01.04.1991

„Laßt ihn doch schwul werden“

SPIEGEL: Herr George, den letzten Schimanski-Tatort haben 15 Millionen Zuschauer gesehen, die höchste Einschaltquote seit anderthalb Jahren. Von nächster Woche an werden alle 25 Folgen mit dem Duisburger Kommissar wiederholt, das Publikum kann offenbar gar nicht genug von dem Rauhbein bekommen. Trotzdem wird die Figur dieses Jahr abgesetzt. Warum muß Schimanski sterben?
GEORGE: Es gab zu viele Quälereien. Der Sauerstoff ist knapp geworden. Die Erwartungen wurden immer höher geschraubt. Am Anfang war es genug, wenn Schimanski in 15 Metern Höhe auf einem Seil tanzte, dann mußten es 20, dann 30 Meter sein.
SPIEGEL: Das ist für einen Herrn über 50 vielleicht ein bißchen zu hoch.
GEORGE: Es kommt nicht darauf an, wie alt der Darsteller ist, sondern wie die Rolle konzipiert wird. Schimanski hätte mit Leichtigkeit alt werden können. Das hätte ich mir spannend vorgestellt zu sehen, was in zehn Jahren aus dem geworden wäre. Aber den Drehbuchautoren ist zu der Figur nichts Neues mehr eingefallen.
SPIEGEL: Macho bleibt Macho. Oder welche Persönlichkeitsentfaltung schwebte Ihnen vor?
GEORGE: Da gibt es vieles. Ich hab'' gesagt: Laßt mich für Minderheiten da sein. Laßt die Biographie aufblitzen. Vielleicht hat Schimanski einen Vater, eine Mutter, die ist vielleicht auf den Strich gegangen . . .
SPIEGEL: . . . gütiger Himmel . . .
GEORGE: . . . statt dessen haben die nur noch Klischees aneinandergereiht. Wo Schimanski früher eine Blondine aufs Kreuz legte, mußten es plötzlich drei pro Sendung sein. Immer dieselben Hakeleien zwischen Thanner und Schimanski, immer dieselben Sprüche, permanent Pommesbuden.
SPIEGEL: Dabei heißt es doch immer, Götz George mische sich in alles ein: keine Szene, kein Dialog ohne seinen Segen.
GEORGE: Das stimmt ja auch. Nächtelang haben wir manchmal überlegt, ob wir eine Szene rausschmeißen oder drin lassen. Es war eine Idee des Teams Bernd Schwamm, Hajo Gies und Hartmut Grund, daß der Schimanski kein normaler Beamtentyp ist. Ich habe dann die Schimanski-Jacke durchgesetzt und mir gemeinsam mit der Kostümbildnerin ausgedacht, daß der Jeans und Cowboystiefel anhat und zwei Sweatshirts übereinander.
SPIEGEL: Kleider machen noch keinen Charakter.
GEORGE: Das weiß ich auch. In die Figur sind die Erfahrungen einer ganzen Generation eingegangen. Das damalige junge Autoren-Team bei der Bavaria, _(* In seinem Feriendomizil San Teodoro ) _(auf Sardinien. ) das waren Spontis und Chaoten von sich aus. Nach ''68, nach Brokdorf, waren die skeptisch, daß Polizisten immer superschlaue Durchblicker sind. Deswegen haben wir gesagt: Laßt den nicht zu gescheit, sondern ein bißchen tumber sein. Laß den als Bullen mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Der verwechselt IQ mit High-noon . . .
SPIEGEL: . . . und Dienstordnung mit Selbstjustiz.
GEORGE: Der brauchte sich an nichts zu halten. Der ist reingekommen zu seinem Vorgesetzten, hat gesagt: "Du bist ein Arschloch, aber ich entschuldige mich." Er war brutal, weil er sich gewehrt hat, sich nichts gefallen ließ. Hinterher hat er dann alles wieder zusammengesetzt. Der durfte draufhauen, der durfte Unrecht haben, solange er es irgendwann einsah und sich dafür entschuldigte.
SPIEGEL: Vor lauter Ego-Schau ist den Schimanski-Tatorten immer häufiger der Handlungsfaden gerissen.
GEORGE: Damit hatte ich auch so meine Probleme. Wie oft hab'' ich zu den Autoren gesagt: Kinder, ich möchte die Handlung so gern verstehen, verdammt nochmal, jetzt hab'' ich das Buch schon zweimal gelesen und steig'' da immer noch nicht durch.
SPIEGEL: Die Drehbuchautoren sind an allem schuld?
GEORGE: Ganz so ist es nicht. Im Zeitalter der Fernbedienung und der Serien-Berieselung folgt der Zuschauer selbst guten Geschichten nicht mehr bis zum Ende. Auch wenn wir uns alle Mühe geben: Das Publikum merkt gar nicht, ob da bei einer Produktion geschludert wird oder nicht. Manchmal denke ich, wir arbeiten nur noch für uns.
SPIEGEL: Da muß der Held dann eben noch strahlender sein.
GEORGE: Die Deutschen mögen eigentlich gar keine Helden. Die wollen einen abstürzen sehen. Nehmen Sie Steffi Graf, Boris Becker, Ute Lemper, erst zum Weltstar hochgejubelt, und dann hauen sie einem die Beine weg. Im Ausland ist das ganz anders. Die Franzosen zum Beispiel behandeln ihren Depardieu mit Respekt und Zuneigung.
SPIEGEL: Jetzt beklagen Sie Ihr schweres Schauspieler-Schicksal und verwechseln Schimanski mit George. Sind die sich so ähnlich?
