10.06.1991

Der große Alexanderzug

Rudolf Augstein zum 50. Jahrestag von Hitlers Überfall auf die Sowjetunion

Von Augstein, Rudolf

Zwei Männer haben das 20. Jahrhundert politisch geprägt wie niemand sonst: Josef Wissarionowitsch Stalin und Adolf Hitler. Beide waren Opfer und Täter zugleich - Stalin als Erbe der Revolution Lenins und deren Verderber, Hitler als Erbe des Versailler Vertrages und Exekutor des Rassenwahns. In beiden haben sich die Tendenzen ihrer Zeit wie in einem Brennglas gebündelt. Beide haben sie die Welt beispiellos in Atem gehalten. Zuerst, als sie sich 1939 verbündeten, danach, als sie gegeneinander Krieg führten. Hitler überfiel die Sowjetunion am 22. Juni 1941.

Ideologisch hatten beide an schweren Hypotheken zu tragen. Stalin hing den recht zusammengeflickten Lehren von Marx und Lenin an, die er sich für seine Zwecke zurechtschneiderte, Hitler hielt "den Juden" für den Verderber der Menschheit, "den Slawen" für den Untermenschen schlechthin.

Beide wurden 1934 absolute, politisch nicht mehr anfechtbare "Führer" (russisch: "woschd") ihrer Völker. Beide glaubten an den kommenden Krieg und bereiteten sich darauf vor. Daß Stalin diesen Krieg wollte, behaupten nur noch Außenseiter; daß Hitler ihn wollte, bezweifelt wohl niemand mehr.

Ästheten wie Karl Heinz Bohrer glauben, Otto von Bismarck habe noch eine prorussische Politik betrieben. Das stimmt für die Zeit, als er das Deutsche Reich gründete. Es stimmt nicht für die letzten Jahre seiner Kanzlerschaft, als Generalstabschef Moltke und dessen Stellvertreter Waldersee über Rußland herfallen wollten und sogar Bismarck mit seinem russischen Latein am Ende war. Alles hat eben seine Zeit, und Bismarcks Zeit war schon vor seiner Entlassung durch den jungen Kaiser Wilhelm II. überfällig.

So ist es ziemlich unsinnig zu behaupten, Bismarck, wäre er noch am Leben gewesen, hätte 1914 den Ersten Weltkrieg verhindern können, dessen Ende 1918 nicht nur in Rußland und Deutschland Tabula rasa machte. Hans von Seeckt, Chef der Heeresleitung der jungen deutschen Republik, postulierte in einer Denkschrift vom Februar 1920, Deutschland werde seine Weltmachtstellung nur "im festen Anschluß an ein Groß-Rußland" wiedergewinnen können.

Demgegenüber warnte Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau, erster deutscher Botschafter in Sowjetrußland, vor der "völlig skrupellosen Sowjetregierung". Es war dieser "Pazifist" (Seeckt), der 1915 als Botschafter in Kopenhagen für Wilhelms Reich den "ersten Platz an der Sonne" gefordert hatte - nicht irgendeinen, sondern den ersten.

Das Übereinkommen von Rapallo aus dem Jahre 1922 zwischen der neuen Sowjetmacht und der Weimarer Republik war in seiner Substanz nur ein geschichtsträchtiger Mythos, eine, wie Churchill es ausdrückte, "Kameradschaft des Unglücks". Daß Polen mit Rußlands Hilfe verschwinden müsse, galt Deutschlands bestimmenden Kreisen bis in die SPD hinein als ausgemacht.

Seeckt hatte dem in seiner Rußland-Denkschrift von 1922 Ausdruck gegeben: Polen "muß verschwinden und wird verschwinden durch eigene, innere Schwäche und durch Rußland mit unserer Hilfe. Mit Polen fällt eine der stärksten Säulen des Versailler Vertrags". Ließ der sozialdemokratische Präsident Friedrich Ebert den Verfasser absetzen? Mitnichten. Im Hinterkopf spukte ihm ja die Vorstellung, wenn alles ganz schlimm käme, könnte man diesen Monokelfritzen für eine begrenzte Zeit zum Reichsdiktator ernennen.

Damals rechnete auch Brockdorff-Rantzau, besagter "Pazifist", nicht mit einem Angriff des zerrissenen Deutschen Reiches auf Polen, sondern mit einem des Lenin-Regimes: "Diese Kombination kann doch nur ernsthaft in Frage kommen."

So gelangte denn Seeckt zu der hochgemuten Auffassung, Rücksicht auf England brauche man nicht zu nehmen, wenn es um die Haltung Deutschlands gegenüber der Sowjetunion gehe. Der Krieg Englands gegen Frankreich (!) "lauert im Hintergrund".

Nicht das im Westen perhorreszierte Abkommen von Rapallo, sondern die Nichtangriffserklärungen Berlins und Warschaus vom 26. Januar 1934 wurden, wie der Historiker Gottfried Schramm meint, "die einzige dramatische und folgenreiche Wende" zwischen 1918 und dem Hitler-Stalin-Pakt 1939.

