11.02.1991

Kriminalität

Jeden Lappen

Auch die neuen, angeblich fälschungssicheren Banknoten lassen sich auf Spitzenkopierern nachmachen. Tausende von Blüten sind bereits im Umlauf.

Der kleine, mollige Herr mit Schnurrbart sprach hochdeutsch und verlangte V'E Versace, den herben Damenduft, das Fläschchen zu 89 Mark. Die Verkäuferin im Mannheimer Kaufhof nahm einen neuen 200-Mark-Schein an, als der Fremde zahlte.

Zwei Tage später hielten Kripobeamte aus Karlsruhe der Angestellten Lichtbilder ihres Kunden vor. Sein Schein war Falschgeld, wie sich Ende Januar bei der Abrechnung herausgestellt hatte, produziert mit einem Farbkopierer der Marke Canon CLC.

Ein blonder Jüngling, etwa 1,80 Meter groß, treibt seit Mitte Oktober mit Verkäuferinnen von McDonald's und Standerl-Inhabern in Schwabing das gleiche Spiel. Hamburger, Zigaretten und Kaugummi zahlt er mit neuen 100-Mark-Scheinen, die alle dieselbe Nummer AD 6427314D4 tragen - Produkte aus dem Digital-Farbkopierer Canon Bubble-Jet A 1 (Ladenpreis: 180 000 Mark).

Auch in Kneipen und Kaufhäusern in Göttingen oder Karlsruhe gingen Schein-Noten Marke Canon anstandslos über die Tresen - "exzellente Kopien" mit "wirklich gut eingearbeiteten Sicherheitsfäden", wie die Ermittler staunen: "Wenn man das Geld in der Hand hat, merkt man überhaupt nichts."

Dabei war vor vier Monaten das neue Papiergeld vor allem deshalb eingeführt worden, um Primitivfälschern, die mit Farbkopierern arbeiten, das Geschäft zu verderben. Die neuen Scheine böten wegen ihrer besonderen Wasserzeichen, Sicherheitsfäden und Aufdrucke, so die Bundesbank damals, "den bestmöglichen Schutz vor Fälschungen".

Doch nun muß die Polizei überall in der Republik, vor allem in Niedersachsen, in der Pfalz, in Baden und Bayern, Kopierfälscher und ihre Vertriebsleute jagen. Sie nutzen die weit verbreitete Unkenntnis über das Aussehen des neuen Geldes. Horst Burgemeister, Falschgeld-Referent im Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA), alarmierte letzte Woche die Bundesbank: "Die Sache wächst wie nach dem Schneeball-Prinzip."

Bis Mitte voriger Woche stellten Kripobeamte 1080 Blüten sicher, überwiegend Zweihunderter. Eine Sonderkommission des niedersächsischen Landeskriminalamtes ("Soko 347") nahm sechs Geldbetrüger in Haft, hob in Niedersachsen mehrere Depots mit kopierfrischen Scheinen aus und legte eines der benutzten Ablichtgeräte in einem Büroservice-Laden still.

Zwei bundesweit operierende Zielfahndungskommandos aus Hannover sind inzwischen einem Dutzend Komplizen des mutmaßlichen Bandenchefs Wolf Detlef Kaufmann, 42, aus Wietze bei Celle auf der Spur. Eine andere Blüten-Gang, die noch weithin unerkannt operiert, wird in Bayern verfolgt.

Falschgeld-Experten hegen "große Besorgnis", daß aus dem Schneeball bald eine Lawine wird. Karl Grohmann, Kriminalhauptkommissar in Stuttgart: "Man akzeptiert in Deutschland Kopien, weil man für das neue Geld noch kein Feeling hat."

Allein die Lektüre der Zeugenvernehmungen nährt bei den Kriminalern einen "schlimmen Verdacht": Die Sicherheitsvorkehrungen bei den neuen Geldscheinen greifen nicht. "Die Leute an den Kassen", sagt Burgemeister, "nehmen ja jeden Lappen an."

"Kaum einer" der gelernten Kassierer, die vernommen wurden, hatte "schon mal einen Zweihunderter im Original gesehen". Viele wußten "nicht, woran man eine Fälschung erkennen kann". Sie seien "da gar nicht geschult worden", heißt es in den Vernehmungsprotokollen.

Die Bundesbank will dafür keine Verantwortung übernehmen. Die Frankfurter Zentrale hatte vor Ausgabe der neuen Scheine eine 15 Millionen Mark teure Aufklärungskampagne gestartet, Koordinator Günter Storch sieht die Schuld nun vor allem bei den Firmenchefs und kleinen Sparkassen-Direktoren. Storch: "Da haben wohl viele geschlafen."

Blüten-Experten in den Landeskriminalämtern (LKA) und im BKA werfen dagegen der Bundesbank "Blauäugigkeit und Arroganz" vor. In der mehrjährigen Planungsphase für eine neue Banknoten-Generation hätten die Banker den Kriminalisten kaum Gehör geschenkt. "An unseren hochqualifizierten Technikern", kritisieren Experten des BKA, "ist das alles vorbeigelaufen."

Schon bald nachdem Storch im September vorigen Jahres die Erstausgaben der 100- und 200-Mark-Scheine öffentlich vorgestellt hatte, machte in BKA-Konferenzen das Wort vom "Flop des Jahrhunderts" die Runde. Wolfgang Steinke, Chef der Abteilung Kriminaltechnik in Wiesbaden, beharrt auf seinem Vorwurf: "Die Farbkopierer-Hersteller arbeiten den Geldfälschern in die Hände und in die Geldbörsen."

