09.05.2015

FeldpostOpa Hans

Eine Kiste mit vergilbten Briefen gibt die Route einer Reise in die Geschichte vor, zu Zeitzeugen, Tatorten, Friedhöfen. Es geht, auf den Spuren des eigenen Großvaters, auf den Routen der Wehrmacht, nach Russland und zurück. Von Jochen-Martin Gutsch
Solange ich denken kann, war da immer nur das kleine Foto. Schwarz-weiß. Festgesteckt in einem Bilderrahmen, aufrecht stehend in der Schrankwand meiner Eltern. Ein unbekannter Mann mit Schnurrbart, dünn, blond, die Wehrmachtsuniform mit Reichsadler und Hakenkreuz. Opa Hans.
Über Opa Hans, den Mann im Bilderrahmen, wurde zu Hause wenig geredet. Er war fort, seit Ewigkeiten, verschluckt vom Krieg. Ich wusste so gut wie nichts über ihn. Er hatte in Berlin-Karlshorst als Dentist gearbeitet, so hieß der Zahnarzt. Er hatte vier Söhne, darunter meinen Vater. Meist aber hörte ich nur diesen Satz: Opa Hans sei im Krieg "vermisst".
Meine Großmutter hatte sich bemüht, das Schicksal meines Großvaters aufzuklären, mehr zu erfahren als die dürren Zeilen im Schreiben vom Oberkommando der Wehrmacht: "Obergefreiter Hans Gutsch, vermisst am 18. Januar 1945 in Waldrode / Polen, nach einem schnellen Vormarsch der Roten Armee. Heil Hitler."
Andere Soldaten kehrten zurück, Jahre später noch. Von Großvater aber gab es kein Lebenszeichen. Und auch sonst nichts. Keine Erkennungsmarke zeigte sich irgendwo im Schlamm, kein Uniformfetzen, keine Knochen für ein Grab.
Großvater Hans wurde zum Geist, lebte nicht, starb nicht. Mein Vater sagt, er habe zuweilen noch immer das Gefühl, Hans könnte plötzlich vor der Tür stehen. Es sei verrückt. Mein Vater war 7 Jahre alt, als der Soldat Hans Gutsch in den Krieg zog. Heute ist mein Vater 81 Jahre alt. Vermisst ist ein Wort ohne Schlusspunkt.
Vor ein paar Monaten sagte mein Vater am Telefon, er werde jetzt die Briefe lesen.
"Welche Briefe?" - "Komm vorbei."
Im Wohnzimmer stand eine Kiste. Briefe darin, geschrieben von Hans Gutsch, Feldpostnummer 01621. Es waren die Frontbriefe meines Großvaters in die Heimat. Nachrichten, Grüße, Küsse aus dem Krieg im Osten. Dazu die Briefe meiner Großmutter an die Front. Das Papier war holzig, welk, roch nach Staub. Meine Großmutter hat die Briefe ihr Leben lang aufbewahrt, mein Vater hat sie geerbt und wiederentdeckt, und jetzt stand ich vor diesen Briefen. Der Enkel. 70 Jahre später.
Einfache Wünsche tauchen in den Zeilen auf: nach Zigaretten, Seife, Speck, Unterhosen. Fremde Orte, an denen ich nie war: Newel, Polozk, Witebsk, Smolensk. Aber zum ersten Mal wurde mein Großvater lebendig. Er löste sich plötzlich aus dem Bilderrahmen, trat aus dem Foto und stieg herauf in die Gegenwart.
Der Krieg war ja immer da. In der Schule, in Büchern, Filmen. Ich besuchte Konzentrationslager, Ausstellungen, Zeitzeugen. Und immer wieder Guido Knopp im Fernsehen: Hitlers Helfer, Hitlers Krieger, Hitlers Frauen, Hitlers Hunde.
Gefühlsmäßig wurde es trotzdem nie "mein" Krieg. Deutsche Geschichte, ja. Meine Geschichte, nein.
Aber jetzt las ich in diesen Briefen, und mein Gefühl veränderte sich. Der Krieg wurde plötzlich persönlich. Er wurde zu einer Familiengeschichte, zu meiner Geschichte. Als mein unbekannter Großvater starb, war er 42 Jahre alt. Opa Hans war so alt wie ich heute.
