09.05.2015

FrankreichDer Wiedergänger

Expräsident Nicolas Sarkozy will sich 2017 noch einmal an die Spitze des Staates wählen lassen. Es könnte ihm tatsächlich gelingen. Von Julia Amalia Heyer
Nicolas Sarkozy empfängt im 8. Stock, in einem Büro, in dem alles strahlend weiß ist, sogar der Schreibtischstuhl. Er trägt Krawatte, das Sakko hat er abgelegt. Arbeitsmodus, sagt er. Und, dass er eigentlich gar keine Zeit für ein Gespräch habe.
"Ich erledige die Dinge, die ich erledigen muss", grummelt er und tigert mit federnden Schritten durch sein Büro, den Blick auf seine Schuhspitzen gerichtet. Er habe keine Lust, sich selbst zu kommentieren, man sehe ja, mit was er sich beschäftige. Dann, unvermittelt: "Haben Sie Kinder?"
Mit der Erziehung, sagt er, sei es dasselbe wie mit der Politik: Es komme nicht darauf an, wie man etwas erklärt, sondern was man selbst tue. Vorleben statt reden, doziert er. Da ist man noch keine zwei Minuten in seinem Büro.
Es hat Monate gedauert, bis es zu diesem Treffen kam. Monate, in denen Nicolas Sarkozy aus dem Abseits zurück ins Scheinwerferlicht drängte, aber auf eine für ihn ungewöhnlich leise Art. Lange sah es so aus, als würde es nichts werden, mit dieser Rückkehr. Als habe er seine Chance gehabt - und die Franzosen kein Interesse daran, es ihn noch einmal versuchen zu lassen.
Doch er, der sich gern mit einem Boxer vergleicht, tänzelte und blieb im Ring. Er ließ sich mit einer eher schmalen Zweidrittelmehrheit zum Chef seiner Partei wählen. Er parierte die Angriffe seiner Gegner. Nicht wie früher, mit einem K.-o.-Schlag. Er ignorierte sie einfach, tauchte unter ihnen weg. Und erhöhte zugleich stetig die Dosis seiner Präsenz. Nun ist er wieder da und will erreichen, was vor ihm noch keinem gelang - außer Charles de Gaulle, der dafür erst eine neue Republik ausrufen musste: Er möchte noch einmal an die Spitze des Staates gewählt werden.
Er bittet jetzt in die Sitzecke, elegante weiße Bauhaus-Sessel, auf dem flachen Tisch stapeln sich großformatige Kunstbücher. Er öffnet eine Pralinendose, dabei grantelt er weiter. Es ist besonders eine Frage, die er überhaupt nicht mag: Haben Sie sich verändert, Monsieur Sarkozy?
Er seufzt, verdreht die Augen, den Hang zum Theatralischen hat er nicht abgelegt. Sie ärgert ihn, diese Frage nach seiner Wandlung. Weil sie einen Wunsch beschreibt, eine Erwartungshaltung: Er soll nicht mehr der sein, der er früher war. Ein Kommentator schrieb vor Kurzem, Sarkozy habe sich gemausert. Er könne jetzt ruhig in einem Sessel sitzen, habe seiner Stimme die Schärfe genommen.
Nicolas Sarkozy schüttelt den Kopf, als wäre der Artikel eine lästige Fliege, die sich so vertreiben ließe. Er mag diese Frage zu seiner Person nicht, weil sie bedeutet, dass man ihm, dem früheren Präsidenten, nicht nur mit Ehrerbietung begegnet. Sondern auch mit Skepsis. Sie irritiert ihn, weil sie weniger das Verlangen nach seiner Rückkehr ausdrückt als das nach seiner Metamorphose. Aber Nicolas Sarkozy will nicht nur gebraucht, er will auch gewollt werden. Halbe Sachen mag er nicht.
