08.04.1991

„Es wird nur noch Asche sein“

Trotz seiner Niederlage im Golfkrieg mordet Saddam Hussein weiter: Von einem Genozid bedroht, flüchteten Hunderttausende aufständischer Kurden vor dem Diktator in die Türkei und in den Iran. Die USA sehen der Tragödie in Kurdistan bislang untätig zu. Doch die Kritik an Präsident Bushs zynischer Nahost-Politik wächst.
Wenn sich die Sommerhitze bleiern über das Land legte und die Bewohner der nordirakischen Erdölmetropolen Kirkuk und Mosul der Glut entfliehen wollten, gab es nahe der iranisch-irakischen Grenze einen touristischen Geheimtip: Umgeben von schneebedeckten Bergen, lockte das malerische Kurdenstädtchen Halabdscha mit seinen gepflegten Familienpensionen und gemütlichen Restaurants stets viele Gäste an. Der im Ort destillierte Anisschnaps Arak galt unter Kennern als besonders süffig.
Eine Idylle im wilden Kurdistan - doch dann, am 16. März 1988, brach über Halabdscha das Inferno herein: Ohne Vorwarnung bombardierte die irakische Armee das pittoreske Bergstädtchen mit Senfgas-Granaten.
Die Folgen waren fürchterlich: Über 5000 Zivilisten, vorwiegend kurdischer Abstammung, erstickten qualvoll. Die Bilder von Eltern, die sich schützend über ihre Kinder geworfen und im Sterben mit ihnen verkrampft hatten, erschütterten die Welt.
Seither markierte der Name von Halabdscha eines der widerlichsten Kriegsverbrechen des irakischen Despoten Saddam Hussein. Der Chemiewaffen-Angriff auf die unschuldige Bevölkerung, durch den das Paktieren mit Aufständischen bestraft werden sollte, gilt als der schlimmste Einsatz von Kampfgas seit dem Ersten Weltkrieg.
Damals waren auf den Schlachtfeldern der Westfront Zehntausende deutscher, französischer und britischer Soldaten krepiert.
Für das Volk der Kurden aber wurde der Name Halabdscha, ähnlich wie Sabra und Schatila im Libanon für die Palästinenser, seither zum Symbol für eine der blutigsten Episoden in seiner leidvollen Geschichte von Verfolgung und Völkermord.
Nach der Vernichtungsorgie vertrieb Saddams Armee die Überlebenden aus der Stadt - die meisten wurden in den weit entfernten, heißen Süden zwangsumgesiedelt. Mit Bulldozern rissen die Soldaten ganze Straßenzüge nieder - nie wieder sollte in Halabdscha ein rebellischer Kurde wohnen können.
Aber sie kamen zurück, obgleich es Jahre dauerte. Sie kamen an dem Tag, an dem der von den Alliierten vernichtend geschlagene Präsident Saddam Hussein den Abzug seiner Truppen aus Kuweit verkünden mußte. Wie überall im Norden des Zweistromlandes, wo die Mehrheit der etwa vier Millionen irakischen Kurden lebt, keimte bei den Rückkehrern von Halabdscha Hoffnung für eine bessere Zukunft auf, der Wunsch nach Freiheit gar - jedenfalls schien der so schmählich besiegte Diktator in Bagdad keine Gefahr mehr zu sein.
Das war eine bittere Fehlkalkulation. Für das unbändige Bergvolk hat in seinem über 70jährigen Kampf um Unabhängigkeit die wohl gefährlichste Phase begonnen - nun sind Hunderttausende Kurden auf der Flucht aus dem Irak, um dem Genozid zu entgehen.
Denn kaum fünf Wochen nach seinem militärischen Desaster am Golf schlug der verhaßte Diktator erneut zu. In blindwütigen Rachefeldzügen eroberte seine Republikanische Garde zahlreiche kurdische Städte zurück, die von Aufständischen unter Kontrolle gebracht worden waren. Dabei soll Saddams Prätorianertruppe wie schon in Halabdscha Senfgas eingesetzt haben - und Napalm.
