06.05.1991

DDR-Medizin: Desaster vertuscht

Wie selbst tödliche Pannen im Medizinbetrieb der einstigen DDR konsequent vertuscht wurden, schildern jetzt zwei Ärzte von der Klinik für Innere Medizin in Erfurt in einem Leserbrief an die Deutsche Medizinische Wochenschrift: Infolge eines Fabrikationsfehlers bei der Herstellung des Blutwäsche-Salzkonzentrats waren 1981 in Thüringen 14 von 26 Dialyse-Patienten an einer schweren Bleivergiftung erkrankt. Zwei von ihnen starben; ein dritter, von qualvollen Dauerkoliken entnervt, erhängte sich. Weder die Gerichtsmediziner noch die Staatsanwaltschaft waren bereit, die an dem Desaster schuldige Firma "VEB Laborchemie Apolda" zur Rechenschaft zu ziehen; das Unternehmen wurde wegen seiner "ungünstigen, objektiv bedingten" Produktionsschwierigkeiten exkulpiert. Erst als sie 1983 abermals schwermetallhaltiges Konzentrat lieferten, wurden die verseuchten Chargen aus dem Verkehr gezogen. Den beiden Erfurter Ärzten, die auf Kongressen in London und Cottbus über die Vorfälle berichten wollten, wurde die Veröffentlichung "vor internationalen Gästen" untersagt. Wenig später forderte das DDR-Hochschulministerium die Medizinische Akademie in Erfurt auf, ein Disziplinarverfahren gegen einen der beiden Mediziner einzuleiten - mit dem geplanten Vortrag habe der Arzt das Ansehen der DDR schädigen wollen. Das Verfahren unterblieb, weil der Erfurter Rektor standhaft blieb.

DER SPIEGEL 19/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 19/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DDR-Medizin: Desaster vertuscht

  • Brexit-Parodie: Schauspieler Andy Serkis als May-Gollum
  • Debattenkultur: Die seltsamen Rituale des britischen Parlaments
  • Turner Fabian Hambüchen: Der schwierigste Abgang
  • Überraschende Entdeckung: Geckos können übers Wasser laufen