Und dann stellte ich die staubige Kiste weg und setzte mich in den Zug nach Minsk. Ein paar Briefe und sein kleines Foto im Gepäck. Ich fahre über 70 Jahre später in die gleiche Richtung wie er, wie der tote, fremde, vermisste Mann. Nach Osten, den Briefen hinterher.
Es ist keine Suche nach meinem Großvater. Wir kennen uns nicht. Er weiß nicht, dass es mich gibt. Ich suche nach dem Krieg. Ich fahre in die Geschichte. Und mein unbekannter Großvater, der deutsche Wehrmachtsoldat, fährt mit.
11.8.41. Montag. Leider Warschauer Getto nicht gesehen. Polnische Beamte schlagen mit Gummiknüppeln auf Publikum. Furchtbares Gedränge in der Eisenbahn, die geteilt ist in "für Polen" und "für Deutsche". Sollen um 0.30 Uhr weiterfahren nach Minsk. Ersten Verwundeten gesehen, Lazarettzug. (Feldpost meines Großvaters)
14.8.41. Heute Nachmittag wollen wir uns noch die Reste von Minsk anschauen. (...) Beim Durchwandern der Städte haben wir fast immer unzerstörte Bahnanlagen und Bahnhöfe gesehen; und 50 Meter davon entfernt war alles dem Erdboden gleich. (Feldpost meines Großvaters aus Minsk)
Der Erste, der mir vom Krieg erzählt, ist Artur Selski.
Am 22. März 1943, erzählt Selski, kamen die Deutschen nach Chatyn - ein Dorf 60 Kilometer nördlich von Minsk. SS, Sicherheitsdienst, Sicherheitspolizei. Sie suchten nach Partisanen. Anschließend trieben sie alle Dorfbewohner in eine Scheune. Darunter 75 Kinder. Die Männer setzten die Scheune in Brand, mit Stroh und Benzin. Und warteten ab, die Gewehre im Anschlag. Die Dorfbewohner verbrannten bei lebendigem Leib. Wer noch aus der brennenden Scheune kroch, bekam eine Kugel. 149 Menschen starben. Der Jüngste war sieben Wochen alt.
Das Dorf Chatyn gab es nie wieder.
Jahre später, 1969, wurde am gleichen Ort die "Nationale Kriegsgedenkstätte Weißrusslands" errichtet. Eine riesige Anlage, auf der der Wind über die Toten pfeift.
Artur Selski, 46 Jahre alt, ist der Leiter der Gedenkstätte. Er führt mich herum, erzählt Geschichten von Tod und Verderben, und ich fühle mich schlecht. Ich schäme mich für meine Wissenslücken. Über Weißrussland weiß ich nichts. In meinem Kopf liegen ein paar Namen herum: Lukaschenko, Diktator. Marc Chagall, Maler aus Witebsk. Aleksandr Hleb, Fußballspieler, früher VfB Stuttgart.
Es gibt den umfangreichen deutschen Gedenkkanon: Stalingrad, Auschwitz, Warschauer Getto, Anne Frank, D-Day, Stauffenberg. Chatyn hat keinen Platz im Kanon. Weißrussland taucht kaum auf.
Und natürlich denke ich an meinen Großvater, den Soldaten. Er war nicht in Chatyn. Aber es gibt Orte, da verschmilzt alles und jeder zu einem großen Klumpen deutscher Schuld.
Selski erzählt, lässt Zahlen fallen. Rund 2,5 Millionen Weißrussen ermordeten die Deutschen im Krieg. Ein Viertel der Bevölkerung wurde ausgelöscht. Darunter 700 000 Kriegsgefangene. 550 000 Juden. 345 000 Partisanen. Tausende verbrannte Dörfer. Weißrussland ist ein Totenland.
Und mein Großvater war mittendrin.
Er war im rückwärtigen Dienst eingesetzt, hinter der Front. Borissow, Brest-Litowsk, Orscha, Minsk. Opa Hans war Fahrer der "Krankentransport-Abteilung 531", tat Dienst im "Kriegslazarett 4/609" oder im "behelfsmäßigen Lazarettzug 016". In Zahnstationen der Wehrmacht baute er Prothesen. "Die Mundverhältnisse der Truppe sind katastrophal", schreibt er.
Und ich spüre, wie eine kindliche Sehnsucht in mir aufsteigt: Dass mein Großvater völlig unbefleckt sei. Anständig. Unwissend. Eine Mischung aus Tom Hanks in "Der Soldat James Ryan" und Heinz Rühmann als "Der brave Soldat Schwejk".
