12.08.1991

PresseRestlos verbraucht

Der Springer-Konzern hat sich in Spanien übernommen. Das Boulevardblatt Claro ist gescheitert.
Der Arbeitstag in der Redaktion war lang, heiß und anstrengend. Endlich lief die Dienstag-Ausgabe des spanischen Boulevardblattes Claro mit Hochgeschwindigkeit über die Rotationen.
Es ging schon auf Mitternacht zu, als Chefredakteur Wolfgang Kryszohn, 49, im Madrider Hotel Palace eintraf. Dort wartete ein Informant besonderer Art.
Ohne Umschweife teilte ein Springer-Manager dem Claro-Chef mit, das Blatt sei mit sofortiger Wirkung eingestellt. Kryszohn, erst eine Woche im Amt, solle nur noch zur "Abwicklung der Redaktion" in Madrid bleiben, dann nach Hamburg zurückkehren. Das war's.
So abrupt beendete der Springer-Konzern Montag vergangener Woche, nur vier Monate nach dem pompösen Start, sein bislang größtes Engagement im Ausland. Aus war der Traum einer spanischen Zeitung nach deutscher Bild-Manier.
Kaum jemand kaufte das Blatt. Statt der erhofften Millionenauflage wurden zuletzt landesweit knappe 130 000 Exemplare abgesetzt. An schlechten Tagen waren es nicht einmal 60 000.
Nur die Verluste, die sich Springer mit seinem spanischen Claro-Partner Prensa Espanola teilt, erreichten imposante Dimensionen: 150 Millionen Mark kostet das kurze Boulevard-Abenteuer.
Eigens für Claro waren in Madrid und Barcelona neue Druckereien gebaut worden, ein dritter Betrieb sollte zum Jahresende in Cadiz anlaufen. Jetzt stauben die teuren Maschinen vor sich hin. "Wir haben", gesteht ein Springer-Mann in Madrid, "am Anfang ziemlich viele Fehler gemacht."
Trotz zweijähriger Vorbereitungszeit ging in der Tat einiges schief. Der für die geplante Massenauflage wichtige Straßenverkauf etwa, in Spanien unüblich, wurde vom Verband der 25 000 Quiosqueros verhindert. Die Kioskbesitzer, quasi Monopolisten im spanischen Pressevertrieb, witterten Konkurrenz und drohten, Claro zu boykottieren. Springer mußte auf den neuen Vertriebsweg verzichten.
Noch schlechter lief es in der Gemeinschaftsfirma von Springer und Prensa Espanola, dem Herausgeber der rechtskonservativen Zeitung ABC. Stolze Spanier und deutsche Besserwisser aus dem Hause Springer standen sich zeitweilig im redaktionellen Kriegszustand gegenüber - zweisprachig, claro.
Dolmetscher mußten hin- und herübersetzen, was teutonische Redaktionsberater für absolut richtig hielten, ihre iberischen Kollegen hingegen für "absolutamente falso". Da war es schwer, Zeitung zu machen - zumal Springer zunächst nur zweitklassige Experten nach Madrid geschickt hatte, die von den Lokalmatadoren kaum ernst genommen wurden.
Als ein Berater etwa die Story eines angeblich beim zu heftigen ehelichen Verkehr geplatzten Penis zur verkaufsträchtigen Schlagzeile verarbeiten wollte, reagierte die Redaktion ablehnend. Solche Geschichten seien nichts für die Titelseite, nicht in Spanien.
Auch im Umgang mit der Muttersprache hatten die Claro-Schreiber plötzlich ihre liebe Mühe. Iberische Journalisten lieben verschlungene Schachtelsätze, blumigen Stil und zarte Andeutungen. Der Leser soll mitdenken. Das paßt nun ganz und gar nicht zum kreischenden Bild-Stakkato.
Schwierigkeiten bereitete beiden Seiten auch der Tagesablauf. Um zehn Uhr morgens sollten die ersten Themen für die nächste Ausgabe diskutiert, gegen Mittag die Schlagzeilen erdacht werden. Doch die spanischen Kollegen dachten anfangs gar nicht daran, ein derartiges Tempo vorzulegen. "Was wollt ihr", bekamen die deutschen Schwerarbeiter zu hören, "die meisten Dinge passieren hier erst am späten Nachmittag oder am Abend." Wozu also die Hetze?
Schon nach wenigen Wochen war die Startauflage von 300 000 auf unter 60 000 abgesackt. Chefredakteur Ferran Monegal mußte gehen. Eilig wurde mit Willi Schmitt ein Blattmacher der ersten Springer-Garnitur als Berater nach Madrid geschickt. Kurz darauf übernahm der ehemalige Bild am Sonntag-Chef die Leitung des Blattes.
Immerhin konnte Schmitt, der nur bis Ende Juli in Madrid bleiben wollte, die Auflage mit groß aufgemachten Gewinnspielen für die Leser und der kürzlich in Bild abgedruckten Sexserie "Kinsey-Report 1991" auf rund 130 000 verdoppeln. Ein Konzept für eine Massenauflage aber fand auch Schmitt nicht.
Schneller als erwartet wurde das Geld knapp. Die für mindestens ein Jahr geplante Startinvestition von mehr als 150 Millionen Mark war bereits nach vier Monaten restlos verbraucht.
Als Schmitt-Nachfolger Kryszohn in Madrid eintraf, war für den neuen Springer-Chef Günter Wille, 47, das Ende des teuren Spanien-Abenteuers so gut wie beschlossen.
Am Freitag vorvergangener Woche flog Wille mit Gefolge zu einer letzten Krisensitzung nach Madrid. Die Manager von Prensa Espanola wollten das Projekt Claro zwar fortführen. Das Geld aber, allein in den kommenden Monaten geschätzte 50 Millionen Mark, sollten die Deutschen allein aufbringen. Wille lehnte ab.
Dem Springer-Chef, der erst Mitte Juli sein Amt offiziell antrat, kommt das schnelle Aus in Spanien durchaus nicht ungelegen. Zum einen hat der ehemalige Zigaretten-Manager ("Marlboro") die Claro-Pleite nicht zu vertreten - das Projekt hatte sein Vorgänger Peter Tamm angeschoben. Zum anderen braucht er jetzt eine Menge Geld für seine deutschen Zeitungen: Im Westen fehlt für die verlustreiche Welt ein langfristiges Überlebenskonzept. Im Osten führt Bild einen harten teuren Kampf gegen Burdas Boulevardblatt Super.
Hätte Wille das Projekt weiterbetrieben, wäre er für Claros Wohl und Wehe voll verantwortlich - und das will er nicht. o

DER SPIEGEL 33/1991
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