14.01.1991

Ein Genie wird totgefeiert

So süß steht es, Wort für Wort verschnörkelt, im neuen "Köchelverzeichnis":
"Nihm fünf mal das weiß von den Eyern und schlags mit drey großen Löffelvoll feinsten Zucker, bis es ganz fest ist, hernach gib drey Eidotter, etwas Mehl und wenig zerriebene Limonischalen hinzu. Richt ein Schüssel, darein gib drey Stücklein Butter, groß wie ein Nuß, eyn großen Löffelvoll Zucker und wenig Milch und laß erhitzen. Stich aus der Eyermassa großen Nocken und legs in die Schüssel, backs bis zu schön braun sind. Zuletzt bestreus mit feinstem Zucker."
Und fertig sind die Salzburger Nockerln, als O-Rezept aus dem Rokoko einem _(* Bildnis aus der Zeit der Verlobung ) _((1782); letzte handbeschriebene ) _(Partiturseite des Requiems. ) Kochbuch entnommen, das, soeben erschienen, wortspielerisch nach Mozarts berühmtem Werkkatalog des Ludwig Ritter von Köchel benannt ist - "Köchelverzeichnis".
Die nostalgische Rezeptsammlung könnte ein Renner, das kalorienreiche Rührstück ein Knüller werden. Denn beide gehören zum gewaltigsten Leichenschmaus, den die sogenannte Kulturszene jemals aus- und angerichtet hat: Die Musikwelt fleddert heuer Mozart, und sie fleddert ihn con brio und a Konto, mit Schwung in die Kassen.
Vor 200 Jahren, am 5. Dezember 1791, verstarb in Wien der Herr Compositeur Johannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart, und mit dem Exitus mutierte ein leidlich erfolgreicher Tonsetzer zum langlebigsten Kassenschlager der Klassik.
Wenigstens ein Jahr lang wird sich die weltweite Totenfeier nun hinziehen, und in dieser Zeit werden die multimedialen Vermarkter den prominenten Leichnam nach allen Regeln der Kunst ausschlachten. Von St. Gilgen bis Taiwan, von Toronto bis Melbourne, in den philharmonischen Supermärkten und Tante-Emma-Sälen, in Hörfunk und Fernsehen wird er gespielt, beklatscht und verhätschelt werden, bis allen Zauberflöten die Luft wegbleibt.
Im stillen Gedenken an den lieben Entschlafenen werden im japanischen TV-Kanal TBS bereits k.u.k.-Speisefolgen vorgeführt, ganz nach des Toten Geschmack, wie es heißt: Suppe aus dem schuppenfreien Wels, Wachteln im Schlafrock mit Morcheln und Rotkohl, zum Nachtisch halt Nockerln. Es nockerlt der Erdkreis.
Über das französische Schienennetz rollt eine Mozart-Ausstellung, bei der das Salzburger Geburtshaus des Komponisten mittels technischer Tricks in Null Komma nichts auf jeden Bahnsteig gezaubert werden kann. In der Oper Nizza spielen sie fürs erste nur Mozart: 14 Bühnenwerke, alle Sinfonien, alle Klavier-, Bläser-, Violinkonzerte, alle Konzertarien, alles Geistliche. Das machen sie in Paris natürlich nach und bieten als Clou in Notre-Dame noch ein gar trefflich getimtes Requiem, dessen Schlußakkord am 5. Dezember Punkt 0.55 Uhr hinhauen soll - also auf die Minute genau, da angeblich der Genius verschied.
Zur selben Zeit wollen die London Mozart Players ihre Meßfeier in der britischen Hauptstadt beenden. Englische Mozartianer können nicht nur das ganze Jubeljahr über an Billard-Turnieren zu Ehren des vermeintlichen Billard-Virtuosen Mozart teilnehmen, sondern bei über 100 Mozart-bezogenen Veranstaltungen von Times und Sunday Times auch Urlaub in österreichischen Gauen gewinnen, mit Klavier und Klavierstunde, Sauna und Solarium.
