13.05.1991

So teuer wie die Einheit

Der katholische Bischof von Fulda, Johannes Dyba, nennt Schwangerschaftsabbrüche einen "Kinder-Holocaust" - und offenbart damit, daß er das, was in Auschwitz geschah, nie begriffen hat.
Dybas Instinktlosigkeit ist Teil einer Kampagne, die mit Hirtenbriefen, Kanzeldonner und Mahngeläut den Glaubenskrieg der siebziger Jahre um die Abtreibung neu entfachen will - mit Erfolg: Ministerpräsident Max Streibl ließ Anfang März 1990 beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe eine Normenkontrollklage Bayerns gegen die derzeitige Abtreibungspraxis einreichen.
Die Tatsache, daß angeblich "fast 87 Prozent aller Schwangerschaftsabbrüche" mit der Notlagenindikation begründet werden, bewog die bayerische Staatsregierung zu ihrer Klage. Sie will die gegenwärtige Praxis, die sie als "versteckte" oder "verkappte" Fristenlösung bezeichnet, zu Fall bringen.
Begründung: Nach wie vor sei "der Schutz des ungeborenen Lebens durch die Androhung von Strafe" ein "unverzichtbares Mittel".
Falls die CSU in Karlsruhe recht bekäme, würden abtreibungswillige Frauen zu einem bürokratischen Hindernislauf gezwungen, der sich in der 12-Wochen-Frist, in der überhaupt nur abgetrieben werden darf, kaum bewältigen läßt. So sollen Beratung, Indikationsfeststellung und Schwangerschaftsabbruch "personell, institutionell und räumlich voneinander getrennt" werden.
Das heißt: dreimal um einen Termin nachsuchen, dreimal Wartezeiten und Anfahrten in Kauf nehmen, dreimal vor Wildfremden die Seele bloßlegen.
Für Fälle, in denen die "psychische Komponente" eine Rolle spielt, regen die Bayern sogar noch "die konsiliarische Beiziehung" eines vierten, eines "entsprechend weitergebildeten Arztes" an.
Weitere Verzögerungen sind programmiert: "Die bisher auf drei Tage festgesetzte Bedenkzeit zwischen Beratung und Abbruch ist zu verlängern." Denn "eine zeitliche gestreckte Karenzzeit" könne zu noch gründlicherem Nachdenken genutzt werden. Obendrein soll der Arzt wissen, daß er immer mit einem Bein im Kittchen steht.
Streibls Prozeßbevollmächtigter, der Regensburger Rechtsprofessor Udo Steiner, verlangt, daß der Mediziner die Indikation "schriftlich begründet" - und dies in einer Weise, daß die Feststellung für den abbrechenden Arzt und für informationsbefugte Dritte "nachvollziehbar und nachprüfbar" ist.
Wenn er "dieser Pflicht vorsätzlich oder leichtfertig nicht nachkommt", muß er "mit strafrechtlichen Folgen" rechnen.
Die Bayernklage, die den Gesetzgeber stärker als Schutzpatron des ungeborenen Lebens in die Pflicht nehmen will, weckt unwillentlich auch andere verfassungsrechtliche Assoziationen.
Steiner stützt sich permanent auf die alte Karlsruher Entscheidung aus dem Jahre 1975 - die hatte aber auch gefordert, daß Beratungsstellen in der Lage sein sollten, "selbst finanzielle, soziale und familiäre Hilfe zu leisten".
Ein solches Konzept, fügt die Bonner Regierung in ihrer Stellungnahme zur Bayernklage hinzu, gewährleiste "effektiveren Schutz des ungeborenen Lebens als eine strengere strafrechtliche Regelung".
Die Bundesstiftung "Mutter und Kind - Schutz des ungeborenen Lebens" brüstet sich mit einem Jahresetat von 140 Millionen Mark. Das ist in etwa die Summe, die ein Kampfflugzeug Tornado kostet. Effiziente Hilfe würde neben einer Verbesserung der Infrastruktur (billige Wohnungen, Kinderhort- und Kindertagesstättenplätze) Milliarden verschlingen.
Experten meinen, wer den Schutz des ungeborenen Lebens ernst meine, müsse tief in die Tasche greifen, um Mütter in Not zu bewegen, ihre Kinder auszutragen. Dazu würde etwa ein Recht auf einen Kindergartenplatz gehören.
Falls die katholische Horrorzahl von 300 000 Abtreibungen im Jahr stimmen sollte und der Staat das Austragen der Kinder sechs Jahre lang mit 1000 Mark im Monat unterstützen würde, wären das Lebensrettungskosten von 22 Milliarden Mark pro Jahr - so teuer wie eine kleine Wiedervereinigung.
Von solcher Verfassungspflicht - Absicherung statt Strafandrohung - steht nichts in der Klage der Bayern.