Aber er hat es natürlich gewusst, muss es gesehen haben: den Vernichtungskrieg, den Terror gegen Zivilisten, den Mord an den Juden. Er schrieb ja auch darüber: "Wir sitzen jetzt in einem Nest von ca. 18 000 Einwohnern, davon waren 12 000 Juden, die jetzt alle unter der Erde liegen. Die Stadt ging in Flammen auf, nachdem die deutschen Truppen drin waren. Also ist es hier wie überall: moderne Bauten, mit Blick vom Keller bis zum Himmel."
Anschließend schrieb er über das Wetter. "Unfreundlich. Täglich Schnee, Graupel oder Regen."
Ich war mal Zivildienstleistender. Ich komme aus dem Frieden, mein Leben lang. Die gigantische Gnade der späten Geburt. Mein Großvater hatte im selben Alter zwei Weltkriege erlebt. Was weiß ich vom Krieg? Von der Schuld des Soldaten und wo sie beginnt, wo sie endet?
Als wir zum Auto gehen, fragt mich Artur Selski: "Und Ihr Großvater war Soldat in der Wehrmacht?"
"Ja", sage ich.
"In Minsk?"
"Ja, auch", sage ich.
Wir fahren zurück nach Minsk, und Artur Selski erzählt mir noch eine Geschichte. Es gab hier ein kleines Mädchen, drei Jahre alt, sagt Selski. Als die Deutschen nach Minsk kamen, fanden sie das kleine Mädchen in der zerbombten Stadt. Sie schafften es in ein Heim, zusammen mit anderen Kindern. Die Eltern wussten nicht, wo ihre Kinder geblieben waren. Jede Woche kam jemand, setzte eine Kanüle und nahm dem kleinen Mädchen Blut ab. Es wurde gebraucht für deutsche Soldaten. Im Heim gab es auch eine Lehrerin. Eines Tages wurde sie von den Deutschen erschossen, vor den Augen der Kinder. Das kleine Mädchen war mager, nur noch Haut und Knochen. Aber es überlebte. Die Deutschen und den Krieg.
"Dieses kleine Mädchen", sagt Artur Selski, "war meine Mutter."
9.10.41. Lieber Hans, (...) Um 13.00 Uhr kam im Radio eine Sondermeldung. An der mittleren Ostfront sind die gesamten russischen Armeen eingeschlossen und gehen ihrer Vernichtung entgegen. Wenn Du diese Zeilen liest, ist Sowjetrussland also vielleicht schon gewesen. (Brief meiner Großmutter)
28.5.42. Liebe Wally, (...) Einen Kriegsbericht kann ich kaum geben, aber versichern, dass, wenn der Russe wieder läuft, es kein Halten mehr gibt. 12- bis 14-jährige russische Jungen sind schon unter den Gefangenen. Ich glaube, im August/September ist hier mit den Kämpfen Feierabend. (Feldpost meines Großvaters)
Ich fahre durch Russland, nach Smolensk. Bis hierhin war mein Großvater im Krieg gekommen. Der östlichste Punkt.
Auf dem Weg zähle ich die sowjetischen Kriegsdenkmäler, es sind sehr viele. In jedem Ort, jedem Dorf, sie stehen an Tankstellen, Waldstücken, Straßenkreuzungen. Große, steinerne Helden in den vertrauten Posen: der Sowjetsoldat mit Schwert. Der sowjetische Soldat, vorwärtsstürmend mit Fahne und wehendem Mantel. Oft steht auch ein Helden-Panzer als Denkmal am Straßenrand. Ein Helden-Kampfflugzeug. Eine Helden-Kanone.
Ich fahre durch ein untergegangenes Reich namens Sowjetunion. Komme vorbei an Rudnja, einem kleinen Ort, wo Michail Jegorow wohnte, ein "Held der Sowjetunion", einer der größten überhaupt. Jegorow war, nach sowjetischer Geschichtsschreibung, einer der drei Rotarmisten, die auf dem Reichstag die Sowjetfahne hissten.
Das ikonenhafte Foto ist eine meiner ersten Kriegserinnerungen. Leute wie mein Großvater, deutsche Soldaten, kamen im Unterricht meiner Schule in Ostberlin so gut wie nicht vor. Wir hatten für sie einen groben Sammelbegriff: die Faschisten. Die Faschisten haben Polen überfallen. Die Faschisten haben die Sowjetunion überfallen.
