12.08.1991

„Die Schwelle zur Zivilisation“

„Überragende Bedeutung“ messen Altertumsforscher Nevali Cori zu, einer Siedlung aus der Jungsteinzeit im Südosten der Türkei. Archäologen aus Heidelberg fanden dort den frühesten, mehr als 9000 Jahre alten Tempel der Welt. In einer Nische stand die erste Skulptur eines Gottes - ein Skinhead mit Schlangenhaar-Relief am Hinterkopf.
Eine Stille, die sich hier länger ausdehnt als anderswo. Eine Welt, die urzeitlich und endzeitlich zugleich erscheint, in der nichts wächst und nichts sich bewegt.
In dem einsamen Seitental des Euphrat ist nur der Wind eine verläßliche Größe. Seit Jahrtausenden kommt er von den Abhängen des Taurusgebirges herab, berührt den Strom und stemmt sich dann der kleinen Schlucht entgegen, in der Professor Harald Hauptmann am Rand eines Baches sitzt.
Hauptmann, 55, ist Archäologe an der Universität Heidelberg. Aber auch sein Amt als Dekan und Ordinarius für Ur- und Frühgeschichte kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß er sich in Heidelberg eher als eine Art seßhaft gewordener Nomade fühlt.
Die große Landmasse von Anatolien, wo er hauptsächlich gegraben hat, ist wild und hart. An diesem Tag blickt der Archäologe auf eine Szenerie wie aus einer fremden Welt.
Oberhalb des Baches, der Kantara heißt, erstreckt sich ein Hang und in diesem eine Terrasse, über welcher sich der Rücken einer Bergkuppe abhebt. Die Terrasse birgt einen geheimnisvollen Ort. Er trägt den kurdischen Flurnamen Nevali Cori. Seit seiner fast vollständigen Freilegung durch Hauptmanns Ausgräber im Herbst letzten Jahres gibt die Siedlung eines der phantastischsten Menschheitsrätsel auf.
Nevali Cori ist einer der ältesten Orte, die bisher auf der Welt gefunden wurden. Er stammt aus dem achten Jahrtausend vor Christus, einer Epoche, in der die letzte Eiszeit noch nicht sehr weit zurücklag.
Hauptmann hat hier eine Art Bewußtseinsinsel vorgefunden, gegründet vor dem Anfang der geschriebenen Geschichte - lange vor den Hochkulturen Mesopotamiens oder am Indus, 5000 Jahre älter als die Anfänge des pharaonischen Zeitalters in Ägypten.
Zu den Entdeckungen auf der Hangterrasse gehört ein Tempel, aufgeschichtet aus Steinblöcken, die mit Abstand früheste Kultstätte, die bisher auf der Welt gefunden wurde. Sie ist dreimal so alt wie die von Stonehenge im Süden Englands, und selbst der Tempelbau von Eridu im südlichen Irak, dessen Urformen auf 5000 vor Christus datiert sind und der bislang als der älteste galt, wird durch Nevali Cori nochmals um Jahrtausende an Alter übertroffen.
Nevali Cori stellt die Frage nach dem ersten göttlichen Wesen, das Menschen sich erwählt und personifiziert haben. In einer Art Kult- oder Opfernische stand eine überlebensgroße Skulptur, aus hellem Kalkstein modelliert. Es handelt sich bei ihr - eine Sensation, welche die Religionswissenschaftler alarmiert hat - um die erste Darstellung einer Gottheit.
Hauptmann und seine Kollegen haben Vergleichbares noch nie gesehen: Der Schädel aus der Opfernische ist kahlrasiert, hat abstehende Ohren und ein Schlangenhaar-Relief am Hinterkopf. Der Welt erster Gott sieht aus wie ein Skinhead.
Der deutsche Religionsforscher Hubertus Mynarek vermutet, daß in Nevali Cori ein steinzeitlicher Geschlechterkampf entschieden wurde: Bis dahin habe die weibliche Erbfolge gegolten und damit das Matriarchat, die Vorrangstellung der Frau. In Nevali Cori dagegen herrschten die Männer. Mynarek: "Das zeigt der gestalthafte Gott - ein Mann. Es ist die gesellschaftliche Struktur, die sich die Götter schafft."