Man muß sich in Erinnerung rufen, daß Polens Militärdiktator Pilsudski unmittelbar nach der "Machtergreifung" Hitlers im Jahre 1933 Frankreich zum Krieg gegen Deutschland aufstacheln wollte. Er jedenfalls würde mitmachen. Nur, woher den Grund nehmen? Und wie das kriegserschöpfte Frankreich aufmöbeln? Hitler gab sich ja so friedfertig. Und war denn die Besetzung des Ruhrgebietes 1923 nicht ein Reinfall, ein schwerer Fehler gewesen? Hatte sie Frankreich nicht England entfremdet?

Kein Politiker der Republik von Weimar hätte es sich leisten können, derart mit Polen zu paktieren. Hitler, nun selbst Diktator, konnte das. Und Hintergedanken hatte er mit Sicherheit. Seine Innen- wie Außenpolitik bis 1938 ist ein Muster an taktischer Klugheit, ja, wenn man von Staatskunst nicht das große politische Design verlangt, ein Muster an Staatskunst.

Der "Principe", der oberste Staatsmann, soll sich, so lehrt Machiavelli, verstellen. Das fiel Hitler nicht schwer. Freilich, um den Pakt mit Polen zu schließen, mußte er die Beziehungen zur Sowjetunion abkühlen lassen. In Moskau konnte man nicht umhin, das zur Kenntnis zu nehmen. Es war ja eben nicht die Reichswehr, die die heimliche militärische Zusammenarbeit auf russischem Boden, mit der Seeckt schon vor Rapallo begonnen hatte, abrupt beendete. Es war ohne weitere Begründung die Sowjetunion, und das hieß nun Stalin. _(* Mit Außenminister Ribbentrop bei der ) _(Ankunft in München am 29. September ) _(1938; im Hintergrund Staatssekretär von ) _(Weizsäcker. )

Hitler heimste in den ersten Jahren als "Führer und Reichskanzler" eine Reihe von außen- und innenpolitischen Triumphen ein. Er trat aus dem Völkerbund aus, in den Stalin folgerichtig eintrat. Aber das System der kollektiven Sicherheit stand nur auf dem Papier. Japan, Italien, England und Frankreich hielten sich nicht daran, Deutschland und die Sowjetunion ohnehin nicht. Die USA gehörten dem Völkerbund, den ihr Präsident Woodrow Wilson gestiftet hatte, gar nicht an.

Nach dem Triumph von München im September 1938, der den Anfang vom Ende der Tschechoslowakei markiert und den der wutschnaubende Hitler als halbe Niederlage empfand, mußte er sich entscheiden: Entweder er ließ sich als kontinentale Führungsmacht mit England, Frankreich und Italien in eine europäische Vierer-Gemeinschaft als Spitze gegen den gottlosen Bolschewismus engagieren, oder aber er wandte sich seinem Grundanliegen zu, einem östlichen "Indien" für Deutschland samt Vernichtung zumindest der europäischen Juden.

Am 24. April 1942 sagte Hitler vor dem Deutschen Reichstag bei dessen letzter Sitzung:
" Der britische Jude Lord Disraeli hat es einst "
" ausgesprochen, daß die Rassenfrage der Schlüssel zur "
" Weltgeschichte sei. Wir Nationalsozialisten sind in "
" dieser Erkenntnis groß geworden. Indem wir dem Wesen der "
" Rassenfrage unsere Aufmerksamkeit widmeten, haben wir die "
" Aufklärung für viele Vorgänge gefunden, die an sich sonst "
" unbegreiflich erscheinen müßten*. "

Das war, als er sein Waterloo, nämlich Stalingrad, noch vor sich hatte. Je katastrophaler sein Krieg verläuft, desto fanatischer wird er auf der Vernichtung der Juden bestehen. Bis zum letzten Atemzug wird er dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren.

Das Münchner Abkommen hatte Stalin vor Augen geführt, welchen Rang sein Land in Europa beanspruchen konnte: keinen. Er, der gemeinsam mit Frankreich den Bestand der Tschechoslowakei garantiert hatte, war gar nicht gefragt, gar nicht hinzugezogen worden. Die kollektive Sicherheit, bei der auch die Sowjetunion ein Wort hätte mitreden können, sie gab es nicht, sie war perdu.

Es stimmt, was schon oft gesagt wurde, daß Hitlers Finanzsystem unmittelbar vor dem Angriff auf Polen im September 1939 strapaziert war. Es stimmt weiterhin, daß er seine Kriegsmaschinerie, was ihre Größe und Qualität betrifft, nicht unbegrenzt und unbeschäftigt aufrechterhalten konnte. Entweder hätte er die Mittel für die Aufrüstung reduzieren oder durch Eroberungen außerhalb seines Machtbereiches wieder hereinholen müssen. Die Arbeiterschaft zu schröpfen gehörte nicht zu seinem Repertoire.

Hätte ihm einer vorgerechnet - und vielleicht hat sein Finanzmagier Hjalmar Schacht das ja versucht -, die Rüstung habe entweder eine Senkung des seit 1933 kontinuierlich gestiegenen Lebensstandards zur Folge - man maß ihn nicht an dem Rekordjahr 1928 - oder aber den Krieg, so hätte er sich auf die Antwort gefaßt machen müssen: "Ebenden will ich ja."