Wir schauten lieber stolz auf das Foto der Rotarmisten auf dem Reichstag und waren überzeugt, dass Rotarmisten alles können. Sogar auf dem Mars würden Jegorow und seine Kameraden sowjetische Fahnen hissen, falls nötig.
In den Neunzigerjahren räumte Jewgenij Chaldeij, der Fotograf, ein, dass auf dem weltberühmten Foto drei andere Soldaten abgebildet sind. Stalin, so wird vermutet, habe aber unbedingt einen georgischen Landsmann auf dem Heldenfoto gewünscht. Und einen Russen - eben Michail Jegorow. Und so war er fortan der offizielle Mann auf dem Foto.
In Rudnja gibt es heute das Jegorow-Museum. Die Heldengeschichte wurde offiziell nie korrigiert, nie aufgearbeitet. Sie bleibt, wie sie ist. Und immer war.
Im Prinzip gilt das für den ganzen Krieg. Er ist die große sowjetische Erfolgsstory. Mit dem Krieg wurde man zur Weltmacht, der Krieg schaffte erst sowjetische, heute schafft er russische Identität. Es klingt verrückt, aber der Krieg ist hier viel zu wichtig, als dass man ihn historisch aufarbeiten würde.
Smolensk ist natürlich auch "Heldenstadt". So wie Wolgograd (Stalingrad), Moskau oder St. Petersburg (Leningrad). Neben meinem Hotel steht ein riesiger Lenin, und hinter meinem Hotel steht das Kulturzentrum. Dort gibt es eine Ausstellung über den "Großen Vaterländischen Krieg". Der Titel lautet: "Vergiss nicht: Die Welt hat der sowjetische Soldat gerettet!"
Schöner Titel. Da will ich rein.
Am Eingang steht Oksana Derkatsch und sagt bedauernd: Heute nicht. Heute sei leider eine andere Veranstaltung.
Was für eine andere Veranstaltung?
Die große Hochzeitsmesse, sagt Oksana. "Hochzeit meiner Träume".
In denselben Räumen?
Ja, sagt sie. Aber nur heute. Ab morgen ist wieder Krieg.
Oksana lässt mich trotzdem hinein, weil ich von weit her komme. Sie führt mich herum. Hochzeit und Krieg sind durch weiße Stellwände provisorisch voneinander getrennt. Auf der einen Seite: vielstöckige Hochzeitstorten, Brautsträuße, Hochzeitsschmuck, Brautkleidmodenschau.
Auf der anderen Seite stehe ich vor einem hölzernen Galgen, betrachte Fotos erhängter Partisanen und höre, wie die Hochzeitsband hinter der Wand spielt: "Listen to Your Heart" von Roxette.
Sehr irre, völlig surreal. Aber womöglich ist ja genau so der Krieg. Die extremste Vermischung der Welten. Heute heiratet man. Morgen stirbt man.
Die Ausstellung komme aus Moskau und sei sehr "ideologisch und patriotisch", sagt Oksana. Ich frage, was das heißt.
"Wir haben 1945 die Welt vom Faschismus befreit", sagt Oksana. "Wir wollen hier den jungen Menschen zeigen, wie schlimm der Faschismus ist. Und auch der Neofaschismus. In der Ukraine zum Beispiel. Auch heute gibt es wieder Faschisten, die Russland vernichten wollen."
Und so wird aus 1945 ganz schnell 2015. Aus Hitler Poroschenko. Aus Russland die Macht, die die Welt rettet.
3.11.41. Mein Dieterle, über Deine lieben Zeilen habe ich mich sehr gefreut, auch über den Bericht von Mutti über Dich, dass Du schon so vernünftig bist; musst Du auch sein, Du bist doch unser Großer. (...) Wie war eigentlich Dein Zeugnis, lieber Dieter? Gib Dir schon jetzt große Mühe viel zu lesen, vor allen Dingen gute Bücher. Es fällt Dir später, wenn Du erst Englisch oder Französisch lernst, alles viel leichter. Mein liebes Dieterle, bleibe schön gesund. Ich bin in Gedanken immer bei Euch - Dein Vati.