Auch im Süden des Landes, wo sich schiitische Rebellen gegen die Bagdader Zentralmacht erhoben hatten, ging Saddams Soldateska grausam gegen die aufständische Bevölkerung vor. Flüchtlinge, die in den Iran gelangten, berichteten von Massenexekutionen auf den Straßen, von Vergewaltigungen, Plünderungen und Zerstörungen. Tausende mußten mit ihrem Leben bezahlen, weil der Kriegsverlierer Saddam Hussein unbeirrt weitermorden durfte, als sei er durch seine Kapitulation am Golf nicht im mindesten geschwächt worden.
"Wann greifen endlich die Amerikaner ein", fragten verzweifelt aufständische Kurden und Schiiten vergangene Woche, wenn immer sie auf ausländische Journalisten trafen. Hatte der "Hadschi Bush", wie der siegreiche Kriegsherr der westlichen Supermacht schon mit dem moslemischen Ehrentitel eines Mekka-Pilgers bedacht wurde, nicht selber am 15. Februar, neun Tage vor Beginn der Bodenoffensive, das irakische Volk zum Aufstand aufgerufen?
Hatten nach dem Waffenstillstandsdiktat die Amerikaner mit dem Abschuß zweier irakischer Jagdbomber nicht demonstriert, daß sie dem geschlagenen Diktator keineswegs gestatten würden, seine der Operation Wüstensturm entronnenen Eliteeinheiten nunmehr zum Niederwerfen des inneren Aufruhrs und zum Massenmord an Volksgruppen einzusetzen?
So jedenfalls waren Washingtons Warnungen nicht nur bei den Aufständischen verstanden worden: Der Schlagmann im Verbund der Golf-Koalition werde nicht zulassen, daß Bagdads Chefterrorist nun die Rebellion des eigenen Volkes mit Napalm ersticken könnte.
Genau das aber passierte. Saddam Hussein ließ weiter morden, niemand griff ein, niemand wollte oder vermochte ihn daran zu hindern.
Die Drohgebärden des Weltgendarmen entpuppten sich, so das amerikanische Nachrichtenmagazin Time betroffen, "als ein Bluff, der nicht wirkte". Als ein Bluff überdies, der Washingtons Zurückhaltung, das Optieren für die illusionäre Stabilität des Status quo, in den Geruch zynischer Realpolitik brachte.
Dies zumal nach all den Fanfaren deklamatorischer Gesinnungsethik, mit denen George Bush zuvor die Weltgemeinschaft auf den Waffengang gegen einen Mann eingestimmt hatte, der ihm "schlimmer als Hitler" erschienen war.
Aber jetzt sah der amerikanische Präsident "die Arbeit getan", blieben die Truppen von General Norman Schwarzkopf am Euphrat stehen. Vielen Beobachtern drängte sich da der beklemmende historische Vergleich mit Stalins Roter Armee auf, die im Spätsommer 1944 vom Ostufer der Weichsel aus nicht eingriff, als Hitlers SS-Einheiten in Warschau den Aufstand der national-polnischen Widerstandsbewegung niederwalzten.
Zu diesem Aufstand hatten die Russen über den Rundfunk aufgerufen. Dann aber ließen sie Polens Untergrund-Armee verbluten, denn ihr Überleben hätte nicht in die von Moskau konzipierte kommunistische Nachkriegsordnung für den Osten Europas gepaßt.
Und jetzt? Hat Amerika mit seiner peinvollen Passivität nicht nur moralischen Kredit verspielt, sondern auch den politischen Humus verdorben, auf dem nach dem glanzvollen Militärerfolg am Golf eine neue Friedensordnung für den Nahen Osten gedeihen sollte?
Mit hilfloser Wut sahen Soldaten aus der Neuen Welt zu, wie unter ihren Augen, jenseits der Demarkationslinie im Süden des Irak, die Schlächter Saddams wehrlose Zivilisten massakrierten. "Bei uns gibt es keinen, der nicht losmarschieren würde", beschrieb ein Zugführer die Bereitschaft seiner Soldaten, dem Gemetzel Einhalt zu gebieten.
