09.05.2015

InternetImmer was zu melden

Auf Twitter kann jeder der Welt mitteilen, was er will - so oft er will. Manche Nutzer schreiben hundertmal am Tag, zigtausendmal im Jahr. Haben die nichts anderes zu tun, haben die sonst kein Leben? Doch.
Ein Türsteher aus München, eine Buchhändlerin aus Ochsenfurt und ein Lokführer aus Berlin: Sie kennen sich nicht und leben doch in einer gemeinsamen Parallelwelt, ja erschaffen diese Parallelwelt erst durch das, was sie tun. Dorin Popa, Edda Braun und Thomas Döhler twittern. Und zwar so viel, dass sie zu den 15 Prozent aller Twitter-Nutzer gehören, die 85 Prozent der Kurzmitteilungen des Dienstes liefern.
Popa, Braun und Döhler twittern morgens, twittern mittags, twittern nachts. Aus ihrer Sicht tun sie das nur nebenbei, als Zeitvertreib. Beim ersten Kaffee, im Bus, in der Lok, wenn das Gleis belegt ist. 41 000, 55 000, 138 000 Tweets haben sie schon ins Universum geschickt. Das sind Ausmaße, bei denen sich manche Frage aufdrängt. Können die noch in Ruhe essen gehen, ein Buch lesen, sich unterhalten, ohne ständig ihre Follower mit neuen Tweets zu versorgen? Haben die kein analoges Leben?
Was Dorin Popa am Tag des Treffens getwittert hat, lässt sich schon drei Wochen später kaum noch nachvollziehen. Man scrollt und scrollt auf seinem Profil hinunter, so lange, bis Twitter streikt, nach vielen Hundert Tweets ist Schluss. Popa hat in der Zwischenzeit weit über Tausend Mitteilungen abgesetzt, bis zu hundertmal am Tag drückt er auf "Twittern". Manchmal schreibt er über sich in der dritten Person. Am 12. April berichtet er Dinge wie: ",Mein Schlüpfer ist feucht. Vielleicht weil der Türsteher so scharf ist.' Junggesellinnenabschied, was sonst". Oder: "Kein gutes first date: sie kotzt gerade vor dem Laden, er ist leicht genervt."
Dorin Popa ist Türsteher, zumindest inszeniert er sich auf Twitter so. Samstagabend hält er den Gästen der Schwabinger Bar "Freebird" die Tür auf, sagt "Viel Spaß", "Getränke bitte drinnen lassen" und "Bitte leiser reden". Tagsüber jobbt er in der Verkehrsforschung und zählt Fahrgäste im Bus, kocht für die Kinder anderer Leute und betreut seine Mutter - ein Überlebenskünstler.
Früher war der 54-Jährige mal Journalist, inzwischen ist er das Medium. Die Mehrheit seiner Tweets sind sogenannte Retweets, das heißt, er verbreitet die Inhalte anderer Accounts weiter, wenn die Leute vor seiner Bar stumm vor sich hin rauchen, wenn die Fahrgäste im Bus gezählt sind, wenn die Kinder Hausaufgaben machen. Damit diejenigen, die Dorin Popa folgen, auch das lesen, was Dorin Popa interessant findet. 90 Prozent der Links, die er anderen empfiehlt, hat er selbst nie angeklickt.
"Ein Retweet heißt nur: Oh, das klingt spannend", erklärt Popa an einem Samstagabend im Münchner Café "Barer 61", seinem Wohnzimmer, wie er sagt. Er wohnt gegenüber, jeden Morgen kommt er hierher und liest Zeitung. Gerade isst er zu Abend, Pizza vom Lieferdienst nebenan, später macht er im Freebird die Tür. Lange hat der große, schlaksige Mann bei unterschiedlichen Frauenmagazinen einzelne Rubriken, Blogs und Onlineforen betreut. Kein Traumjob für einen, der vier Sprachen spricht und sich selbst als Nachrichtenjunkie bezeichnet.
Twitter ist demokratisch. Hier darf jeder sein, wie er will, und sagen, was er will. Popa inszeniert sich unter dem Namen @nicebastard gleichzeitig als Türsteher und Nachrichtensender. "Ich kann selbst bestimmen, was ich veröffentliche, und muss mich bei keinem Textchef durchsetzen", sagt Popa. Seine Nachrichten verbreitet er auf Deutsch, Englisch, Französisch, und weil ihm viele Journalisten folgen, nennt er sich "Einflussredakteur". Vielleicht, so hofft er, greifen die ja seine Themen auf. Ob das so ist, weiß er nicht.