Hauptmann nimmt an, Nevali Cori sei das Zentrum einer größeren Stammesgruppe gewesen und von einer elitären Gruppe, einer Art höheren Priesterschaft, regiert worden. Ihr heiligster Bezirk, der Tempel, habe vom Volk nicht betreten werden dürfen. Hauptmann: "Es konnte sich womöglich draußen aufstellen und mußte warten." Aber worauf?
In Nevali Cori wurde eine Vielzahl großer Skulpturen aus Kalkstein gefunden, die ältesten auch sie. Ebenso verblüffend war die architektonische Anlage des Ortes: massive, völlig gerade und rechtwinklig erstellte Bauten, frei nebeneinanderstehend wie Vorort-Villen oder Bungalows.
Auch die Größe der Häuser, eines ist 16 Meter lang und 7 Meter breit, hat die Forscher überrascht. Desgleichen die primitive Klimaanlage, die es in jedem der Gebäude gab. Sie bestand aus Zwischenräumen unter den Fußböden, durch die Wasser aus dem Kantarabach geleitet werden konnte.
Im Lauf der Jahrtausende hat sich der Wasserlauf einen Canon ausgehobelt. Die Wildheit verstärkt nur die mythische Würde, die von dem Fundplatz auf der schützenden Terrasse ausgeht. Auch das Dröhnen eines amerikanischen Panzerflugzeugs vom Typ A-10 "Thunderbolt", das den Norden des Irak anfliegt, kann hier nicht stören.
Hauptmann ist zurückgekommen, um in Nevali Cori nach dem Rechten zu sehen. Ende dieses Monats, wenn die schlimmste Sommerhitze abgeklungen ist, soll mit den Grabungsarbeiten wieder begonnen werden. Im letzten November hatte Hauptmann den Ort mit Unmengen von Erdreich und Geröll zuschütten lassen, um ihn vor den Härten des anatolischen Winters und vor Plünderern zu schützen.
Aus der Nähe erscheint der Tempel wie die Vergrößerung einer fotografischen Kopie, die nicht in den Bilderrahmen paßt. Eine Außenmauer umgibt ihn. Die Steinplatten dienten offenbar als Sitzbänke. Zwischen den Platten ragen senkrecht stehende, nach oben auskragende Pfeiler hoch, ein Teil von ihnen geformt als menschliche Figuren.
Im Innern des Tempels bildet ein Freiraum ein perfektes Quadrat. Sein Untergrund hat Äonen überstanden: ein noch immer glasharter Terrazzoboden aus Kalksteinsplitt. Die Baumeister von Nevali Cori, frühzeitliche Perfektionisten, haben die Steinkörner mit Mörtel vermischt und die Oberfläche dann sorgfältig abgeschliffen.
"Zum erstenmal wurde versucht, hier etwas zu formen, zu gestalten", sinniert Hauptmann im Schatten eines Nußbaums, des einzigen weit und breit. "Die Menschen von Nevali Cori wollten schöpferische Kraft zum Ausdruck bringen, sich und andere mit neuen Formen unterhalten."
Hauptmann und seine Ausgräber fanden die Reste eines Ateliers, dazu plastisch ausgeformte, groß- und kleinformatige Figuren. Die Skulptur eines Kopfes mit stark aufgeworfenen Lippen ist eine fast naturalistisch und modern wirkende Arbeit. Ein anderer Kopf sieht, mit zugespitztem Mund, wie ein pausbäckiger Bläser aus. Der Rücken eines 40 Zentimeter hohen Torsos wirkt wegen der markanten Rückgratlinie ausgeformt wie eine Muskellandschaft.