Doch davon wollte Washington nichts wissen. Der Präsident fischte vor Floridas Sonnenküste und erklärte Amerika für unzuständig: US-Truppen seien nicht gegen Saddam angetreten, "um alle inneren Probleme des Irak zu lösen". Daheim in Washington befand Bush-Stabschef John Sununu, die Kritik an der Haltung der US-Regierung entspringe den Einbildungen ewig hadernder Kolumnisten. _(* Am 4. April in Bagdad. )
Von denen hatte einer der scharfzüngigsten, William Safire, das "moralische Versagen" durch den Verrat an den Kurden schon zu "Bushs Schweinebucht" erhoben und damit in den Rang von Kennedys Kuba-Desaster.
Fassungslos erlebten nicht nur die aufständischen Iraker, wie der Bagdader Despot nach der Kapitulation seine Herrschaft wieder festigen konnte, obwohl die Sieger ein Sechstel seines Landes besetzt halten und den gesamten irakischen Luftraum kontrollieren.
"Wir sind die Waisen des Universums. Im Grunde kümmert niemanden, was mit uns geschieht" - der legendäre Kurdenführer Mustafa el-Barsani hatte diese düstere Prophezeiung 1979, kurz vor seinem Tod, ausgestoßen. Und beschämend viel spricht derzeit dafür, daß er mit dieser pessimistischen Prognose recht behalten wird.
Anfang letzter Woche hatte sich im Norden des Irak eine gewaltige Flüchtlingswelle in Bewegung gesetzt, wie sie die Region seit Jahrzehnten nicht mehr erlebte.
Alte, Kranke, Kleinkinder, teils auf dem Rücken von Maultieren oder zu Fuß, die meisten unter Zurücklassung all ihrer Habe - Hunderttausende Kurden suchten sich vor den Schergen Saddams durch die unwegsame Bergwelt Kurdistans in Sicherheit zu bringen: in den Iran, aber vor allem in die benachbarte Türkei. Wer bis Mitte letzter Woche angekommen war, hatte Glück gehabt. Dann sperrte die Regierung in Ankara die Grenze zum Irak. Zehntausende waren von Unterernährung und Kälte bedroht.
"Wir sitzen jetzt in der Falle. Wenn wir nicht verhungern, wird uns die irakische Armee aus ihren Hubschraubern abknallen. Zurück in unsere Städte und Dörfer können wir nicht mehr, dort ist alles zerstört", sagte der kurdische Lehrer Mustafa Mirad, der mit Frau und drei Kindern fünf Tage zu Fuß in Richtung Türkei unterwegs war und dann an der Grenze abgewiesen wurde.
Der gigantische Flüchtlingstreck, der nach Meinung westlicher Hilfsorganisationen auf über zwei Millionen Menschen anschwellen dürfte, war so in der Bergwelt Kurdistans abrupt gestoppt worden. Schneestürme setzten den verzweifelten Flüchtlingen zu.
Kaum 48 Stunden nach der Entscheidung, keine Flüchtlinge mehr aufzunehmen, ließ die Regierung in Ankara - unter internationalem Druck und mit dem Versprechen großzügiger westlicher Hilfslieferungen - die Grenzen für die Kurden doch wieder öffnen.
Binnen Stunden trafen weitere hunderttausend entkräftete Flüchtlinge im Südosten Anatoliens ein. Was sie über das Leid der Zurückgebliebenen berichteten, faßte ein Vertriebener im türkischen Hakkari so zusammen: "Auf der anderen Seite der Berge herrscht die Hölle." Vor allem die Kinder seien gegen den Frost nur unzureichend geschützt, Dutzende Babys in den Armen ihrer Eltern erfroren. Am Wochenende endlich richteten die Amerikaner eine Luftbrücke ein.
Neben Kälte und Hunger waren die fliehenden Kurden zudem ständigen Attacken irakischer Kampfhubschrauber ausgesetzt, die auf den Treck aus sicherer Höhe Phosphorbomben abwarfen.