Im zahlungsschwachen New York sollen, mit großzügigen Geldspritzen der Bank of Tokyo und der Japan Air Lines, vom diesjährigen Mozart-Geburtstag (27. Januar) bis in den nächstjährigen Hochsommer hinein auf mehr als 500 Feierstunden alle authentischen Mozart-Werke - angeblich 835 - dargeboten werden: Big Apple voll Ohrwürmer.
In Sydney hingegen sind die Gedenkfeiern schon einmal gelaufen. Dort hatte der Ex-Rennfahrer und Luftschiffer Niki Lauda bereits voriges Jahr - 1991 wiederholt er - zu "Lauda''s Mostly Mozart", einem zehntägigen Spezial-Festival, getrommelt und sogar Preise ausgesetzt: Wer die heikle Frage richtig beantwortete, wo und wann der besagte Komponist gestorben sei, dem winkte ein Freiflug mit der Lauda-Boeing "Mozart" nach Wien, ins Herz der weltweiten Mozart-Pflege. Denn nach den Lipizzanern, den Sängerknaben, dem Sacher, der Oper, dem Riesenrad, dem Schwarzenegger und dem Schmäh haben die Wiener nichts lieber als den durch Ächtung seines Salzburger Erzbischofs gleichsam exkommunizierten Wessi aus dem Voralpenland.
Seinem - für Stadt und Staat höchst einträglichen - Gedenken widmet Wien eine landestypische Operette. Am gestrigen Sonntag spielten, bei internationaler TV-Verbreitung, die Philharmoniker zur "Eröffnung" des längst global angeleierten "Mozart-Jahres".
Am heutigen Montag eröffnen 30 junge Österreicher beiderlei Geschlechts paarweise mit einer Quadrille im Wiener Rathaus den "Figaro-Ball". "Für den internationalen Jet-set" steht, verspricht die Einladung, eine "Ehrentribüne" bereit, und "das Lebensgefühl" soll "total sein". Alle örtlichen Adabeis und Kultur-Lackeln partizipieren am Comeback "einer ganzen Epoche in ihrer Größe und Dekadenz".
Beim Konzert zum 235. Geburtstag in zwei Wochen wird dann, laut Wiener "Mozart-Almanach 1991", das "Überirdisch-Apollinische der Seelenlandschaft Mozarts mitschwingen", während noch mal drei Tage später "Mozarts irdischdionysische Tiefen ausgelotet" werden.
Danach wird in der Seelenlandschaft nur noch mitgeschwungen und ausgelotet, da geht es nonstop rauf und runter und drunter und drüber, bei Mozart-Festen, -Wettbewerben, -Ausstellungen, -Symposien, mit fast allen Werken und fast allem doppelt und dreifach, in allen Opern-, Konzert-, Kaffeehäusern, in Schlössern, im Freien, im Dom und in gewöhnlichen Kirchenschiffen - Ehre sei Gott in der Höhe des Schwachsinns. Und dieser höhere Schwachsinn gedeiht am üppigsten in Salzburg, dem Herrgottswinkel der Mozart-Schlächter.
Dort, wo nach den Worten des österreichischen Dichters Thomas Bernhard auf "durch und durch menschenfeindlichem architektonisch-erzbischöflichstumpfsinn g-nationalsozialistisch-katholischem Todesboden" Mozarts Geburtshaus von jährlich fast einer halben Million knipsender Voyeure heimgesucht wird, ist ein Reisebüro, ein Cafe, ein Hotel und ein Kino nach dem - hinter Karajan - größten Toten der Stadt benannt. Dort heißt auch McDonald''s Buletten-Beisel "Mozart".
Dort preist die "Mozart Liqueur Manufactur Ges. m. b. H." ihren 20prozentigen Flüssig-Süßstoff als "besten Mozart seit Amadeus", dort wirbt man für ein Festbankett mit einer Mozart-Skulptur aus Kartoffelsalat, und dort wird Mozart denn auch endlich richtiger Käse: "Amadeus", mit 55 Prozent Fett in der Trockenmasse, heißt die Schmiere aus der "Alpi"-Schmelze vor Ort.
