12.08.1991

„Aktion Sarg und Asche“

Bundeskanzler Helmut Kohl will dabei sein, wenn, am Samstag, die Gebeine König Friedrichs II. auf Schloß Sanssouci umgebettet werden. Historiker kritisieren das Erscheinen des „Privatmannes“ im prinzlichen Gefolge als „absolute Geschmacklosigkeit“ und „aufgesetzte Traditionspflege“. Bundeswehr-Offiziere halten die Totenwache, Musikkorps intonieren Trauermärsche, Hunderttausende werden zur Hohenzollern-Folklore erwartet.
Ich habe als Philosoph gelebt und will als solcher begraben werden, ohne Pomp, ohne Prunk und ohne die geringsten Zeremonien . . . Sterbe ich in Berlin oder Potsdam, so will ich der eitlen Neugier des Volkes nicht zur Schau gestellt werden und am dritten Tage um Mitternacht beigesetzt werden. Man bringe mich beim Schein einer Laterne, und ohne daß mir jemand folgt, nach Sanssouci und bestatte mich dort ganz schlicht . . . in einer Gruft, die ich mir habe herrichten lassen."
So hatte es Friedrich II. von Preußen, schon für die Zeitgenossen ein legendärer "Großer", gewollt. Nur, es hielt sich niemand daran, weder, im Sommer 1786, die kaum trauernden Hinterbliebenen, noch, im Sommer 1991, des Kaisers Sproß Prinz Louis Ferdinand von Preußen ("Wir geben den Anspruch auf die Krone nicht auf") noch, im prinzlichen Gefolge, Helmut Kohl, der es sonst vorzieht, die Geschichte auszusitzen.
"Ganz schlicht", preußisch eben, sollte es zugehen, nachdem der gichtige Monarch am 17. August 1786 seinen "Lebensodem der wohltätigen Natur" zurückgegeben hatte.
Nachfolger Friedrich Wilhelm II. kümmerte das wenig. Aus der Trauerfeier seines Oheims machte er, mit Pfeife, Trommel und Gewehr, ein rechtes Spektakel, eben preußisch. Er brachte es sogar fertig, Friedrich nicht, wie gewünscht, in seine Gruft mit den geliebten Windspielen zu senken, sondern er bestattete ihn in der Potsdamer Garnisonkirche neben dem gehaßten Vater, dem "Soldatenkönig", der den Musensohn zeitlebens kujoniert hatte.
Auch jetzt drohen Riesenrummel und militärischer Mumpitz, wenn am Freitag Friedrichs Gebeine und die seines Vaters, Friedrich Wilhelm I., von der Burg Hohenzollern bei Hechingen nach Schloß Sanssouci in Potsdam umgebettet werden: Der Sarg-Transfer des Jahrhunderts rollt an.
Die Deutschen halten immer noch viel vom Großen Friedrich, wenig oder nichts dagegen, ergab eine SPIEGEL-Umfrage (siehe Seite 32), von dem Rückführungsrummel um seinen Leichnam. Dennoch werden über 100 000 Königstreue zur Umbettungszeremonie nach Potsdam pilgern. Und da darf einer nicht fehlen: Helmut Kohl.
Der Mann für historische Stunden und sinnstiftende Posen unterbricht seinen Urlaub am Wolfgangsee, um, wieder einmal, den Atem der Geschichte zu spüren. Bei der Gedenkandacht und beim mitternächtlichen Gruftgang in Sanssouci will er partout dabeisein - "als Privatmann und Freund unserer Familie" tut er das, wie Prinz Louis Ferdinand, Chef des Hauses Hohenzollern, den Kondolenzbesuch des Kanzlers herunterzuspielen versucht. Kohl: "Mich reitet überhaupt nichts".
Wieder einmal bringt die Geschichte den gelernten Historiker in die Bredouille, und wieder mit peinlichen Folgen. Wie bei seinem Besuch in Israel 1984, als er vor den Opfern des Holocaust von der "Gnade der späten Geburt" faselte. Wie 1985, beim gemeinsamen Besuch mit US-Präsident Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg, wo auch SS-Tote liegen; ein Abstecher ins KZ Bergen-Belsen wurde erst nachträglich in die Präsidenten-Visite aufgenommen. Wie 1986, mit seinem unsäglichen Vergleich des Sowjet-Reformers Michail Gorbatschow mit dem Hitler-Propagandisten Joseph Goebbels.
Jetzt huldigt der "Privatmann", der stets die Geschichte beschwört, "wie sie wirklich war", einem Autokraten und gibt sich arglos.
Zwar wird der Preußen-Fimmel wohl keine Renaissance einläuten, sind das wieder installierte Glockenspiel in Potsdam ("Üb immer Treu'' und Redlichkeit") sowie die Bestrebungen des Traditionsvereins "Vereinigung Freistaat Brandenburg-Preußen" (Motto: "Mehr sein als scheinen"), den Hohenzollern-Staat wiederauferstehen zu lassen, eher ein Kuriosum. Sie passen indes ins Bild einer zumal in den neuen Bundesländern verunsicherten Bevölkerung, die an konservativen Leitbildern und Symbolfiguren Halt und Orientierung sucht.
Schon warnen Historiker, wie etwa der Bochumer Professor Hans Mommsen, vor "aufgesetzter Traditionspflege", aus der ein "verquerer deutscher Nationalismus" aufsteigen könne. Selbst der linker Neigungen unverdächtige Golo Mann spricht von einer "absoluten Geschmacklosigkeit" Kohls. Und der Publizist und Preußen-Kenner Sebastian Haffner sieht mit der Kanzler-Stippvisite gar einen neuen "Tag von Potsdam" heraufziehen, wo sich am 21. März 1933 Adolf Hitler am Grab Friedrichs des Großen verbeugte und so die Brücke zwischen Kaiserreich und Drittem Reich schlug.