"Unter den Augen der Weltöffentlichkeit", klagte Kurdenführer Dschalal Talabani, "findet ein Genozid statt. Wenn nicht rasch Hilfe kommt, ist die Katastrophe unausweichlich."
Von Talabani, dem Chef der "Patriotischen Union Kurdistans", waren indes noch bis vor kurzem ganz andere Töne zu hören gewesen. "Saddam wird nicht überleben", hatte er in einem SPIEGEL-Interview (13/1991) erklärt. Aus seinem Exil in Damaskus zurückgekehrt, rühmte er Mitte März selbstgewiß die Überlegenheit seiner kampferprobten Kurdenkrieger, der sogenannten Peschmergas ("die dem Tod entgegengehen"), gegenüber Saddams Truppen: "Wir haben so oder so die Oberhand."
Auch Talabanis langjähriger Rivale unter den Kurden, Massud el-Barsani, schien sich seiner Sache sicher zu sein. Aus seinem Hauptquartier im Gebirgsort Salah el-Din lud er unlängst die gesamte irakische Opposition ein - schiitische Fundamentalisten, Nationalisten, Kommunisten und abgesprungene Funktionäre der Saddam-treuen Baath-Regierungspartei -, um im befreiten Kurdistan eine provisorische Regierung auszurufen. Für die Kurden schien es nur noch eine Frage der Zeit, bis Saddam möglicherweise durch einen Putsch die Macht in Bagdad verlieren würde.
Die schwache Gegenwehr der irakischen Armee, die sich kampflos aus vielen Gebieten zurückgezogen hatte, bestärkte die Rebellen in ihrem Glauben, die Tage des Despoten seien gezählt.
Auch im schiitischen Süden um die Millionenstadt Basra träumten fromme Aufständische von einem raschen Sieg über den scheinbar so gedemütigten Staatschef, dessen Truppen nach dem Waffenstillstand die Kontrolle über viele Städte und Dörfer verloren hatten.
Noch vorletzte Woche glaubte der irakische Schiitenführer Ajatollah Bakir el-Hakim, der seit sechs Jahren im Teheraner Exil residiert, er werde "in wenigen Tagen" in seine Heimatstadt Nadschaf zurückkehren, "wenn der Tyrann und sein Regime verschwunden sind".
Der pralle Optimismus, mehr von Wunschdenken als von Realitätsnähe genährt, war in Hakims Hauptquartier letzte Woche "entsetzlicher Angst um das Schicksal unserer Glaubensbrüder" gewichen. Denn mit der Menschenverachtung, mit der Saddam Hussein die rebellischen Kurden verfolgte, richteten sich seine Rachegelüste ("Wer sich gegen mich erhebt, wird das bitter bereuen") auch gegen die schiitische Bevölkerungsgruppe, die knapp die Hälfte der 17 Millionen Iraker stellt.
Saddams neue blutige Spur zog sich von kleinen Bauerndörfern in den Sumpfgebieten des Schatt-el-Arab bis zu den für Schiiten so heiligen Städten Nadschaf und Kerbela im Zentral-Irak. Dort hatte nach Angaben schiitischer Exilgruppen die Republikanische Garde mit der "systematischen Vernichtung" des Widerstands begonnen. Vor allem Mullahs und geistliche Führer mitsamt ihren Clans würden "gnadenlos exekutiert".
Jussuf Choi, 32, Enkel des weltweit bedeutendsten Schiitenführers, Großajatollah Abolkasem Mussawi Choi, 95, erhielt in seinem Londoner Exil grausige Nachricht über das Schicksal seiner Sippe: "Von den erwachsenen Männern meiner Familie ist praktisch niemand mehr am Leben; was mit den Frauen und Kindern passiert ist, wissen wir noch nicht, die Armee hat sie verschleppt."
Sein hochbetagter Großvater, dessen spirituelle Bedeutung für die Schia nur mit der Rolle des Papstes im Christentum vergleichbar ist, stehe unter Hausarrest. Dem schwerkranken Schiitenchef, so der Enkel zum SPIEGEL, "wird jede medizinische Betreuung verweigert. So hat er nur noch ein paar Tage zu leben".