Ein Kopierschutz, wie immer schon von den Kriminalisten gefordert, sei "nicht machbar gewesen", rechtfertigte sich die Bundesbank auf einer Tagung der Falschgeld-Referenten aus den Kriminalämtern im vorigen Herbst. Nach Ansicht von Eduard Liedgens vom Münchner LKA, der mit Ablichtgeräten verschiedener Marken experimentiert hat, steht inzwischen fest: "Der neue Schein ist zwar computerlesbar und automatensicher, aber in puncto Kopierer ist er schlechter als der alte."

Sämtliche neuen Sicherheitsmerkmale auf den Banknoten, meint Liedgens, hätten "für die Augen des Laien beim täglichen Wechselvorgang keine Bedeutung". Der Fälscher, der nur den Eindruck von Echtem erzeugen wolle, habe immer noch leichtes Spiel.

Zwar lobt die Bundesbank zum Beispiel den neuen aluminiumbeschichteten Sicherheitsfaden als echtes Hindernis für simple Fälschungen: Er erscheint auf der Ablichtung als schwarzer Strich. Aber "wenn ich mir Mühe gebe", berichtet BKA-Experte Burgemeister, "kann ich das einfach mit Lametta und Pinzette wettmachen".

Wasserzeichen, die aus Verdünnungen und Verdickungen des Papiers gebildet werden, und miteinander verschlungene Linien ("Guillochen") werden in den Kopien so angedeutet, daß der Laie oft keinen Argwohn schöpft.

Daß in den Kopien die fluoreszierenden Fasern fehlen, die in den echten Noten enthalten sind, fällt nur bei ultraviolettem Licht in der Disco oder im Labor auf. Und auch die kaum wahrnehmbare Mikroschrift ("100 DM", "Hundert") auf den Scheinen, die ein Kopierer nur als Fleck wiedergeben kann, bietet keinen Schutz - Original und Falsifikat lassen sich nur mit einer guten Lupe unterscheiden. Liedgens: "Der Kopierer bringt es nicht, aber wie soll Tante Emma das sehen?"

Auch die unregelmäßigen Zeichen auf Vorder- und Rückseite der Banknote, die sich, gegen das Licht gehalten, zu einem "D" ergänzen, sind mit guten Kopierern zu imitieren. Das belegen Blüten aus der Asservatensammlung des Münchner LKA.

Der Clou der Gelddrucker schließlich, das sogenannte Latent Image, zeigt nur bei guter Sonne Wirkung: Auf der Vorderseite der Note, im Farbbalken am rechten Rand, sind mit viel Glück die Buchstaben "DM" zu erkennen. Das Bild wird freilich nur für den sichtbar, der den Schein in Augenhöhe gekippt gegen das Tageslicht hält und ihn in Längsrichtung dreht.

Diese Prozedur kostet Zeit, die bei Schlangen im Supermarkt nicht zur Verfügung steht. "Man muß suchen und suchen", haben die Kriminalisten Liedgens und Grohmann an Kassen vor Ort beobachtet, "und bei Kunstlicht ist fast nichts zu sehen."

Wirkungsvoller, meint Grohmann, wäre da schon der Weg zum mehrdimensionalen Bild. Hologramme, wie sie auf Scheckkarten existieren, sind für Geldscheine wenig geeignet, weil sie beim Falten brechen. Kinegramme indessen, wie auf australischen Zehn-Dollar-Noten und deutschen Einreise-Visa vorhanden, wären nach Ansicht der Kriminalisten trotz Stückkosten von rund 50 Pfennig für künftige neue 500- und 1000-Mark-Scheine ratsam - die schafft keiner der bisher bekannten Kopierer.

Das siegelartige Kinegramm-Signet besteht aus drei lichtdurchlässigen Schichten, in die je ein Bild eingearbeitet ist. Farbe und Größe der Bilder ändern sich je nach Lichteinfall. Ein Strahlenkranz wird größer, kleiner und verschwindet; statt dessen erscheint ein Bundesadler, schließlich ein "D". Wenn das Kinegramm von der Banknote abgelöst wird, verlieren die Druckfarben ihren Regenbogeneffekt.

Grohmann wies seine Kollegen auch auf Experimente in Japan und den USA mit Sicherheitsfarben hin, die beim Druck ineinanderfließen und beim Kopieren Fehlfarben erzeugen. Die in Deutschland bisher verwendeten Farben sind indessen für Kopierer wie den Canon Bubble-Jet kein Problem.

Wenn sich die Fälschungen nun ausweiten, sehen die Kriminalisten allein noch in einem gesetzlich verordneten Kopierschutz das Heil. Da immer mehr Geräte geleast werden, gibt es keinen Überblick mehr über den Kreis der Benutzer. Deshalb sollen die Hersteller verpflichtet werden, Sicherheitssignets einzubauen. So erschiene zum Beispiel das Wort "Canon" automatisch auf jeder Kopie, ob Architektenskizze oder Geldschein.

Über letzte Tricks, die Copyseuche einzudämmen, sprechen die Kriminalisten ungern, obwohl sie technisch bereits möglich sind. Grohmann: "Man könnte für eine Selbstschwärzung des Originals beim Kopieren sorgen - so wird die Note zerstört." o


DER SPIEGEL 7/1991
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