Was andere denken und wollen von ihm, das ist jetzt auf einmal wieder sehr wichtig. Und es wird immer wichtiger werden, je näher das Frühjahr 2017 rückt. Denn dann wählen die Franzosen ihren Präsidenten.
Im Januar ist Nicolas Sarkozy 60 Jahre alt geworden, ein Schwarz-Weiß-Porträt seiner dreieinhalbjährigen Tochter Giulia steht auf seinem Schreibtisch, gerahmte Bilder von ihr hängen an den Wänden. Daneben ein Bild seiner Frau Carla Bruni samt Gitarre. Auf mehr als 50 Konzerte hat er sie begleitet in den vergangenen Jahren. Damit ist es jetzt vorbei. Carla singe demnächst in Peking, sagt er, aber da müsse sie allein hin. Es klingt nicht, als bedauerte er das. Seine Umtriebigkeit als Privatier und hoch bezahlter Redner war auch der Sorge geschuldet, seine Frau könne ihn auf einmal als Arbeitslosen sehen. Oder, schlimmer noch, er könnte sich selbst als jemanden empfinden, der nichts mehr vor sich hat. Sondern alles hinter sich.
Wäre es seiner Familie nicht doch lieber, er bliebe bei ihnen statt bei der Politik? "Sicher", sagt er. Trotz seines enger werdenden Terminplans schaut er immer noch beinahe täglich einen Film, zusammen mit seiner Frau, im Heimkino. Er liebe Capra, sagt er, Lubitsch, Hitchcock und Sean Penn - "aber nicht nur den Schauspieler, sondern auch den Regisseur". Er hat kein Lieblingsbuch und keinen Lieblingsfilm: "Bücher, Filme, das ist ein Konzept, man muss sie alle lieben." Fast sieht es aus, als zeichneten seine Hände ein Herz in die Luft.
Vor den Büchern und Filmen war Politik das Konzept des 1,65 Meter großen Mannes. Sie hat so lange sein Leben bestimmt, dass er sie, wie er vor und nach seiner Abwahl geschworen hatte, eigentlich ruhen lassen könnte. Er, Sohn eines ungarischen Aristokraten und einer Arzttochter, hat ja alles erreicht. Er war mit 22 Stadtrat und mit 28 Bürgermeister. Er war Superminister für Wirtschaft und Finanzen, zweimal Innenminister, und stand, wann immer er sich zur Wahl stellte, seiner Partei vor.
Mit 52 wurde er Staatspräsident, schon Jahre zuvor hatte er verkündet, er denke "nicht nur beim Rasieren" an dieses höchste Amt. Niemand konnte ihn aufhalten. Er hat all seine Widersacher besiegt, auch den mächtigsten, seinen Vorgänger Jacques Chirac, dessen Günstling er erst war, bevor er zu seinem Erzfeind wurde. Nur die Franzosen, die hat er nicht gewonnen. Sie haben ihn abgewählt, nach nur einer Amtszeit. Ist es das, was ihn antreibt, die Wiederwahl als letzte große Herausforderung?
Wenn Sarkozy sein Gegenüber fixiert, zieht er seine Mephisto-Brauen hinauf zu den Geheimratsecken. Sein Haar ist nur geringfügig grauer geworden, er ist fast nicht gealtert. Der Bart, mit dem er sich während seiner Auszeit zeigte, ist wieder ab; auch die Sonnenbräune, die ihn den Winter hindurch begleitete, ist weg.
Er habe gar nicht anders gekonnt, sagt er treuherzig. Die Rückkehr in die Politik sei ihm quasi auferlegt worden. "Devoir" nennt er das, eine Pflicht. Er zählt die Gründe auf: seine Partei, zerrissen von internen Grabenkämpfen; der erstarkende Front National; eine sozialistische Regierung, die das Land an den Rand einer Katastrophe geführt habe. "Da kann ich doch nicht einfach sagen, das alles geht mich nichts an", sagt er. An das Ende seiner Sätze setzt er häufig einen Nachschub, eine Art fragendes "Ja?". Er möchte nicht nur Bestätigung, er möchte Zustimmung.