Augenzeugen in Nadschaf und Kerbela berichteten, Angehörige der Republikanischen Garde hätten sogar Kranke und Verletzte aus den wenigen noch funktionierenden Krankenhäusern auf die Straßen gezerrt und öffentlich exekutiert - zusammen mit den Ärzten und Schwestern, die sie gepflegt hatten. Auf einige Panzer der Saddam-Truppen hätten Soldaten das Motto gepinselt: "Ab morgen keine Schiiten mehr."
Entsetzt über diese Greueltaten, beklagten sich schiitische Oppositionelle über die mangelnde Hilfe ausländischer Glaubensbrüder, vor allem aus dem Nachbarland Iran. "Wenn die Iraner uns großzügig Waffen gegeben hätten", haderte ein Exilant in Teheran, "dann wären wir von Saddam nicht so beliebig abgeschlachtet worden."
Immerhin: In mehreren Camps in der ölreichen Grenzprovinz Chusistan hatte die Teheraner Regierung über 40 000 geflüchtete irakische Schiiten aufgenommen, was, so ein iranischer Beamter, "bereits an die Grenzen unserer Belastbarkeit geht".
Doch mit einem weit größeren Ansturm von Flüchtlingen müßte der Iran rechnen, sollte die Türkei die auf sie zubrandende Kurdenflut nicht bewältigen können - der gewaltige Treck würde sich dann zwangsläufig nach Osten orientieren, hin zur irakisch-iranischen Grenze.
Bis Ende vergangener Woche griffen Saddams Mordbataillone mit Panzern, Artillerie und Hubschraubern die Flüchtlinge im Norden wie im Süden an. Bagdad schien entschlossen, ohne Rücksicht auf Verluste gegen Kurden und Schiiten einen Vernichtungskrieg zu führen, um möglichst viele potentielle Rebellen von morgen zu töten.
"Es ist, als ob die Opposition den internationalen Paria darstellt, und nicht der Diktator, den sie beseitigen will", entrüstete sich der Londoner Independent über die Tragödie von Kurden und Schiiten im Irak. Doch warum dann dieses Beiseitestehen, dieses tatenlose Zuschauen der Golf-Allianz, während Saddam das Geschäft seines Vernichtungsfeldzugs ungehemmt weiter betrieb?
Den Amerikanern wie ihren Alliierten graut vor einem Nachkriegs-Irak, in dem die Zentralmacht zusammenbricht. Denn dann könnten sich, so befürchten sie, die verschiedenen Volksgruppen des Landes blutige Dauergefechte liefern. "Gewalttätigkeit", glaubt der ägyptische Autor und einstige Nasser-Vertraute Mohammed Heikal erkannt zu haben, "ist im irakischen Charakter tief verwurzelt."
Der heutige Irak, dessen Territorium zu den Reichen Babylons und der Assyrer, der Perser und Alexanders des Großen gehört hatte, war nach dem Ersten Weltkrieg aus den Trümmern des Osmanischen Reiches hervorgegangen. "Es gibt immer noch kein irakisches Volk", klagte der von den Engländern eingesetzte König Feisal II., "sondern nur unvorstellbare Massen, die sich gegen jede wie auch immer geartete Regierung erheben."
Heute, so fürchtet die Anti-Saddam-Allianz, könnte der Irak in einen schiitischen Süden, einen sunnitischen Mittelteil und einen kurdischen Norden zerfallen. Die beiden großen islamischen Religionsgemeinschaften, die Kurden, die Christen und die Turkvölker könnten sich einen Bürgerkrieg liefern, mit dem verglichen sich die Lage im Libanon wie ein "leicht mißlungenes Familienpicknick" ausnimmt (so die Zeitschrift Middle East). Ängste vor einem neuen Libanon bei den Arabern und vor einem neuen Vietnam-Schlamassel bei den Amerikanern - sie bestimmen seit der irakischen Kapitulation die Politik der Sieger.