Für die Nazis waren die Hohenzollern-Särge Kultobjekte, die ihrem Regime Legitimität und Tradition verleihen sollten. 1943 barg Hitlers Reichsmarschall Hermann Göring die einbalsamierten Leichname vor drohenden Fliegerangriffen in seinen Kellern, zwei Jahre danach entdeckten amerikanische Soldaten die Sarkophage in einem Kalibergwerk bei Bernterode im Eichsfeld und schafften sie dann nach Marburg in die Elisabethkirche - Codewort: "Leichenklau". Prinz Louis Ferdinand holte die Überreste seiner Ahnen 1952 schließlich nach Hechingen.
Nun, nach der "Wiedervereinigung unseres deutschen Vaterlandes", so der Enkel von Wilhelm Zwo, will "Seine Kaiserliche Hoheit" die beiden Friedriche auf ihrer letzten Fahrt in die märkische Heimat begleiten. Denn, so Job Ferdinand von Strantz, Generalbevollmächtigter derer von Preußen und Leiter des Festkomitees, Friedrich II. sei schließlich "Symbolfigur der deutschen Einheit".
Die Bundeswehr ist immer mittenmang, vorneweg der Befehlshaber des Heereskommandos Ost, Generalleutnant Werner von Scheven. Am Freitagnachmittag sollen acht Stabsoffiziere an den Särgen im Burghof "Ehrenwache" halten. Nach dem Choral "Nun danket alle Gott" (Preußens Siegeshymne nach der Schlacht bei Leuthen 1757) erklingt der von Louis Ferdinand eigens komponierte Trauermarsch "Fridericus Rex".
Dann geht es unter "Trommelwirbel" und "Glockengeläut" zum Bahnhof Hechingen. Trauermarsch und "Ehrenformation der Bundeswehr", anschließend wieder "Trommelwirbel", Offiziere hieven die Särge von den zwei "Lafetten" in den historischen Sonderzug (angehängt: der Kronprinzenwagen Nummer 10 375).
Auf fackeltragende Soldaten entlang der Bahnstrecke wurde doch noch verzichtet. Dafür aber Preußen-Pomp in Potsdam: Das Musikkorps der 1. Panzerdivision Hannover begrüßt den Trauertroß mit Dampflok am einstigen Kaiserbahnhof Wildpark ("Was Gott tut, das ist wohlgetan"), dann übernehmen zwei schwarze Kutschen des altehrwürdigen Berliner Bestattungsunternehmens Grieneisen (Slogan: "Traurigkeit hat keinen Zweck, Grieneisen schafft die Leiche weg") die 13 Zentner schwere Fuhre.
Im Schrittempo zieht der Kondukt durch Potsdam nach Sanssouci. Am Samstagnachmittag, während Schaulustige im Schloßhof Gelegenheit zum Defilee haben, wachen abermals Offiziere am Sarg Friedrichs II. In zwei Gottesdiensten wird des längst Verblichenen gedacht, den Religion nicht kümmerte. Gegen Mitternacht dann Gruftgang der Hohenzollern mit Ehrengast Kohl. Die _(* Oben: 1990 vor dem Sarkophag ) _(Friedrichs II. auf Schloß Hohenzollern ) _(bei Hechingen/Baden-Württemberg. Mitte: ) _(1985 mit US-Präsident Ronald Reagan auf ) _(dem Soldatenfriedhof Bitburg/ Eifel. ) "Aktion Sarg und Asche", wie in der Staatskanzlei Brandenburg über die Umbettung intern gewitzelt wird, ist beendet. Helmut Ostrower, Sprecher der Pressestelle: "Dann wird sich der Planungsstab erst mal besaufen."
Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe sieht das gar nicht gern; er hätte, verlautet aus seinem Büro, die Bundeswehr am liebsten rausgehalten; aber mitgedenken wollte er schon.
Der Sozialdemokrat, für den Preußen immer noch "für Toleranz, Aufbauwillen, Gemeinschaftssinn" steht, lädt am Samstag zu einer Feierstunde ins Neue Palais ein. Gastredner: der Politikwissenschaftler Christian Graf von Krockow, der kritische Töne anschlagen will. Kohl ist auch gebeten worden, aber er kommt lieber nicht.
Wer die Bundeswehr nun eigentlich gerufen hat, bleibt einstweilen im dunkeln. Louis Ferdinand will es nicht gewesen sein; er verweist nach Bonn: "Der Wunsch ist von dort geäußert worden." Im Verteidigungsministerium heißt es empört, der Hohenzoller habe auf Militärpräsenz gedrängt. Tatsächlich, bestätigt ein Louis-Intimus, soll der Kaiser-Enkel den Kanzler selbst um offiziellen Segen und militärischen Beistand gebeten haben, und der Privatmann Kohl sei sofort Feuer und Flamme gewesen. Inzwischen hat auch die Bundeswehr ihre Zurückhaltung aufgegeben. Die Armee, so Hardthöhen-Sprecher Karlheinz Reichert, habe das "Staatswesen" zu vertreten.
Der Kult um den Toten zehrt von dem ungebrochenen Mythos des Großen Friedrich. Doch, was war so groß an ihm, das heute noch erschauern läßt?
