13.05.1991

Conti: Italienischer Sieg

Mit allen erdenklichen Tricks kämpfte Conti-Chef Horst Urban gegen einen Zusammenschluß seines Reifenkonzerns mit der italienischen Pirelli. Am Ende hatte Urban sich selbst ausgetrickst. Vergangenen Donnerstag feuerte der Aufsichtsrat den Conti-Chef. Der Nachfolger hat nun den Auftrag, mit den Italienern zu verhandeln.
Zwei Stunden mußte Horst Urban, 54, draußen vor der Tür warten. Drinnen, im Sitzungssaal des Preussag-Konzerns in Hannover, tagten die Aufsichtsräte der Continental AG ohne den Chef-Manager.
Dann, endlich, ließ der Aufsichtsratsvorsitzende Ulrich Weiss, 54, bitten. Der Ober-Aufseher kam schnell zur Sache. Der Aufsichtsrat, erklärte Weiss, habe sich für einen Wechsel an der Conti-Spitze entschieden. Er, Urban, habe nicht mehr das Vertrauen des Aufsichtsrates.
Mit diesem Bescheid hatte Urban nicht gerechnet. Der Beschluß, so erwiderte er, sei ihm unverständlich, er habe doch alle Weisungen des Aufsichtsrats akzeptiert.
Es half nichts, die Räte blieben bei ihrer Entscheidung. Selbst die Arbeitnehmer, die Urban in der einjährigen Abwehrschlacht gegen den italienischen Konkurrenten Pirelli bisher gestützt hatten, ließen den Chef fallen.
Der Vorgang ist mehr als ungewöhnlich. Daß ein Vorstandschef in Deutschland, wo die Spitzenmanager sich untereinander ein Höchstmaß an Schonung angedeihen lassen, schlicht rausgeworfen wird, passiert schon höchst selten. Und noch ungewöhnlicher ist, daß ein Aufsichtsrat als Kollektiv den Rausschmiß verabredet.
Urbans Entlassung ist der jüngste Höhepunkt in dem seit Monaten betriebenen Poker um Conti. Die italienische Reifengruppe Pirelli, die mittlerweile rund 35 Prozent der Conti-Aktien besitzt, drängt auf eine Zusammenlegung der beiden Konzerne. Überkapazitäten und ruinöse Preiskämpfe machen den Reifenherstellern weltweit zu schaffen.
Die Lage hat sich schlimm zugespitzt. Sogar Weltmarktführer Michelin (23 Prozent Anteil) fuhr im vergangenen Jahr einen Verlust von 1,5 Milliarden Mark ein. Die französische Firma, wie auch alle anderen Konzerne, muß Personal abbauen und Werke schließen.
Gemeinsam, so hatten die Italiener argumentiert, könnten Conti und Pirelli die miese Situation besser meistern. Doch Horst Urban focht von Anfang an mit allen Mitteln gegen die Fusion. Er wußte: In der Gemeinschaftsfirma wäre er nicht Chef geworden.
Ganz anders sah die Sache anfangs der Aufsichtsratsvorsitzende Weiss, im Hauptberuf Vorstandsmitglied der Deutschen Bank. Weiss hatte in seinem Frankfurter Büro den Mailänder Industriellen Leopoldo Pirelli, 65, empfangen und sich angetan von dessen Plänen mit Conti gezeigt.
Sein Vorstandskollege John Craven von der britischen Deutsche-Bank-Tochter Morgan Grenfell war dagegen von Anfang an auf Contra-Kurs. Urban hatte die Investment-Bank angeheuert, sie sollte ihm bei der Abwehr der Pirellis beraten.
Craven leistete gute Arbeit. Er überredete BMW, VW, Mercedes sowie einige andere Firmen, sich einen Conti-Anteil von rund 25 Prozent zuzulegen. Der Abwehrblock sollte verhindern, daß die italienische Investorengruppe um Pirelli sich die Mehrheit in Hannover verschaffen konnte.
Bald war auch Weiss nicht mehr auf Italien-Kurs. Die negative Reaktion in der deutschen Industrie auf den Pirelli-Vorschlag hatte den wendigen Bankier anderen Sinnes werden lassen. Auf Hauptversammlungen und in den Aufsichtsratssitzungen demonstrierte der Bankier Einigkeit mit Urban.
Der stellte unterdes Conti in rosarotem Licht dar, um so zu demonstrieren, daß eine Fusion unnötig sei. Stets kam der deutsche Reifenkonzern besser weg als die Mitbewerber. Der Konzern, warb Urban, sei für einen Alleingang bestens gerüstet. Ohnehin gehe es auf dem Reifenmarkt bald wieder aufwärts.
Es kam anders. Gewaltige Produktionseinbrüche in der amerikanischen und europäischen Automobilindustrie ließen das Erstausrüstungsgeschäft mit Reifen dramatisch zusammenfallen.
Urban, der seine kriselnde amerikanische Reifenfirma General Tire in diesem Jahr wieder in Gewinnzonen bringen wollte, mußte seinen Räten nun schlechte Nachrichten aus den USA überbringen. General Tire, räumte Urban in einer Aufsichtsratssitzung ein, werde in Kanada und wohl auch anderswo Werke schließen müssen.