Zwar versicherten die aufständischen Schiiten, daß sie keineswegs einen Gottesstaat nach dem Vorbild des Ajatollah Chomeini anstrebten. Zwar bekannten sich 17 irakische Oppositionsgruppen bei Exiltreffen in Beirut und Damaskus zu einem demokratisch-pluralistischen Staat. Und die Kurden hatten erklärt, mit einer autonomen Region in einem freien Irak einverstanden zu sein.
Aber die Amerikaner und ihre arabischen Verbündeten mißtrauen solchen Bekenntnissen. Sie glauben vielmehr, daß sich die Kurden nach einer erfolgreichen Rebellion nicht mit einem autonomen Status innerhalb des Irak zufriedengeben, sondern bald einen eigenen Staat anstreben würden. Der wiederum müßte die kurdischen Minderheiten in der Türkei, in Syrien und im Iran auf Anschlußgedanken bringen und dort erhebliche Unruhe auslösen.
Solche Verwerfungen aber träfen eine multipolare Region, die mit ihren Spannungen zu den akutesten Gefahrenzonen der Welt gehört.
Damit es nicht zu einer Kette von Konflikten kommen könne, dürfe "die Landkarte des Nahen Ostens nicht verändert werden", warnte der frühere ägyptische Premierminister Mustafa Chalil. Grenzkorrekturen würden "eine Tür öffnen, die nie mehr geschlossen werden kann".
Mit Saddam Husseins Vertreibung aus Kuweit und Iraks feierlichem Verzicht auf das Öl-Emirat war diese Tür gerade noch einmal zugeworfen worden - dank des Eingreifens der Supermacht USA, deren Militärmaschinerie die irakischen Truppen zermalmte (siehe Seite 177).
Der nun wieder auf seine Grenzen zurückgeworfene Irak war für die Araber von jeher ein strategisches Bollwerk am Nordostrand ihrer Welt. "Ein starker Irak ist nötig", beschrieb der algerische Präsident Benschedid Schedli die arabischen Interessen, "um ein Gegengewicht zum israelischen und iranischen Militärpotential zu schaffen."
Der Iran bleibt ein Alptraum auch für die Amerikaner. Um sein Vordringen nach Westen zu bremsen, hatte Washington in den achtziger Jahren Saddam Hussein hochgerüstet und im Krieg gegen die schiitischen Heerscharen des Ajatollah Chomeini sogar mit Aufklärungsmaterial der CIA unterstützt (SPIEGEL 8/1991).
Nun argwöhnen die USA - wie natürlich auch die Araber -, daß Teheran, allen Beteuerungen des gemäßigten Präsidenten Rafsandschani zum Trotz, sich aus der Konkursmasse des Irak ein Stück herausschneiden könnte, falls das Land in einem Bürgerkrieg zerfallen würde.
Das soll notfalls sogar Saddam Hussein verhindern. Natürlich würden die Amerikaner und ihre Verbündeten lieber einen anderen Mann an der Spitze des Irak sehen. Aber auf Saddams Machtapparat - seine Armee, die Republikanische Garde, seine Geheimdienste und die Baath-Einheitspartei - glauben die Amerikaner nicht verzichten zu können. Denn nur die Mechanismen dieser Unterdrückungsstrukturen, so scheint es, vermögen gegenwärtig den Irak zusammenzuhalten.
So bauen denn Syrer und Saudis auf einen Offiziersputsch gegen Saddam, umwirbt der von der CIA bezahlte Rundfunksender "Stimme des Freien Irak" den neuen Verteidigungsminister, Generalleutnant Saadi Tuma Abbas, einen alten Saddam-Gefolgsmann. Es sei so, als wenn man 1945 Hitler weghaben, aber mit Hermann Göring und der SS weiterregieren wollte, empörte sich der Journalist Peter Scholl-Latour.