Nur zwang ja niemand den "Führer", weiter hochzurüsten. England und Frankreich, in ihrer Angst vor Stalin _(* Schon am 27. Januar 1921 hat er sich ) _(in einer Denkschrift über "des ) _(britischen Juden Disraeli Wort von der ) _(ausschlaggebenden Bedeutung der ) _(Rassenfrage (als) die treibende Kraft ) _(der Weltgeschichte" verbreitet. Es muß ) _(ihn irritiert haben, daß gerade dieser ) _(Staatsmann Queen Viktoria zur Kaiserin ) _(von Indien gemacht hatte. ) und vor einem Krieg, hätten ihm, wenn er nur ein wenig Geduld gezeigt hätte, auch noch die deutschen Ostgrenzen von 1914 konzediert - auf Kosten Polens selbstredend. Böhmen und Mähren, samt den Skoda-Werken, hätte er wirtschaftlich ohnehin beherrscht, den Balkan überwiegend auch. Die Kriegsmaschinerie hätte in einem solchen System verringert werden können, zumal die UdSSR noch nicht als ernst zu nehmender Gegner dieses erst noch zu schaffenden Blocks galt.

Ein Krieg war also nicht aus Gründen der Ökonomie unerläßlich. Er war es, weil Hitler mit Englands System, das Geduld und Manieren verlangte, nichts im Sinn hatte. Er wollte ja anderes. Das Gesetz des Handelns, das Momentum, durfte er also nicht aus der Hand geben, eben weil er nicht den Frieden, sondern den Krieg, den Ostraum wollte.

Mit einem gewissen Recht hielt er sich für den Mann, der seine wahnwitzigen Pläne noch am ehesten durchsetzen konnte. Würde etwa nach seinem Tod ein Technokrat wie Reinhard Heydrich den Judenmord zu Ende führen? Oder der korrupte, englandfreundliche Reichsmarschall Hermann Göring?

Nein, lange würde er, Hitler, nicht mehr leben. Schon sein Vater war, wie er meinte, früh gestorben, mit 65 Jahren. Ende 1937 versammelte er NS-Führer in Sonthofen, um seinen Entschluß zu begründen, die gewaltsame Auseinandersetzung mit dem Bolschewismus zu suchen - "weil ich jetzt lebe". Ein früher Tod war seine Idee fixe, die Vorsehung habe es so bestimmt.

So ist es nur konsequent, daß er sich im März 1939 ohne Rücksicht auf seinen Münchner Vertragspartner Neville Chamberlain auch noch den Rest der Tschechoslowakei einverleibte. Konsequent auch, daß er sich sofort Polen widmete. Nur ja keine Rücksicht auf England! Soweit bei ihm von Planung die Rede sein kann, rechnete er damit, daß es genau wie Frankreich den Krieg erklären, aber nicht wirklich führen würde.

Zeitweilig spielte er mit dem Gedanken, beide präventiv _(* Mit dem polnischen Staatspräsidenten ) _(Ignacy Moscicki Ende Januar 1935 bei ) _(einem Jagdausflug im Staatsforst ) _(Bielowieza. ) auszuschalten. Mit Ribbentrop, seinem Außenminister seit 1938, zürnte er nur, weil der ihm versichert hatte, England würde den Krieg gar nicht erst erklären.

Daß er den Rubikon seiner Verrücktheit mit dem Einmarsch in Prag bereits überschritten hatte oder, wie der britische Historiker Alan Bullock es nennt, daß sein Urteilsvermögen zu der Zeit bereits getrübt war, sieht man an seiner Behandlung Polens**.

Dessen Führungsschicht war antisemitisch und antidemokratisch und hatte sich an der Ausplünderung der Tschechoslowakei beteiligt. Gegen Russen, besonders gegen bolschewistische Russen, hegte sie ein gesundes Mißtrauen. Warum also, dachte Hitler, die Polen nicht erst einmal als Verbündete für den großen Alexanderzug gegen die Sowjetunion einsetzen?

Diesen Plan - einsacken kann man das Land ja später - teilt er den verdutzten Polen gleich nach München mit. Aber so verrückt, sich als erste gegen die UdSSR in Stellung bringen zu lassen, waren die nach Pilsudskis Tod 1935 in Warschau herrschenden Militärs nun doch nicht. Sie sagten schlicht nein. Sollte ihr Schicksal besiegelt sein, so wollten sie dazu wenigstens nicht auch noch beigetragen haben.

Hitlers Einschätzung kann mit Staatskunst nun nicht mehr erklärt werden. Nicht sein Urteilsvermögen war getrübt, vielmehr war seine Umwelt aufgewacht. Am 23. Mai 1939, noch ohne Aussicht auf das Übereinkommen mit Stalin, erklärte er seinen Oberbefehlshabern:
" Auseinandersetzung mit Polen - beginnend mit dem "
" Angriff gegen Polen - ist nur dann von Erfolg, wenn der "
" Westen aus dem Spiel bleibt. Ist das nicht möglich, dann "
" ist es besser, den Westen anzufallen und dabei Polen "
" zugleich zu erledigen. "

Deutschland, kein Zweifel, befand sich in den Klauen eines Wahnsinnigen, ** Der SPIEGEL veröffentlicht von der näch- _(sten Woche an Auszüge aus Alan Bullocks ) _(Doppelbiographie "Hitler und Stalin. ) _(Parallele Leben", die im Herbst im ) _(Siedler Verlag, Berlin, erscheint. ) sein Schicksal war "in der undurchdringlichen Brust des Führers" beschlossen, so Ribbentrop zu seinem italienischen Amtskollegen Galeazzo Ciano am 11. August 1939, 20 Tage vor Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Dieser Krieg wurde, wie schon der erste, mit unzulänglichen Mitteln begonnen. In der undurchdringlichen Brust des "Führers" war aber auch schon sein Ende vom Mai 1945 beschlossen. Eine gewisse Todessehnsucht wie bei den Nibelungen in König Etzels Halle läßt sich zwingend nicht von der Hand weisen.

