbst als Lotte Irrwisch. In ihrem vielfältigen OEuvre, von "Vanillikipferln" bis zum "Reiseführer ins Jenseits", beackert sie das weite Feld zwischen Nestroy und Nostradamus; gütig schaut der Gatte als "ehelicher Hexenmeister" zu.
Den langjährigen Seelenfreund Jörg Mauthe als leibeigenen Reiseleiter auszupendeln lag gewissermaßen in den Tarot-Karten. Denn Mauthe, Freimaurer, Kettenraucher, Romancier ("Die große Hitze") vom Skurril-Stamme Herzmanovsky-Orlandos, hatte über das halbe Jahr vor seinem Tod (Lungen- und Leberkrebs) ein genaues Buch geführt. Sinnreicher Titel: "Demnächst"*.
Neben einer beißenden Bilanz seiner Erfahrungen als Kultur-Stadtrat in Wien lieferte Mauthe eine wahrhaft tröstliche Beschreibung seiner letzten Wegstrecke. "Ich entdecke", schrieb er, "daß offenbar nicht nur das Leben, sondern auch das Sterben seine komischen Seiten hat." Darüber hinaus blieb er vage.
Seinem Sohn Philipp nämlich beschied er, er glaube keinesfalls an ein Weiterleben nach dem Tod, "genauer gesagt: Ich glaube nicht, daß ich daran _(* Jörg Mauthe: "Demnächst oder Der Stein ) _(des Sisyphos". Edition Atelier, Wien; ) _(244 Seiten; 39,50 Mark. ) glaube". Um so erfreuter muß er nun sein, daß auch das Jenseits komische Seiten bietet, zumindest zwischen den Buchdeckeln von Lotte Ingrischs "Donnerstagebuch".
Ob Lotte Irrwisch den Briefwechsel als doppeltes Lottchen geschrieben hat oder, wie sie meint, als Mauthes "Botin" ("Ich habe Dich erwählt, weil Du ein Kind bist") - der Fall ohne Präzedenz drängt eindeutig zu höherer juristischer Instanz. Vorschlag zur Güte: das Jüngste Gericht.
* Lotte Ingrisch: "Das Donnerstagebuch". Edition S, Wien; 128 Seiten; 26,80 Mark. * Jörg Mauthe: "Demnächst oder Der Stein des Sisyphos". Edition Atelier, Wien; 244 Seiten; 39,50 Mark.

DER SPIEGEL 14/1991
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