Daß Saddams Spießgesellen in den Führungspositionen noch immer zu dem Diktator stehen, erklären amerikanische Experten so: Iraks Machtelite fürchte um ihr Leben, wenn die Volkserhebungen Erfolg hätten. Sobald aber die Aufstände niedergeschlagen seien, werde sie Saddam Hussein für den fatalen Krieg gegen Kuweit zur Rechenschaft ziehen.
Das Schweigegebot, das in der Bush-Administration offenbar zur Frage der amerikanischen Nachkriegspolitik im Nahen Osten ausgegeben wurde, zeigt an, für wie gefährlich das Weiße Haus die Diskussion um Saddams skrupelloses Gemetzel hielt. Rascher, als es selbst Kriegsgegner vorausgesagt hatten, drohte der militärische Triumph in der Wüste durch eine neue Welle der Kritik an der politischen Konzeptionslosigkeit der Regierung Bush überlagert zu werden.
Dem Präsidenten "fiel es lange Zeit sehr schwer, seine Kriegsziele zu formulieren", höhnte die Kommentatorin Mary McGrory in der Washington Post, "aber was Friedensziele angeht - die hat er überhaupt nicht".
Wenn Anfang dieser Woche die Kongreßmitglieder aus dem Osterurlaub ins Capitol zurückkehren, wird die politische Debatte um Washingtons Kriegsziele und die Friedenspläne für den Irak voll entbrennen.
Senator Albert Gore, einziger Demokrat mit Präsidentschaftsambitionen, der dem US-Truppeneinsatz in Saudi-Arabien zugestimmt hatte, schimpfte bereits: "Wir können nicht einfach unsere Hände in Unschuld waschen bei all dem, was dort unten geschieht." Die Regierung müsse klar Stellung beziehen und Bagdad zumindest am Einsatz von Kampfhubschraubern hindern.
Washingtons Optionen jedoch sind begrenzt, die besten wurden zudem bereits verschenkt. Freimütig hatte Golf-Feldherr Norman Schwarzkopf in einem Fernseh-Interview offenbart, daß er von den Irakern bei den Verhandlungen über einen vorläufigen Waffenstillstand in der Hubschrauberfrage schlicht übertölpelt worden war.
Unter Hinweis auf das vom Dauerbombardement zerstörte Straßennetz des Irak hatten Bagdads Unterhändler die Erlaubnis des US-Generals erhalten, auch weiterhin Hubschrauber einsetzen zu dürfen. Die aber flogen schon wenig später Vernichtungsangriffe gegen die Aufständischen.
Schwarzkopf gab zu (was er später auf Druck des Weißen Hauses bedauern mußte), daß er den Präsidentenbefehl zur Feuereinstellung nach nur 100 Stunden Bodenoffensive für voreilig gehalten hat. Zu viele irakische Truppenteile hätten weitgehend unversehrt der amerikanischen Umklammerung entkommen können.
Und es waren nicht irgendwelche Einheiten, die Saddam Hussein rechtzeitig samt Hunderten von Panzern, Schützenpanzern und Kanonen nach Norden abziehen konnte: Fünf Divisionen seiner Republikanischen Garde, darunter drei Panzerdivisionen, denen Tausende von Bombenflügen der Alliierten und der Vorstoß von mehr als 100 000 Soldaten der Anti-Saddam-Koalition gegolten hatten, vermochten sich nördlich von Basra neu zu gruppieren.
Nichts davon hatte die Regierung in Washington einkalkuliert. Jetzt rächte sich, daß der Präsident von Anfang an beinahe ausschließlich auf eine militärische Lösung der Kuweit-Krise gebaut hatte, ohne in Rechnung zu stellen, daß damit kaum eines der grundlegenden Probleme der Region gelöst werden würde.
Im Gegenteil, "die meisten regionalen Sicherheitsprobleme werden sich dramatisch verschärfen", meinte vorige Woche auf einer Nahost-Tagung der Washingtoner Brookings Institution Anthony Cordesman, der durch fundierte Lageanalysen während der Kuweit-Krise Beachtung gefunden hatte.