Nirgends zeigt sich die Schokoladenseite des Werbeträgers Mozart indes vollmundiger als bei den Mozartkugeln. Allein die österreichischen Confiseure drehen jedes Jahr an die 100 Millionen Stück. Dabei sitzt der Marktführer, der Pralinenmeister Reber aus Bad Reichenhall, noch jenseits der Grenze "im Reich", schöpft von dort aus den internationalen Naschmarkt ab und ist sich dabei, natürlich, "der Verantwortung für das süße Erbe Wolfgang Amadeus Mozarts voll bewußt".
Zum Mozart-Jahr sind allerdings auch andere Branchen auf den Geschmack des attraktiven Markenartiklers gekommen. Inzwischen kursieren Mozart-Mayonnaise, Mozart-Socken, Mozart-Toaster, Mozart-Frisbees, Mozart-Uhren, Mozart-Puzzles, Mozart-Hologramme, Mozart-Spielkarten, Mozart-Bridge-Set, Mozart als Brieföffner, Fingerhut, Glocke, Glöckchen, Pillendose, Kugelschreiber, Korkenzieher, Nagelschere, Mozart zum Kotzen.
"Dieses Jahr", wütet bereits im Jänner der Mozart-Dirigent Nikolaus Harnoncourt, "zerquetscht Mozart wie eine Dampfwalze" - roll over Wolferl.
Angesichts der unvergleichlich gehaltvollen Schlampampe aus Likör, Schmelzkäse und Kartoffelsalat mußten sich die Plattenmacher tatsächlich dranhalten, um aufzufallen. Aber es ist ihnen gelungen. Der stereophone Konservenhandel hat sich inzwischen bis zum Overkill mit Mozart munitioniert.
Mit totalem Digital-Bombardement droht Philips: 180 CDs, 675 Werke, 250 "Weltstars", bei rund 200 Stunden Spielzeit und 2,15 Meter Hochstapelei das klotzigste Projekt der Plattengeschichte, "der ganze Mozart". Preis: 2950 Mark.
Nach dem rasanten Crescendo zu Beginn des Feierjahres werden es die freien Kräfte des Marktes und Geistes am Ende bestimmt schaffen, die kommerzielle Top-Leiche ''91 auf alle Wühltische zu lancieren und Mozarts Musik endgültig zu Allgemeingut zu machen, wie Schiller-Locken und Bismarck-Hering.
Besucher der optisch hervorragend aufgebauten Mozart-Ausstellung "Zaubertöne" im Wiener Künstlerhaus werden _(* Wolfgang mit Schwester Nannerl und ) _(Vater Leopold vor einem Porträt der ) _(verstorbenen Mutter Anna Maria; Gemälde ) _(von Johann Nepomuk della Croce (1781). ) bei ihrem Rundgang offiziell projektbezogen aufgeklärt: "Die Musik in dieser Ausstellung", sagt der Hinweis, "kommt von Mozart und Philips." Sie verkommt vor allem. Als "Boarding-Music" vor dem Start und nach der Landung, als Pausenfüller in Telefonverbindungen, als Klangteppich in Warenhäusern und einstmals stillen Örtchen wird die Leitwährung der klassischen Musik in lauter Häppchen für die Kultur-Fuzzis zerstückelt - ein endloses, geistloses Beschallala.
Der Mozart der Medleys und Potpourris ist denn auch reif für die Schmarotzer und Falschspieler, die Cello-Softies und Piano-Schleimis aus dem halbseidenen Entertainment. Da findet sich auf der LP "20 Welt-Hits" Mozart-Mousse zwischen "Ole Guapa" und "Wenn der weiße Flieder wieder blüht", da gibt es "Mozart a gogo" voll Gaga-Mozart.
Unter den mehr als 300 Titeln, auf denen in den letzten zwölf Jahren Mozart gepanscht worden ist, tummeln sich solche E-Exoten wie der Akkordeonspieler Erwin Aschenbrenner und das Folklore-Duo Mittermaier (Rosi und Eva), Ernst Mosch mit den Egerländer Originalen und der schwäbische Rottenfänger Gotthilf Fischer mit seinen stimmlichen Herrscharen.
