11.03.1991

Kriminalität

Zweimal lieb sein

An der Wohnungsnot bereichern sich falsche Makler, Mietbetrüger und kleine Erpresser.

Die Hamburger Hausfrau Helga Westphal hatte ihren Umzug nach Frankfurt gründlich vorbereitet. Der Möbelwagen war bestellt, sogar die erste Miete für die Dreizimmerwohnung war schon bezahlt, ebenso Kaution und Ablösung: zusammen fast 6000 Mark.

Doch bei der Ankunft in der neuen Heimat erlebte die Norddeutsche "einen Alptraum". Als sie mitsamt Möbelträgern, ihrem Freund und ihrem Sohn David, 2, in Frankfurt vorfuhr, stand sie vor verschlossener Tür.

Die Hamburgerin ("Wir wußten nicht, wohin; das Kind weinte nur noch") kam mit ihrer Familie bei Freunden unter. Von der Polizei erfuhr sie, daß sie nur eines von vielen Opfern ihres vermeintlichen Wohnungsgebers war: Zehn Mietern zugleich hatte der 28jährige Kaufmann seine Wohnung gegen hohe Anzahlungen versprochen. Dann wurde er verhaftet.

Der Trick macht Schule. In ihrer Not lassen sich verzweifelte Wohnungssuchende überall in den Großstädten auf windige Bedingungen und vage Versprechungen ein, um Obdach zu finden. Betrüger, Erpresser und zwielichtige Makler nutzen das weidlich aus.

"Jede Not gebiert ihre eigenen Machenschaften", kommentiert Stefan Kampmann vom Deutschen Mieterbund die Zustände auf dem westdeutschen freien Wohnungsmarkt. Gut eine Million Familien und Singles suchen im alten Bundesgebiet ein Domizil.

"Auf dem Markt tummelt sich viel Gesindel", räumt der Stuttgarter Makler Egon Wetzel ein. Kollege Rudolf Schanz vom Ring Deutscher Makler in Hessen kann dem bei einem Blick auf die Branche nur beipflichten: "Die Zahl der schwarzen Schafe steigt."

Opfer des kriminellen Wohnungsgewerbes sind vorwiegend sozial Schwache, die oft gar keine andere Wahl haben, als sich auf windige Versprechungen oder erpresserische Forderungen einzulassen. So stürzen sich die "Schmarotzer der Wohnungsnot" (der Münchner Mietervereins-Chef Kurt Mühlhäuser) am liebsten auf Ausländer und Studenten.

Auf unsittliche Angebote müssen sich dabei immer häufiger junge Frauen bei der Wohnungssuche gefaßt machen. Elisabeth Mürnseer, 23, Pharma-Studentin in München, konnte wählen, wieviel Miete sie bezahlen will. Der Bauunternehmer, der zweieinhalb Zimmer (45 Quadratmeter) für 900 Mark kalt offerierte, wäre ihr "für zweimal lieb sein im Monat" im Preis entgegengekommen. Die Offerte: "600, und wir machen uns dann einen schönen Abend - oder 350 und öfter."

Oft machen Vermieter die Schlüsselübergabe einfach von finanziellen Beigaben abhängig. In Düsseldorf verlangte ein Wohnungseigentümer kurz vor Vertragsabschluß ("Ach, da wäre noch ein kleines Problem") zusätzlich 1100 Mark - für den Sohn, der sei bei der Bundeswehr: "Da ist er ein bißchen knapp bei Kasse."

Mit immer neuen Tricks versuchen Hausbesitzer auch geltende Mieterschutzbestimmungen auszuhebeln. So deklarierte ein Hamburger Vermieter eine ausgebaute Dachgeschoßwohnung einfach zum "5-Zimmer-Altbau-Wohnbüro" um und präsentierte den Bewerbern einen Gewerbemietvertrag. Für Gewerberaum gibt es kein Preislimit, Kündigungsschutz gilt nur bedingt.

Häufig wird um Wohnungen verhandelt, die es gar nicht gibt. Perihan Jasari, 18, Verpackerin in Berlin, hatte beim Unterschreiben des Mietvertrages (zweieinhalb Zimmer mit Südbalkon) 4000 Mark Kaution bezahlt und dann auch gleich den neuen Wohnungsschlüssel bekommen.

Was sie dann erlebte, erzählt sie kurz und bündig: "Alles gelogen. Schlüssel falsch. Makler falsch."