Daß er der "erste Diener" seines Staates sein wollte und doch selbstherrlich regierte? Daß die Untertanen nach ihrer "Faßon" selig werden sollten, weil ihm Religionen schnurzpiepe waren? Daß er aufgeklärte Schriften verfaßte, an die er sich selber nicht hielt? Daß der Feldherr Kriege anzettelte, sich heldenhaft in die Schlacht warf und das Reich mehrte?
Geehrt wird eine Legende.
Als Friedrich am 17. August 1786 starb, herrschte "Totenstille, aber keine Trauer", empfand der französische Politiker Graf Honore Mirabeau, häufiger Gast am königlichen Hof zu Potsdam: "Alle Welt wünschte das Ende herbei - alle Welt beglückwünscht sich."
Die Preußen hatten offenbar genug von ihrem "Alten Fritz", dessen Taten "über seine Worte dahinjagten wie ein Regiment schwerer Kavallerie über den Töpfermarkt" (der sozialistische Historiker Franz Mehring).
Wie inniglich spielte der Schöngeist Flöte, wie weltvergessen komponierte und dichtete er, wie geistreich korrespondierte er mit Europas Geistesgrößen - und wie rühmte er sich: "Ich habe Europa mit der Seuche des Krieges angesteckt."
Ernst Moritz Arndt, der Dichter der Freiheitskriege, urteilte: "Friedrichs Größe hat Deutschland klein gemacht."
Gleichwohl, die Nachwelt flocht ihm jede Menge Kränze, mehr als jedem anderen deutschen Monarchen. Zu den Verehrern zählten der Schöpfer des kleindeutschen Reiches, der Preuße Otto von Bismarck, ebenso wie der Zerstörer des großdeutschen, der Österreicher Adolf Hitler, und nach dem Zweiten Weltkrieg sah so mancher in Friedrich Hitlers historischen Ur-Ahnen.
Historiker und Biographen, die lange den Ton angaben, wie der konservative Gerhard Ritter, haben das "weltgeschichtliche Ausmaß" des "politischen und militärischen Genies" verklärt, dessen "stahlhartes, durch nichts zu beugendes Pflichtbewußtsein" bewundert. Friedrich habe "die politischen Traditionen der absoluten Monarchie" "vergeistigt", sie über "den Machtgenuß herausgehoben".
"Es hagelt Superlative", hielt Rudolf Augstein, 1968, in seiner Friedrich-Biographie dagegen, "wo doch in Wahrheit nur gesagt werden soll und kann, daß der König sich um alles selber kümmerte, daß er besserem Rat unzugänglich war . . . oder, noch kürzer, daß er ein Autokrat, ein Selbstherrscher aller Preußen war."
Als Friedrich am 24. Januar 1712, einem Sonntag, geboren wurde, war das gerade elf Jahre alte Königreich Preußen ein armes Land. Es wollte sich nicht einmal ein Feuerwerk leisten. Aber "die Glocken wurden alsbald geläutet und alle Stücke (Kanonen) auf den Wällen gelöset, so daß in einem Augenblick die ganze Stadt und der Hof in eine unaussprechliche Freude versetzt wird" (zeitgenössische Chronik).
Friedrichs Großvater, Friedrich I., der 1701 zum ersten Preußenkönig gekrönt worden war, freute sich, daß der kleine Prinz "brav schreiet" und "recht fet und frisch" sei. Friedrichs Vater, Kronprinz Friedrich Wilhelm, der ein Jahr darauf König wurde, freute sich wohl auch, denn sein Sohn war der ersehnte Thronfolger; zwei ältere Brüder waren noch im ersten Lebensjahr gestorben.
Doch bald begann, was als "Königsdrama" in die leidvolle Geschichte Preußens eingegangen ist: das Hauen und Stechen zwischen Vater und Sohn.
Der Vater rackerte sich ab, um sein zurückgebliebenes Land in einen schlagkräftigen Kasernenstaat zu verwandeln. Er kurbelte die lahmende Wirtschaft an, räumte mit dem Schlendrian in der Staatsverwaltung auf, schuf ein gefügiges Beamtentum und machte sich zum unumschränkten Alleinherrscher. Die Untertanen sollten ihn lieben, die "Canaillen".
Preußen legte sich eine Armee zu, wie es sie ihresgleichen nicht gab: 83 000 Mann standen unter den preußischen Fahnen, bei einer Bevölkerung von nur 2,25 Millionen.
"Die preußische Monarchie ist nicht ein Land, das eine Armee, sondern eine Armee, die ein Land hat, in welchem sie gleichsam einquartiert ist", soll Mirabeau bemerkt haben. Nur so, davon war Friedrich Wilhelm I. überzeugt, könnte das zwischen Memel und Rhein zerstückelte Preußen vor fremdem Zugriff geschützt werden*.
Am wohlsten fühlte sich der kleine, dickliche, bald von Gicht und Wassersucht geplagte "Soldatenkönig" im Kreis seiner "Langen Kerls" vom Potsdamer Garderegiment und in seinem allabendlichen "Tabakskollegium", wo es nach Pfeifenqualm und Kohlsuppe roch.
"Das schönste Mädchen, das man mir verschaffte, wäre mir gleichgültig", bekannte er: "Aber Soldaten, das ist meine Schwäche, damit kann man mich so weit bringen, wie man will."