Alarmiert von den Horrorzahlen, entschloß sich Weiss, nun selbst zu handeln. Zusammen mit seinem Aufsichtsratskollegen Günther Saßmannshausen, 60, pensionierter Preussag-Chef, flog er nach Mailand. In der Stadtwohnung von Leopoldo Pirelli überlegten die beiden Conti-Unterhändler mit dem italienischen Reifenkönig, wie die gegenseitigen Verstimmungen ausgeräumt werden könnten.
An denen allerdings waren die Pirellis kräftig beteiligt. Sie hatten bei ihrem Vorstoß in Hannover reichlich ungeschickt taktiert. Nahezu unannehmbare Übernahmebedingungen machten Urban damals die Ablehnung der Fusion leicht. Die Deutschen sollten sich bedingungslos unterwerfen und Pirelli den Coup auch noch mit Krediten finanzieren.
Im vergangenen März unternahmen die Italiener auf einer außerordentlichen Hauptversammlung einen neuen Annäherungsversuch. Pirellis Deutschland-Statthalter Gert Silber-Bonz bot Gespräche in "friedlicher Atmosphäre". Urban war weiterhin nicht interessiert.
In Mailand, ohne Urban, kamen sich die beiden Deutschen und der alte Pirelli schnell näher. Der Italiener, Sprecher der größten Conti-Aktionärsgruppe, stellte Weiss und Saßmannshausen zwei Bedingungen. Zunächst meldete Pirelli seinen Anspruch auf zwei Aufsichtsratsmandate an. Die zweite Bedingung war mehr klimatischer Art: Mit Urban und dessen Finanzchef Ingolf Knaup wolle er nicht reden.
Zurück aus Mailand, bereitete Weiss mit seinen Aufsichtsräten den nächsten Kurswechsel der Deutschen Bank in Sachen Conti vor.
In der Aufsichtsratssitzung am Freitag vorvergangener Woche berichtete er seinen Ratskollegen von dem Mailand-Besuch. Er habe, so Weiss, den Pirellis keine Zusagen gemacht. Aber er, wie sein Reisegefährte Saßmannshausen, plädierte nunmehr für ernsthafte Verhandlungen mit Pirelli. Im Namen des gesamten Aufsichtsrats erhielt Urban die Weisung, sofort mit Pirelli zu verhandeln, und zwar ohne Vorbedingungen.
Urban war verärgert. Wenn er nicht mehr das Vertrauen des Aufsichtsrates habe, meinte er unter vier Augen zu Weiss, könne er seinen Posten ja freimachen.
Auf dieses Stichwort hatte der Aufsichtsratsvorsitzende gewartet. Über die Rücktrittsdrohung, meinte Weiss prompt, solle der Aufsichtsrat später sprechen. Er lud das Gremium für die Sondersitzung am Himmelsfahrtstag ein.
Wenig später reute Urban sein vorschnelles Angebot. Er bedrängte seine sieben Vorstandskollegen, einen Brief an Weiss zu schreiben. Der abgesprochene Inhalt: In einer so schwierigen Phase sollte an der Konzernspitze tunlichst kein Wechsel stattfinden.
Der Brief ging raus, doch kurz darauf meldeten sich drei der Briefschreiber beim Adressaten. Sie seien, so die verschämte Mitteilung der Rückversicherer, zu der Aussage gedrängt worden.
Wenn es denn für Urban nach der regulären Aufsichtsratssitzung von Anfang Mai noch eine winzige Überlebenschance im Amt gegeben haben sollte, dann verspielte er sie selber. Er verbreitete, das Unternehmen werde Gespräche über eine lockere Zusammenarbeit führen. Das hörte sich viel harmloser an als die tatsächliche Weisung.
Weiss war das nun endgültig zuviel. Der Aufsichtsratsvorsitzende sah in der verharmlosenden Mitteilung den Versuch, eine weitergehende Fusion zu unterlaufen. Er habe doch den Auftrag erhalten, stellte Weiss in der Sitzung an Christi Himmelfahrt Urban zur Rede, ohne Vorbedingungen zu verhandeln.
Die Rechtfertigung von Urban ließ Weiss nicht mehr gelten, der Nachfolger stand bereits fest. Das für Controlling und Logistik zuständige Vorstandsmitglied Wilhelm Winterstein, 60, wird die Conti-Führung übernehmen.
Doch das ist nur eine vorübergehende Lösung. Der neue Mann soll von draußen kommen.
Nachdem Weiss' Wunschkandidat Helmut Werner, 54, vormals Conti-Chef und heute bei Daimler-Benz, abgewunken hat, will Weiss sich Zeit lassen: Den neuen Chef werden Deutsche und Italiener wohl nach erfolgreich verlaufenen Fusionsgesprächen gemeinsam ausgucken.

DER SPIEGEL 20/1991
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