Wie sah die Sache nun in Stalins Augen aus, der das Nibelungenlied vermutlich nicht kannte? Wieder viel Mythos. Stalin hielt Hitler für einen äußerst fähigen Staatsmann, allerdings für einen "engstirnigen". Jedenfalls hielt er ihn nicht für einen Verrückten, obwohl er kaum den Ehrgeiz gehabt haben dürfte, einen Blick in die undurchdringliche Brust seines zukünftigen Partners zu werfen.

Stalin sah die Politik keineswegs so personenbezogen, wie sie damals war. Auch er war schließlich Ideologe. Einen Krieg zwischen den beiden Lagern, in die sich die kapitalistische Welt im Spanischen Bürgerkrieg gespalten hatte, hielt er für notwendig und unausweichlich. Er mußte dazu beitragen, das Unvermeidliche zu ermöglichen. Daß Hitler den Krieg ohne Moskaus Rückendeckung beginnen würde, hielt er für unwahrscheinlich - zu Unrecht. Der Krieg gegen Polen war spätestens im Mai 1939 beschlossene Sache. Abseits wie in München wollte er diesmal nicht wieder stehen.

Aber natürlich kam Hitler der Pakt mit Stalin, den er zum Schluß nahezu hysterisch erwartete, überaus gelegen. Als "Führer" konnte er das Moment der Überraschung nach innen wie außen nutzen, als "Führer" wußte er, was niemand sonst wissen konnte, vor allem die Generalität nicht.

Festzuhalten ist, daß Stalin die Annäherung an Deutschland zwar unmißverständlich anbot, aber auch die Möglichkeit eines Zusammengehens mit den Westmächten auslotete. Fürchtete er doch - und das war ja eine aus Erfahrung gewonnene Furcht -, England würde sich ohne Rücksicht auf Polen doch noch mit Hitler einigen, wiederum zu Lasten seines Landes.

Hier waren nicht zwei gleichrangige Räuber am Werk, wie die Karikaturisten damals suggerierten. Stalin wollte den Status quo in seinem Bereich aufrechterhalten, mit nennenswerten Verbesserungen natürlich. Der Kapitalismus sollte sich selbst zerfleischen, so seine Doktrin. Hitler hingegen wollte eine radikale Veränderung der Landkarte im Osten Europas, wollte die Zerstückelung der Sowjetunion bis zum Ural und darüber hinaus. Beide glaubten bei Abschluß ihres Übereinkommens, sie hätten den anderen übertölpelt. Beim Pokern kommt es aber darauf an, wer am Ende die besseren Nerven hat. Und das war nicht Hitler.

Undenkbar, daß Stalin das Münchner Abkommen nicht als Sieg, nicht als Schritt zu weiteren Siegen betrachtet hätte. Hitler aber sah es als Niederlage, weil es ihn der Möglichkeit beraubte, die Tschechoslowakei "anzufallen" ("Chamberlain, dieser Kerl, hat mir meinen Einzug in Prag verdorben!"). Er wollte keinen politischen Erfolg, sondern Krieg. Bei allen Abstrichen, man muß sagen, er war ein tollwütiger Hund.

Da er auf Krieg, auf seine Rolle als oberster Kriegsherr programmiert war (als könnte er die Marne-Schlacht von 1914 rückgängig machen), war Stalin ihm beim Aushandeln des Vertrages überlegen. Beide brauchten Zeit - Stalin, um sich auf den Krieg vorzubereiten, Hitler, um ihn vom Zaun zu brechen und zu führen.

So geriet der Angreifer Hitler vom ersten Tag an in die Defensive, mochten sich auch die mit Liszts "Preludes" schicksalsträchtig garnierten Sondermeldungen häufen. Bei allen seinen Blitzsiegen geriet er von einer Bedrängnis in die andere. Braucht er Soldaten oder Rüstungsarbeiter? Soll er dem Heer, der Marine oder der Luftwaffe Priorität einräumen? Will er den Krieg gewinnen oder Slawen und Juden, sie vor allem, ausrotten? Ist das Mittelmeer sein Kriegsschauplatz, um England niederzuzwingen, oder die Sowjetunion? Führt er Krieg gegen England oder gegen "den Osten"?

Noch ist nicht entschieden, ob er nach England (Unternehmen "Seelöwe") übersetzen kann, da wendet er sich in Gedanken schon gen Osten, im Juli 1940. Er hatte allen Grund dazu, denn Stalin hatte seine Position in Osteuropa mehr gestärkt als er seine. Hitler führte eigentlich Krieg gegen den falschen Gegner, und im Nacken saß ihm ein keineswegs zuverlässiger Partner, den er vor allem verschlingen wollte.

Stalin, durch Übersetzungsschwierigkeiten gehemmt, mochte kein Diplomat sein, war aber ein exzellenter Staatsmann. Wenn es ernst wurde, ließ er Molotow agieren und machte dann selbst ("Komm, komm, Molotow") die vorab zwischen ihnen vereinbarten Zugeständnisse.