Mit seiner Frau Sophie Dorothea aus dem Welfenhaus von Hannover, seit 1714 mit dem englischen Königshaus in Personalunion verbunden, kam der einfältige Monarch gar nicht zurecht; sie hatte zu kuschen und Kinder zu kriegen - insgesamt 14. Ständig mäkelte er an ihren höfischen Allüren herum, während sie sich, heimlich, die entbehrten Abwechslungen verschaffte, um sich dem stickigen Regiment zu entziehen. Die schlechten Manieren des Gatten, die wüsten Trinkgelage, wilden Parforcejagden _(* Zum Königreich Preußen gehörten damals ) _(das Kernland, die Mark Brandenburg, ) _(Hinterpommern, die Stadt Magdeburg, das ) _(Fürstentum Halberstadt, die Enklaven ) _(jenseits von Weser und Rhein, die Mark, ) _(Kleve, Minden und Ravensberg. ) und Rüpeleien waren ihr zuwider.
Der Ehekonflikt verschärfte das Königsdrama zwischen dem Vater, der nur Preußen und sonst gar nichts im Kopf hatte, und dem hochbegabten, musisch veranlagten Sohn - in den königlichen Augen ein "Querkopf und Poet".
Er konnte den "effemierten Kerl" nicht leiden, der "nicht reiten noch schießen kann, und dabei malpropre an seinem Leibe, seine Haare sich frisiert und nicht schneidet", der "mit dem Gesicht Grimassen mache, als wenn er ein Narr wäre"; er tue "nichts aus Liebe" zu seinem Vater.
Der Sohn verkroch sich bei der Mutter, suchte Zuflucht in einer Gegenwelt, die er mehr erträumte als erleben konnte, spielte Flöte, las die Schriften der französischen Aufklärer, vor allem die des großen Voltaire, und legte sich, heimlich, eine Bibliothek zu: 3000 Bände. Bald sprach er, nach eigener Einschätzung, Französisch wie ein Franzose, Deutsch dagegen wie ein "Kutscher".
Der Vater grübelte, "was wohl in seinem kleinen Kopf vorgeht", doch er fand es nie heraus. Der verstörte Sohn wurde nur noch störrischer. Ständig in der Bredouille, wurde er überheblich und verschlagen, wuchs seine Fähigkeit, sich zu verstellen und seine Umgebung über seine Gedanken und Absichten zu täuschen.
Der König spürte anhaltenden Widerstand, brechen konnte er ihn nicht, nicht einmal mit roher Gewalt. Mal stürmte er das Zimmer seines Sohnes, warf Bücher, Papiere und die Flöte in den Kamin. Mal verprügelte er den Kronprinzen vor versammelten Offizieren und der Dienerschaft. Mal ließ er die 16jährige Tochter eines Potsdamer Schulrektors, die Friedrich poussiert hatte, öffentlich auspeitschen, obwohl Hebamme und Arzt ihre Unschuld attestiert hatten.
"Wir erleben hier alle Tage die abscheulichsten Auftritte", klagte Friedrich seiner drei Jahre älteren Schwester Wilhelmine: "Ich bin dessen so müde, daß ich lieber um mein Brot betteln möchte, als in diesem Zustand weiterzuleben."
Tatsächlich entschloß Friedrich sich zur Flucht; er wollte nach England oder Frankreich. Auf einer Reise mit dem König durch Süddeutschland versuchte er, aus dem Scheunenlager zu entkommen; doch sein Plan wurde verraten. Friedrich wurde festgenommen und in einer plombierten Kalesche auf die Festung Küstrin geschafft.
Es ging um Leben und Tod und um Thronverzicht. Der Vater ließ ihm 178 Fragen stellen, unter anderem: "Derweil Er sich der Nachfolge unfähig gemacht hatte durch Brechung der Ehre, ob er wolle die Nachfolge abtreten, um sein Leben zu erhalten?" Friedrich, durch tägliche Drangsal gewitzt, antwortete: "Sein Leben wäre ihm so lieb nicht, aber Seine Königliche Majestät werde so sehr ungnädig nicht auf ihn werden."
Wurde er dann auch nicht. Aber Leutnant Hans Hermann von Katte, Friedrichs Freund und Verschworener, ließ der König hinrichten. Er wollte "diejenigen vernichten, die es mit seinen Kindern gegen ihn halten". Am 6. November 1730 wurde Katte, strafmildernd mit dem Schwert, hingerichtet - vor den Augen des Kronprinzen. Friedrich brach zusammen.
Der Kronprinz wurde begnadigt und konnte die Festung verlassen, mußte aber in Küstrin bleiben. Er wurde der Kriegs- und Domänenkammer zugeteilt, wo er Erfahrungen in staatlicher Verwaltung machen sollte. Als sein Vater ihn ein Jahr später in der Verbannung aufsuchte, fiel der Sohn vor ihm nieder und küßte ihm die Stiefel. Der Vater nahm ihn in den Arm, aber zur Versöhnung kam es nicht.
Bald kündigte sich der nächste Akt in dem Königsdrama an. Nach dem Willen des Vaters sollte Friedrich mit der Prinzessin Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern, einer Großnichte der späteren österreichischen Kaiserin Maria Theresia, verheiratet werden. Der Kronprinz rebellierte, fügte sich dann aber doch, weil ihn die Heirat aus der Verbannung befreien würde. Einem Vertrauten schrieb er: "Wenn ich gezwungen werde, sie zu heiraten, werde ich sie verstoßen, sobald ich Herr bin", woran er sich auch hielt.
1736 bezog Friedrich das Schloß Rheinsberg. Vier Jahre, bis zu seiner Thronbesteigung, verbrachte er dort in vertrauter Männerrunde. "Das Unglück hat mich immer verfolgt", schrieb er. "Ich bin nur in Rheinsberg glücklich gewesen."
