08.07.1991

„Es geht keusch zu“

Ich ficke Babys. Um mein Bett stehn Zainen*. Es wimmelt von Babys darin. Alle da. Seit jeher. Für immer. Wie ich. Auch ich bin da. Bei andern wärs anders vermutlich. Andere würden mal gehn. Wärn mal gekommen. Irgendwohin. Irgendwoher. Wir nicht. Wir sind da. Die Babys in ihren Zainen. Ich auf meinem Bett. Mit geschlossenen Augen. Greif ich ins Gewimmel. Fisch mir eins. Ficks. Werfs zu den andern zurück. Alle nackt. Alle da. Keine Namen. Nachts wird geschlafen. Ich. Die Babys. Linda. Alles schläft. Am Tag werden Babys gefickt. Seit jeher. Von mir. Vorm Einschlafen. Nach dem Erwachen. Die Babys da. Ich da. Linda nicht da. Den ganzen lichtlosen Tag lang.
Mal erwisch ich ein Männchen. Mal ein Weibchen. O es kommt nicht drauf an. Ringfinger und kleiner Finger decken die Kerbe im Fleisch. Der Hautzipfel läßt sich zwischen Daumen und Zeigefinger verstecken. Es geht keusch zu in meiner Mansarde. Schaben. Reiben. Ich habe Lust eine keusche Geschichte zu schreiben. Der Mittelfinger. Das Poloch. Die Fontanelle. Der zahnlos speichelnde Mund. Wo dring ich ein. Wo rutsch ich rein. Die mir entgegen aufgerissenen Poren. Mein keuscher Ehrgeiz. Mit geschlossenen Augen. Ertasten. Erobern. Jede Babypore ein Loch fürs Leben. Ich habe Lust eine Geschichte über Löcher fürs Leben zu schreiben.
Die Babys schlafen. Nicht nur nachts. Auch tagsüber. Wenn ich sie ficke. Früher einmal haben sie immer gebrüllt. Jetzt schlafen sie immer. Später einmal. Ganz ohne Zeit geht es nicht. Ich mische ihnen Morfium in die Milch. Männchen. Ein Mann bin ich. Die Babys bekommen die Flasche von mir. Weibchen. Ganz ohne Unterschied geht es nicht. Von einer Frau bekämen die Babys die Brust. Eine der beiden. Beide. Keine von beiden. O das nehm ich zurück. Aber wie würde die Frau denn in die Milch das Morfium mischen. Würde es ihr womöglich in die geschwollenen Brüste gespritzt . . .
Wenn mir nur keins stirbt. Wenn mir nur Linda nicht stirbt. Wenn nur ich mir nicht sterbe.
Einsam wach ich. Einmal am Tag werden die Babys gesäubert. Vor dem Ficken das dem Säubern folgt. Nach _(* Schweizerisch für Wäschekorb. ) dem Ficken das dem Säubern vorangeht. Von mir. Seit jeher. Zainenweise spritz ich sie ab. Mit lauwarmem Wasser. Der Schlauch ist für immer am Milchhahn festgemacht. Es wär nicht von Vorteil die Babys mit Milch abzuspritzen. Die Milch könnte sauer werden womöglich. Die Babys könnten womöglich zu stinken beginnen. Ich könnte womöglich durch den Gestank genötigt werden zu kotzen. O es würde gar nichts nützen das Fenster aufzureissen. Wie oft reiss ich das Fenster auf. Ohne jeden Erfolg. Die Frischluft weigert sich in meine Mansarde hineinzuströmen. Die Altluft weigert sich aus meiner Mansarde herauszuströmen. Draussen Kino. Frischer Wind des Films. Drinnen Wirklichkeit. Altkammerfürze des Lebens. Die Babys werden mit Milch betäubt. Mit Wasser saubergespritzt. Ich trinke Wasser. Bade im Morfiumfass. Linda. Ein Wort das an Brunnen Bäume Lieder Gräber erinnert. Zum Kotzen. Zum Indenbrunnenkotzen. Zum Aufsgrabkotzen. O ich kotz aber nicht. Ess aber was. Was aber. Frösche vielleicht. Woher nehmen. Aus dem Eimer. Wie sind sie reingekommen. Gar nicht. Sie sind da. Gedeihen. Quaken. Müssten mit Morfiumsud mit Morfiumpulver betäubt werden. Quaken. Springen mir in den Mund. Quaken. Quaken. Lassen sich nicht runterschlucken. Sondern meinen Speichel ab. Hocken in meinem Speichel. Suhlen sich drin. Sind ungeniessbar. Unvergänglich. Quaken.
Früher habe ich mir manchmal einen Spaziergang geleistet. Heute leiste ich mir manchmal eine Erinnerung. Ich nenn es so. Es ist ein schönes Wort. Manchmal hab ich Lust an einem schönen Wort zu saugen. Es abzulutschen. Bis ich weiss dass mir schlecht ist. Übel. Mir ist entweder schlecht oder übel. Was ist der Unterschied. Er muß womöglich von mir erfunden werden. Dereinst. Übel. Wäre mir je vom üblen Wort Erinnerung übel geworden. Habs vergessen. Ging spazieren. Heisser Sommertag. Stiess auf dem Trottoir auf einen Frosch. War vertrocknet. Stiess mit dem Schuh am Fuss am Trottoirrand an einen vertrockneten Frosch. Ich hab nicht die Absicht aus der Erinnerung einen wie mich zu ziehn. Es gibt nicht einen den ein vertrockneter Frosch nicht an ein vertrocknetes Baby erinnert. Nicht mehr aufblasbar. Wer einen Frosch aufblasen möchte muss ihn erwischen bevor er vertrocknet ist. Gilt auch für Babys. Vertrocknete platzen nicht. Blies ich womöglich bevor ich sie zu ficken begann die Babys auf um sie zum Platzen zu bringen. Habs vergessen. Wäre mir je vom üblen Wort Vergessen übel geworden. Übel. Eben war mir übel. Schlecht. Jetzt ist mir schlecht.
. . . Ich brauch kein Geschlecht um die Babys zu ficken. Na na. Ich hab kein Geschlecht. Na na. Kleines Missverständnis womöglich. Ich hab bloss ein andres als andre. Bewegt sich. Verändert sich. Nimmt von Moment zu Moment eine andre Gestalt an. Na na. Immer die gleichen beiden Gestalten vermutlich. Liegt als Stein zwischen den Beinen im Bett. Der Geschlechtsstein. Wird noch behauen von mir. Sickert als Pfütze zwischen den Beinen ins Bett. Die Geschlechtspfütze. Wird noch. Na na. Gepeitscht von mir wie damals von Xerxes das Meer. Wenn sich der Geschlechtsstein zur Geschlechtspfütze verflüssigt. Wenn sich die Geschlechtspfütze zum Geschlechtsstein verfestigt. Wer die Geschlechtspfütze zum Geschlechtsstein verfestigen möchte muss sie erwischen bevor sie zum Geschlechtsfleck vertrocknet ist. Die Babys. Die Rolle der Babys. Die Rolle von Linda. Von Lindas Blick.
Ich ficke Babys. Das ist mein Satz. Ich hab keinen andern . . .
* Schweizerisch für Wäschekorb.

DER SPIEGEL 28/1991
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