Die Dramatikerin Yasmina Reza hat Sarkozy während seines Wahlkampfes ein Jahr lang begleitet. Reza schreibt, sie sei verblüfft gewesen, wie sehr Nicolas Sarkozy sie an ein Kind erinnere. An einen kleinen Jungen. Seine Geltungssucht, die Wutanfälle, das Heischen nach Affirmation. Er erzählte ihr, wie er immer alles antizipiert habe, seine Erfolge, die Präsidentschaft. Und wie dann auch immer alles eintraf: "Ich könnte so zufrieden sein." Dass er aber, vielleicht deshalb, so gut wie keine Vorfreude, keine Aufregung mehr verspüre: "Kein schönes Gefühl." Damals, 2007, sprach er mit Reza auch über sein Leben "jenseits der Ambition", auf das er sich freue. Die Frage ist, ob so ein Dasein ohne Ehrgeiz, ohne Ziele, für ihn überhaupt existiert.
Denn so richtig weg war er, wenn überhaupt, nur sehr kurz, seit er an jenem 6. Mai 2012 im zweiten Wahlgang François Hollande knapp unterlag. 48,36 Prozent, keine Demütigung, aber eine Niederlage - umso mehr, als er Hollande nicht als Rivalen, sondern als Lückenbüßer betrachtet hatte. Drei Jahre ist das her, aber nur etwa drei Monate lang herrschte wirklich Funkstille zwischen "Sarko" und seinem Land, das, wenn er davon spricht, klingt wie ein ihm anvertrauter Schutzbefohlener. Er war der Hyperpräsident, der Omnipräsident, der alles am liebsten allein regelte und selbst seinen Premierminister zum "collaborateur", zum Mitarbeiter, degradierte.
Schwer vorzustellen, dass so einer plötzlich gar nicht mehr mitredet, sondern nur noch radelt, joggt, urlaubt und Englischunterricht nimmt. "Der kommt noch mal", wurde geraunt; das Geraune erinnerte ein bisschen an den Moment in einem Gruselfilm, in dem Unsicherheit herrscht, ob das Ungeheuer unschädlich gemacht wurde oder ob es noch einmal angreift.
Seit seine Partei vor wenigen Wochen die umkämpften Departementswahlen gewonnen hat, ist sein Selbstvertrauen zurück - und mit ihm die manchmal mehr, manchmal weniger sanft anklingende Megalomanie. Sarkozys UMP hat den regierenden Sozialisten die größte Schmach im ländlichen Frankreich seit 1992 zugefügt. Kantone, die jahrzehntelang ursozialistisches Terrain waren, sind jetzt in der Hand der bürgerlichen Rechten.
Es ist auch Sarkozys Verdienst, bei diesem Stimmungstest ein noch stärkeres Ergebnis des Front National verhindert zu haben. Er sieht sich selbst als den einzigen ernst zu nehmenden Widersacher von Marine Le Pen und glaubt, er allein sei imstande, ihren Aufstieg aufzuhalten. Damit mag er recht haben, allerdings sind nicht nur seine Gegner der Ansicht, dass er es auch war, der dem Erfolg Le Pens erst den Boden bereitete.
Als er 2007 zum Präsidenten gewählt wurde, verzeichnete der Front so wenig Stimmen, dass er ihn bereits für tot erklärte. Dass es der Rechtsaußen-Bewegung in den folgenden Jahren gelang, das herrschende Zweiparteiensystem aufzubrechen, das hat auch mit Sarkozy zu tun, denn er machte ihre Themen salonfähig. Als Präsident zettelte er eine Debatte über die "nationale Identität" an, die rasch zum Forum für Xenophobien aller Art mutierte. Er verschärfte das Einwanderungsrecht, verfolgte eine rigorose Abschiebepolitik. Statt mit gemäßigteren Positionen dagegenzuhalten, wirkt es manchmal bis heute, als imitierte er Marine Le Pen.
