14.01.1991

LiteraturpreisWiege der weißen Rasse

Österreicher fühlen sich wieder „angeschlossen“ - durch einen deutschen „Grillparzer-Preis“ an den Kärntner Peter Handke.
In großer, aber ernster Zeit war der "hochherzige Stifter" aus Hamburg in der neuen "Ostmark" sehr willkommen:
Alle seine "sieben Preise", die den "Grenzlanden gewidmet sind und ihren fürs Volkstum schöpferischen Menschen", zögen einen "Kranz oder Wall ums Binnendeutschtum" und strahlten "überallhin, wo Deutsche wohnen"; beispielsweise "nach Rußland, nach Polen".
Also sprach, im Jahre 1939, der Grazer Germanistik-Professor Karl Polheim. Anlaß der Laudatio war die Verleihung des "für das Alpendeutschtum" bestimmten "Mozart-Preises", und für Preis (10 000 Reichsmark) und Ehre bedankte sich ein Volkstum-Schöpfer, ein mittlerweile verschollener steirischer Mundartdichter.
Am Dienstag dieser Woche wird der Hamburger Stifter wieder zuschlagen, nun trifft es einen berühmten Kärntner, Peter Handke, 48. Doch diesmal ist der hanseatische Mäzen, der größte Deutschlands, in Österreich nicht allseitig willkommen: Die Verleihung des neugeschaffenen "Grillparzer-Preises" (25 000 Mark) der weltweit geldstreuenden "Stiftung F. V.S." des Alfred C. Toepfer, 96, stößt in Wien auf Renitenz.
Etwa am Orte der Verleihung, der Wiener Universität. Ende letzter Woche forderte der "Hauptausschuß der Hochschülerschaft" den Akademischen Senat "höflich" auf, die Zeremonie abzusagen und die "Zusammenarbeit mit allen Stiftungen des Hamburger Kaufmanns Alfred C. Toepfer mit sofortiger Wirkung einzustellen"; das Handgeld für Handke solle Austria gefälligst selber spendieren.
Alle Welt schreit nach Mark und Pfennig - und die wollen ihn nicht haben, den deutschen Schein? Im "Land der Hämmer, zukunftsreich" (Nationalhymne), erwachen, angesichts des neuerstandenen Piefke-Imperiums, Empfindungen, die verstanden werden wollen; sinnreich scheint es, nach dem Urheber der Kampagne zu forschen. Es ist eine apostelstarke Wiener Bruderschaft, die sich "Komitee zur Rettung des Grillparzer-Preises" nennt. Als ihr Wortführer wirkt der Theaterwissenschaftler und Thomas-Bernhard-Dissertant Christian Michelides, 33; und der liebt starke Worte.
Als "grotesk" geißelte er vergangene Woche in der Wiener Arbeiterzeitung: "Im Namen unseres Nationaldichters (Grillparzer) zeichnet eine deutsche Stiftung in Hinkunft unsere Schriftsteller aus." Diese "neudeutsche Form der Machtausübung" sei "perfider noch als die alte", im "Vorbeigehen" werde "Österreich angeschlossen"; Summa: ein "unverschämter Akt kultureller Kolonisation".
Angetreten ist die Schar zur Rettung des wahren, nämlich österreichischen "Grillparzer-Preises". Den hatte, im Jahre 1871, ein Damenkränzchen zum 80. Geburtstag des hagestolzen Nationaldichters gestiftet; leider war das gute Stück nach der letzten Verleihung, 1972 an Thomas Bernhard, sanft entschlafen.
Mit dem Heraufdämmern von Grillparzers 200. Geburtstag (eben Dienstag dieser Woche) bahnte sich an, was den Musil-Leser ("Der Mann ohne Eigenschaften") stark an das Phänomen "Parallelaktion" erinnern muß: Der Hamburger Toepfer schuf einen deutschen "Grillparzer-Preis", der Wiener Michelides wollte dem österreichischen Leichnam Odem einhauchen.
Michelides sann darauf, dem Schweizer Max Frisch den Lorbeer zu winden; Toepfer bestallte eine Jury, die den Kärntner Handke kürte. Mitglieder der all-österreichischen Toepfer-Jury: ein Wurf Professoren, darunter vorsorglich ein Volkskundler; die als TV-Natter geschätzte Kritikerin Sigrid Löffler ("Literarisches Quartett"); und die Schriftstellerin Gertrud Fussenegger, die in Jugendjahren einem Landsmann, Adolf Hitler, dichtend ("Für Deutschland halten wir Wacht") beigestanden hatte.
Just der längst verjährte Fehltritt der alten Dame schlug den Bogen zur frühen Zeit des noch älteren Herrn Toepfer (der ein Jahr lang Gestapo-Häftling war); Zitate aus den völkischen Stiftungs-Dogmen der dreißiger Jahre flossen gleich Feuerwasser auf die Mühlen des Rettungs-Komitees.
Denn der Geist der Zeit wehte da mit aller Macht. Die Preise, hieß es etwa, dienten der "Vorbereitung einer besseren Ordnung" und der "Wiedergutmachung" des "unerhörten Unrechts" des "Versailler Diktats", das den "volksdeutschen und germanischen Grenzlandschaften" soviel Leid eingebracht habe. Europa, "die Wiege der weißen Rasse", dürfe nicht "veröden durch Unterdrückung, Abschließung und Argwohn".
Vorbei, verweht. Mittlerweile wiegt Toepfers "Stiftung F.V.S." (steht für Friedrich von Schiller und Freiherr vom Stein) mit rund drei Dutzend Prämien ganz Europa in den Armen: "Shakespeare-Preis" für die Briten, "Montaigne-Preis" für die Franzosen, den Russen winkt ein "Puschkin-Preis" und den Österreichern nun die Grillparzer-Palme.
"Der Deutsche", schrieb Grillparzer, "bringt von allen Völkern die wenigsten Vorurteile mit. Das ist sein Vorzug, aber vielleicht sein einziger." Dies Dichterwort in deutsches Ohr, wenn Toepfer, voraussichtlich im März, den "Europa-Preis für Staatskunst" (300 000 Mark) vergibt.
Empfänger: Bundeskanzler Helmut Kohl.

DER SPIEGEL 3/1991
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