Mit den Finnen, die dank ihrer engen Verbundenheit mit Deutschland eine ständige Gefahr für seine zweite Hauptstadt Leningrad darstellten, verhandelte er persönlich, ganz anders als Hitler, vernünftig. Den Finnen fiel Nachgiebigkeit schwer. Stalin holte sich im Winterkrieg 1939/40 nur das, was er zum Schutz Leningrads vor den Deutschen brauchte. Bedenkt man seine außenpolitische Unerfahrenheit, verglichen etwa mit Roosevelt und Churchill, war er der erfolgreichste Diplomat und Staatsmann des Zweiten Weltkrieges.

Für Hitler aber, der tatenlos zusehen mußte, wie ein Deutschland so eng verbundenes Volk trotz tapferster Gegenwehr von den "bolschewistischen Horden" überwältigt wurde, muß das Beiseitestehen schwer erträglich gewesen sein. Zudem mag der Winterkrieg ihn, wie andere Zeitgenossen auch, in der Ansicht bestärkt haben, mit den Russen sei leicht Kirschen essen.

Ende Juli 1940 war klar, daß Hitler mit Plänen gegen die Sowjetunion ("Aufbau Ost") schwanger ging. Admiral Erich Raeder, der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, hatte freilich noch im September keinerlei Ahnung von den Absichten seines Führers, Reichsmarschall Göring, Oberbefehlshaber der Luftwaffe und zweiter Mann im Reich, noch im November nicht. Ideologe, der auch er war, wollte Hitler die Sowjetunion zerschmettert und eingemeindet sehen, die Juden vernichtet. Auf Dauer konnte er sich Stalins nicht sicher sein.

Stalin, das wird in der bisherigen Geschichtsschreibung nicht hinlänglich berücksichtigt, nahm im Grunde mehr, als er gab. "Der einzige entscheidende Faktor ist, ob durch dieses Projekt die Niederlage Englands beschleunigt wird", schrieb Ribbentrops Staatssekretär Ernst von Weizsäcker am 28. April 1941, deutlich mit Unterton gegen das "Unternehmen Barbarossa". Darin stimmte er mit seinem Außenminister überein, der durch den Pakt mit Moskau zum "zweiten Bismarck" (Hitler) avanciert war.

Das Heer, wie immer, kuschte. Der Chef des Generalstabs, Franz Halder, ein gelegentlich zum Widerstandskämpfer erklärter Militär, wollte noch am 23. November 1941 "nach Abschluß der Operation" 15 Divisionen auflösen. Damals fehlten dem Ost-Heer bereits 300 000 Mann, denen in der Heimat ein Ersatz von 33 000 Mann gegenüberstand. "Wir lachten laut, als wir diese Befehle erhielten", sagte Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, dienstältester Offizier Hitlers, dem man im Winter 1941 befohlen hatte, bis zu 700 Kilometer in Richtung Wolga und Kaukasus vorzustoßen.

War Hitler also ein blutiger Dilettant? Nicht mehr als Stalin auch. "Lenin hat unseren Staat geschaffen, und wir haben ihn verschissen!" sagte er zu seinen engsten Vertrauten nach Hitlers Überfall. Er, der schon im Bürgerkrieg gegen so brillante Helden wie Trotzki und Tuchatschewski aufgetreten war (die er beide ermorden ließ), tat sich schwer, von irgend jemandem etwas zu lernen.

Sicher ist, daß er 1941 aufgrund der Berichte Molotows nicht an einen unmittelbar bevorstehenden Krieg glaubte und den verfehlten Aufmarsch seiner Truppen maßgeblich, als Dilettant, beeinflußte. In den Genuß seiner durch den Pakt mit Hitler errungenen Beute kam er deshalb militärisch nicht. So ziemlich als einziger wurde er von Hitlers Überfall überrascht.

Doch anders als Hitler, dem die Standarten des Sieges voranflatterten, war er, wenn auch widerwillig, lernfähig. Er stritt sich zwar mit seinen Truppenführern, verbannte sie aber, anders als Hitler, nicht aus seiner Umgebung.

Vermutlich lernt man durch Niederlagen mehr als durch ständige Siege. In der Umgebung des Generalissimus Stalin _(* Ribbentrop, Stalin, Molotow (sitzend), ) _(Schulenburg. ) war mehr Beständigkeit als in der Hitlers, siehe Schukow, Wassilewski, Watutin, Woronow, und den etwa gleichaltrigen Schaposchnikow, noch Stabs-Oberst des Zaren.

Was Hitler nicht kannte und vielleicht nach seiner Erfahrung aus dem Ersten Weltkrieg auch nicht kennen konnte, war die Angst der Soldaten vor russischer Kriegsgefangenschaft. Methoden, wie Schukow sie zur Rettung Leningrads anwandte - Schießbefehl gegen eigenmächtig die Truppe verlassende Soldaten -, hätte Hitler nicht durchsetzen können, ebensowenig wie die Erschießung eigenmächtig zurückweichender Generäle. Stalin mag kein exzellenter Militär gewesen sein, zumindest aber konnte er sich "stalinistischer" Methoden bedienen.