Die "Munich Pop Symphonics", schon vom Namen her berufene Mozart-Wiedergeber, breiten das "Ave verum" auf einem klingenden Ölteppich aus. Die dicke Ex-Kölner Ulknudel Trude Herr besingt "Die Unschuld" auf Mozart-Töne, Text im Verlag "Miau". Den erwartungsgemäß größten Output an Mozart-Konfektion hat die Wiederaufbereitungsanlage James Last: Hier, rühmt das Last-Label Polydor den Scheiben-Kleister, "wurden endlich Interpretationen geschaffen, die neben den sinfonischen Aufnahmen bestehen können".
So wie der sangbar-melodiöse Tonsatz der meisten Mozart-Stücke den Pop-Arrangeuren bei ihrem Pfusch entgegenkommt, so hilft ihnen beim Verhökern ihrer Soap-Varianten das geradezu zeit-, klassen- und autoritätslose Image des Komponisten: Unter allen Großen der klassischen Musik wirkt keiner so pfiffig und griffig wie der nette Kumpel aus Salzburg: kein Heiliger für die Säule.
Bach - das klingt immer noch wie das Geläut der Thomaskirche, das ist immer noch der barocke Patriarch mit den vielen Kindern, der Moses der Tonkunst, der den Kopf unter seiner Allongeperücke voll hatte mit Toccaten und Fugen. Bach gilt, mit Recht, als Architekt des ganzen neuzeitlichen Klangkosmos, und mit frommem Augenaufschlag blickt eine riesige Gemeinde zu ihm auf: Ein'' feste Burg ist unser Bach.
Beethoven - das ist immer noch die grimmige marmorne Titanenbüste auf dem lackschwarzen Klavier, die dreinschaut wie einer, der dem Schicksal ständig in den Rachen greifen muß und mittlerweile eigentlich im Mantel der Geschichte aufs Brandenburger Tor gehört, so oft hat der schöne Götterfunke der Neunten beim Mauerfall gezündet.
Und Richard Wagner, der Ziehvater aller Grals- und Schwanenritter, der sich und seine Entourage zum Gesamtkunstwerk stilisierte und sich auf Bayreuths Grünem Hügel seine Kirche zusammenschnorrte, wo die Wagnerianer seitdem seine genialen Opiate kiffen - uns zeitlich der nächste, ist er als Nachbar der fernste: überlebensgroß Herr Wagner.
Gemessen an diesen Heroen, die unter den heiligen Schauern von Millionen längst ins Elysium der Unsterblichen abgehoben sind, erscheint der Salzburger Musikus wie ein junger Wilder, Mozart wie Amadeus: frisch, frech und affengeil, zu jedem Quatsch aufgelegt und immer gut drauf.
Keine Marotte, kein Accessoire, kein Klischee der modernen, multimedialen Gesellschaft, die sich ihm nicht andichten ließen. Im Spagat - ein Bein in der samtenen Kniebundhose, das andere in der durchlöcherten 501 - scheint er zwei Jahrhunderte spielend zu überstehen: 1791 Compositeur von Contretaenzen, 1991 Typ im Trend.
Zu diesem ewigen Yuppie passen Menuett und Lambada, Dukaten und Amexco, die Kutsche aus Schönbrunn und der Porsche 959 des Kollegen Karajan. Gut vorstellbar, daß er immer First Class fliegen, an einarmigen Banditen klimpern, bei Erika Bergers Kopulationslektionen schweinigeln und seiner Frau Constanze einen Dom Perignon Rose ins Dekollete kippen würde. Denn wenn nicht alles täuscht, war er ein Verschwender, Spieler und Ferkel.
Die Lektüre seiner Briefe ans Bäsle Maria Anna Thekla ("Ich scheisse schon wircklich bald 22 jahr aus den nemlichen loch") läßt herrlich tief blicken auf die Schlagader seiner Lüste, und auch der Kinoheld Amadeus, obwohl wissenschaftlich nicht haltbar, moussierte absolut glaubwürdig über die Leinwand.
Dieser Elan und eine scheinbar unendliche Leichtigkeit des Seins katapultierten Mozart wie einen Champagnerkorken aus dem Rokoko direkt ins Präsens und erweckten den Entschlafenen zur putzmunteren Kultfigur: James Dean mit Schnallenschuhen.