An einem Märzabend steht er auf der Bühne einer Stadthalle, irgendwo nordöstlich von Paris. Zehn Minuten lang macht er sich über den "Lügner François Hollande" und dessen Versäumnisse lustig, dann wird seine Stimme ernst. Und schneidend. Er fragt: "Sind wir Franzosen? Sprechen wir Französisch? Lieben wir unsere Kultur?" Ja, ruft das Publikum. Ja, ruft er. "Und deshalb müssen die sich anpassen, und nicht wir!"
Die Menge johlt und klatscht. Sein Stichwort zur Einwanderung lautet jetzt Assimilierung, nicht mehr Integration. In Schulkantinen möchte er schweinefleischfreies Ersatzessen abschaffen, weil sich "das republikanische Schulmodell nicht nach den Wünschen der Muslime richtet". Als ob Schweinefleisch essende Kinder zu besseren Republikanern heranwachsen würden.
Nach seinem Auftritt steht er in der Garderobe, einem schmalen Raum voller Spiegel. Er ist aufgekratzt, löst die Krawatte, legt ein Handtuch um den schweißnassen Hals. Minutenlang haben die Menschen ihm zugejubelt, es gab keinen freien Stehplatz mehr. Sie haben seinen Namen skandiert, bis die Klänge der Marseillaise ertönten, und hinterher haben sie weiter gerufen. Nicolas, Nicolas. Er hat nichts von seinem Popstar-Status eingebüßt.
"Haben Sie gesehen, wie ruhig es im Saal war?", fragt er und fällt ins Du. "Hast du gesehen, wie aufmerksam sie mir zugehört haben, hast du's gesehen?" Er werde nicht zulassen, dass der Front National Frankreich regiere. Er schätzt, dass etwa ein Viertel der Leute in der Halle mit dem Front sympathisieren: "Ich werde die nicht einfach gehen lassen." Als er nach draußen tritt, wird er regelrecht belagert. Für die wenigen Meter bis zu seinem Auto braucht er eine Viertelstunde.
Fragt man ihn später, in der Ruhe seines Büros, nach seiner Strategie gegen den Front National, antwortet er: Seine Strategie sei genau die, die man beobachtet habe.
Aber warum klingen einige seiner Sätze, als stammten sie von Marine Le Pen?
"Das ist richtig", antwortet er. Aber wenn Marine Le Pen sage, die Sonne scheine, und sie scheine, dann wolle er deshalb nicht sagen müssen, dass es regne.
Sein umstrittener Rechtskurs hat nicht nur seine Partei gespalten, sondern auch sein Umfeld. Als er im Winter auf einmal dafür eintrat, das Kopftuch an Universitäten zu verbieten, meldete sich sein früherer Redenschreiber und mahnte, Sarkozy solle die Franzosen nicht gegeneinander aufhetzen. Auch sein Berater und Freund Alain Minc distanzierte sich von ihm; er favorisiert Alain Juppé als Kandidat der bürgerlichen Rechten. Juppé ist das Gegenteil von Sarkozy. Hochgewachsen, gediegen in seiner Art, moderat in seinen Ansichten. Ein bisschen langweilig auch.
Aber Sarkozys Strategie scheint aufzugehen. Bis zum 29. März 2015, dem Erfolg seiner Partei bei den Departementswahlen, galt seine Rückkehr als Fiasko. Ein Expräsident, der vor allem durch ihm anhängige Affären von sich reden machte. Egal ob es dabei um Unregelmäßigkeiten bei der Wahlkampffinanzierung ging, um den Verdacht auf unlautere Einflussnahme oder um Korruption. Dass Sarkozy der erste Ex-staatschef war, der in Polizeigewahrsam genommen und stundenlang verhört wurde, hat allerdings weniger mit den Vorwürfen selbst zu tun als mit einer veränderten Wahrnehmung dieses höchsten Amtes.