Die Figuren und Skulpturen werden zwei Autostunden südlich von Nevali Cori im Museum der chaotischen Provinzhauptstadt Urfa nahe der türkischsyrischen Grenze aufbewahrt. Im Keller versperren schwere Stahlgittertüren den Zugang zu Regalen mit dem Skinhead-Gott, einer stromlinienförmigen Vogel-Skulptur und der Büste einer jungen Frau mit Ponyhaarschnitt.
Andere Fundstücke aus Nevali Cori liegen draußen im Hof, umwickelt mit grauen Kunststoffbahnen und wie Rollbraten eingeschnürt. Es handelt sich um zwei Pfeiler, die im Freiraum des Tempels standen - die außergewöhnlichsten und gleich wieder rätselhaftesten Objekte, mit denen Hauptmann zu tun hat.
Einer der Pfeiler war noch "in situ" verankert, genau an jenem Platz, wo er vor über 9000 Jahren aufgerichtet wurde. Der andere war von einem Grabräuber umgestürzt worden und dabei in drei Teile zerbrochen.
Die schlanken Monolithen waren jeweils drei Meter hoch und trugen eine Decke, die den Innenhof des Tempels überspannte. Sie bestehen aus stilisierten menschlichen Figuren. Ein Relief menschlicher Arme, das am oberen Rand der Schmalseite beginnt, führt an den breiten Seiten weiter und mündet auf der Vorderseite in die Gestalt von klar ausgeformten Händen, die sich begegnen.
Was war die Bedeutung dieser Stelen, welches ihre Funktion? Nur tastend wagt sich der Heidelberger Archäologe an Interpretationen seiner Entdeckung: "Wir können die Stelen und den Tempel mit unserem Wissen der Welt nicht erklären." Er hält für möglich, daß im Dämmerlicht unter der Tempeldecke und vor der Nische mit dem Gott womöglich schreckliche Dinge geschahen.
Seine Arbeit als archäologischer Spurenleser am Euphrat begann Hauptmann Ende der siebziger Jahre, als das Generaldirektorat für Altertümer in Ankara Institute in aller Welt bat, an dem Fluß sogenannte Rettungsgrabungen zu starten: Riesenhafte Staudämme bedrohen das Erbe der Vergangenheit.
In der südöstlichen Türkei entsteht ein künstliches, 500 Kilometer langes Meer, unter dem Städte und Dörfer, aber auch die archäologischen Reichtümer der Region verschwinden. Ein halbes Dutzend Staudämme blockieren die Wasserfracht von Euphrat und Tigris schon, darunter der Wall des Atatürk-Damms, mit 169 Metern Höhe der größte von allen.
Hauptmann hat nahe der Stadt Samsat einen Siedlungshügel namens Lidar untersucht, der 1989 von den Wassermassen überschwemmt wurde. Er enthielt den Kulturschutt von viereinhalb Jahrtausenden, darunter eine Festungsanlage, die vom Ende des hethitischen Großreichs und dessen Nachfolgestaaten in Nordsyrien und der südöstlichen Türkei kündete.
Von Lidar aus machte Hauptmann Begehungen in die baumlosen Trockentäler, vor allem in solche, in denen sich Bäche tief in die verkarsteten Hügel eingegraben haben - irgendwann im Halbdunkel der Frühgeschichte, so die Überlegung, hätten hier Menschen hausen können.
Auf Nevali Cori wiesen der Kantarabach und seine Canons. Hinzu kam, daß kurdische Bauern im Grabungscamp von Lidar jungsteinzeitliche Pfeilspitzen vorzeigten, als deren Fundort sie die Hangterrasse angaben.
Als Hauptmann die Terrasse von Nevali Cori zum erstenmal betrat, ahnte er sogleich, daß eine Siedlung aus der Frühgeschichte unter seinen Füßen lag. Er fing einfach dort zu graben an, wo die meisten Pfeilspitzen herumlagen.
Hauptmann: "Es ist noch immer kaum zu glauben, aber in wenigen Tagen waren wir in der frühesten Jungsteinzeit angekommen. Es war wie der direkte Einstieg in eine Zeitmaschine."