Unzweifelhaft kannte er die einschlägigen Passagen aus Hitlers "Mein Kampf". Aber sollte er sie ernster nehmen als die Wirklichkeit, die ja ernst genug war? Hatte er den Pakt mit Hitler etwa geschlossen, weil er ihm vertraute, er, der doch niemandem traute?

Das ist ganz ausgeschlossen. Es hat den Anschein, als hätte er es nicht für möglich gehalten, daß jemand ihn derart hinters Licht führte. Wie sehr er seine Armee an der Spitze ruiniert, "enthauptet" hatte, scheint er, wenn überhaupt, zu spät erkannt zu haben. Noch am 28. Oktober 1941 ließ er drei Luftwaffengeneräle, die nacheinander Chefs der Luftwaffe gewesen waren, sowie den Chef der Luftabwehr erschießen. Schuldige für seine eigenen Fehler fand er immer.

Der Flugzeugkonstrukteur Andrej Tupolew erlebte den Ausbruch des Krieges hinter Gittern, ebenso der Volkskommissar für Bewaffnung, Boris Wannikow. Interessant und eigentlich nur noch in das weite Feld der Psychologie zu verweisen ist die Tatsache, daß alle diese Männer kurz vor dem Ausbruch eines Krieges verhaftet wurden, an den der "woschd" bis zur Erschöpfung nicht glauben mochte.

Es wird zwar immer wieder behauptet, ist aber durchaus nicht sicher, daß der Kampf gegen die Rote Armee Stalin ernsthaft geschadet hätte. Für ihn kam es darauf an, seine absolute Autorität durchzusetzen. Dazu reichte es nicht, sich persönlicher Feinde wie etwa des Marschalls Michail Tuchatschewski oder der gesamten alten Garde Lenins zu entledigen. Dies allein war nicht seine - "paranoide"? - Art. Er hatte, anders als Hitler, keinen Respekt vor den alten Eliten und nicht wie dieser vor einem mit Pickelhaube bewehrten Hindenburg in der Potsdamer Garnisonkirche katzbuckeln müssen.

Aus deutscher, aus Hitlers Sicht war die Überlegenheit der eigenen militärischen Führung etabliert; sie würde jede materielle Unterlegenheit wettmachen. Das erwies sich in den ersten, für Stalin katastrophalen Kriegsmonaten 1941 als richtig. Wäre es aber nicht auch richtig gewesen, wenn Tuchatschewski und seine Entourage noch am Leben gewesen wären? Die Rote Armee war der Hitlerschen zu Beginn des Krieges nicht gleichwertig. Zumindest hat Stalin aber jeden Fehler, den er erkannte, sofort berichtigt; seine neuen Kommandeure haben rasch von den Deutschen gelernt.

Hitler dagegen hat erstaunlicherweise selbst Fehler wiederholt, die er schon 1918 als solche erkannt hatte:
* kein Zweifrontenkrieg, kein Krieg mit den USA;
* mehr U-Boote gegen England. Noch im Spandauer
Militärgefängnis werden sich die Großadmiräle Raeder
und Dönitz darüber streiten, warum 1939 nicht 300
U-Boote gegen das Inselreich zur Verfügung standen.
Woher hätte man sie nehmen sollen? Und wie das Material
verteilen, wo der "Führer" seine Absichten doch immer
nur in seiner undurchdringlichen Brust verschloß?
* Kein langer Krieg, keine totale Mobilmachung, kein
"Steckrübenwinter" wie 1916/17. (Im Winter 1945 gab es
nicht einmal mehr Steckrüben. Albert Speer
bewerkstelligte die totale Kriegswirtschaft 1944; da
war es zu spät.)

Statt dessen die Hybris seit dem Sieg über Frankreich: Was Hindenburg und Ludendorff bis zum "Frieden" von Brest-Litowsk 1918 alles zuwege gebracht haben mochten, er, Hitler, würde es kraft seiner zentralen Stellung als "Führer" besser können.

Dabei übersah dieser "Sohn des Krieges", wie sein späterer Attentäter Claus Graf Stauffenberg ihn 1940 apostrophierte, daß es mehr auf Ressourcen als auf Räume ankam. Deshalb war sein Krieg vom ersten Tag an zum Scheitern verurteilt. Soviel Raum und soviel Ressourcen konnte einer allein gar nicht erobern. Niemand hätte einen Krieg, wie er ihn führte, gewinnen können. Wenn das so klar war, warum hatten es ihm seine Militärs dann nicht gesagt? Sie mußten doch nicht wie Stalins Kommandeure befürchten, erschossen zu werden.

Die Wahrheit wird wohl sein, daß sie den Krieg auch wollten und daß Hitlers Pakt mit Stalin sie allesamt blind gemacht hatte - dies genau war seine Absicht gewesen. Kein Leutnant, der nicht freudig die Grenze zu Polen überschritten hätte.

Man wird, nach allem, nicht lange fragen müssen, warum Stalin die Vereinbarung mit Hitler abschloß. Sie bot ihm mehr Vorteile als Nachteile. Hitler hingegen konnte sich nur in völliger Verkennung der bolschewistisch-stalinistischen Verhältnisse in der UdSSR einen zeitweiligen Vorteil erhoffen.

Er hatte die Wahl zwischen dem britischen Angebot einer Vorherrschaft auf dem europäischen Kontinent (die Göring vorzog) und dem Krieg gegen die angeblich jüdisch verseuchte Sowjetunion. Wäre Stalin weg, so wird er später mosern, dann würde aus der zweiten und dritten Reihe wieder "der Jude" hervorkriechen*.