Betrügerische Makler arbeiten mit V-Leuten in großen Mietshausblöcken zusammen. Die beobachten regelmäßig Umzüge. Dann dringen die Auftraggeber mit Nachschlüsseln in die leeren Räume ein und verhökern ohne Wissen und Auftrag des Eigentümers Mietverträge. Die Adressen der wohnungssuchenden Opfer finden sie an den Pinnwänden im Supermarkt oder im Waschsalon.

In München wurde im Dezember ein 23jähriger Spielsüchtiger zu 15 Monaten Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt, der mit einer ähnlichen Masche 28mal hintereinander kleine Angestellte, Krankenschwestern und Studenten geneppt hatte. Er führte den Interessenten seine eigene Behausung in Harlaching als "Musterwohnung" vor und vermietete Nachbar-Apartments, die längst besetzt waren.

Die bar kassierten Anzahlungen (zwischen 1200 und 3500 Mark) steckte der Pseudomakler in kleiner Münze in Münchner Groschengräber: "Schon mein Vater war ein Zocker."

Eine Frau um die 45, die sich "Ingrid Schöller" nannte und meistens mit einem Zwergpudel auftrat, ergaunerte mit einem Vorzeige-Appartement in der Münchner Ringseisstraße bei 30 Bewerbern mehr als 100 000 Mark an Kautionen. Jetzt sucht die Kripo die Unbekannte, die echte Ingrid Schöller hat ein Alibi.

Und in Berlin verdienten sich zwei besonders dreiste Wohnungsbetrüger ihre Kaution sogar mit der Pistole. Die beiden jungen Männer hatten sich bei einer Studentin auf ein Wohnungsinserat hin als Vermieter gemeldet und sie zur Besichtigungstour abgeholt. Auf der Fahrt zum angeblichen Mietobjekt machten sie im Grunewald Zwischenstopp, nahmen der Frau das mitgebrachte Geld, drei Monatsmieten im voraus, mit vorgehaltener Waffe ab und warfen sie anschließend aus dem Wagen.

Beim schnellen Geschäft mit der Verzweiflung Wohnungssuchender kassieren mittlerweile auch Vereine mit, die sich einen gemeinnützigen Anstrich geben. Solche Wohnungsvermittlungsvereine versprechen ein eigenes Heim "ohne Provision - schnell durch Computer" (Anzeigentext). Sie versenden, nachdem sie eine Aufnahmegebühr kassiert haben, dann aber oft nur EDV-Listen mit Wohnungen, die längst vergeben oder unerschwinglich sind.

So nahm ein "Mieterforum" in München mehr als 500 Mitglieder auf und kassierte je 90 Mark Beitragsgebühr. Bei einer Kontrolle durch Ordnungshüter stellte sich heraus, daß der Verein nur neun Wohnungen im Computer hatte.

In Berlin nennen sich die obskuren Makel-Klubs abwechselnd "Bürgerkreis", "Bürgerbund", "Bürgerhilfe" oder auch "Verein Plauderstübchen". Ratsuchende müssen 20 Mark für "heiße Tips zur Wohnungssuche" investieren. Doch die Tips sind das Geld nicht wert: der Rat etwa, "Sterbeanzeigen zu studieren", um zu erfahren, wo Wohnungen frei werden. Ein Ehepaar, das so einen Nepp-Verein organisiert hatte, stand kürzlich vor Gericht: 2237 Wohnungssuchende, so die Anklage, hatte das Pärchen betrogen.

Die Berliner MieterGemeinschaft hat jetzt die Einrichtung einer "Sonderkommission Wohnungskriminalität" bei der Polizei gefordert - nur so, sagt Vereinssprecher Gerhard Heß, könne den "kriminellen Machenschaften der Mietgeier" wirksam begegnet werden.

In den Wind gesprochen sind bislang alle Mahnungen von Kripo und Mieter-Beratern, gegenüber den Wohnungsvermittlern vorsichtiger zu sein: zum Beispiel kein Bargeld aus der Hand zu geben, wenn man nicht weiß, wer einem gegenübersitzt. Die Aussicht, endlich eine Wohnung zu bekommen, macht manchen Mieter allzu gutgläubig.

Vertrauensvoll überließen so binnen weniger Wochen mehr als 50 Opfer dem Münchner Kaufmann Siegfried Lammel, 56, für stets dieselbe Dreizimmerwohnung jeweils 5000 Mark Kaution.

Wie der Bayer so schnell an soviel Geld kommen konnte, erklären die Ermittler damit, daß der Mann stets im Trachtenanzug auftrat: "Der sah so gemütlich aus."


DER SPIEGEL 11/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 11/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kriminalität:
Zweimal lieb sein