11.03.1991

„Die Angst geht nie mehr weg“

Rund 8000 Vergewaltigungen werden in Deutschland jährlich angezeigt, die Dunkelziffer wird auf 200 000 Fälle geschätzt. „Hinter einer Vergewaltigung“, sagen Uta Boyksen, 38, Diplom-Psychologin, und Gudrun Ortmann, 46, Diplom-Pädagogin, vom Hamburger „Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen“ in einem SPIEGEL-Interview, stecke „der Wunsch, Macht und Gewalt auszuüben“, nicht der nach sexueller Befriedigung.
SPIEGEL: Ein Richter sagte letzte Woche bei einem Prozeß in Hamburg, er hole seine Töchter abends immer ab, "denn jeder Mann ist ein potentieller Sittenverbrecher". Ist das übertriebene Angst?
ORTMANN: Der meint offenbar, daß eine Frau abends nicht allein ausgehen sollte, das heißt, die Hälfte der Menschheit müßte dann sicherheitshalber abends zu Hause hocken. Wo bleibt da die Autonomie der Frau? Und daß jeder Mann ein potentieller Vergewaltiger sei, dazu können wir nur sagen: Man sieht es keinem an, ob er einer ist oder nicht.
SPIEGEL: Wie definieren Sie Vergewaltigung?
BOYKSEN: Vergewaltigung ist kein Sexualdelikt, sondern ein Gewaltdelikt. Es ist nicht der aggressive Ausdruck von Sexualität, sondern der sexuelle Ausdruck von Aggressivität und Haß. Hinter einer Vergewaltigung steckt der Wunsch, Macht und Gewalt auszüben, nicht in erster Linie der Wunsch nach sexueller Befriedigung. Das wird häufig verwechselt. _(Das Interview führte SPIEGEL-Redakteurin ) _(Angela Gatterburg. )
SPIEGEL: Rund 8000 Vergewaltigungen werden jährlich angezeigt. Die Dunkelziffer schätzt man auf ungefähr 200 000 Fälle. In welcher Verfassung kommen die Frauen zu Ihnen?
BOYKSEN: Eine Vergewaltigung ist ein grundlegener Einbruch in das Sicherheitsgefühl der Frau. Ihr seelisches Gleichgewicht ist nicht nur gestört, wie viele Leute annehmen, es ist überhaupt nicht mehr vorhanden, es hat sich quasi aufgelöst. Auch das Bewußtsein, eine autonom handelnde Person zu sein, Grenzen zu setzen und Kontrolle ausüben zu können, ist zunächst einmal vollkommen verschwunden.
SPIEGEL: Wie äußert sich dieser Zustand bei den betroffenen Frauen?
ORTMANN: Die Reaktionsmuster sind natürlich unterschiedlich. Was allerdings für alle gilt: Sie sind unter Schock. Viele erleben ihren Kopf als abgetrennt vom Körper und werden ganz starr. Wir arbeiten therapeutisch in Einzel- und Gruppengesprächen mit den Opfern. Typisch ist übrigens, wie diese Form der Arbeit eingeschätzt wird: Man speist uns mit einem Sozialpädagoginnen-Gehalt ab.
SPIEGEL: In einer Studie des Bundeskriminalamtes sagen zehn Prozent der vergewaltigten Frauen, das Verhalten von Angehörigen und Polizisten sei Hauptursache ihrer psychischen Schäden. Was machen die falsch?
BOYKSEN: Alle Warum-Fragen sind falsch, also etwa: Warum hast du das gemacht oder nicht gemacht; warum bist du da hingegangen; warum nicht später, früher, und so weiter. Diese Fragen legen der Frau nahe, "du hast was falsch gemacht, du bist mitschuldig".
ORTMANN: Die beste Erste Hilfe ist zuzuhören, ohne zu bewerten. Verkehrt sind auch starke Gefühlsausbrüche, beispielsweise Wut und solche Sätze wie: "Den Kerl bring ich um." Die sind zwar verständlich, aber damit werden die Empfindungen der Frau regelrecht zugeschüttet. Ihre Gefühle sollten im Mittelpunkt stehen, schließlich ist sie die Geschädigte.
SPIEGEL: Vertrauen sich Frauen tatsächlich eher Freundinnen an als ihren Ehemännern oder Partnern?