Wenn denn einer von den beiden verrückt war, dann gewiß nicht Stalin. Wenn jemand einem der beiden in den Arm fallen konnte, dann nur dem Hitler. In der Sowjetunion gab es dafür niemanden mehr. Es war Stalin, der eine zu deutschfreundliche Präambel aus dem offiziellen Text des Paktes strich ("Sie haben uns jahrelang mit Kübeln von Jauche überschüttet!").

Es bleibt mithin nur die heute kaum noch zu beantwortende Frage, warum Stalin den zahlreichen Warnungen vor einem deutschen Angriff 1941 kein Gehör schenkte. Das müssen nicht nur ideologische, nicht nur egozentrische Gründe gewesen sein. Er wollte einfach nicht glauben, daß Hitler einen Angriff gegen ihn plante, später vielleicht, aber nicht jetzt. Dabei hatte er sich so verhalten, _(* Wie besessen Hitler von diesem Thema ) _(war, erhellt die Tatsache, daß er seinem ) _(Leibfotografen Heinrich Hoffmann allen ) _(Ernstes auftrug, doch einmal zu ) _(ermitteln, ob Stalin jüdische ) _(Ohrläppchen habe. Antwort: Nein, ) _("Arische". ) daß er einen Angriff objektiv befürchten mußte.

Hitler hatte Jugoslawien für den Dreimächtepakt gewonnen. Dagegen putschte in Belgrad eine Offizierskamarilla, und Stalin erkannte die aus dem Putsch hervorgegangene neue Regierung unverzüglich an - zweifellos ein feindseliger Akt gegen Hitler und seine Achse, und der war, wie Wladimir Dekanosow, der sowjetische Botschafter in Berlin, nach Moskau meldete, "verstimmt". Also verschob er seinen Krieg gegen die Sowjetunion um vier Wochen und gab dem Vernichtungsfeldzug auf dem Balkan demonstrativ den Codenamen "Operation Bestrafung". Er wütete wie die "Diktator"-Figur von Chaplin.

Der verschobene Krieg gegen die Sowjetunion war der erste geplante "Blitzkrieg". Niemand kann sagen, daß ihre Militärs die Gefahr nicht erkannt hätten. Marschall Georgij Schukow, den wohl heute niemand mehr für ein Greenhorn hält, schlug am 15. Mai 1941 dem Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare (das war seit neun Tagen Stalin) vor, die deutsche Armee anzugreifen, solange sie noch im Aufmarsch begriffen und deshalb unfähig wäre, die Front und die Kombination der Waffengattungen zu organisieren. Das würde man heute einen "pre-emptive strike" nennen (siehe Kasten Seite 140).

Stalin aber war äußerst mißtrauisch und weigerte sich, Schukow auch nur anzuhören. Der deutsche Botschafter in Moskau, Werner von der Schulenburg, warnte die Sowjets sogar, als er Dekanosow am 5. Mai 1941 zum Frühstück in seine Residenz bat. Nach allem, was wir wissen, hat er dabei kein Blatt vor den Mund genommen und den 22. Juni "gerüchtweise" als Tag des Angriffs vorausgesagt.

"Mit entmutigender Sturheit", so der Botschaftsrat Gustav Hilger, fragte Dekanosow immer wieder, ob Schulenburg im Auftrag der Reichsregierung spreche. Andernfalls könne er das Gespräch nicht weiterleiten.

Er tat es natürlich doch. Stalin versammelte umgehend die Mitglieder des Politbüros und erklärte: "Die Desinformation erstreckt sich nun schon auf die Ebene der Botschafter." Unter solchen Umständen kann natürlich kein Generalstabschef und kein Botschafter irgend etwas ausrichten.

Um zu verdeutlichen, in welchem Zustand sich die große Sowjetunion damals befand, muß man das Schreiben des Sicherheitschefs Lawrentij Berija an Stalin vom 21. Juni 1941, vom Tag vor dem Angriff also, zitieren:
" Ich bestehe wiederum auf der Abberufung und "
" Bestrafung unseres Botschafters in Berlin, Dekanosow, der "
" mich weiterhin mit Desinformationen über einen angeblich "
" von Hitler vorbereiteten Überfall auf die UdSSR "
" bombardiert. Er teilte mit, daß dieser Überfall morgen "
" beginnt. "

Genau so war es. Die Tatsachen belegen, daß Berija seinen großen Einfluß nicht nur seinem Fleiß verdankte, sondern auch der nachtwandlerischen Sicherheit, das zu melden, was Stalin hören wollte. Der Begriff "Desinformation" war die Parole der Stunde. Dekanosow war vor kurzem noch Berija unterstellt gewesen und galt auch in Berlin als dessen Mann. Man sieht nicht, wie er sich anders hätte verhalten sollen*.

Ist es möglich, daß Schulenburg den 22. Juni schon am 5. Mai kannte? Offensichtlich ja. Am 24. April 1941 telegrafierte der deutsche Marineattache in Moskau, Kapitän zur See Norbert von Baumbach, nach Berlin: "Nach Angabe des italienischen Botschafters (Luciano Mascia) sagt der britische Botschafter (Sir Stafford Cripps) den 22. Juni als Tag des Kriegsbeginns voraus."