Rund 3500 Leute empfangen automatisch alles, was Popa twittert. Beachtlich, aber verschwindend gering im Vergleich zu anderen deutschen Twitter-Größen: Dem Exvorsitzenden der Piratenpartei in Berlin, Christopher Lauer, folgen 28 000, dem Onlinejournalisten Richard Gutjahr 59 000 und dem Internetaktivisten und SPIEGEL-ONLINE-Kolumnisten Sascha Lobo 265 000.
Dorin Popa hätte gern mehr Follower, "alles unter 10 000 finde ich uninteressant", sagt er. Vielleicht würde er sich dann mehr als Journalist fühlen. "Wer plötzlich viele Follower hat, wird zum Bürden- und Würdenträger", sagt Popa. Auf einmal verschwindet ein Tweet nicht mehr einfach im Universum Twitter, in dem täglich 500 Millionen Nachrichten durch die virtuelle Welt geschickt werden, sondern erscheint auf der Timeline von vielen Tausend realen Menschen. Popa wäre gern einer dieser Würdenträger.
Edda Braun führt eine Buchhandlung im bayerischen Ochsenfurt, mitten in der mittelalterlichen und pieksauberen Innenstadt. Jeden Tag sitzt sie im Café des Programmkinos "Casablanca", keine 300 Meter entfernt, ihre Hündin Tiffy immer im Schlepptau. Hier gibt es den besten Kaffee der Stadt, findet sie. Die Besitzer sind ihre Freunde, sie schließen extra für sie auf.
Die 43-Jährige ist optisch das Gegenteil eines "digital native". Mit der grauen Kurzhaarfrisur, dem Wollkleid mit Blümchenmuster über der Jeans und den Outdoorschuhen entspricht sie eher dem Klischee ihres eigentlichen Berufs Buchhändlerin.
Jeden Tag twittert sie Zitate oder kurze Sätze, die zu ihrer Stimmung, zum Wetter oder zur Nachrichtenlage passen. Poetische Sätze wie: "Und dann, wenn die Zeit vorbei ist, finden wir uns wie heute, und es ist wieder im Frühling. Jean Paul, Titan" oder "In fünfzehn Minuten, mit Schnee, wie schnelles Leben, sagt Warhol, metaphorisch gesagt, wie Schnee, Verschwinden, April. Jürgen Becker".
"Es twittert mich", sagt sie und lacht dabei laut und lange. "Ich gebe ja nur wieder, was mir einfällt, das bin nicht ich." 41 000-mal ist das schon passiert.
Man müsse jetzt was mit Internet machen, hatte ihr Mann vor vier Jahren gesagt. Damals meldete sie sich bei Twitter an. Mehr Bücher würde sie nicht verkaufen, nur weil sie als @TurmBuchOch irgendetwas in dieses große, unbekannte Internet schreibt, das verstand sie schnell. Eine anonyme Leserschaft zu haben, dieser Gedanke gefiel ihr trotzdem. Sie blieb.
Viele nutzen Twitter, um einen Gedanken loszuwerden und dann zu vergessen: wenn die Dialoge beim "Tatort" wie aus der Zeit gefallen sind, wenn ein Politiker sich im Ton vergriffen hat oder der ICE mal wieder zu spät ist. Edda Braun führt ein Notizbuch voller Gedichte und Zitate aus Büchern. Morgens beim Kaffee, vor der ersten Hunderunde, gibt es den ersten Tweet, darauf können sich ihre Follower verlassen. Manchmal weiß sie am Abend vorher noch nicht, was sie schreiben soll, das macht sie ganz nervös. Dann blättert sie ihre Gedichtsammlung durch, sie hat für jede Jahreszeit eine, für alle Fälle, bis sie etwas gefunden hat, was wenigstens zum Wetter passt.
Jan-Hinrik Schmidt erforscht am Hamburger Hans-Bredow-Institut digitale interaktive Medien. Er unterscheidet bei den Twitter-Nutzern zwei unterschiedliche Typen. Der erste nutzt Twitter vor allem für das professionelle Informationsmanagement, so nennt Schmidt das. Er selbst informiert sich über neue Trends, Journalisten suchen und verbreiten Nachrichten. Der zweite Typ nutzt Twitter privat, pflegt Beziehungen oder stellt sich selbst dar. Twitter als Hobby, das trifft auf Edda Braun zu. Und auf Thomas Döhler.