Der geschlagene Golfkrieger Saddam Hussein jedenfalls richtet sich in Bagdad auf ein langes Überleben seines Regimes ein. Vergangene Woche ließ er seinen Konfidenten Saadun Hammadi verkünden: "Jetzt, da der sektiererische Aufruhr seinen letzten Atemzug getan hat, ist die Tür für die Etappe des Wiederaufbaus und der Reform geöffnet." Und im Wochenblatt Irak hieß es: "Mit der Unterstützung Gottes haben wir über die Saboteure einen großen Sieg errungen."
Allem Anschein nach hat die Niederlage gegen die Amerikaner Saddam kaum verändert, seine Macht- und Überlebensinstinkte nicht geschwächt.
Durch eine überraschende Regierungsumbildung Ende März, bei der er seinen Posten als Ministerpräsident an den Schiiten Hammadi abgab und drei Kurden ins Kabinett holte, versuchte er den Zorn des gepeinigten Volkes zu dämpfen. Auf das Amt des Kabinettschefs kann der Diktator indes leicht verzichten: seit 1979 Alleinherrscher, bleibt Saddam weiterhin Staatschef, Vorsitzender des Kommandorats der Revolution, Oberbefehlshaber der Armee und Führer der allgegenwärtigen Baath-Partei - seine Allmacht ist unangetastet.
Seit dem Waffenstillstand trat der Despot, der stets größten Sicherheitsabstand zum eigenen Volk gehalten hatte, kaum noch in Erscheinung. Er verbringt Tag und Nacht in einem seiner zahlreichen geheimen Bunker, die mehrere Stockwerke tief unter der irakischen Hauptstadt liegen. Dort umgibt er sich mit einem dichten Netz verläßlicher Günstlinge, die aus seinem Heimatort Takrit stammen und größtenteils seiner weitverzweigten Familie angehören.
Im Laufe seiner Herrschaft haben sich die Takritis zur militärischen Elite im Land entwickelt, haben als gesellschaftliche Oberschicht unermeßlichen Reichtum angehäuft. Saddams persönliches, ins Ausland geschafftes Vermögen wurde von einer US-Detektei kürzlich auf elf Milliarden Dollar geschätzt (siehe Seite 125).
Die Takrit-Clique hält auch nach dem verlorenen Golfkrieg eisern zusammen, sie erhielt dieser Tage sogar noch bedeutsamen Zuwachs. Der neue Generalstabschef Hussein el-Raschid stammt ebenso aus Takrit wie der neue Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Musahim Saab.
Trotzdem ist fraglich, ob Saddam auf Dauer die Kontrolle über das gesamte Land aufrechterhalten kann - und ob die Völkergemeinschaft dies auch nach dem Hinschlachten der Kurden zuläßt. Die größte Gefahr, seine Macht zu verlieren, droht dem Despoten aus der Armee, die zu 85 Prozent aus Schiiten besteht, während Generalstabs- und Offiziersränge bis auf wenige Ausnahmen von Sunniten gestellt werden.
In den kommenden Wochen werden all jene Soldaten wieder zu ihren Familien zurückkehren, die an der Golffront die härtesten Luftangriffe überlebt haben oder in alliierte Gefangenschaft gerieten. Die deprimierenden Erfahrungen aus dem Krieg, die den täglich verbreiteten Jubelmeldungen so kraß widersprachen, könnten bei den Schiiten in der Armee neuen Widerstand entfachen.
Doch ob die Truppe in der Lage ist, das Bagdader Regime zu gefährden, hält der irakische Politologe Falih Abd el-Dschebber, ein intimer Kenner der irakischen Armeestrukturen, für ungewiß: "Die Frage, wann Saddam stürzt, hängt nicht von seiner Schwäche ab, sondern von der Stärke seiner Gegner."
Wie das Land nach seinem Verschwinden aussehen wird, hatte Saddam Hussein einst seinem damaligen Verteidigungsminister Adnan Cheirallah angedeutet: "Wer immer nach mir kommt - es wird nur noch Asche sein."
* Am 4. April in Bagdad.

DER SPIEGEL 15/1991
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