Man muß sich immer wieder vor Augen führen, wie verrückt und unberechenbar Hitler war. Sein Rüstungsminister Fritz Todt hatte schon im Winter 1941 gesagt, daß der Krieg nur noch durch Verhandlungen zu einem glimpflichen Ende geführt werden könnte. Aber Hitler wollte kein glimpfliches Ende. Er nahm mit Recht an, daß die Westmächte mit ihm als "Führer" keinerlei _(* Er war übrigens ein besonderer ) _(Mistkerl. Während Berija sich der ) _(Vergewaltigung von Frauen wenigstens nur ) _(in seinen Privaträumen hingab, ) _(vergewaltigte er sie mitunter auf ) _(offener Straße vor den Augen seiner ) _(Leibwächter. ) Verhandlungen aufnehmen würden, obwohl diese Idee nach dem Tod der "Zarin" (Roosevelt) noch einmal umhergeisterte. Göring, den würden sie wohl akzeptieren. Alles andere konnte solch einen Menschen nicht interessieren.

Bei näherer Betrachtung stand nur ein Separatfrieden mit Stalin zur Debatte. Zwar war Hitler vor Moskau gestoppt worden, doch das machte ihm nichts aus. Schließlich hatte er immer va banque gespielt und diesmal eben verloren. Während die Heeresgeneräle nach Deutschland zurückstrebten, stabilisierte er die Front.

Nur war es nicht gerade eine Position der Stärke, aus der heraus er mit Stalin hätte verhandeln können. Zu seinem Außenminister, der ihm zum Separatfrieden riet, meinte er: "Wissen Sie, Ribbentrop, wenn ich mich heute mit Rußland einige, packe ich es morgen wieder an - ich kann halt nicht anders." Der Ideologe, der Derwisch in ihm war stärker.

Im übrigen muß man wohl auch bezweifeln, ob Stalin sich überhaupt noch einmal mit ihm einigen wollte. Den Westmächten gegenüber hat er zwar stets den Eindruck erweckt, das wäre noch möglich, aber solche Manöver waren zu durchsichtig. Nach Stalingrad, nach der Panzerschlacht bei Kursk gab es für Hitler nichts mehr zu gewinnen. Nach Ablauf des Jahres 1943 konnte ihn keiner mehr ernst nehmen.

Betrachtet man die Interessen eines durch den Krieg ernüchterten Stalin, so kann man sich auch gar nicht vorstellen, daß er mit seinem alten "woschd" noch einmal hätte paktieren wollen. Es war jetzt umgekehrt wie im Jahre 1939, daß Hitler ihm im Grunde nichts bieten konnte, die Westmächte hingegen alles.

Stalin hatte gelernt. Vielleicht hatte er sogar vom Standpunkt der Sowjetunion aus recht, als er die präventive Mobilmachung, die ihm am 15. Mai 1941 von seinem Verteidigungskommissar Timoschenko und von seinem Generalstabschef Schukow empfohlen worden war, zurückwies. Das würde, so sagte der vorsichtige Georgier, nun einmal Krieg bedeuten. Er konnte nicht wissen, daß dieser Krieg bereits eine in jeder Hinsicht beschlossene Sache war, bei der er die besseren Karten hatte.

Daß sein und das Leninsche System die große Sowjetunion letzten Endes in die Position eines Bittstellers gebracht haben; daß das von ihm besiegte Deutschland heute die Macht ist, von der die Sowjetunion am ehesten Freundschaft erwarten kann - das konnte er damals sicher nicht voraussehen. Er war es, er allein, der Hitler gestoppt hat. Gegen ihn konnte Hitler nicht gewinnen. o

* Mit Außenminister Ribbentrop bei der Ankunft in München am 29. September 1938; im Hintergrund Staatssekretär von Weizsäcker. * Schon am 27. Januar 1921 hat er sich in einer Denkschrift über "des britischen Juden Disraeli Wort von der ausschlaggebenden Bedeutung der Rassenfrage (als) die treibende Kraft der Weltgeschichte" verbreitet. Es muß ihn irritiert haben, daß gerade dieser Staatsmann Queen Viktoria zur Kaiserin von Indien gemacht hatte. * Mit dem polnischen Staatspräsidenten Ignacy Moscicki Ende Januar 1935 bei einem Jagdausflug im Staatsforst Bielowieza. ** Der SPIEGEL veröffentlicht von der nächsten Woche an Auszüge aus Alan Bullocks Doppelbiographie "Hitler und Stalin. Parallele Leben", die im Herbst im Siedler Verlag, Berlin, erscheint. * Ribbentrop, Stalin, Molotow (sitzend), Schulenburg. * Wie besessen Hitler von diesem Thema war, erhellt die Tatsache, daß er seinem Leibfotografen Heinrich Hoffmann allen Ernstes auftrug, doch einmal zu ermitteln, ob Stalin jüdische Ohrläppchen habe. Antwort: Nein, "Arische". * Er war übrigens ein besonderer Mistkerl. Während Berija sich der Vergewaltigung von Frauen wenigstens nur in seinen Privaträumen hingab, vergewaltigte er sie mitunter auf offener Straße vor den Augen seiner Leibwächter.

DER SPIEGEL 24/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 24/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Der große Alexanderzug