14.01.1991

Rüstung

Weg ist weg

Vielen Rüstungsbetrieben, vom Staat bisher gehätschelt, fehlen neue Aufträge. Die Umstellung auf zivile Märkte gelingt nur wenigen.

Klaus Laufer, Bürgermeister in Oberndorf, hat seinen Amtssitz in einem historischen Waffenlager, dem heutigen Rathaus der Schwarzwaldstadt. Liebevoll hegt die Gemeinde im angrenzenden Heimatmuseum die kriegerische Tradition des Ortes, wo schon seit 180 Jahren Gewehre gefertigt werden. Von friedensbewegten Schwarzwäldern ließ sich Laufer die Freude an seinem prosperierenden Gemeinwesen schon gar nicht verderben: Wer dagegen protestiere, daß rund um Oberndorf "ordentliches Gerät" für die Truppe hergestellt werde, der stehe nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes.

Nun sind der Truppe die Feinde und der Rüstungsindustrie die Aufträge abhanden gekommen. Oberndorf ist eines der ersten Opfer der Ost-West-Entspannung: Seit Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg (CDU) das neue Supergewehr G 11 von der Beschaffungsliste gestrichen hat, steht der größte Arbeitgeber der 14 000-Einwohner-Stadt, die Waffenschmiede Heckler & Koch mit über 2000 Arbeitsplätzen, vor dem Aus.

Die Umstellung der Produktion auf ziviles Gerät, zum Beispiel auf Werkzeugmaschinen, erwies sich als Rohrkrepierer. Verkaufsverhandlungen mit dem französischen Rüstungsriesen Giat Industries sind vergangene Woche geplatzt. Nur der Einstieg des britischen Rüstungskonzerns Royal Ordnance könnte einen Konkurs abwenden.

Eine ganze Region, in der auch der Pistolenproduzent Mauser und der Zünderhersteller Junghans ansässig sind, steht auf der Kippe:
* Von den 9000 Beschäftigten rund um Oberndorf hat jeder
dritte einen Arbeitsplatz in der Rüstungsindustrie.
* Ein weiteres Drittel der Beschäftigten arbeitet bei
Klein- und Mittelständlern der Militärproduktion zu.
* Vom Geld, das mit der Rüstung verdient wird, lebt ein
Großteil der Handwerker, Einzelhändler, Gastwirte und
Wohnungsvermieter.

Wenn die Waffenschmieden nicht rasch auf zivile Märkte umrüsten (Fachwort: Konversion), "dann haut es in der Region voll rein", befürchtet Jürgen Grässlin, Mitglied des Oberndorfer Friedensbüros und des Landesvorstands der Grünen. Zivile Produkte, so die Vorschläge von Sozis und Grünen, sollen beim Neuanfang erst einmal vom Staat erworben werden. Auch Bürgermeister Laufer fordert: "Unsere Leute hatten bisher einen Auftrag vom Staat. Jetzt muß ihnen der Staat auch helfen."

Doch die Amtsträger in Bonn und Stuttgart geben sich marktwirtschaftlich. Das Verteidigungsministerium, jahrzehntelang Alleinkunde bei Heckler & Koch, will mit der Waffenschmiede nicht mehr viel zu tun haben. Hardthöhen-Sprecher Kurt-Wolfgang Fredemann: "Wenn es der Firma nicht rechtzeitig gelingt umzustellen, ist das nicht das Problem des Verteidigungsministeriums."

Auch der Stuttgarter Wirtschaftsminister Hermann Schaufler (CDU) läßt die marode Firma allein. "Die haben kein einziges Konzept für Konversion", kritisierte er das Unternehmen, das bei ihm Staatshilfe erbeten hatte. In einem firmeneigenen Technologiezentrum waren wenig überlebensfähige Zivil-Projekte, wie ein neuer Airbag fürs Auto oder eine elektronisch gesteuerte Skibindung, entwickelt worden.