Während der vier Jahre, die mein Großvater im Krieg verbrachte, kam er zweimal nach Hause für einen kurzen Heimaturlaub. Ansonsten gab es, neben seltenen Telefonaten, nur die Briefe. Die einzige Verbindung zu meiner Großmutter und den vier Kindern. Mit der deutschen Feldpost wurden in den Kriegsjahren über 30 Milliarden Briefe und Päcken verschickt.
Es war eine Welt ohne Handy, SMS, E-Mail, Facebook, Skype, es ist wichtig, sich das heute zu vergegenwärtigen. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Briefe alles waren, sie waren Handy, E-Mail, Skype und Facebook, sie waren, im wörtlichen Sinn, das einzige Lebenszeichen.
"Du hättest sehen sollen, welche Freude Du bei mir auslöstest. Arbeiten konnte ich plötzlich wieder wie ein Pferd, der Kopf war klar", schreibt meine Großmutter, nachdem ein Brief meines Großvaters angekommen war. Diese ungeheure Kostbarkeit. Diese Erlösung, die mit einem Brief verbunden war.
Die Wartezeit: Ewigkeiten. Manchmal fleht meine Großmutter fast um eine Nachricht. Rennt zur Post, misstraut dem Briefträger. "Schon eine Stunde warten kann unerträglich sein." Oft wartet sie wochenlang. Und immer zerfressen von der Angst: Lebt er noch? Geht mein Brief, den ich gerade schreibe, an einen Toten?
Meine Großmutter schreibt ausführlich über ihren Alltag mit den Kindern - die einzige Möglichkeit, meinen Großvater im Krieg am Leben der Familie teilhaben zu lassen. Er unterschreibt fast jeden Brief mit "Dein Hans und Vati".
Er will immer noch "der Vati" sein, an der Erziehung mitwirken, obwohl die Kinder kaum noch wissen, wie er aussieht. "Schläft der fremde Mann heute bei dir?", fragt der zweitjüngste Sohn meine Großmutter, als mein Großvater einmal im Heimaturlaub ist. Wenn ich in diesen Briefen lese, erscheint mir die Gegenwart so leicht, so federnd, so satt. Unverschämt friedlich.
Opa Hans versorgt in Lazarettzügen "die unglücklichen Kameraden, die zum Teil keine Hände mehr haben". Zwischendurch schreibt er aus Russland verzweifelt Vati-Briefe an die entfremdeten Kinder.
Und mir, dem Enkel, zerreißt es fast das Herz.
30.1.42. Lieber Herr Gutsch, (...) Diese tolle Kälte im Osten hat wohl schon manchen vorübergehend ins Lazarett gebracht. (...) Ob Sie heute die große Rede unseres Führers hören konnten? Wie viel Liebe und Sorge trägt er für seine Soldaten und sein Volk in sich, und wie viel Kraft gibt er uns allen immer wieder, durch seine Stärke, seinen Glauben! ("Genesungswünsche" einer Berliner Nachbarin an meinen im Feld erkrankten Großvater)
Ich wollte unbedingt mit Anna Jurjewa sprechen.
Anna Jurjewa ist 92 Jahre alt, sie sitzt auf einem Bett, umhüllt von Ofenwärme. Auf ihrem Schoß schläft eine Katze, durch den Garten vor dem Fenster weht der Schnee. Alles wie gemalt.
"Smolensk habe ich zu Kriegsbeginn verlassen", beginnt Anna Jurjewa. "Im Juli 1941 kamen die Deutschen, und ich wurde evakuiert. Weit in den Osten, an den Rand des Urals. Damals lernte ich Krankenschwester und wollte in den Krieg. Aber ich war zu jung, erst 16 Jahre alt."
Sie zieht ein blasses Stück Papier hervor. Den Soldatenausweis der Rotarmistin Anna Jurjewa, 11. Brigade, 20. Bataillon. "Erst im September 1942 durfte ich an die Front." Leningrader Front, Wolchow-Front, Ukrainische Front. Bis an die Grenze des Deutschen Reiches zog Anna Jurjewa als Frontkrankenschwester.
Hatte sie keine Angst vor dem Krieg?
"Nein. Ich hatte keine warme Kleidung. Ich hatte wenig zu essen. Ich wusste nicht, ob meine Eltern, zu Hause in Smolensk, überhaupt noch lebten. Ich hatte nichts mehr zu verlieren."