BOYKSEN: Ja. Sie gehen davon aus, daß sie von Frauen besser verstanden werden. Frauen wissen auch meistens, welche Einrichtungen Hilfe anbieten.
SPIEGEL: Rufen die Partner vergewaltiger Frauen bei Ihnen an?
ORTMANN: Ja, häufig. Meistens dann, wenn sie sich überfordert fühlen. Sie wünschen sich, daß "alles wieder so ist wie früher". Ihre Frau oder Freundin soll "wieder normal werden". Die sagen uns: "Nu'' isses aber langsam gut. Das ist ja jetzt schon eine Zeitlang her."
SPIEGEL: Was heißt "eine Zeitlang" in dem Zusammenhang?
BOYKSEN: Drei Monate oder ein halbes Jahr. Das ist die Zeit, die Männer in der Regel einräumen. Danach soll die Frau sich bitte nicht mehr so anstellen, nach dem Motto: "Das Leben geht weiter." Diese Männer würden uns ihre Frauen am liebsten zur Reparatur schicken.
SPIEGEL: Was sagen Sie den Männern in solchen Fällen?
ORTMANN: Grundsätzlich sollen die Frauen selbst entscheiden, ob sie zu uns kommen oder nicht. Therapiegespräche können nicht verordnet werden. Aber wir machen auch Krisengespräche mit Männern, damit sie besser begreifen, was los ist.
SPIEGEL: Also eine Art Aufklärungsarbeit mit Männern?
ORTMANN: Ja. Wir erklären ihnen, daß psychische und physische Reaktionen, also etwa Depressionen oder nächtlicher Brechreiz, nach einer Vergewaltigung normal sind. Es ist wichtig, mit ihnen über ihre eigenen Empfindungen zu sprechen. Manche Männer begreifen die Tat wie eine persönliche Kränkung, jammern herum, wie fürchterlich sie es finden, daß ihrer Frau oder Freundin so was passiert ist. Es zeigt sich dann aber im längeren Gespräch, daß sie sich letztlich deshalb so maßlos aufregen, weil die Vergewaltigung für sie eine Verletzung ihres Besitzanspruchs darstellt.
BOYKSEN: Viele Männer sehen bei der Tat die Sexualität im Vordergrund, es ist aber de facto eine massive Gewalttat, wie ein versuchter Mord oder Totschlag. Wenn Männer sich da reinversetzen können, ist schon viel gewonnen. Männer unterscheiden übrigens sehr stark nach Beziehungstat und Überfallstat.
SPIEGEL: Beziehungstat bedeutet, daß die Frauen den Täter kennen?
ORTMANN: Ja. Vergewaltigungen sind zu 70 Prozent Beziehungstaten. Männer äußern häufig mehr Verständnis für Überfallsvergewaltigungen. Bei Beziehungstaten, also wenn ein Bekannter im Spiel ist, wird häufig die Frau verantwortlich gemacht.
SPIEGEL: Bewerten Frauen das soviel anders?
BOYKSEN: Nein, die fatalen Warum-Fragen stellen Frauen auch. Es heißt zum Beispiel: "Warum mußtest du mit dem so vertrauensselig noch ein Glas Sekt trinken?" Das ist nicht böse gemeint, das passiert unwillkürlich. Bei Frauen sind diese Reaktionen auch eine Abwehr, weil ihre Angst, selbst vergewaltigt zu werden, plötzlich auftaucht, wenn sie im Freundeskreis eine solche Tat miterleben.
SPIEGEL: Wie können Frauen sich wirksam schützen?
BOYKSEN: Das ist ein heikler Punkt. Absolute Sicherheit, das wissen wir aus Erfahrung, gibt es nicht. Die meisten Taten passieren am hellichten Tage, Vergewaltigungen im Parkhaus oder im Wald sind selten. Also, zum gutgemeinten Rat der Kripo, als ein Krankenhausarzt hier in Hamburg acht Frauen in Parterrewohungen vergewaltigt hat, immer die Vorhänge zuzuziehen, immer die Fenster und Türen gewissenhaft abzuschießen, am besten da gar nicht einzuziehen, können wir nur sagen: Ob fünfter Stock, ob zweiter Stock, Fenster auf oder zu, was auch immer, Frauen können sich nicht schützen, es gibt Täter, die sind über Balkone, übers Dach gekommen, haben Scheiben eingeschlagen.