Als Schaufler die Bilanzen prüfte, sah er nur rot: im zivilen Firmenzweig nichts als Miese. Der Schuldenberg von 180 Millionen Mark übersteigt mittlerweile die Hälfte des Inlandsumsatzes von 300 Millionen Mark. Die Gesellschafter hatten ihr Kapital ausschließlich in den profitablen Waffensektor gesteckt und das Zivile auf Pump finanziert. "Für Waffen gibt der Minister nichts", teilte Schaufler den Geschäftsführern Walter Lamp und Peter Moser mit.

Doch genau darauf hatten die Heckler-Leute gesetzt. Nach den "goldenen Jahren mit dem Sturmgewehr G 3" (Firmenleitung), das sie allein für die Bundeswehr eine Million mal gebaut haben, rechneten sie bis zum Herbst letzten Jahres mit einem Milliardenauftrag für die neue Wunderwaffe G 11.

Ingenieure der Firma hatten 15 Jahre lang an der "präzisesten Tötungsmaschine der Welt" (The Times) getüftelt, für das Styling des geigenkastenähnlichen Geräts wurde eigens ein Designer beauftragt (SPIEGEL 31/1987). Von 1974 bis 1989 flossen insgesamt 84,1 Millionen Mark aus dem Bundeshaushalt für die G-11-Entwicklung nach Oberndorf. Kommentar eines Hardthöhen-Sprechers zu den Kosten des aufgegebenen Projekts: "Was weg ist, ist weg."

Der zivile Firmenbereich, der mit Maschinenbau und Elektronik 50 Prozent des Umsatzes ausmacht, war lange Zeit nur ein Anhängsel der Gewehr-Produktion. Den Anlagenbau hatte sich Heckler & Koch in erster Linie zugelegt, um Fabriken zum Nachbau des G 3 im Ausland ausstatten zu können.

Um Märkte und Marketing brauchten sich die Waffenbauer bisher nicht zu scheren. Der Bund war Monopolkunde bei den Gewehren, und auch der Waffenexport lief mit Bonner Wohlwollen: Für mehr als 80 Länder erteilte das Eschborner Bundesamt für Wirtschaft die Genehmigung zur Ausfuhr der in allen Krisengebieten geschätzten Knarre aus Oberndorf (Stückpreis: 1300 Mark).

Hinzu kamen Lizenzvergaben zum Nachbau des G-3-Gewehres in 15 Ländern. Heckler & Koch verdiente dabei ohne Risiko und Konkurrenz am Aufbau staatlicher Waffenfabriken, unter anderem im Iran und in Saudi-Arabien. Das kriegerische Image ist nun hinderlich bei den Versuchen, ziviles Heckler & Koch-Gerät unter die Leute zu bringen. Ein Software-Ingenieur aus dem Elektronik-Zweigwerk: "Der Name ist für uns rufschädigend."

Auch beim traditionsreichen Oberndorfer Waffenbauer Mauser, einer Tochter des Nürnberger Rüstungsschmieds _(* Montage von Tornados. ) Diehl, tröpfeln die Militär-Aufträge zum Bau von Bordkanonen für Jets und Panzer nur noch spärlich. Doch Mauser hatte den besseren Riecher fürs zivile Geschäft, das mittlerweile mit Maschinenbau 60 Prozent des Umsatzes trägt. Mit einer neuen computerintegrierten Fertigungsstraße, auf der sich sowohl Kanonen als auch ziviles Gerät produzieren lassen, hofft die Firma den Dreh für kommende Märkte gefunden zu haben.

Die Diehl-Tochter Junghans im benachbarten Schramberg, die neben Uhren Zünder für Minen und Bomben fabriziert, versucht sich mit Militärentsorgung über Wasser zu halten. Unter dem bisher geheimgehaltenen Firmennamen "D-Quadrat" hat Junghans eine Technik zur Beseitigung von Blindgängern entwickelt. Die Manager sehen sich bisher außerstande, der Militärbranche ganz den Rücken zu kehren. Junghans-Direktor Hans Kaiser: "Wir können jetzt nicht einfach Marmelade produzieren."