Anna Jurjewa schweigt eine Weile, streichelt die schlafende, zuckende Katze. "Ich muss an meinen Vater denken, Samuil Ignatjewitsch. Er leitete eine Kolchose. Der Roten Armee gab er all seine Kühe, er unterstützte die Partisanen. Die Deutschen kamen und nahmen ihn gefangen. Mein Vater kannte einen Russen, der für das Sondereinsatzkommando der Deutschen arbeitete. Solche Leute gab es auch. Vater bat ihn, meiner Mutter mitzuteilen, was mit ihm passieren wird. Er gab dem Mann auch seine Jacke. Die sollte er meiner Mutter geben. Als Andenken. Aber der Mann behielt die Jacke. Manche Menschen haben kein Herz. Mein Vater wurde von den Deutschen in Smolensk erschossen. Es war an einem Freitag."
Anna Jurjewa weint. Wir unterbrechen das Gespräch. Legen die Hände an den warmen Holzofen.
Im Nebenzimmer sitzt Juri, ihr Sohn, und sieht fern. Anna Jurjewa hat als Veteranin ein Anrecht auf eine eigene, winzige Wohnung, aber sie wohnt lieber hier bei Juri. Ein Bett, der Ofen. Auf dem Schrank ein alter Fernseher. Lange lebte sie in einem Dorf, aber nach der Perestroika verfiel die Kolchose, die Jungen zogen weg, die Alten starben. Das Dorf verschwand. Juri brachte sie schließlich hierher. Die Rotarmistin Anna Jurjewa hat vor 70 Jahren den Krieg gewonnen. Aber sie hat, anders als wir Deutschen, nie wie eine Siegerin gelebt.
In meiner Jackentasche steckt das Foto meines Großvaters, Opa Hans. Ich wollte es Anna Jurjewa zeigen. Ein Soldat wie sie, lief nur in die andere Richtung. Aber ich mache es nicht. Ich traue mich nicht.
"Ich erinnere mich an einen Tag, da ging ich auf ein Feld voller getöteter Soldaten. Ich griff ihnen in die Uniformjacken und suchte den Soldatenausweis. Bei manchen fand ich auch kurze Gebetstexte in den Taschen. 24 tote Soldaten lagen auf diesem Feld. Ich stand zwischen ihnen, ganz allein. Ich sah ihre Gesichter. Sie waren alle noch so jung."
Anna Jurjewa weint. Ich kann es kaum ertragen. Wir reden nicht weiter. Kapitulation. Soll er endlich ruhen, der verfluchte Krieg.
4.2.43. Mein lieber Hans, was sagst Du zu Stalingrad? Hier ist jeder erschüttert. Die armen, armen Kerls, die sollten nicht vergebens gekämpft haben. Umso eiserner werden wir hier durchhalten, das sind wir ihnen schuldig. (...) Herzlich grüßt und küsst Dich Deine Wally und Kinder.
Als Kind verstand ich nicht, was das bedeuten soll: Großvater ist "vermisst". Ich vermisste ständig irgendwas. Meist fand ich es wieder. Man musste nur richtig suchen. Großvater aber wurde in Russland vermisst, sagte meine Großmutter. In der Sowjetunion. Das stimmte nicht, aber für meine Großmutter war alles östlich der Oder Sowjetunion. Iwan-Reich.
So wurde Großvater in meiner Kinderfantasie zu einem Mann, der in Moskau wohnte. Mit einer schönen Moskauer Frau und Moskauer Kindern und einem Moskauer Auto. Irgendwann würde er zu Besuch kommen. Zum Kaffeetrinken. Wir sitzen im Garten, es gibt Kuchen ...
Heute kommt natürlich kein Vermisster mehr zurück. Oder zum Kaffee. Man findet höchstens ein paar Knochen, irgendwo in russischer Erde. Und oft, gleich neben den deutschen Gebeinen, Russen.
Es gibt kaum ein gutes Bild vom Rotarmisten. Dabei starben zehn Millionen von ihnen im Kampf gegen die deutschen Invasoren. In Filmen und Fernsehserien ist es bis heute so, dass der amerikanische Soldat lässig Kaugummi kaut, Schokolade verschenkt und die Demokratie im Gepäck hat. Der sowjetische Soldat stößt kehlige Laute aus, trinkt zu viel, und man muss vor ihm schnell die Frauen verstecken.
Imagemäßig haben die Russen den Krieg nie gewonnen.
