11.02.1991

IsraelJeder betet

Vor den irakischen Raketen flohen viele Einwohner aus Tel Aviv. Für den Bürgermeister sind sie „Deserteure“.
Die Angst kommt mit der Dämmerung: Cafebesitzer an der Dizengoff-Straße räumen Tische und Stühle von den Trottoirs, vor Modeläden und Luxusboutiquen auf dem Ben-Jehuda-Boulevard gehen die Rollgitter herunter, in den Geschäftsvierteln schließen Büros und Bankfilialen. Nervöse Autofahrer hupen sich den Weg frei. Die blasse Wintersonne ist noch längst nicht im Mittelmeer versunken, da erstarrt Tel Aviv in gespenstischer Stille.
In "Klein Manhattan", unweit des alten Hafens, sonst mit Anbruch der Dunkelheit Treffpunkt von Studenten und Szenegängern, bleiben Bars, Diskotheken und Kinos geschlossen, die Strandpromenade vor den Luxushotels liegt verlassen. Im Cafe "London Ministor", traditioneller Treffpunkt deutscher Juden ("Kuchen nur aus eigener Herstellung"), macht der Chef jetzt schon gegen sechs Uhr Feierabend, eine Stunde später sind die Straßen ausgestorben: Es beginnt das lange Warten auf den Luftangriff.
"Tel Aviv - Stadt ohne Pause": Der selbstbewußte Slogan, mit dem die mediterrane Millionen-Metropole Anspruch auf weltstädtisches Flair erhebt, stimmt längst nicht mehr. Seit die ersten irakischen Raketen über Israels größtem Ballungszentrum niedergingen, beginnt an jedem Nachmittag ein Massenexodus. "Rush hour", erklärt ein Lehrer aus Tel Aviv die Absetzbewegung "ist jetzt wörtlich zu nehmen - als Flucht."
Das Ziel sind die umliegenden Städte, die bislang von den Explosionen der irakischen Scud-B-Raketen verschont blieben: In den Küstenorten Netanja oder Aschdod sind Hotels und Pensionen ausgebucht wie sonst nur in der Badesaison. Auch Jerusalem, seit Beginn der "Intifada" gemieden, gilt dank der heiligen Stätten des Islam jetzt als sichere nächtliche Zuflucht. "Missile-commuting", Raketen-Pendeln, heißt die neue Form des vom Krieg diktierten Nahverkehrs.
Nur tagsüber bietet Tel Aviv das Bild betriebsamer Hektik. Es ist eine nervöse Normalität: Einkäufe werden früh morgens erledigt, der Karton mit Gasmaske und Atropin-Spritze ist immer dabei. Zwar sind Universitäten und höhere Schulen wieder geöffnet, aber Konzerte, Vorträge und selbst Hochzeiten müssen ausfallen. Viele Museen und Galerien sind geschlossen, ganze Apartmentblocks stehen leer.
Wer es sich leisten kann, ist längst aus Tel Aviv fortgezogen. Die Wüstenstadt Beerscheba ist plötzlich zu einer feinen Adresse geworden, wohlhabende Familien warten in den Fünf-Sterne-Hotels von Eilat auf den Ausgang des Golfkonflikts. "Saddam Hussein hat uns erst die Touristen vertrieben", freut sich ein Hotelier in dem Urlaubsort am Golf von Akaba, "jetzt bringt er sie zurück."
"Diejenigen, die wegrennen, sind Deserteure, die bald auch bereit sein werden, das Land zu verlassen", empörte sich Tel Avivs Bürgermeister Schlomo Lahat. Damit zog er sich den Zorn vieler Israelis zu: "Wenn mein Land mich nicht schützen kann, dann rette ich mich und das Leben meiner Kinder", schimpfte ein Geschäftsmann, der seine Familie zu Verwandten in den Norden brachte.
"Das ist der erste Krieg, in dem die Leute nicht auf die Karten mit dem Frontverlauf blicken", beschreibt Tel Avivs Massenblatt Chadashot die Gemütsverfasung der Bürger, "sondern auf den Grundriß und die Himmelsrichtung ihrer Wohungen. Und jeder betet, daß die Baufirma nicht am Beton gespart hat." Mehr als 3300 Wohnungen und Gebäude wurden in Tel Aviv bisher durch die Angriffe beschädigt.