Derart schnuckelig hat sich die Freizeitgesellschaft des musikalischen Massenkonsums mit dem Jung-Star aus der Getreidegasse verbrüdert, daß sie nicht aufjaulte, sondern applaudierte, als sich 1977 der eigentlich fachfremde Möbeltischler, Innenarchitekt, Maler, Satiriker, Dramatiker und Romanautor Wolfgang Hildesheimer an dem "im Lauf der Jahrhunderte mehrfach übermalten Fresko" Mozart zu schaffen machte und dabei keck auf den Putz schlug.
"Wir kennen", ketzerte Hildesheimer in seiner gegen die labernde Biographen-Mehrheit _(* Oben: "Morgenandacht bei der Familie ) _(Bach", Gemälde von Toby E. Rosenthal ) _((1870); unten: Büste in der Walhalla bei ) _(Regensburg. ) zielende Monographie "Mozart", "keine verbürgte geistreiche Erwiderung von ihm, und alle Beweise seiner Schlagfertigkeit gehören in den Bereich der Legende." Mozart sei durch "forcierte Albernheit" aufgefallen, habe in Briefen an seinen Vater Leopold in "zweckbedingter Heuchelei" geschwindelt, kein "Gespür für den Wert reiner Poesie" besessen und wohl einem "Stammtischhumor" gefrönt, der Hildesheimer "nicht selten peinlich" dünkt.
Wahrscheinlich hätte dieser Hildesheimer-Mozart weniger über Loriot gelacht als über Didi Hallervorden, vielleicht hätte er Harald Juhnke unter den Tisch gesoffen und mit Joachim Kaiser vierhändig Klavier gespielt. Und nach allem halbwegs dokumentierten Anschein hat er kaum so lockig dreingeschaut wie Thomas Gottschalk oder gar so charmespritzig wie Tom Hulce, der Amadeus in "Amadeus", sondern vielleicht so blasiert aus der Wäsche gegrinst wie J. R. oder so gedunsen herumgestiert wie der glubschige Peter Lorre als Fritz Langs Kinomörder "M".
Daß Mozart so blendend als Identifikationsfigur taugt und eigentlich heute für jedermann nur so eine Art besonders begabter Jedermann ist, liegt an einem historischen und - trotz Hildesheimer - offensichtlich auch unrevidierbaren Fehlurteil über seine Lebens- und Laufbahn: daß nämlich seine Vita eigentlich noch viel schöner gewesen sei als das, was das Kino und seinesgleichen draus gemacht haben.
Hatte nicht ein herzloser, eigensüchtiger Vater diesen begnadeten Bub quer durch Europa gehetzt und vorgeführt wie ein Dompteur seinen Goldesel - Anlaß für alle Mozartianer, den armen Kleinen noch postum in literarischer Nestwärme zu kuscheln?
War der Salzburger Star-Virtuose nicht von den dünkelhaften Wiener Adeligen schon bald als demode abgeschoben worden und dadurch letztlich an den Bettelstab geraten? Möchte nicht heute noch jeder Operngänger nach der "Entführung" oder der "Zauberflöte" am liebsten seine Geldbörse zücken und dem Wolferl Wiedergutmachung leisten für die Unbill der Blaublütigen?
Und was, bitte, ist mit dem grauslichen Finale dieses tragisch kurzen Lebens, wo jener graue, geheimnisvolle Bote und Besteller des Requiems auftritt, wo Antonio Salieri als möglicher Giftmörder böse ins Gerede kommt, wo Mozarts Leiche in Sack und Asche verschwindet und nicht mal ein Kruzifix auf dem Gottesacker seine Gruft markiert? Muß sich die Menschheit nicht immer noch schamvoll bekreuzigen, daß sie für dieses Geschenk des Himmels keinen Platz auf Erden gefunden hat?
Nur kein Theater. Vater Leopold war, soviel wir wissen, ein sicher gestrenger, aber auch kenntnisreicher und einfühlsamer Pädagoge, der die Gaben seines Wunderkindes planmäßig geweckt, vermehrt und auch vermarktet hat. Mit der Legende vom ausgebeuteten Virtuosenknaben hat er wenig, viel indes mit dem Durchmarsch von Amadeus Superstar zu tun. Das gegenwärtige Zeitalter der Headhunter hat jedenfalls keinen Grund, ihm PR-Geschick vorzuwerfen.
