11.03.1991

Mit dem Geld von Onkel Paul

Steuerschulden von gut 400 000 Mark plagten den Wiesbadener Bauunternehmer Siegfried Riedel, und keine Bank wollte ihm soviel Geld leihen. Da wandelte er seine Firma in eine AG um und versuchte sich das Geld von seinen Aktionären zu holen. Das klappte leider nicht. Wenige Monate später meldete die Riedel-Haus AG Vergleich an. Ziemlich klamm war auch der Bonner Ordenshersteller Lothar Wurzer, als er aus seinem maroden Betrieb eine AG machte und überteuerte Aktien für knapp sechs Millionen Mark ausgab. Es dauerte knapp ein Jahr, da war die Firma pleite.
Nun will sich, zum dritten Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte, ein finanziell schwer angeschlagenes Unternehmen mit der Ausgabe von Aktien sanieren: der Hamburger Sportverein.
Der mit zehn Millionen Mark verschuldete Fußball-Bundesligaklub erhält von keiner Bank neue Kredite. Als drittklassiger Kunde - so ziemlich alle Vermögenswerte des HSV sind verpfändet - zahlt der Verein inzwischen Zinsen bis zu 13 Prozent.
Aber seit vier Monaten hat der HSV einen Präsidenten, der sich dynamisch gibt. Jürgen Hunke ("Nur wer selbst brennt, kann andere entzünden") hatte auch ganz schnell ein "geniales Konzept", mit dem er Millionen in die Kasse zaubern möchte: 36 000 Aktien a 1000 Mark sollen 36 Millionen Mark einbringen.
Ob Hunke überhaupt ein paar Millionen sammeln kann, ist jedoch fraglich. Da kein Kreditinstitut die Emission der hochspekulativen HSV-Aktien wagen würde, muß der Verein seine Papiere selbst verkaufen - zum Nominalwert zuzüglich etwa 70 Mark Ausgabekosten. Das fällt um so schwerer, als das Papier einer schlechtverzinsten Schuldverschreibung ähnelt. Weil aber, wie HSV-Schatzmeister Hans Manhard Gerber weiß, "die Leute was zum Anfassen haben wollen", druckt der Klub das Wort "Aktie" darauf, das klingt besser.
Als Kapitalanlage, das gibt selbst Hunke inzwischen zu, ist die HSV-Aktie nicht gerade empfehlenswert - Investoren scheiden damit von vornherein als Käufer aus. Hunke setzt auf Fans und Freunde des Vereins, denen ideelle Werte genügen.
Dabei müßte Hunke die Knauserigkeit seiner Klientel kennen. Vor Jahren hatte der HSV versucht, den Preis für eine Stehplatz-Dauerkarte von 60 auf 65 Mark anzuheben. Das Ansinnen, pro Saison fünf Mark mehr zu zahlen, quittierte die Kundschaft mit wütendem Protest. Erschrocken zog der HSV die geplante Preiserhöhung zurück.
Und daß schließlich viele Hamburger Firmen, wie Hunke weiter hofft, sich HSV-Aktien zulegen, widerspricht hanseatischem Kaufmannsgeist. Auch da hat der Verein schlechte Erfahrungen _(* Oben: bei der Vorstellung seines ) _(Aktien-Modells am 16. Januar; unten: ) _(Eck, Nando, Doll, Spörl, Beiersdorfer. ) gemacht, als er versuchte, den Pfeffersäcken ein paar Mark zu entlocken.
"Club 100" hieß die Idee: 100 Geschäftsleute sollten mit jeweils 5000 Mark jährlich den Verein unterstützen und dafür eine Vorzugsbehandlung als Zuschauer genießen. Beim Mitgliederstand von 36 Mann im "Club 100" wurde der Zirkel aufgelöst.
Doch nicht nur die Hamburger Verhältnisse stehen dem Aktienhandel entgegen. Fußball ist keine Ware, mit der seriös gehandelt werden könnte: Der Geschäftsverlauf wird von vielen Zufällen und persönlichen Vorlieben der handelnden Personen bestimmt.
Als einziger europäischer Klub wurde bisher Tottenham Hotspur in eine AG umgewandelt. Im Oktober wurden die Aktien des englischen Erstligaklubs aus dem Handel genommen, um den Kurs vor einem weiteren Absturz zu bewahren, obwohl die Hotspurs mit dem exzentrischen Paul Gascoigne den besten britischen Profi beschäftigen. Rettung vor dem Konkurs bringt jetzt nur noch der Verkauf des Stars nach Italien.
Auch in der Bundesliga spielen seit langem viele Vereine mit dem Gedanken, ihre Profi-Fußballklubs (Umsatz: 8 bis 30 Millionen Mark) aus den gemeinnützigen Vereinen zu lösen und in Kapitalgesellschaften umzuwandeln. Der Liga-Ausschuß - das Selbstverwaltungsorgan der Profiklubs - will im Sommer derartige Vorhaben diskutieren.
Nur: Mit der Ausgabe von Aktien soll kein notleidender Verein seine Schulden bei Aktionären abladen. Die Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft soll vielmehr ein professionelleres Management ermöglichen: Keine qualifizierte Führungskraft, so erläutert ein Mitglied des Liga-Ausschusses, würde bei einem Klub anheuern, "dessen Präsidium in trunkener Wirtshausstimmung gewählt wird".
Wie miserabel viele Bundesliga-Vereine bislang gemanagt werden, führt am eindrucksvollsten der HSV vor.