Selbst die Stationierung der amerikanischen Patriot-Raketen hat das Gefühl tiefer Verunsicherung nur vorübergehend verdrängt. Die selbstverordnete Ausgangssperre der Bürger ist auch nach mehreren alarmfreien Nächten noch immer in Kraft. Natürlich wurden die US-Soldaten bei ihrer Ankunft begeistert gefeiert: "Wir kommen aus Deutschland, wo die amerikanische Flagge verbrannt, die irakische vor unseren Nasen herumgeschwenkt wurde", berichtete ein Offizier, "und hier werden wir mit Blumen empfangen." Doch die Einwohner von Tel Aviv haben die Erfahrung machen müssen, daß auch die amerikanischen Wunderwaffen keinen völligen Schutz gegen die Scuds bieten. Ihre ohnmächtige Wut auf den Diktator von Bagdad reagierten sie mit einer fingierten Todesanzeige ab: "Wir freuen uns, das Ableben des bösen Mannes von Bagdad anzuzeigen - Saddam Hussein", hieß es in schwarzen Lettern, "gezeichnet: das glückliche Volk von Israel."
Die Stadtverwaltungen von Tel Aviv und Jaffa riefen die Einwohner zu einer Art symbolischem Widerstand auf. Mit dem Hissen der blau-weißen Fahne Israels sollten die Bürger bekunden: "Hier stehen wir, wir werden nicht weichen."
Zwar machte sich, nachdem mehrere Scud-Raketen fern von Tel Aviv im Westjordanland eingeschlagen waren, schon Sorglosigkeit unter der Bevölkerung breit: "Sie haben Schwierigkeiten mit der Reichweite", spottete ein Regierungsbeamter über die nachlassende Zielgenauigkeit der irakischen Geschosse.
Aber Generalstabschef Dan Schomron warnte, die israelische Öffentlichkeit müsse auch weiterhin mit einem Alarm rechnen, "selbst wenn die irakische Fähigkeit, Raketen zu feuern, abnimmt."
Zivilschutz und Armee rüsten weiter für den Ernstfall; mittlerweile gibt es Atemschutzgerät für Asthmatiker und für Orthodoxe, die auf den Vollbart nicht verzichten wollen. Für die psychischen Belastungen bieten die Kliniken des Gewerkschaftsdachverbands ihre Hilfe an, empfehlen Telefonseelsorge nach dem Motto: "Wählen - Verstehen - Entspannen".
Im zermürbenden "Krieg des Terrors", so Israels stellvertretender Außenminister Benjamin Netanjahn, ist dennoch jeder mit sich und seinen Ängsten allein. "Mein zweijähriger Sohn hat Alpträume", berichtet eine Mutter in Tel Aviv, "ich selber komme abends nur mit Valium-Tabletten zur Ruhe."
Nacht für Nacht beginnt das nervenzehrende Warten auf den an- und abschwellenden Heulton der Sirenen, den Griff nach der Gasmaske und das Ausharren in der beklemmenden Isolation des mit Plastikfolien und Klebeband luftdicht versiegelten Zimmers. Es folgt das Horchen auf Detonationen, auf den fauchenden Abschuß der Patriot-Raketen, die über Tel Aviv ein Feuerwerk entzünden.
Selbst wenn der abendliche Alarm ausbleibt, wachen viele Bürger bis in die frühen Morgenstunden - unfähig zu schlafen. Der müde Blick aus übernächtigten Augen, mit dem die Tel Aviver dann den nächsten Morgen erleben, hat schon seine spöttische Bezeichnung: "Saddam Jet-lag".
Gasmasken-Training in Tel Aviver Schule: "Verstehen - Entspannen"
Tel-Aviv-Flüchtlinge in Eilat: "Saddam bringt die Touristen zurück"

DER SPIEGEL 7/1991
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