ORTMANN: Was ist das auch für ein idiotischer Anspruch, daß Frauen alle Situationen auf ihre potentielle Vergewaltigungsgefahr hin überprüfen sollen. Und selbst, wenn sich eine extrem unvorsichtig verhält: Gibt das etwa einem Mann das Recht, sie zu vergewaltigen? Einem Juwelier sagt man ja auch nicht: "Sie Döskopp, warum legen Sie denn den teuren Schmuck ins Fenster, wo ihn jeder sehen kann."
SPIEGEL: Was hat eine vergewaltigte Frau von einer Anzeige? Nur 30 Prozent der angezeigten Männer werden verurteilt. Ist das nicht entmutigend?
BOYKSEN: Eine Anzeige ist die einzig legale Form der Gegenwehr. Ein Prozeß kann zur Bewältigung weiblicher Ohnmachtsgefühle beitragen. Wir informieren die Frau vorher eingehend über das, was auf sie zukommt. Ein Tabu ist leider nach wie vor, Männer in gehobenen Positionen wie Ärzte und Firmenchefs anzuzeigen.
ORTMANN: Vor Gericht fallen oft unglaubliche Sätze. Ein Richter sagte zum Beispiel: "Eine Sozialhilfeempfängerin hat nicht das Recht auszugehen." Ein anderer sagte, als er den Vergewaltiger sah: "Was haben Sie eigentlich, das ist doch ein ganz attraktiver Mann."
SPIEGEL: Sie begleiten Frauen zu Prozessen. Wie reagieren Frauen bei einem unerwarteten Freispruch des Täters?
ORTMANN: Wir kennen beides: daß Frauen zusammenklappen bei Freisprüchen, aber auch bei Verurteilungen. So ein Prozeß ist wie eine schwierige Prüfungssituation für die Frau. Meistens sitzt sie direkt neben dem Täter, das empfinden viele als totalen Psychostreß. Dann muß sie sich exakt erinnern an alle Einzelheiten, die Tat ist oft länger als ein Jahr her, sie darf sich keinerlei Widersprüche erlauben.
SPIEGEL: Warum verzichten Frauen oft darauf anzuzeigen?
BOYKSEN: Weil sie nach unseren Erfahrungen Angst vor dem Täter haben. Viele Frauen haben ja zu hören bekommen: "Wenn Du was sagst, bring'' ich dich um." Die Angst bleibt übrigens auch bei Frauen, die sich zur Anzeige durchringen. Wir kennen Frauen, die haben die Stadt verlassen, sind umgezogen, sogar ins Ausland gegangen, als ihr Vergewaltiger wieder auf freiem Fuß war. Alles, um der Rache zu entgehen.
SPIEGEL: Bekommen Frauen nach der Tat wieder ein positives Verhältnis zu ihrem Körper, zur Sexualität, zu Männern?
BOYKSEN: Das hängt davon ab, wie bewußt sie sich mit der Tat beschäftigen. Es gibt Frauen, die sehr lange Zeit über die Tat nicht sprechen können. Manchmal kommen sie erst nach zehn Jahren zu uns. Was Sexualität angeht, so brauchen die Frauen eine Zeitlang, bis sie wieder ein Körpergefühl entwickelt haben. Das gesamte Persönlichkeitsgefühl muß sich neu konstituieren. Das Verhältnis zu Männern ist, sagen wir mal, brüchig. An manchen Tagen unkompliziert, als wäre nichts passiert, an anderen Tagen schwierig, weil die Frau vielleicht jemanden in der U-Bahn gesehen hat, der sie an den Täter erinnert.
SPIEGEL: Was ist das Hauptthema in Ihren Gruppen?
BOYKSEN: Angst ist das beherrschende Thema. Die Frauen haben die Hoffnung, daß die Angst weggeht. Aber sie geht nie weg, sie ist mal größer und mal kleiner. Was bleibt, ist das Grundgefühl: "Ich bin meines Lebens nicht sicher."
Das Interview führte SPIEGEL-Redakteurin Angela Gatterburg.

DER SPIEGEL 11/1991
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