Ich besuche den riesigen deutschen Soldatenfriedhof am Ortsrand der Stadt Duchowschtschina, vier Hektar groß, Platz für 72 000 Tote, ein "Faschistenfriedhof", gegen den die Bewohner protestierten. Er wurde in eine Senke gelegt, damit er von der Stadt aus nicht zu sehen ist.
Ich bin der einzige Besucher. Weiße Kreuze, weites Land mit Birken, heulender Wind. Duchowschtschina. Wer kommt hierher, 1500 Kilometer von Deutschland entfernt, an einen Ort, dessen Namen man kaum aussprechen kann, und besucht seinen Großvater, Urgroßvater? Einen gefallenen Schmidt oder Förster? Es ist ein Friedhof der einsamen Toten.
10.7.44. Liebe Wally, (...) Wir waren selbst schwer erschüttert über dieses schnelle Vordringen der Russen. Sie waren auf einmal an Minsk vorbeigestoßen und hatten Baranowitschi eingenommen. Witebsk, Orscha und Mogiliew waren überrannt. Wir bekamen den Befehl, unser Lazarett zu verlegen, und das hieß: Hals über Kopf einpacken. (...) Liebe Wally, ich bin traurig und erschüttert über alles, was ich erleben musste. (...) Für heute weißt Du, dass ich heil aus dem Schlamassel herausgekommen bin. Dir und den Kindern viele innige Küsse in herzlicher Liebe, Dein Hans.
Ich stehe vor einer kleinen Eisenbahnbrücke. Hier?, frage ich. Frau Bieroń nickt. Und der Panzer schoss direkt auf den Zug?
Frau Bieroń nickt.
Die Spur meines Großvaters verliert sich in Polen. In Gostynin, einer Kleinstadt, die unter deutscher Besatzung Waldrode hieß. Aus Waldrode schrieb mein Großvater die letzten Briefe. Aus der "Gauarbeitsheilstätte", die am Ende ein deutsches Lazarett war.
Das Gelände gibt es noch. Es gehört heute zu einer psychiatrischen Klinik. Nur wenige der alten Gebäude haben den Krieg überstanden: die Wäscherei, das Küchenhaus mit zerbrochenen Fenstern, ein paar Baracken. Aber ich sehe meinen Großvater umherlaufen. Den Mann aus dem Bilderrahmen. Er ist hier gewesen.
Am 18. Januar 1945 kam die Rote Armee nach Waldrode, sagt Frau Bieroń. Sie hat an einem Buch über die Geschichte ihrer Stadt mitgeschrieben. Gegen 14 Uhr fuhr im Bahnhof ein Zug ab, darin Hunderte deutsche Soldaten. Sie wollten noch in letzter Minute Richtung Westen fliehen. Ein sowjetischer Panzer fuhr vor. Zielte, schoss. "Genau hier an der Eisenbahnbrücke", sagt Frau Bieroń.
Der Zug zerbarst, fing Feuer. Wer sich retten konnte und aus dem brennenden Zug sprang, wurde von den sowjetischen Soldaten erschossen. Am nächsten Tag fuhren zwei Lkw-Ladungen mit toten deutschen Soldaten durch die Stadt. Sie wurden irgendwo verscharrt.
So könnte Opa Hans gestorben sein. Vielleicht war mein Großvater in diesem Zug. Am 18. Januar 1945, dem Tag, an dem er offiziell als vermisst gemeldet wurde. Der Zug, denke ich jetzt und spüre, wie mich plötzlich das Gefühl packt, wäre gar nicht schlecht. Die Geschichte hätte ein klares Ende. Vor allem für meinen alten Vater, den Kriegshalbwaisen. Das Wort "vermisst" würde sich auflösen. Der ewige Geist, nach 70 Jahren.
"Mein lieber guter Hans, (...) Wir sind tapfer und glauben unerschütterlich an Deutschlands Zukunft. Wenn auch der Russe recht nahe gerückt ist. (...) Wenn ich erst nur wüsste, wo Du bist und von Dir Nachricht hätte. Mein lieber Hansel, sei nicht verzweifelt über die augenblickliche Lage, und dass wir so gar nichts voneinander hören. Wer weiß, wie bald es sich ändert. Gott schütze Dich. In inniger Liebe küssen Dich vielmals Deine Wally und Deine Jungen."
Am 27. Februar 1945 schickte meine Großmutter meinem Großvater den letzten Brief. Er kam zurück.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 20/2015
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