Zweifel blieben aber doch, auch nach dem ersten Durchstich auf das Mauerwerk eines Gebäudes. Ringsum greifen die Trockentäler ineinander, nirgendwo Anzeichen menschlichen Lebens, nur gelegentlich ein Stein, der dunkel herumliegt.
Doch bald stellte sich heraus, daß die Begründer von Nevali Cori den Standort der Siedlung mit Bedacht gewählt hatten. Er befindet sich 490 Meter über dem Meer, 70 Meter über der Talsohle des Euphrat. Nevali Cori war damit sicher vor Überschwemmungen, für die Vorderasiens längster Fluß berüchtigt ist.
Geschichte, das hat Hauptmann in den Trümmern der Jahrtausende gelernt, mißachtet jeden, der ihre Geheimnisse im Eiltempo entschleiern will. "Wer das tut, wird scheitern", doziert er, "es muß ruhig laufen, damit man besser beobachten kann."
In den ersten zwei Jahren nach Grabungsbeginn steckten Vermessungsingenieure der Universität Karlsruhe die Grabungsfläche ab und teilten sie in Planquadrate ein. Im äußersten Westen des Plateaus markierten die Landvermesser einen verwitterten, 1,50 Meter langen Stein als Meßpunkt. Es dauerte lange, ehe Hauptmann die Bedeutung des Quaders erkannte. Heute nennt er ihn, wie das Zentrum einer atomaren Explosion, "ground zero" - der Stein wies den Weg hinab zum Tempel. Er war, wie sich herausstellte, der oberste Teil jenes Pfeilers, der weiter unten im Terrazzoboden stand.
Dieser Teil des Puzzles fing erst in den letzten beiden Jahren an, ins Bild zu passen. Langsam hatten sich die Ausgräber auf dem Plateau von Ost nach West gewühlt, Schicht um Schicht, Haus um Haus freigelegt. Am Kantarabach hatten sie einen Damm mit zwei Rohrleitungen gelegt, um nach Art von Goldgräbern Siedlungsschutt und -erde durch Siebe zu rütteln. Die erbarmungslose Systematik dieses Berufs verlangt nicht nur große Funde. Auch kleinste Dinge sind gefragt: Feuersteingeräte, Pflanzenreste, Perlen, Knochensplitter.
"Erste Teile eines Gebäudes von fast monumentaler Größe", schrieb Hauptmann in das Grabungstagebuch, als er auf den Tempel stieß, "Grundriß unterscheidet sich von allen anderen in Nevali Cori und Cayönü."
Cayönü ist eine Siedlung aus der Jungsteinzeit, die von dem amerikanischen Archäologen Robert Braidwood an einem Nebenfluß des Tigris nördlich von Diyarbakir entdeckt wurde. Zusammen mit den Fundamenten und Gemäuern, die im Untergrund des biblischen Jericho gefunden wurden, bildeten diese Orte die bis dahin ältesten der Welt.
Aber nirgendwo, auch nicht in Cayönü, wo Braidwood ein Schädelhaus, gefüllt mit Totenköpfen, entdeckte, gab es eine Anlage wie die am Westrand von Nevali Cori. An der Talseite des Tempels führt eine Treppe auf den Terrazzoboden hinab. Und genau gegenüber, zwischen den Stelen, befindet sich die Nische. In ihr stand, eingemauert, die Büste des Gottes.
Weil die Ausgrabungen noch andauern, hat Hauptmann lange gewartet, ehe er die Existenz des Tempels publik machte, und auch das nur gegenüber Fachleuten, die sich Ende Mai in Canakkale bei Izmir auf dem 13. Türkischen Ausgräberkongreß versammelten.
Für Professor Olivier Aurenche vom Zentrum für die Erforschung des Nahen Ostens in Lyon, wo alle archäologischen Daten aus der Region gespeichert und analysiert werden, hat die Ausgrabung "überragende Bedeutung". Aurenche: "Es ist etwas ganz Neues, das hier ans Licht kommt."
Der Amerikaner Robert Braidwood nennt Nevali Cori "den Hintergrund, ja, die Schwelle zur Zivilisation". Braidwood: "Mich wundert in der Archäologie nun gar nichts mehr."