Er ist Lokführer bei einer privaten Eisenbahngesellschaft, fährt Kesselwagen, gefüllt mit Diesel, Blausäure oder Ethanol, durch die Bundesrepublik, meistens nachts. In der Nacht vor dem Treffen am Hamburger Hauptbahnhof ist sein Zug mit einer Wildschweinfamilie zusammengestoßen, vier Tweets zeugen davon. Der erste: "Lok vs Wildschweine 4:1/2 :( die Kiste sieht aus scheiße", der letzte, um 23.24 Uhr nachts, ist ein Foto, versehen mit der Warnung: "Wer kein Blut sehen kann, bitte nicht vergrößern". Neun Follower favorisieren das, drei retweeten es.
Sein Profilbild zeigt einen blonden Mann mit Brille, gezeichnet als Cartoon. Die Zeichnung ist gut getroffen. Der echte Thomas Döhler hat nur weniger Haare. Dass er aus Berlin kommt, hört man schon beim ersten Satz. Dort wohnt der 31-Jährige mit seinen beiden Katzen Diego und Dexter im Stadtteil Wilmersdorf.
Thomas Döhler mag die Stille, die Einsamkeit vorn in der Lok, aber er will seine Erlebnisse auch teilen. Oft muss er warten, bis ein ICE ihn überholt hat, Personenverkehr geht meist vor Güterzügen, dann twittert er, ein Mittel gegen die Langeweile. Knapp 3000 Leute interessiert das, was er postet: Bilder von der Landschaft, Unterhaltungen mit virtuellen Freunden und Infos über Streckensperrungen, Bahnhöfe, Loktypen. Die Community von Lokführern und Eisenbahnfans ist riesig, und sie trifft sich auf Twitter.
Forscher Jan-Hinrik Schmidt glaubt, dass immer mehr Menschen wie versessen twittern, weil die interaktive Plattform ihnen kostenlos ein großes Publikum bietet, zumindest potenziell. "Wenn ich Feedback bekomme, wenn jemand auf einen Tweet reagiert, dann bestärkt das mein Verhalten, und ich twittere noch mehr", sagt Schmidt. "Viele denken auch einfach: Ich habe Follower, die werden schon zuhören." Jeder Retweet, jede Favorisierung ist Anerkennung, das ist der Schlüssel zum Verhalten der Vieltwitterer.
Edda Braun ist stolz darauf, dass ihr der Account BR Kultur folgt. Popa gibt zu, seine Tweets zu inszenieren, zu beschönigen und zu dramatisieren. "Mein Türsteher-Ding, das ist einfach sexy, das wollen die Leute lesen", sagt er. Nach seiner Erfahrung ist bei Twitter unter der Woche vormittags am meisten los. Also hebt er sich manchmal exklusive Informationen oder besonders lustige Sprüche auf, damit die Resonanz höher ist.
Döhlers Alter Ego dagegen entspricht in etwa dem echten Thomas Döhler. Seine Tweets, das ist alles er, da ist nichts lange überdacht oder zugespitzt. Doch auch er beschwert sich über Leute, die lustige Sprüche von anderen Accounts klauen, als ihre eigenen ausgeben und dafür die Lorbeeren, vulgo: Retweets, einheimsen.
Es geht Popa, Braun und Döhler nicht darum, ständig verfügbar zu sein, nicht darum, die Trostlosigkeit des eigenen Lebens zu kompensieren. Etwas anderes treibt die drei dazu an, immer tiefer in ihr selbst geschaffenes Universum einzudringen: das positive Feedback. Wer gut in etwas ist, investiert gern mehr Zeit, egal, welcher Freizeitbeschäftigung er nachgeht - sei es nun Yoga, Stricken, Gitarrespielen oder Twittern. Denn es gibt sie immer wieder, die Glücklichen, die zu etwas Ruhm gelangen, und sei es auch nur für fünf Minuten.
Im Januar 2014 wollte Thomas Döhler seine Follower via Twitter über eine defekte Oberleitung informieren. Die Deutsche Bahn antwortete prompt: "@Tho masD83 Ja, eine Oberleitungsstörung :-(. Benötigen Sie Infos zum Zug? Ich schaue gerne nach, wenn Sie mir Ihre Verbindung verraten." Seine lakonische Antwort. "@DB_Bahn ich bin der Zug." So oft wurde das geteilt, dass Medien in ganz Deutschland über den Dialog berichteten.
Von Laura Backes

DER SPIEGEL 20/2015
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