Einst sakrosankte Funktion, ist es mit der Unantastbarkeit des französischen Präsidenten nun vorbei. Und es war Sarkozy selbst, der dazu beigetragen hat. Anders als seine Vorgänger schwebte er nie über den Dingen. Manchmal brüskierte er nur die eigenen Minister, manchmal auch sein Volk. Unvergessen die Pressekonferenz, bei der er bekannt gab, das zwischen Carla und ihm sei "etwas Ernstes". Dass das Private das Politische im Élysée-Palast derart überlagern könnte, war vor ihm undenkbar. Bereut er dieses Verhalten heute?
"Ich schaue nie zurück", antwortet er auf seinem weißen Bauhaus-Kanapee. - Da ist gar nichts, was er bereut? - "Jede Menge", sagt er. - Zum Beispiel?
"Natürlich hätte ich mehr machen können", er klingt jetzt gelangweilt, fühlt sich ungerecht behandelt. "Fünf Jahre lang hat man mir vorgeworfen, ich wäre zu umtriebig", sagt er. Und jetzt sei es nicht genug.
Er nickt betrübt. Wenn er sich betrachte, sagt Sarkozy, dann sehe er ausschließlich den Oppositionschef. Nicht den früheren Präsidenten.
Aber wen sehen die Franzosen, wenn sie zurückblicken? Den Blingbling-Präsidenten mit der Piloten-Ray-Ban, dessen Armbanduhr, ein Weihnachtsgeschenk von Carla, mehr als 45 000 Euro gekostet hat? Der die Reichsten und Mächtigsten des Landes zu seinen besten Freunden zählt - und als Staatsoberhaupt gern auf deren Kosten urlaubte? Für geraume Zeit galt Nicolas Sarkozy als der unpopulärste Staatschef überhaupt - so lange, bis ein anderer kam und das unglaubliche Meisterstück vollbrachte, ihm diesen Rang abzulaufen: François Hollande. Auch er ist einer der Gründe dafür, warum Nicolas Sarkozy wieder von der Präsidentschaft träumt. Ein weiterer Grund ist sein politisches Gespür. Als Oppositionschef propagiert er nun die Einheit seiner Partei. Was lapidar klingt, ist keine leichte Aufgabe. Selbst Menschen, die Sarkozy nicht besonders nahe stehen, sind der Meinung, er mache seine Sache bislang gut. Es ist seine einzige Chance: Je besser die Partei dasteht, desto mächtiger wird er, ihr Vorsitzender. Verglichen mit dem Innenleben der "Union pour un mouvement populaire", sagt ein hoher Parteifunktionär, sei das, was in der amerikanischen Serie "House of Cards" passiere, "Katzenpipi".
"Gemeinsam", lautet der Leitspruch von Sarkozy jetzt. Und er, der sein Leben lang polarisierte, hat ihn in den vergangenen Monaten so oft wiederholt, dass es scheint, als glaube er tatsächlich daran. Ende Mai will er die Partei in "Die Republikaner" umtaufen; er geht nun regelmäßig Mittagessen mit seinen mächtigsten Konkurrenten. Mit Dominique de Villepin, den er einst so hasste, dass er ihn am liebsten "an einem Fleischerhaken aufgehängt" hätte. Und mit seinem Widersacher Juppé, der in Umfragen nach wie vor beliebter ist als er.
Nicolas Sarkozy ist nicht nur wieder da, er ist fast schon wieder überall. Er äußert sich zum Völkermord an den Armeniern und zur Gebietsreform. Die französischen Unternehmen möchte er wieder wettbewerbsfähig machen: Die Lohnnebenkosten seien zu hoch, die Steuerlast erdrückend. Frankreich, sagt er, müsse "die Mittelmäßigkeit hinter sich lassen".