Als Mitte der achtziger Jahre erstmals ein Verlust in Millionenhöhe auftauchte, wurde er durch einen simplen Bilanztrick vertuscht. Kurz vor Ende des Geschäftsjahres verkauften die HSV-Oberen vier Spieler und verbuchten die Transfer-Erlöse als Gewinn. Die notwendigen Neuerwerbungen schlugen sich erst in der nächsten Bilanz nieder.
Durch Fehleinkäufe häuften sich dann zügig die Verluste. Den Abwehrspieler Hans-Werner Moser erwarb der HSV für 1,2 Millionen Mark und gab ihn für 600 000 Mark ab. In das "große Talent" Detlev Dammeier investierte Manager Felix Magath eine Million Mark, der Mann saß meist auf der Reservebank. Trainer Josip Skoblar erwies sich nach wenigen Wochen als krasse Fehlbesetzung, das kostete 350 000 Mark Abfindung. Sein Nachfolger Willi Reimann wurde für 600 000 Mark dem FC St. Pauli abgekauft - und nach zweijähriger Tätigkeit entlassen. Magath, der erfolglos blieb, kassierte 560 000 Mark bei seinem vorzeitigen Ausscheiden.
Möglich wurde die Mißwirtschaft durch eine stattliche Erbschaft, die Ex-Präsident Paul Hauenschild seinem Verein 1962 vermacht hatte. Die Immobilien und Wertpapiere, rund fünf Millionen Mark schwer, wurden entgegen dem Stiftungszweck als Sicherheit den Kreditinstituten verpfändet.
Nur ein 130 000 Quadratmeter großes Grundstück von "Onkel Paul", wie der Gönner noch heute beim HSV genannt wird, blieb unbelastet. Eigentümer der Immobilie ist aber nicht der HSV, sondern der HSV-Ochsenzoll e.V. Zwar gehören die HSV-Mitglieder beiden Vereinen - HSV und HSV-Ochsenzoll - an, doch der Ochsenzoller Verein ist juristisch selbstständig. Sein Grundstück - neun Fußballplätze, Tennisplätze und andere Sportanlagen - wird vom HSV genutzt, der das jährliche Defizit, rund 750 000 Mark, ausgleicht.
Um an das in Ochsenzoll angelegte Geld von Onkel Paul zu kommen, ließ sich Schatzmeister Gerber, im Hauptberuf Steuerberater, eine verzwickte Lösung einfallen: Die Anlage soll als HSV-Vermögensverwaltung unter die Obhut der HSV-Aktiengesellschaft kommen. Und weil Gerber auch noch Auflagen des Deutschen Fußball-Bundes berücksichtigen muß, konstruierte er ein AG-Modell, das kein künftiger Aktionär aus der Westkurve versteht. Selbst ein HSV-Fan mit abgeschlossener juristischer Ausbildung stöhnte beim Studium des Modells: "Wenn das nur einer begreifen würde . . ."
Stark vereinfacht dargestellt, soll die HSV AG als eine Art Dachgesellschaft über den Fußballprofis und den anderen HSV-Sportabteilungen thronen. Der wesentliche Gesellschaftszweck: Die AG soll wie eine Hausbank agieren, mit 10 Millionen Mark die Schulden des HSV ablösen und noch etwa 6 Millionen Mark für notwendige Investitionen bereitstellen, damit das mittelmäßige Spielniveau der Kickertruppe angehoben werden kann.
20 Millionen Mark verbleiben in der AG und werden in Wertpapieren angelegt. Aus den Erträgen dieser Papiere sollen die Aktionäre eine Dividende erhalten, auch der HSV zahlt für das von der AG geliehene Geld Zinsen.
Mit einer abenteuerlichen Rechnung kommen Hunke und Gerber auf ihr 36-Millionen-Mark-Kapital der AG: *___Rund 5 Millionen Mark beträgt das Hauenschild-Vermögen ____des HSV; *___mit 16 Millionen Mark sind die HSV-Profis versichert - ____ein fiktiver Wert, weil diese Versicherungssumme nur ____dann fällig würde, wenn alle Leistungsträger tot ____umfallen; *___auf rund 15 Millionen Mark taxieren Hunke und seine ____Freunde das Ochsenzoller Gelände - soviel wert wäre das ____Grundstück aber nur dann, wenn es als Bauland verkauft ____wird. Wird das Grundstück aber bebaut, hat der HSV ____keine Trainingsmöglichkeiten mehr; bleiben hingegen die ____Sportanlagen, ist die Immobilie nur 3 Millionen Mark ____wert.
Schließlich würde die Schaffung einer HSV AG wenig an der trostlosen Finanzlage des HSV ändern. Der Klub wäre zwar seine 10 Millionen Mark Bankschulden los, dafür aber würden 10 Millionen Mark Verbindlichkeiten der AG gegenüber die Bilanz verunzieren - es sei denn, die AG schenkte das Geld ihrer Aktionäre dem Verein.
Vorsichtshalber verspricht Hunke, anders als in der ersten Begeisterung, seinen künftigen Aktionären keine Dividende mehr. Der Präsident, der im Hauptberuf höchst erfolgreich Versicherungspolicen von Drücker-Kolonnen verkaufen läßt, wehrt Einwände gegen seine angeblich genialen Ideen weiterhin brüsk ab.
Auch wenn die HSV-Mitglieder auf der Hauptversammlung am 15. April seine Pläne nicht billigen - die Nachwelt, davon ist Hunke überzeugt, wird sein Genie auf dem Präsidentenstuhl rühmen. "Was ich alles verändert habe", sagt Jürgen Hunke, "wird man wohl erst feststellen, wenn ich tot bin. Da geht es mir wie großen Malern."
* Oben: bei der Vorstellung seines Aktien-Modells am 16. Januar; unten: Eck, Nando, Doll, Spörl, Beiersdorfer.

DER SPIEGEL 11/1991
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