GEORGE: Auf die Frage habe ich gewartet. Die Zuschauer haben das nie auseinandergehalten: George, den Schauspieler, den kennen die meisten gar nicht. Dabei ist es gerade besonders schwierig, eine absolut realistische Figur wie den Schimanski zu spielen.
SPIEGEL: Uns scheint es da doch Parallelen zu geben: ein empfindlicher Schauspieler, ein verletzlicher Held.
GEORGE: Schließen Sie nicht von der Figur auf den Darsteller zurück. Was die Rolle angeht, war das Verletzliche durchaus gewollt. Schimanski durfte Schwäche zeigen. Eigentlich war er immer ein Looser. Wenn der über Blumenbeete hechtete, sollte er auch mal voll auf die Schnauze fallen.
SPIEGEL: An den gefallenen Schimanski erinnern wir uns weniger. Um so deutlicher an den entblößten Muskelmann mit Schlag bei Frauen. Ist die Zeit für Mannsbilder im Fernsehen vorbei?
GEORGE: Ich glaube, Nacktheit erregt bei uns immer noch eine übertriebene Aufmerksamkeit. Da müht sich ein Team fünf Wochen lang um einen schönen Film, und dann heißt es hinterher bloß: Der schöne Po von Schimanski konnte leider nicht überzeugen. Es gibt eine neue Prüderie.
SPIEGEL: Wie kommen Sie denn darauf?
GEORGE: Das sieht man gerade an den hohen Einschaltquoten von "Tutti Frutti" und "Weiber von Sinnen". Die Deutschen gucken gern durchs Schlüsselloch. Erotik im Fernsehen ist nur noch im Sperrbezirk zugelassen. Das Hauptprogramm soll sauber sein. Genau die gleiche Verklemmtheit kam zum Ausdruck, wenn die Bild-Zeitung nachzählte, daß Schimanski in einer Folge 32mal Scheiße gesagt haben soll. Es waren 17mal, und niemandem ist aufgefallen, daß es um Umweltverschmutzung ging.
SPIEGEL: Damit das anders wird, treten Sie vom nächsten Jahr an als Serienheld Pollock auf. Der kämpft gegen Öko-Sünder, Rüstungsprofiteure und korrupte Politiker. Neue Helden für das Land?
GEORGE: Pollock ist so eine Art Zwitterfigur. Einerseits ein Consulting-Manager mit guten Kontakten zu den Mächtigen, andererseits im Innern ein Grüner, der nach und nach sein Gewissen entdeckt. Der ist ein gebrochener Held, hat eine ältere Freundin, eine starke Frau, die ihm signalisiert: Du bist nicht der Einzige in meinem Leben.
SPIEGEL: Ein Karrierist mit alternativen Anwandlungen - ist Pollock eine Figur für die Yuppie-Generation?
GEORGE: Irgendwie schon. Er hat eine coolere Art, reagiert zynischer, resignierter als der emotionsgeleitete Gerechtigkeitskämpfer Schimanski. Das brennende Herz fällt weg.
SPIEGEL: Das klingt nach einem Anti-Schimanski, dem alles Sinnliche abgefroren ist. Pollock ein seriöser Typ, der nie aus der Haut fährt und der nie seine Armani-Hose auszieht, um uns seine durchtrainierten Arschbacken zu zeigen?
GEORGE: Sie scheinen ziemlich auf mein Hinterteil fixiert zu sein. Ob das zu sehen ist oder nicht, kommt ganz auf die Situation an. Manchmal gehört das dazu. Ich lehne es ab, mit Slip aufzustehen, wenn ich in einer Szene gerade mit ''ner Braut gepimpert habe. Solange mein Arsch keine Falten wirft, werde ich ihn zeigen.
SPIEGEL: Mit oder ohne Hose: Fernsehhelden scheiden selten in aller Stille dahin. Werden wir Schimanski von Kugeln _(* Im Tatort "Zabou" mit Claudia Messner. ) durchsiebt in den Armen Thanners verbluten sehen?
GEORGE: Keine Sorge, so was bleibt dem Zuschauer erspart. Aber ich darf über den Schluß nichts Konkretes sagen. Nur soviel: Schimanski wird einfach arbeitslos.
SPIEGEL: Ein reichlich schlichter Abgang.
GEORGE: Warten Sie die Überraschung ab. Vor Jahren, als ich von Frauenzeitschriften und in Umfragen zum Super-Macho, zum Phallus-Symbol hochstilisiert wurde, hab'' ich mal laut überlegt, wie man den Schimanski von diesem Image runterkriegt. Laßt ihn doch schwul werden, hab'' ich zu den Autoren gesagt. Der könnte nochmal knallhart einen Fall lösen. Hinterher hat er den üblichen Hänger, sitzt mit einem Kollegen in der Kneipe. Der klopft ihm anerkennend auf die Schulter, Schimanski wiegelt ab und sagt: Schöne Hände hast du. Kommst du noch mit rauf . . .? Aber so was geht bei uns leider nicht. Prompt hieß es, der George ist wohl schwul. Das Publikum nimmt alles eins zu eins.
SPIEGEL: Das Coming-out wäre vielleicht das Thema für ein Comeback. Arbeitslos, schwul - der Held bleibt jedenfalls lebendig. Ist das ein Hintertürchen für neue Schimanski-Folgen?
GEORGE: Die Zeit als Schimanski, das waren phantasievolle, erfahrungsreiche und auch anstrengende Jahre, vielleicht meine schönsten, aber ihn wieder aufleben lassen - nein. Ich bin auch älter geworden. Es muß was anderes kommen. o
* In seinem Feriendomizil San Teodoro auf Sardinien. * Im Tatort "Zabou" mit Claudia Messner.

DER SPIEGEL 14/1991
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