Bis seine Partei ein richtiges Programm vorlegt, variiert er vor allem seine früheren Slogans: "Mehr arbeiten, um mehr zu verdienen". Auf Twitter wünscht er sich, das Vertrauen in die Politik wiederherzustellen. "Wir müssen uns ändern, die Politik ändern", schreibt er.
"Nicolas Sarkozy ist immer noch derselbe, aber er hat dazugelernt", sagt Brice Hortefeux, einst Innenminister unter ihm. Hortefeux, ein großer, blasser Mann, kennt Sarkozy seit 1976; er war Trauzeuge bei seiner ersten Heirat und ist Taufpate seines Sohnes Jean. Den Grund für Sarkozys Abwahl 2012 sieht Hortefeux in der Schuldenkrise, nicht in seiner Politik. Die Pause von der Politik habe ihm gutgetan, sagt er. Er sei jetzt geduldiger, weniger ehrgeizig und könne besser zuhören. Und er habe, mehr als früher, das Interesse der Allgemeinheit im Blick.
Anfang April besucht Sarkozy ein Ausbildungszentrum in Agnetz, im Departement Oise. Es ist einer der Termine, bei denen die Mitglieder der herrschenden Pariser Klasse zeigen, dass sie auch volksnah sein können, wenn es darauf ankommt.
Als Sarkozys schwarze Limousine heranrollt, stehen die örtlichen Notabeln samt Gattinnen Spalier. Die Männer tragen dunkle Anzüge, die Frauen viel Schmuck und Hermès-Halstücher. Es ist eine herausgeputzte kleine Karawane, die anderthalb Stunden lang durch Mörtel, Staub und Gipsreste stapft; Sarkozy, schwarzer Anzug, schwarze Krawatte, vorneweg. Er schaut sich an, wie Auszubildende ein Kupferrohr verlöten, prüft kundig einen Spachtel, streichelt eine frisch eingelassene Duschwanne.
Ab und zu stellt er eine Frage oder klopft jemandem auf die Schulter. Trotz des schwarzen Anzugs wirkt er seltsamerweise nicht fehl am Platz. Er kann mit Menschen, der Kumpeltyp ist seine bevorzugte Rolle. Er war immer mehr "Nicolas" als "Monsieur le Président". Die Lehrlinge stehen anschließend Schlange für ein Selfie mit ihm.
Nach dem Rundgang rückt ein Fernsehteam an, will ihm eine Frage stellen. "Wissen Sie", beginnt er, dann bricht er ab. Läuft quer über die Wiese zu einem Bürogebäude, wo zwei Frauen sich neugierig aus dem Fenster lehnen. "Dieser Versuchung konnte ich nicht widerstehen", ruft er und verteilt Wangenküsse. Die Frauen kichern beseelt.
Später sitzt er mit Unternehmern aus der Gegend in einem Klassenraum. Zusammengeschobene Tische auf grüner Auslegeware. Sie fragen ihn, was er anders machen würde als François Hollande. Alles, sagt Sarkozy. Wortreich verdammt er Hollandes Wirtschaftspolitik, seine Arbeitsmarktpolitik, seine Einwanderungs- und Europapolitik. Für einen Augenblick scheinen seine Zuhörer zu vergessen, dass auch er bereits Präsident war. Dass die Staatsschulden und die Arbeitslosigkeit auch unter ihm drastisch gewachsen sind.
Ein Mann in grauem Anzug greift zum Mikrofon, den Betrieben in Frankreich gehe es immer schlechter, sagt er, den Menschen auch. "Wie wollen Sie das anstellen, dass es uns wieder besser geht?"
"Glauben Sie mir", antwortet Nicolas Sarkozy. "Es ist möglich." Mit ihm, dem Wiedergänger.
Von Julia Amalia Heyer

DER SPIEGEL 20/2015
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