Hauptmann interessiert sich jetzt vor allem dafür, wer in Nevali Cori gelebt hat und warum. Er hat das Wasser des Kantarabachs chemisch analysieren lassen. Sein Anteil an Spurenelementen entspricht dem von Mineralwasser. Der Professor beschwört die Vorstellung vom Paradies, wie es im Alten Testament beschrieben wird. "Vielleicht hat die Bibel nur eine Welt gezeichnet, wie sie damals hier bestanden hat", sagt er, "eine Zeit, in welcher der Mensch mit seiner Umwelt im reinen war und dynamisch und schöpferisch nicht gegen sie, sondern mit ihr gearbeitet hat."
Damals müssen die Lebensbedingungen am Oberlauf des Euphrat ideal gewesen sein. Wildgräser, die Vorläufer von Gerste und Weizen, gibt es vereinzelt noch heute in der Gegend, sie lassen sich sogar zu Mehl verarbeiten. Es gab lockere Mischwälder mit Eichen, Ulmen und Pistazienbäumen, Herden von Wildschafen, Wildrindern, Wildschweinen, Wildziegen und Gazellen.
In einem der Gebäude Nevali Coris wurden menschliche Schädel gefunden. Sie waren unter dem Fußboden in einer Grube niedergelegt worden. Der Göttinger Anatom Michael Schultz hat die Schädel untersucht. Er fand heraus, daß sie eine "extreme Verdickung" des Schädeldachs aufwiesen, vermutlich aufgrund stark Vitamin-Ahaltiger Nahrung wie zum Beispiel Wildtierleber, die auf Feuerstellen aus Euphrat-Kieseln gebraten wurde.
Der Skinhead-Kopf scheint Schultz recht zu geben. Die Skulptur hat den Abschluß der Tempelwand beherrscht, doch sie war nicht allein. Neben ihr fand sich im Schutt der große Torso. Und nicht weit davon entdeckten die Archäologen ein Relief, auf dem ein tanzendes Paar und eine Schildkröte zu sehen sind - das Symbol für Fruchtbarkeit.
Eine italienische Archäologin, die Nevali Cori besucht hat, sieht in dem Tempel das Zentrum eines Fruchtbarkeitsritus. Ihr fiel auf, daß sich die Hände an den Vorderseiten der Stelen unter einer gedachten Mitte des Bauchs treffen, was sie als Haltung einer Schwangeren interpretiert, die ihr ungeborenes Kind spüren und schützen will.
Hauptmann glaubt, daß sich die Gesellschaft von Nevali Cori, mehr als vielleicht jede andere nach ihr, der Muße verschrieb. Seine Leute fanden in den Häusern Steinplatten mit Vertiefungen, die aussehen wie Steckschachspiele. Die Menschen konnten sich sogar abends ihrem Brettspiel widmen, denn auch Steinlampen, mit tierischen Fetten als Brennstoff, gab es in Nevali Cori schon.
Doch niemand weiß, was sich in der Halbdämmerung des Tempels zutrug. Hauptmann fand in der Kultanlage keine Schädel oder Knochen. Blutige Rituale scheinen nicht in sein Bild von der friedvollen, künstlerisch ambitionierten Kolonie zu passen.
Er geht davon aus, daß dem Gott vor der Nische Tiere geopfert wurden, meint dann aber auch: "Vielleicht wurden nicht nur die geschlachtet."
Daß es in Nevali Cori Menschenopfer gab, mutmaßt auch Robert Braidwood. Er hat in Cayönü Messerklingen aus vulkanischem Glas auf Blutspuren untersuchen lassen. Mit Hilfe von Chemikalien ließen sich an den Klingen Kristalle des Blutfarbstoffs Hämoglobin ermitteln. Braidwood: "Die Methode ist so exakt, daß klar unterschieden werden kann, ob das Blut von einer Kuh, von einer Ziege, oder von Menschen stammte - und diese Blutspuren stammten von Menschen."
