08.07.1991

Verbrechen der Phantasie

SPIEGEL-Autor Hellmuth Karasek über den Klagenfurter Text von Urs Allemann

Von Karasek, Hellmuth

Ich ficke Babys." Mehr Obszönitiäten, mehr rohe Tabuverletzungen kann man mit drei Worten in einem Satz gewiß nicht begehen. Das bekennerhafte, durch keine Scheu gebremste "Ich" des Satzes, der Tatbestand des abscheulichsten sexuellen Mißbrauchs, die Wehrlosigkeit der Opfer - all das macht diesen Kurz-Satz zum gewiß unverschämtesten Auftakt, den sich ein literarischer Text, gleichsam als grell mißtönende Fanfare, wählen kann.

Ein Ich, das sich zu einem solchen Satz bekennt, muß ein Monstrum sein. Und so ist der Satz des Schweizer Autors Urs Allemann wie sein ganzer Text, der auf dem Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt für einen Skandal sorgte, das Bekenntnis eines Ungeheuers, Ausdruck einer sexuellen Verkrüppelung, wie sie schrecklicher, ärmer, verzweifelter nicht zu denken ist.

Aber: Es ist ein literarischer Satz und nicht etwa das Geständnis einer realen Tat. Und in die Literatur paßt, zu ihrer Tradition gehört, daß sie Monstren gebiert, sich in Verbrecher einfühlt, die dunkelsten Seiten der Psyche auslotet. Keine Wirklichkeit ist ihr fremd, keine Phantasie bleibt ihr verschlossen.

Die Geschichte der Literatur ist auch und vor allem die Geschichte ihrer Skandale. Sie macht Mörder wie Woyzeck, Kindermörder wie Medea, Königsmörder wie Macbeth zu ihren Helden, sie kennt den Inzest wie die Knabenliebe des "Tod in Venedig", sie baut die grausigsten Verliese der sexuellen _(* In der Inszenierung von Wilfried Minks ) _(am Hamburger Schauspielhaus. ) Höllenphantasien des Marquis de Sade - sie erprobt und beschreibt die Grenzenlosigkeit menschlichen Denkens, denkt das Nichtausdenkbare.

Von Goethe ist der Satz überliefert, er könne sich kein Verbrechen vorstellen, das er nicht in Gedanken begangen habe. Die Gedanken sind frei - bis zur Unerträglichkeit. Die Geschichte der Literatur, der Kunst ist daher auch die Geschichte einer Entrüstung.

Im "Hamlet" bestellt der Prinz bei einer Theatergruppe eine Aufführung, die einen Skandal verursacht. Noch vor Beginn der Vorstellung fragt der König seinen Neffen: "Habt Ihr den Inhalt gehört? Wird es kein Ärgernis geben?" Er fürchtet den Skandal. Hamlet antwortet: "Nein, nein, sie spaßen nur, vergiften im Spaß, kein Ärgernis in der Welt."

Kurz darauf kommt es zum Eklat. Als auf der Bühne ein König von dem Geliebten seiner Frau ermordet wird, verläßt der Monarch wütend das Theater. Der Skandal ist da.

In dieser Szene ist alles enthalten, was den Skandal ausmacht. Zunächst die Versicherung, Literatur mache kein Ärgernis, weil sie ja nicht "wirklich", sondern nur zum "Spaß" da sei. In ihr fließe kein echtes Blut, in ihr werde nur "im Spaß" vergiftet.

Auch Allemanns Text "Babyficker" macht kenntlich, daß in ihm nur zum "Spaß" geschändet wird. "Wenn einer hineinschneiden würde ins Babyfleisch würde Blut herausfließen. Babyblut. Wenn einer ins Papier hineinschneiden würde würde nichts herausfließen. Kein Papierblut."

Trotz dieses Hinweises blieb die Empörung nicht aus. Weder bei "Hamlet" noch bei Allemann. Denn sowohl Hamlets beruhigender Hinweis auf den Spaß als auch Allemanns Deuten auf das Papier, das bekanntlich unendlich geduldig ist, sind in Wahrheit als Beunruhigung gemeint. Taten in der Phantasie, Taten auf dem Papier rufen sehr wohl Empörung hervor - oft eine größere als die Realität.

Im "Hamlet" erinnert die "Mausefalle" den König durch die verkörperte Phantasie an seine grausige Tat. Das Spiel korrespondiert mit seiner Wirklichkeit, erinnert und überführt ihn.

Man kann die skandalöse Wirkung von Literatur nicht besser beschreiben als im "Hamlet": Sie überführt uns, unsere Phantasie der gleichen Taten, die sie auf dem Papier begeht. Literatur macht uns zu Komplizen.

Als Gustave Flauberts "Madame Bovary" erschien, gab es wegen des Romans, der eine Ehebrecherin zur Heldin hat (Ehebruch war damals, 1857, noch ein Delikt des Strafgesetzbuchs), einen Skandal, der zum Prozeß vor einem Gericht führte.

Den stärksten Anstoß, die große Empörung rief eine Passage hervor, in der die Heldin in einer Kutsche mit verhangenem Fenster in Begleitung eines Mannes stundenlang durch Rouen fährt.