Der aufgeklärte Prinz verfaßte eine ziemlich unaufgeklärte Streitschrift gegen das Buch "Der Fürst" des florentinischen Staatsmanns und Staatsdenkers Niccolo Machiavelli (1469 bis 1527), das 200 Jahre zuvor so etwas wie ein Rezept geliefert hatte, wie fürstliche Macht zu erwerben und zu behaupten sei. Nämlich machiavellistisch: mit List und Tücke, Verrat und Krieg.
Wie der florentinische Machiavelli verklärt der preußische Antimachiavelli die unumschränkte Herrschaft des Monarchen als höchste Staatskunst. Ebensowenig wie der kennt er Skrupel, Verträge und Bündnisse zu brechen, wenn "mißliche Notwendigkeiten" den Fürsten dazu zwingen.
Der Königsvater, zwar militaristisch, aber nicht kriegerisch, hatte seinem Sohn eingebleut, "fanget niehmalen einen ungerechten Krig an". Doch daran hielt der Sohn sich nicht, weder in Wort noch in Tat. Auch Präventivkriege, selbst Angriffskriege, lehrte er, könnten gerechte Kriege sein.
1739 erschien der "Antimachiavelli", mit Voltaires Hilfe. Wenig später las sich die aufklärerische Empörung gegen den Machiavellismus wie Heuchelei und arglistige Täuschung.
Jetzt empfahl der preußische Machiavellist: "Besser also zum Angriffskrieg schreiten, solange man noch zwischen Ölzweig und Lorbeer zu wählen hat." Später höhnte er: "Wer hätte geglaubt, daß die Vorsehung (sic) sich einen Poeten erküren würde, um das europäische System umzustürzen."
Am frühen Morgen des 31. Mai 1740 war der Vater im Alter von 51 Jahren gestorben. Der Soldatenkönig hatte den Tod kommen sehen; schon seit Tagen stand der Sarg neben seinem Bett.
"Die Possen haben ein Ende", nahm der neue König, Friedrich II., sich vor, und Voltaire begrüßte den neuen Monarchen noch überschwenglich als "Salomon des Nordens": "Ein Philosoph und König, oh, unser Jahrhundert wünschte dies zweifellos und wagte nur nicht, es zu erhoffen."
Ein halbes Jahr später entlarvte sich der Philosoph als skrupelloser Aggressor. Er überschritt den "Rubikon mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel" (Friedrich). Ein für allemal. Preußen stieg zu einer von Anfang an mißtrauisch beäugten und verachteten Großmacht auf.
"Der Fürst der Aufklärung", formuliert der Historiker und Friedrich-Biograph Theodor Schieder, "und der offenherzige Bekenner reiner Machtpolitik stehen sich wie zwei völlig unvereinbare Größen gegenüber, die nicht miteinander identisch sind. Diese Unvereinbarkeit und das Dilemma, das sie unablässig herstellte, ist das Grundproblem der Persönlichkeit Friedrichs."
Am 16. Dezember 1740 fielen preußische Truppen in das österreichische Schlesien ein - zum "Rendezvous mit dem Ruhm" (Friedrich). Als sein Kabinettsminister Heinrich von Podewils rechtliche Bedenken geltend gemacht hatte, erwiderte der König: "Die Rechtsfrage ist die Sache der Minister, es ist Zeit, insgeheim daran arbeiten zu lassen." Als er las, was Podewils zu Papier gebracht hatte, spottete er: "Bravo, das ist die Arbeit eines trefflichen Scharlatans!"
Das ohnedies labile europäische Gleichgewicht der Kräfte war durch den Tod Kaiser Karls VI. von Habsburg aus den Fugen geraten. Der Monarch, der am 20. Oktober gestorben war, hatte keinen männlichen Nachfolger; seine Tochter Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn und Böhmen, damals gerade 23, sollte den Thron besteigen.
Obgleich die europäischen Herrscher förmlich zugestimmt hatten, wurden alte Begehrlichkeiten auf Teile des Vielvölkerstaates wach. Preußen, Franzosen und Briten, Bayern und Sachsen machten, mal miteinander verbündet, mal gegeneinander, Maria Theresia das Erbe streitig.
Der König ereiferte sich: "Zu lehren . . . verstatte ich dem Weibe nicht, noch sich zu erheben über den Mann, sondern sich ruhig zu verhalten."
Die Königin schwor sich: "Eher Bayern eine ganze Provinz, als Preußen ein einziges Dorf." Doch dann verlor sie eine Provinz an den "bösen Mann".
Schlesien war schnell überrannt; den 27 000 Angreifern standen nur 7000 Verteidiger gegenüber, schlecht bewaffnet und nur mäßig kampfbereit. Als jedoch die Österreicher Verstärkung herbeischafften und sich, im April 1741, bei Mollwitz nahe der Oder zur ersten Schlacht des "Ersten Schlesischen Krieges" stellten, machte Friedrich, der als Schlachtenlenker in die Geschichte eingehen wollte - und später auch ging -, eine schlechte Figur. Er flüchtete und wäre beinahe in Gefangenschaft geraten.
Als die Bayern und Franzosen in Böhmen vorrückten und Wien bedrohten, schloß Maria Theresia am 11. Juni 1742 den Frieden von Breslau. Preußen erhielt Niederschlesien, große Teile von Oberschlesien und die Grafschaft Glatz.
Bei seinem Einzug in Berlin wurde der König als der "Große" empfangen. Er versprach, die "getroffenen Verabredungen" mit Österreich "als heilig" anzusehen und "unverbrüchlich" zu befolgen. Aber nach wie vor sah er in der "Vergrößerung" das "Grundgesetz" der Regierungen.