Braidwood macht "jede Wette", daß auch auf den Klingen von Nevali Cori Reste von Blut kleben. Aber die wurden, falls es sie gab, ein Opfer deutscher Gründlichkeit.
Gleich gegenüber dem Museum in Urfa hat Hauptmann ein Depot eingerichtet. In der alten Karawanserei ordnen seine Assistenten Tonnen von Fundstücken aus Nevali Cori.
Im schummrigen Licht eines Gewölbes säubert einer von ihnen, Klaus Schmidt, Klingen aus Feuerstein. Um den Kalk von ihnen abzulösen, wirft er die Klingen in einen Behälter mit Salzsäure. Dann gießt er den Inhalt samt den Klingen in einen größeren Bottich, der mit frischem Wasser gefüllt ist, greift mit bloßen Händen hinein und holt die Klingen heraus. Schmidt ist zufrieden: "Diese Technik ist so wirkungsvoll, daß sogar der Glanz auf der Schneide erkennbar wird."
Der 37jährige gilt als Experte für Steingeräte aus der Vorzeit. Wegen verschiedener Merkmale von Stößeln und Schalen datiert Schmidt Nevali Cori sogar noch weiter zurück, als dies Hauptmann und die Kollegen am Forschungszentrum in Lyon getan haben.
Die nächste Grabung könnte Gewißheit bringen. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß der Tempel von Nevali Cori nicht der einzige an diesem Ort ist, daß es einen noch älteren gibt, der sich genau unter dem jetzigen befindet.
Ein Teil der Ummauerung ist jetzt schon zu sehen. Sie schließt den Tempel aus dem achten vorchristlichen Jahrtausend auf der Hangseite ab und wurde von den Baumeistern einer nachfolgenden Generation als stützender Wall, etwa gegen Erdrutsche, an Ort und Stelle belassen. "Sie waren sehr auf festen Untergrund bedacht", meint Hauptmann, "es war eine geniale Sache, den neuen Tempel einfach ins Mauerwerk des alten zu setzen."
Vom kahlen Rücken einer Schlucht, in die der Atatürk-Staudamm gebaut wurde, blickt Hauptmann hinab auf den See. Das Wasser steigt, bald wird es das Einlaßtor erreicht haben, von dem mächtige Rohre hinabführen ins Kraftwerk des Staudamms.
Das Wasser an der Basaltmauer des Staudamms steht 470 Meter über dem Meer, Anfang nächsten Jahres wird es auch Nevali Cori erreicht haben. Die Stiftung des World Monuments Fund in New York hat bei Hauptmann angefragt, ob sie bei einer Rettung von Nevali Cori helfen könne, etwa durch den Bau eines zweiten Damms, der das Kantara-Tal vom Stausee abriegeln würde.
Das aber ist illusorisch. Der neue Damm müßte seinerseits die Höhe des Atatürk-Bollwerks erreichen - und der ist höher als der Kölner Dom.
Auch eine Rettung wie jene der riesigen Sitzfiguren des Tempels von Abu Simbel in Ägypten ist unmöglich. Die wurden zersägt und hydraulisch angehoben, um sie vor den Fluten des Nasser-Sees am Assuan-Damm zu bewahren. Das fragile Mauerwerk Nevali Coris würde beim Abtragen unweigerlich zerbröckeln.
Hauptmann will Nevali Cori lieber noch einmal mit Sand und Geröll bedecken - Material, das den empfindlichen Kalkstein des Ortes auch schon vor den Ölregen aus Kuweit geschützt hat, die bisher fünfmal in der Gegend niedergingen.
In zwei bis drei Generationen, so schätzt der Archäologe, werde auch der Staudamm wieder aufgegeben, wenn die Kräfte der Erosion ihr zerstörerisches Werk an dem Fortschrittsmonument verrichtet haben. "Dann", so Hauptmann, "kann eine neue Generation von Archäologen in Nevali Cori weitergraben." o
Von Joachim Hoelzgen

DER SPIEGEL 33/1991
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