Viel falsche Spekulationen auch über Mozarts Kontostand. Der Komponist und Pianist lag mit seinen Kunststücken jahrelang voll im Trend und Wien ihm zu Füßen, da war er eher Spitzenverdiener als Sozialfall. Aber vermutlich konnte er nicht haushalten: Der Modegockel und der Lebemann kamen ihn teuer zu stehen, und auch der Schluckspecht und der Zocker brauchten Bares.
Und schließlich, als Krönung allen Schwindels, die tränenreiche Mär vom Ende seiner irdischen Tage, an der denn nichts mehr stimmt: Das Getuschel um den ominösen Auftraggeber der Totenmesse hat sich erübrigt, Salieri wurde freigesprochen vom schlimmen Rufmord, das anonyme Bestattungsritual ist als damals durchaus üblich geklärt. Insoweit könnten die Mozart-Akten geschlossen werden.
Aber die Geschichten vom Dunkelmann, der sein Requiem will, und vom Leichenzug, der bei Schneeregen nach Nirgendwo rollt, bilden immer noch den schönsten Krimi der Musikgeschichte - gut für zwei Jahrhunderte Gänsehaut bei Millionen Mozartianern.
Kaum war Mozart tot, da flogen der Leiche die Herzen nur so zu. All die Schauerballaden, die sein Leben im irdischen Jammertal so herrlich grausam besangen, machten ihn für die meisten Menschen allmählich interessanter als sämtliche 626 KV-Nummern.
In zahllosen Trivialromanen wurde Mozart in eine Gartenlaube verpflanzt, um die sich bald die Lügen und Legenden nur so rankten. Aus Hunderten von Ölgemälden blickte er mit sanften Augen in die schöne Welt, wo seines Verweilens nicht lange war. Auf Kitschpostkarten in Massenauflage war er, eng umschlungen, "mit seiner Constanze auf der Hochzeitsreise" zu sehen; auf den Sammelbildern von "Liebig''s Fleisch-Extract" tat sein Sarastro, was ein Sarastro fast immer tut: in heil''gen Hallen dumm rumstehen.
Ähnlich wie die Seilschaft der Maler und Filmemacher hangelte auch der Klub der toten Dichter durch alle Gipfellagen von Kitsch und Verzückung. "Im Frühling und in Tagen des Glücks", schwärmte 1906 der sonst durchaus ernst zu nehmende Dramatiker Richard Beer-Hofmann, "wenn wir am frühen Morgen in unsere Gärten treten und, mit noch schlafgelösten Gliedern, die feuchte Luft des frühen Jahres und den Duft der Erde wie ein Glück genießen und hoch über uns ein Vogel in erdentbundenem Flug sich dem Himmel entgegenwirft, alle Seligkeit seines Lebens im Gesang verströmend - dann grüßen wir dich, Wolfgang Amade Mozart!"
CosI fan tutte, so grüßten sie alle. "Jede Melodie enthält ein zärtliches Seelchen", faselte das Neue Wiener Journal über Mozarts Kompositionstechnik. Vom "Erdenwallen" eines "holdseligen Heros ewig junger Frühlingskraft" plauderte der bis heute verbreitete Biograph Bernhard Paumgartner. "Celeste", himmlisch, fand Thomas Mann den Salzburger Klassiker, "Obertöne einer ,jenseitigen'' Konsonanz" vernahm der Dirigent Bruno Walter. Und jedesmal wenn in Gegenwart des rheinischen Verlegers Nikolaus Simrock der Name Mozart fiel, dann, grüß Gott, lüftete der Notenverkäufer den Hut.
Selbst das gottlose Lästermaul Thomas Bernhard, der Beethoven "staatsdumpfes Marschieren der Noten" vorgeworfen und den "Blindgänger" Bruckner "schlampig" und "stümperhaft" gescholten hat, wurde weich und wählte die Worte, wenn er von Mozart schrieb. Mozart "war meine ureigene _(* Tom Hulce mit Elizabeth Berridge als ) _(Constanze. ) Welt", "mit Mozart war das Halsweh halb so schlimm", und unter den Tönen von Mozarts Haffner-Sinfonie ließ er in seiner "Jagdgesellschaft" den blinden General Selbstmord begehen.