High-Tech-Tüftler durchforsten derzeit bei der Münchner Waffenschmiede Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) die Produktion nach zivilen Möglichkeiten. Ingenieure, die aus dem Rüstsektor in die Konversionsabteilung versetzt wurden, warfen jedoch rasch das Handtuch. Das Marktklima - MBB versucht sich in der Energie- und Solartechnik - war den Waffenbauern zu rauh.

Heinz Friedrichs, Ingenieur beim Flugzeugbauer Dornier am Bodensee, hat bei den Mitarbeitern gar eine Art "Gruppenlähmung" ausgemacht, wenn es darum geht, über friedliche Produkte nachzudenken. "Da ist eine Mauer des Schweigens", meint Friedrichs, der wegen seines kirchlichen Friedensengagements vom Militärbereich der Firma in die Entwicklungsabteilung für Flugzeugsimulatoren strafversetzt wurde.

Was Rüstungsgegner und Ostermarschierer nicht schafften, scheint jetzt der Markt zu richten. "Konversion ist in den Rüstungsschmieden hoffähig geworden", stellt etwa der baden-württembergische SPD-Landtagsabgeordnete Norbert Zeller fest, in dessen Wahlkreis am Bodensee 6000 Beschäftigte in der Wehrbranche arbeiten. Alternativmärkte wären Medizintechnik, Umwelt- und Energietechnologien sowie intelligente Produkte gegen den Verkehrsinfarkt.

Doch staatliche Infrastrukturprogramme, wie von der SPD gefordert, lehnen die Bonner, mit der deutschen Einheit in Finanznot geraten, ab. Gesamtwirtschaftlich sei ein Ausfall bei der Rüstungsproduktion locker wegzustecken, antwortete die Bundesregierung auf eine SPD-Anfrage im Bundestag, mit gerade einem Prozent des Sozialprodukts sei die Produktion von Kriegsgerät eher eine marginale Größe.

Allerdings, in Bayern und Baden-Württemberg geht es um Wehraufträge mit einem Volumen von rund zehn Milliarden Mark jährlich. Schlimm dran ist vor allem Bremen mit seinen Werften. In dem Stadtstaat sind durch eine Strukturkrise in der Rüstungsbranche 17 000 Arbeitsplätze bedroht. Andere Bundesländer wie Rheinland-Pfalz oder Hessen klagen über die höchsten ökonomischen Ausfälle durch den Abzug von US-Truppen.

Immerhin hat die Bundesregierung eine 490 000 Mark teure Studie beim Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in Auftrag gegeben. Es soll die Struktur der Branche untersuchen, für die "Friedenstauben zu Pleitegeiern werden" (Stuttgarter Zeitung). Das bislang unveröffentlichte 300-Seiten-Werk kommt zum Schluß, daß beim Umschaufeln eines Drittels des Wehretats in Bereiche wie Ökologie, Verkehr, Hoch- und Tiefbau, die Beschäftigten "fast bis auf den Mann", so Autor Manfred Berger, in den neuen Bereichen unterkommen würden.

Das allerdings würde ein hohes Maß an Mobilität voraussetzen, die vor allem bei älteren Arbeitnehmern nicht gegeben ist. Der Heckler & Koch-Arbeiter Günter Kalbacher, 54, etwa besitzt ein Häusle in Oberndorf und will nicht mehr umziehen. Daß die Firma jetzt vielleicht an einen ausländischen Rüstungskonzern gehen soll und weiter Knarren für Kriege baut, ist nach Kalbachers Ansicht das kleinere Übel.

Der Arbeitsplatz, meint er, sei doch das Wichtigste. Kalbacher: "Krisengebiete gibt''s immer."

* Montage von Tornados.

DER SPIEGEL 3/1991
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