Mehr wird nicht gesagt. Was sich in der Kutsche abspielt, tobte sich sozusagen nur in der wachgeschriebenen, sich verselbständigenden Phantasie des Lesers aus.

Ähnlich ging es in den zwanziger Jahren Arthur Schnitzlers Theaterstück "Reigen", in dem sich die Figuren zu immer neuen Paarungen zusammenfügen: die Dirne mit dem Soldaten, der Soldat mit dem Stubenmädchen, das Stubenmädchen mit dem jungen Herrn . . .

Im Buch stehen im entscheidenden Moment Gedankenstriche, auf der Bühne fällt vor dem gleichen Augenblick stets der Vorhang. Aber genau das brachte die Leute damals zur empörten Raserei. Der Beischlaf, das Vögeln, das Ficken fand hinter dem geschlossenen Vorhang der Zuschauerphantasie statt. Die Unzucht tobte auf der inneren Bühne der Empörten.

Ich vermute, daß der Allemann-Skandal in Klagenfurt (in Wahrheit eher ein Skandälchen) ähnliche Ursachen hat. Der Text ist ekelhaft, wird als ekelhaft empfunden, weil er unserer Phantasie zu nahe tritt, in eines ihrer widerlichsten Schlupflöcher grell hineinleuchtet.

Die grausame Mißhandlung, Schändung, ja Auslöschung des wehrlosesten Menschen gehört zu den ältesten literarischen (und mythischen) Phantasien der Menschheit, sicher auch deshalb, weil sie immer grausige Realität war - von Kronos, der seine Brut verschlingt, über den Bethlehemischen Kindermord bis zur Kindervergasung durch Hitler und Saddam Hussein, bis zur entsetzlichen Kinderpornographie und Kinderprostitution unserer Tage.

Der Empörte, der Entrüstete wirft der obszönen Literatur vor, daß sie aufstachelt, weckt, anregt. Allemanns Text ist nicht anregend, er ist im wahrsten Sinn des Wortes abstoßend - und das auf höchst artifizielle Weise. Überhaupt glaube ich, daß Literatur keine Gebrauchsanweisungen für die Realität liefert (die braucht leider auch gar keine), sondern eher das Gegenteil bewirkt.

In die Nähe eines Beweises scheint mir die Tatsache zu führen, daß es in keiner Zeit in der Literatur so sauber, frisch, anständig, menschlich zuging wie in den Jahren, da die Nazis alles Obszöne als "entartet" verboten hatten: Das war die Zeit der unglaublichsten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit, obszöner als die Phantasien war deren Ausleben durch Julius Streichers Stürmer, durch die Konzentrationslager, durch die Massenexekutionen - ein rauschhaftes bürokratisches Austoben von Phantasien, die in der damaligen Kunst strikt verboten, total unterdrückt waren.

Muß man einen solchen Text wie den von Urs Allemann, darf man einen Text mit dem Titel "Babyficker" preiskrönen? Ich war in Klagenfurt einer der Juroren, der von Anfang an für Allemanns Text gestimmt hat. Ich gestehe, ich hätte dem Text sogar den ersten Preis, den Bachmann-Preis, gewünscht.

Warum? Einmal, weil es in Klagenfurt keinen stärkeren Text gab. Hätte es einen ähnlich künstlerisch überzeugenden Text über ein Feld mit Mohnblumen oder ein junges Paar bei der Trauung in einer Wallfahrtskirche gegeben, ich hätte ihn dem "Babyficker" mit Freude vorgezogen. Die Kunst ist über jeden Inhalt groß, sagt Rilke. Sie ist dennoch untrennbar mit ihrem Inhalt verbunden.

Allemanns Text ist als Provokation gedacht, konsequent gedacht und ebenso geschrieben. Literatur muß die Grenze, an die sie mit ihren Phantasien und Erfahrungen stößt, immer wieder suchen, sie darf nicht da stehenbleiben, wo sie schon zu Hause ist.

In einer Zeit, die so gut wie kein Tabu mehr kennt, in einer Zeit, in der unter dem tolerierenden Applaus des Hamburger Publikums in Turrinis "Tod und Teufel" am Schauspielhaus gezeigt wird, wie ein Mann dem andern vor Voyeuren einer Peep-Show einen "bläst" und dann das Ejakulat von sich spuckt, in dieser Zeit sucht Allemann das letzte Tabu.

Ich glaube, und der unverschwiemelte, klar und artifiziell geformte Text bestärkt mich in diesem Glauben, daß Allemann das Tabu auch aus einem verzweifelten Motiv heraus bricht. Er will uns in eine Empörung treiben, aus der wir, wieder zum Bewußtsein erwachend, uns klarmachen können, warum wir vor Empörung über einen Text schreien, der auf dem Papier steht - während wir abgestumpft die Bilder des Grauens Tag für Tag sehen: die Bilder der gemordeten Kinder auf dem Balkan, im Irak. Ich erinnerte mich nach Allemanns Text an eine grausige Kinderschändung unserer Tage, wie sie im Fernsehen zu sehen war: Saddam Hussein streichelt britischen Kindern, die seine wehrlosen Geiseln waren, über den Kopf.

* In der Inszenierung von Wilfried Minks am Hamburger Schauspielhaus.

DER SPIEGEL 28/1991
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