Also begann er, im August 1744, den "Zweiten Schlesischen Krieg". Eigentlich wollte er den "Österreichern den Fuß auf die Gurgel setzen", aber dazu kam es nicht. Er mußte sich mit dem bescheiden, was er schon geraubt hatte. Obendrein sah er sich genötigt, die verhaßte Maria Theresia als Königin von Ungarn anzuerkennen.
"Ich werde fortan keine Katze mehr angreifen, es sei denn, um mich zu verteidigen", täuschte er abermals: "Was sind wir armen Menschenkinder, daß wir Projekte schmieden, die soviel Blut kosten."
Elf Jahre später, 1756, brach er einen Krieg vom Zaune, der knapp sieben Jahre dauerte und weit mehr Blut kostete. Wiederum war es kein Verteidigungskrieg: "Ich spiele ein hohes Spiel", gestand Friedrich, "und sollte sich alles Unheil der Welt in einer solchen Stunde wider mich verschwören, so bin ich verloren."
Um die Kriegsschuld wurde hernach beinahe ebenso heftig gestritten wie später über die Ursachen des Ersten Weltkrieges. Und wieder lieferte die Legitimationsfloskel vom Präventivkrieg eine griffige Begründung.
Fest steht, daß Friedrich den Krieg mit seinem Überfall auf das Kurfürstentum Sachsen begann, ohne Kriegserklärung. Fest steht ferner, daß er nicht nur Sachsen im Visier hatte, sondern auch Westpreußen und Schwedisch-Vorpommern, Territorien, die er, wie Sachsen, seinem Königreich gern zugeschlagen hätte, wie er überhaupt Kriege ohne Eroberungen für reichlich naiv hielt: "Jeder Krieg, der nicht zu Eroberungen führt, schwächt den Sieger und entnervt den Staat", lehrte Friedrich.
Derweil sann die verletzte Maria Theresia ("verschließe ich mein Herz dem Mitleid") nicht nur auf Rache für Schlesien, sie wollte auch die preußische Großmacht erledigen. Sie fand eine Verbündete in der Nachfolgerin Peters des Großen, der russischen Zarin Elisabeth, einer ruhm- und trunksüchtigen Herrscherin, die nur mit Mühe zu bremsen war, gegen Preußen loszuschlagen, noch ehe Österreich kriegsbereit war. Und in Paris zog die Geliebte König Ludwigs XV., die Marquise de Pompadour, die Fäden.
Verächtlich sprach Friedrich von den drei Frauen als den "drei ersten Huren Europas". Aber er sollte sich noch wundern.
Die Bündniskonstellation in Europa veränderte sich völlig - zuungunsten Preußens, und Friedrichs diplomatisches Ungeschick trug dazu bei. Statt das Bündnis mit Frankreich zu verlängern, das zu gern die österreichischen Niederlande kassiert hätte, verbündete er sich mit Großbritannien, mit dem Frankreich in Nordamerika einen Kolonialkrieg führte.
Schließlich sah sich Preußen einer zumindest zahlenmäßig mächtigen Koalition gegenüber. Österreich, Rußland, Frankreich, Schweden und die Reichsfürsten hatten sich gegen ihn zusammengerauft. Sie konnten 382 000 Mann aufbieten, Preußen nur 141 000. Die Engländer zahlten zwar, pro Jahr vier Millionen Taler, aber sie kämpften nur in Übersee.
Der konservative Historiker Ritter folgerte daraus, Preußen habe einen Präventivkrieg führen müssen, wegen der "feindlichen Koalitionen", die ihn bedrängten, ähnlich wie die angeblich eingekreisten armen Deutschen 1914. Und ebenso wie die Deutschen das neutrale Belgien "überrannten", mußte Preußen Sachsen "überrumpeln". "Jetzt oder nie?" wie 1914?
Am 29. August fielen preußische Truppen in Sachsen ein. Wieder, wie im Ersten Schlesischen Krieg, errang der König große Anfangserfolge. Die Sachsen schlug er bei Pirna, eine österreichische Streitmacht im böhmischen Vorfeld bei Lobositz.
Das zweite Kriegsjahr jedoch begann mit einem Debakel - und endete mit zwei Siegen, die Friedrichs Kriegsruhm begründeten und seinen Mythos vom genialen und verwegenen Schlachtenlenker unsterblich machten - so bitter die folgenden Niederlagen auch waren.
Nach dem Blitzkrieg gegen Sachsen setzte sich der König mit einem 120 000-Mann-Heer in Marsch nach Böhmen, wo es ihm schon in den Schlesischen Kriegen schlecht ergangen war. Er belagerte Prag, konnte es aber nicht bezwingen; es fehlte an Kanonen.
Bei Kolin, unweit der böhmischen Hauptstadt, stellten sich die Österreicher zur Schlacht und schlugen die Preußen in die Flucht. Seitdem gelang es ihnen nicht mehr, in Feindesland vorzudringen. Friedrich klagte: "Das Glück ist eine Frau, und ich bin kein Liebhaber."
Die Siege gegen Jahresende, am 5. November bei Roßbach, genau einen Monat später bei Leuthen, machten die Schlappe vergessen, aber kriegsentscheidend waren sie nicht.
Bei Roßbach, in der Nähe von Halle, schlugen 20 000 Preußen 50 000 Franzosen; bei Leuthen, in der Nähe von Breslau, 25 000 Preußen 65 000 Österreicher. Nach der Schlacht stimmten sie den Choral an, der als der von Leuthen in die Sangesgeschichte eingegangen ist: "Nun danket alle Gott."