DER SPIEGEL 20/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 20/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

So teuer wie die Einheit

Video 01:10

Er wollte ein Gewitter filmen Lehrer flieht nach Blitzeinschlag

  • Video "Seidlers Selbstversuch: ...auch noch ein Eigentor!" Video 04:17
    Seidlers Selbstversuch: "...auch noch ein Eigentor!"
  • Video "Deutsche Fans in Moskau: Ich dachte, die Russen wären komisch" Video 02:39
    Deutsche Fans in Moskau: "Ich dachte, die Russen wären komisch"
  • Video "Amateurvideo: Wal duscht Touristen" Video 00:39
    Amateurvideo: Wal "duscht" Touristen
  • Video "Taxi rast in Menschenmenge: Überwachungskamera zeigt Moment des Unfalls" Video 01:54
    Taxi rast in Menschenmenge: Überwachungskamera zeigt Moment des Unfalls
  • Video "Webvideos der Woche: Quantenphysik - oder Fake" Video 02:16
    Webvideos der Woche: Quantenphysik - oder Fake
  • Video "Tausende Island-Fans in Moskau: Und immer wieder Huh!" Video 00:56
    Tausende Island-Fans in Moskau: Und immer wieder "Huh"!
  • Video "Nach Zerstörung durch den IS: Die Retter der Bibliothek von Mossul" Video 02:05
    Nach Zerstörung durch den "IS": Die Retter der Bibliothek von Mossul
  • Video "Portugal gegen Spanien: So erlebten die Fans das 3:3-Drama" Video 01:44
    Portugal gegen Spanien: So erlebten die Fans das 3:3-Drama
  • Video "Bundestagsdebatte: AfD-Vize von Storch fällt auf Falschmeldung herein" Video 01:12
    Bundestagsdebatte: AfD-Vize von Storch fällt auf Falschmeldung herein
  • Video "Tauchvideo: Warum klammert sich das Seepferdchen an den Halm?" Video 00:53
    Tauchvideo: Warum klammert sich das Seepferdchen an den Halm?
  • Video "Projekt Natick: Microsoft versenkt Rechenzentrum im Meer" Video 01:30
    Projekt Natick: Microsoft versenkt Rechenzentrum im Meer
  • Video "US-Einwanderungspolitik: Haben Sie gar kein Mitgefühl?" Video 01:43
    US-Einwanderungspolitik: "Haben Sie gar kein Mitgefühl?"
  • Video "Seltene Bilder: Delfine spielen mit Robben" Video 01:06
    Seltene Bilder: Delfine spielen mit Robben
  • Video "Quantenphysik? Kugeln sortieren sich nach Farbe" Video 00:45
    Quantenphysik? Kugeln sortieren sich nach Farbe
  • Video "Tauchdrohnen auf Tiefsee-Expedition: Die Vermessung der Weltmeere" Video 03:42
    Tauchdrohnen auf Tiefsee-Expedition: Die Vermessung der Weltmeere
  • Video "Er wollte ein Gewitter filmen: Lehrer flieht nach Blitzeinschlag" Video 01:10
    Er wollte ein Gewitter filmen: Lehrer flieht nach Blitzeinschlag