Doch merkwürdig: Das ewige Festgeläut in allen Kathedralen des Kulturbetriebs, dieses heilige Bimbam im und beim Namen Mozart, diese ganze große Koalition aus internationalem Kultur-Gelichter, Schaumschlägern und Grossisten des Mozart-Handels stumpft am Ende für die Wunder des Geschöpfes Mozart immer mehr ab. Mann und Musik drohen unter dem Lorbeer, den die Massen in ihrer Affenliebe aufhäufen, zu ersticken. Durch die allzu glatte Politur hat das heutige Mozart-Image immer mehr mit dem oberflächlichen Reiz Salzburger Nockerln gemein: oben hui, unten Schaum.
Selbst die Musik, die den jahrzehntelangen Weichspülungen des Komponisten in anderen Disziplinen zu widerstehen schien, droht im Zugriff der jettenden Interpreten und unter dem Druck der Plattenhalden zu klassischem Fast food zu verflachen und zu verschleißen.
Wo man hinhört: schlampertes Rumwursteln. So viele Meistersinger/innen, wie bald nach Ende des Zweiten Weltkrieges im legendären Mozart-Ensemble der (künstlerisch damals noch intakten) Wiener Staatsoper bei normalen Repertoireaufführungen zusammentrafen, lassen sich heute nicht mal mehr europaweit auftreiben. Verfallserscheinungen auch am Dirigentenpult. Von der geschliffenen und unsentimentalen Radikalität Arturo Toscaninis zeugt nichts mehr. Kein Kapellmeister zeigt mehr die pulsierende Herzlichkeit von Bruno Walter, das elegante Brio von Erich Kleiber oder den imposanten Zugriff von Otto Klemperer, der vor allem den Sinfoniker Mozart unter Höchstspannung emanzipiert hat.
Nein, seitdem wird genockerlt. Karl Böhm, für die meisten der schlechthin Berufene, mogelte sich manchmal mit charmanter Frechheit durch die Noten: Jo mei, nur nichts zu genau nehmen. Karajan, für alle der Berufenste schlechthin, hatte ebenfalls seine liebe Not mit seinem Landsmann. Vor allem die späten Einspielungen sind meist fad, sein anämischer "Don Giovanni" strotzt, so das korrekte Urteil der Berliner Musikologin Silke Leopold, "nur so von Fehlern" und "wirkt erstaunlich unpräzise und uninspiriert" - also absolut zeitgemäß. Und doch sind derlei Alt-Herren-Sünden nur ärgerliche Petitessen gegenüber dem hölzernen Hacken nach neudeutscher Un-Art: Ein Dirigent vom Schlage des Stuttgarter Staatsrates Wolfgang Gönnenwein beispielsweise empfiehlt sich nur als Mann fürs Grobe - Ohren zu und durch.
Aber die Gegenspieler versuchen aufzuholen. Nikolaus Harnoncourt, der seit Jahren Mozart gegen den nur schönen Strich musiziert und deshalb von der Karajan-Kundschaft als Kratzbürste verteufelt wurde, hat selbst in den abgelutschten Partituren Widerhaken freigelegt und musikalische Weichteile aufgerauht. So ist der pure Liebreiz dahin, das geschönte Klangfurnier effektvoll gemasert, Mozart aus der falschen letzten Ruhe gerissen.
Auch auf der Bühne tut sich Lästerliches. Vor allem Amerikas blitzgescheiter Regie-Frevler Peter Sellars stellt Mozart bravourös auf den Kopf. "CosI fan tutte" hat er von italienischen Gestaden in einen vermieften amerikanischen Coffee-Shop verlegt und dort zwischen Kleenex-Tüchern und Ketchup-Flaschen zum Musical verdreht. Sein "Don Giovanni" spielt unter Haschern in der Bronx: Der Titelheld läßt sich zur Champagner-Arie einen Schuß setzen und fährt, einen Big Mac zwischen den Zähnen, in der Unterhose zur Hölle. Es geht also aufwärts mit der Mozart-Regie.