Napoleon, der dem preußischen Oberbefehlshaber so manchen Fehler in Strategie und Taktik angekreidet hatte, lobte das "Meisterwerk der Bewegungen, des Manövers und der Entschlossenheit". Diese Schlacht "allein würde genügen, um Friedrich unsterblich zu machen und ihm einen Rang unter den größten Feldherrn zuzuweisen" - was auch geschah.
Friedrich selbst gab sich bescheidener: "Was sich in der Entfernung so großartig ausnimmt, ist in der Nähe betrachtet recht armselig."
Das dritte Kriegsjahr begannen Elisabeths Russen mit der Eroberung Ostpreußens. Am 46. Geburtstag des Preußenkönigs eroberten sie Königsberg, wo, 1701, sein Großvater zum ersten Preußenkönig gekrönt worden war.
Als sie im folgenden Frühjahr in die Mark Brandenburg eindrangen, sie hatten Hinterpommern schon erobert, bei Zorndorf 80 000 Soldaten aufeinanderschlugen, an einem einzigen Tag 35 000 auf dem Felde der Ehre umkamen, lag Preußens Hauptstadt in Reichweite. Aber die Russen setzten sich ins Winterlager jenseits der Weichsel ab. Im Sommer siegten die Russen über die Preußen, wieder war Berlin bedroht.
Friedrich glaubte schon, "alles ist verloren", und nahm sich wieder einmal vor, "den Untergang des Vaterlands" nicht zu überleben: "Adieu für immer." Aber wiederum wagten die Russen nicht den Marsch auf Berlin.
Im Oktober 1760 erschienen sie dann doch, zusammen mit den Österreichern, in Preußens Hauptstadt. Aber sie plünderten nur, und nach zehn Tagen drehten sie nach Osten, die Österreicher nach Süden ab.
Aus dem Sieger von Leuthen war längst ein geschlagener Krieger geworden, der den Feinden nur noch sich selbst entgegenwerfen konnte. Wie er das tat, überliefern zahllose Legenden, an denen folgende Generationen sich aufrichteten. Daß er es in sinnlosem Gemetzel immer wieder tat, machte den "Alten Fritzen" erst richtig zum strahlenden Helden. Viel Feind, viel Ehr.
Mit der Preußenfahne in der Hand warf sich der König ins Getümmel, wo ein Oberbefehlshaber eigentlich nichts zu suchen hatte. Er scheuchte kriegsmüde Grenadiere, und von denen gab es immer mehr, nach vorn. Eine Tabaksdose, an der ein feindliches Geschoß abgeprallt war, ersparte ihm den Heldentod. Und dann, im Biwak, spielte der Musensohn wieder die Flöte oder schrieb geistreiche Episteln.
In jammervollen Briefen schilderte er das Elend, das er über sich und seine Grenadiere gebracht hatte: "Ich führe ein Leben wie ein Hund. Wenn nur die kleinste Sache unglücklich ausgeht, bin ich verloren."
Er dachte aber auch, anders als seine kriegerischen Nachfahren, über den Unsinn des Krieges nach - aber auch selbstkritisch? "Keine Seite hat mehr aufzuweisen als den Verlust vieler braver Leute . . . die Vernichtung und Einäscherung blühender Städte. Das . . . sind traurige Wirkungen der Verworfenheit und des Ehrgeizes gewisser mächtiger Männer, die alles ihrer unbegrenzten Leidenschaft aufopfern."
Die entscheidende Schlacht war schon geschlagen. Bei Kunersdorf, in der Nähe von Frankfurt/Oder, trieben Russen und Österreicher im August 1759 die preußischen Haufen zu Paaren. Nun wankte selbst der besessene Friedrich, er gab, vorübergehend, den Oberbefehl ab und lamentierte: "Mein Rock ist von Schüssen durchbohrt, zwei Pferde sind mir unter dem Leib gefallen. Mein Unglück ist, daß ich noch lebe . . . Ich halte alles für verloren."
Doch dem Geschlagenen winkte noch einmal das Kriegsglück. Die Sieger zogen ab, statt ihm den Gnadenstoß zu versetzen.
Preußen war verloren, nur Wunder konnten es noch retten - eines davon war Kunersdorf.
Am 6. Januar 1762 schrieb Friedrich noch: "Da unsere jämmerliche Lage uns nicht länger erlaubt . . . auch nur den kommenden Feldzug zu überstehen, müssen wir uns mit dem Gedanken vertraut machen . . . durch Verhandlungen so viel zu retten, wie wir aus unseren gierigen Feinden herausholen können."
Da geschah wieder ein Wunder, das geschichtsträchtige "Mirakel des Hauses Brandenburg". Am 5. Januar 1762 starb eine der "Huren", die Zarin von Rußland, Elisabeth. Nun trat ein, was sich, ähnlich, der klapprige Hitler in seinem Bunker herbeigesehnt hatte, als er, am 12. April 1945, vom Tod des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt erfuhr.
"So groß ist das Spiel des Zufalls", sinnierte der König: "Es spottet der eitlen Klugheit der Sterblichen, erhält die Hoffnung der einen und zerstört die des anderen."
Elisabeths Nachfolger, Peter von Holstein-Gottorp, war ein tumber Preußen-Fan. Er huldigte dem Großen Friedrich und bekam dafür den Schwarzen Adler-Orden angeheftet. Peter schloß Frieden mit Preußen und verstärkte das Preußenheer auch noch mit 20 000 russischen Söldnern.
