08.07.1991

NorwegenGroßartige Idee

Die Nachfahren der Wikinger mögen sich nicht damit abfinden, daß Amerika nicht von ihren Vorfahren entdeckt wurde. Jetzt reklamieren sie Kolumbus für sich.
Was die Ostfriesen lange Zeit für die Deutschen waren, sind die Norweger für ihre skandinavischen Nachbarn: Man reißt gern Witze über sie.
Einer der beliebtesten: Ein Schwede trifft einen Norweger mit einem Ochsen. "Wo hast du den denn her?" fragt der Schwede. "In der Lotterie gewonnen", antwortet der Ochse.
Stockholms Expressen steuerte jüngst eine besondere Variante angeblicher norwegischer Beschränktheit bei: "Unsere Nachbarn glauben, sie hätten Amerika gleich zweimal entdeckt." Nicht nur Leif Eriksson aus Island, der schon um die Jahrtausendwende mit seinem Wikingerschiff jenseits des Atlantik gelandet war, auch Christoph Kolumbus aus Genua sei in Wahrheit norwegischer Abstammung gewesen.
Das schwedische Blatt war sich aber nicht ganz schlüssig, ob das nun "die ,Norweger-Geschichte' des Jahres" sei oder am Ende doch eine ernst zu nehmende Theorie. Keine Frage indes für Oslos Aftenposten: "Dies ist eine großartige Idee, die es verdient, über die ganze Welt verbreitet zu werden."
Die Vorstellung von einem naturalisierten Kolumbus spukt schon länger in den Köpfen der Wikinger-Nachfahren. 1969 hatte der Genealoge Svein-Magnus Grodys erstmals von Indizien für eine norwegische Abstammung des Amerika-Entdeckers berichtet.
"Kolumbus, der berühmteste Norweger" - diese verlockende These ließ die Skandinavier nicht ruhen. Rechtzeitig vor dem 1992 anstehenden 500. Jahrestag der Amerika-Entdeckung beauftragte der angesehene "Norsk Maritimt Forlag" in Oslo den Seefahrts-Historiker Tor Borch Sannes, den Hinweisen einmal gründlich nachzugehen.
In seinem Buch "Christopher Columbus - ein Europäer aus Norwegen?" vertritt Sannes die These, der Seefahrer sei um 1451 als Kristoffer Bonde in Nordfjord, knapp 30 Kilometer nördlich von Bergen, geboren worden, als Sproß des alten Adelsgeschlechts der Bondes. Er wäre demnach ein Verwandter Karl Knutsson Bondes, der von 1448 bis 1450 auf dem norwegischen Thron saß.
Kolumbus-Vater Dominicus Bonde habe sich vor der Geburt seines ersten Sohnes Kristoffer mehrere Jahre in Italien aufgehalten. Der heranwachsende Kristoffer Bonde ging, so Sannes, beim katholischen Bischof von Bergen in die Lehre - einem Priester aus Genua.
Als der in seine italienische Heimat zurückkehrte, sei Kristoffer seinem Lehrer gefolgt. In Genua habe er den Namen, der auf deutsch "Bauer" bedeutet, latinisiert: Aus Kristoffer Bonde wurde Christopherus Colonus, besser bekannt als Christoph Kolumbus.
Historiker Sannes, der seine These unter anderem auf genuesische Dokumente aus dem 15. Jahrhundert stützt, führt eine Reihe von Belegen für die behaupteten Querverbindungen zwischen Genua und Nordfjord an: *___Die Brüder des Christoph Kolumbus, Bartolomeo und ____Diego, trugen dieselben Namen wie Kristoffer Bondes ____Brüder aus Nordfjord. *___Die Wappen der Familien Kolumbus und Bonde wiesen ____Ähnlichkeiten auf; die Kolumbus-Brüder führten in ihrem ____Familien-Zeichen wie die Bondes in Nordfjord einen ____Diagonal-Balken mit drei Sternen. Auch Wappen-Kreuz und ____-Helm fallen nahezu identisch aus. *___Einer der Vertrauten des Christoph Kolumbus, Anton ____Galle, trage einen "typisch norwegischen Namen" ____(Sannes); eine Familie Galle aus Nordfjord habe sogar ____in die der Bondes eingeheiratet.
Tatsächlich ist die Herkunft des Amerika-Entdeckers bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Sechs Länder reklamieren ihn als einen der ihren; dem Nazijäger Simon Wiesenthal zufolge könnte er auch ein aus Spanien verbannter Jude gewesen sein. Allein in Italien beanspruchen neben Genua weitere sechs Städte die Ehre, Geburtsort des berühmten Seefahrers zu sein.
Sannes räumt zwar ein, daß er noch "keinen endgültigen Beweis" für die norwegische Abstammung seines Helden erbringen könne. Aber keinesfalls könne Kolumbus Italiener gewesen sein: "Sogar in seiner Korrespondenz mit italienischen Adressaten verwendete er nie ein italienisches Wort."
Beim Durchforschen der Vita des Seefahrers stieß der Historiker auf einen weiteren Aspekt, der bislang kaum Beachtung gefunden hatte: Im Jahre 1477 unternahm Kolumbus nördlich von Island eine Seereise. Diese Expedition sei, so der zeitgenössische Kolumbus-Biograph Las Casas, bis zum 73. Grad nördlicher Breite vorgedrungen.
Dort, so der Norweger, sei Kolumbus wahrscheinlich auf der heute kanadischen Baffin-Insel an Land gegangen. Die "Neue Welt" sei somit 15 Jahre früher als bislang angenommen von Kolumbus betreten worden. Mithin feierten die Amerikaner den 500. Jahrestag ihrer Entdeckung, der offiziell im Oktober 1992 ansteht, 15 Jahre zu spät. o

DER SPIEGEL 28/1991
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