Selbst die Spieler und Schreiber tanzen schon aus der Reihe. "Ich konnte eigentlich nicht verstehen", giftete der genialische Klavier-Exzentriker Glenn Gould über Mozarts Sonaten (die er komplett einspielte), "wie meine Lehrer und andere mutmaßlich geistig gesunde Erwachsene diese Stücke zu den großen musikalischen Schätzen der westlichen Menschheit rechnen konnten."
Mozart sei der "mit Abstand am meisten überschätzte Komponist". Im Kopfsatz des c-Moll-Klavierkonzerts KV 491 - "kein sehr gelungenes" Stück - bemängelt Bach-Freak Gould "phantasielose Sequenzen" und "ärgerlichen Wirrwarr". Die große g-Moll-Sinfonie KV 550, ein Brilli des Repertoires, besteht für ihn "aus acht bemerkenswerten Takten - und drumherum eine halbe Stunde voll Banalität". "Am besten", so Goulds Fazit, sei Mozart in seiner "Teenager-Musik" gewesen, "doch später ging bei ihm der Ofen aus": "Mozart ist eher zu spät als zu früh gestorben."
Für weitere Erschütterungen sorgte Hildesheimer. Mozarts Konzert für Flöte und Harfe KV 299 sei eines von Mozarts "nichtssagenden Werken", die Oper "Titus" von "ermatteter Routine" gekennzeichnet. Einige der späten Lieder rechnet Hildesheimer unter das "absolut Nichtige", und die "Zauberflöte", der Deutschen liebstes Singspiel, erscheint ihm als Mozarts "letzter energischer Versuch, sich zu sanieren".
Das Stück, stichelt der Autor, sei "von je überschätzt worden", sei kaum mehr als "anspruchslose Unterhaltung" und mit seinem "Palmenwedeln, Gewändertragen und weihevollen Wandeln unmozartisch fremd" - halt ein "Musical".
Aber die Palmen werden immer noch gewedelt, und man wandelt weiter in Weihe. "Man versucht es den Kindern gegenüber mit der Wahrheit", giftete Anfang des Jahrhunderts der Musikwissenschaftler (und gußeiserne Wagnerianer) Paul Zschorlich in seinem Pamphlet "Mozart-Heuchelei". "Aber die Erwachsenen können sich nicht dazu verstehen, die konventionelle Heuchelei aufzugeben. Sie schlafen fast ein, wenn sie um ihres gesellschaftlichen Rufes willen eine Mozartsche Symphonie hören, aber sie versichern hinterdrein, es sei entzückend gewesen."
Überall stieß Zschorlich schon damals auf jene "Spezies von Mozartschwärmern, die morgens zum Kaffee den Mozart-Festartikel verschlingen, um schleunigst sich mit ungleich mehr Inbrunst ins Vermischte zu vertiefen".
Noch nie in den 200 Jahren seit Mozarts Tod wurde ihnen der Schwenk so leicht gemacht wie in der kauflustigen Hochstimmung des Trauerjahres 1991: Denn seit Mittwoch letzter Woche veröffentlicht ein bekannter Klavier-Professor aus Norddeutschland in einem für sein Vermischtes gern gekauften Druckerzeugnis unter dem süßen Titel "Mein lieber Mozart" sein literarisches Heidschi Bumbeidschi - Justus Frantz rührt in Bild seine Hamburger Nockerln an.
Da hilft nur eins: Nihm eyn Bild-Zeitung und applaudiere "aus den nemlichen loch".
* Bildnis aus der Zeit der Verlobung (1782); letzte handbeschriebene Partiturseite des Requiems. * Wolfgang mit Schwester Nannerl und Vater Leopold vor einem Porträt der verstorbenen Mutter Anna Maria; Gemälde von Johann Nepomuk della Croce (1781). * Oben: "Morgenandacht bei der Familie Bach", Gemälde von Toby E. Rosenthal (1870); unten: Büste in der Walhalla bei Regensburg. * Tom Hulce mit Elizabeth Berridge als Constanze.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 3/1991
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