Doch bald wurde Zar Peter von seiner Frau, der späteren Katharina der Großen aus dem Hause Anhalt-Zerbst, vom Thron gestoßen und umgebracht. "Wenn ich schon mal Kaiser habe, die mir wohlwollen", klagte Friedrich, "erdrosselt man sie mir." Aber das Drama ging glimpflich aus. Katharina zog zwar ihre Soldaten ab, hielt sich aber an den geschlossenen Frieden. Und nun mochten auch die Österreicher nicht mehr.
Am 15. Februar 1763 wurde in Hubertusburg, nahe Leipzig, Frieden geschlossen. Obgleich Preußen wiederum nur behielt, was es schon hatte - Schlesien -, freute Friedrich der Große sich: "Ein gutes Ding, dieser Frieden, aber man muß es sich nicht merken lassen."
Müde und zermürbt kehrte der "Alte Fritz" heim, ein alter, gekrümmter Mann in zerschlissener Uniform. Dem "armen Greis" (Friedrich über Friedrich, damals 52) war nach Siegesfeiern nicht zumute. "Das Ende meiner Tage ist vergiftet", fand er, "und der Abend meines Lebens ist ebenso schrecklich wie der Morgen."
Es wurde wider Erwarten ein recht langer Lebensabend, und Friedrich brachte in den ihm verbleibenden zwei Jahrzehnten Regentschaft noch manches zuwege. Die meisten der fortschrittlichen Reformen stieß der Alleinherrscher freilich nur an. Und stets ließ er sich von dem Grundsatz leiten, den er, 1768, in seinem zweiten "Politischen Testament" festgelegt hatte: "Wir müssen Preußen als einen Militärstaat betrachten; alles muß darauf eingestellt sein."
Immerhin, eine Justizreform gab es, die das chaotische Feudalrecht kodifizierte und in der Rechtsprechung für klare Instanzen sorgte. 1794, acht Jahre nach dem Tod des Königs, trat das Allgemeine Preußische Landrecht in Kraft; es galt bis 1900.
"Ich habe mich entschlossen", verkündete der Monarch, "niemals in den Verlauf des gerichtlichen Verfahrens einzugreifen; denn in Gerichtshöfen sollen die Gesetze sprechen, und der Souverän soll schweigen." Aber, schränkte er souverän ein: "Zu gleicher Zeit . . . hat mich dieses Schweigen keineswegs darin gehindert . . . das Verhalten der Richter zu überwachen." Wenn ihm danach war, fegte er mißliebige Urteile beiseite - "Fickfackerei" - und entschied selbstherrlich.
Die Folter, die er abgeschafft haben soll, wurde nie ganz abgeschafft; das barbarische Spießrutenlaufen der zwangsrekrutierten Soldaten - "bis die blutigen Fetzen vom Rücken hingen" - überhaupt nicht.
Mit der religiösen Toleranz war es auch nicht so weit her: Katholiken konnten weder Minister noch Staatsräte werden. Und mit der vielgerühmten Lockerung der Pressezensur war es so eine Sache. "Gazetten, wenn sie ein bißchen amüsant sein sollen", dürften "nicht geniert werden", meinte Friedrich, doch Kritik an seiner Majestät Person und Politik war unter Strafandrohung verboten.
Der König hatte erfahren, daß der Krieg "ein Abgrund" sei, der "Menschen verschlingt" - rund 180 000 Preußen, Soldaten wie Zivilisten, waren in seinen Kriegen umgekommen. Also rief er Einwanderer ins Land, etwa 300 000, aus aller Herren Länder. Sie halfen, ausgedehnte Bodenflächen am Oderbruch, in den Warthe- und Netze-Niederungen zu kultivieren. So erwarb Friedrich, wie er sich rühmte, "eine Provinz im Frieden".
1772 kam, ohne Krieg, aber mit Gewalt, eine hinzu - ein Teil des mit Russen und Österreichern zum ersten Mal geteilten Polen.
Geblieben ist von alledem die Kartoffel, die der König seinem Volk bescherte. Die Gesindeköchin Amanda Woyke von der Staatsdomäne Preußisch-Zukau würdigte die historische Tat: "Frihä da jab es nur Gritze und nuscht nech, wenn es kaine Gritze nech jab. Da had ons Ollefritz mit seine Dragoners Kartuffeln jeschickt, damid wia Buhren (Bauern) mechten väpflanzen."
Wenn am Tag von Potsdam des Jahres 1991 Friedrichs Gebeine zur - letzten? - Ruhe umgebettet werden, Kaisersproß Louis Ferdinand und Kanzler Kohl an der Gruft verharren, Bundeswehr-Offiziere Totenwache schieben, Trauermärsche erklingen - dann kehrt das untergegangene Preußen zu den Deutschen zurück. Nur für einen flüchtigen Augenblick?
Sinnstiftende Politiker und Historiker werden ihn zu nutzen wissen, die da lehren: "Die Zukunft wird nur der gewinnen, der die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet."
Einer von ihnen ist der Politiker, Historiker und Privatmann Helmut Kohl.
* Oben: 1990 vor dem Sarkophag Friedrichs II. auf Schloß Hohenzollern bei Hechingen/Baden-Württemberg. Mitte: 1985 mit US-Präsident Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof Bitburg/ Eifel. * Zum Königreich Preußen gehörten damals das Kernland, die Mark Brandenburg, Hinterpommern, die Stadt Magdeburg, das Fürstentum Halberstadt, die Enklaven jenseits von Weser und Rhein, die Mark, Kleve, Minden und Ravensberg.

DER SPIEGEL 33/1991
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